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Ein neues Literaturblatt in der DDR



Seit dem 13. Januar 1965 gibt esinderDDR ein neues Literaturblatt. Es heißt >Literatur 65 < , soll alle vier Wochen als Beilage des >Neuen Deutschland < erscheinen und ist, was Aufmachung, Umbruch und Gliederung betrifft, nichts anderes als eine Nachahmung der >Welt der Literatur Welt der LiteraturNeuen Deutschland < angehört. Nach der »ersten neuartig gestalteten Sonntagsausgabe« der Zeitung habe - lesen wir - eine bekannte Schriftstellerin der Redaktion mitgeteilt: »Man weiß bald nicht mehr, worüber man schimpfen soll.« Ich finde das weder höflich noch schmeichelhaft und zumindest hübsch zweideutig. Der Autor des »Prologs« meint jedoch, den zitierten Satz als »herzliche Aufnahme« werten zu können, die er auch für die >Literatur 65 < erhofft. Diese Beilage »will verstanden werden als Zeugnis des Bemühens unserer Redaktion, Ihnen im neuen Jahr mit einem in mancher Beziehung neu geschriebenen und gestalteten Blatt mehr geistige Anregung zu geben . . .«



Mehr Anregung als bisher? Das sollte wirklich nicht so schwer sein. Allerdings wird das Blatt nur »in mancher Beziehung neu geschrieben« werden, woraus wohl hervorgehen soll, daß es zuweilen auch Artikel vom vorigen Jahr noch einmal bieten wird. Aber dafür ist es neu gestaltet. Wenige Zeilen weiter ist von der »Gestaltungskraft« der Autoren die Rede. Ja, Höpcke liebt das Gestalten. Nicht nur er.
      Die >Welt der Literatur < brachte im vergangenen Jahr auf der Seite 3 häufig die meist von absoluter Verwirrung zeugenden Artikel des Westberliner Germanisten Wilhelm Emrich, die bedauerlicherweise die Literaturbeilage der >Welt< von der ersten Nummer an in Verruf bringen mußten. Offenbar will sich die >Literatur 65 < für ihre Seite 3 ebenfalls einen Universitätsgermanisten leisten: Es ist Professor Dr. Hans-Jürgen Geerdts, der Greifswalder Ordinarius für neuere deutsche Literaturgeschichte. Mit Emrich verbindet ihn einiges. Denn, erstens, hat er nichts zu sagen und, zweitens, kann er es nicht ausdrücken. - Geerdts äußert sich über einen neuen Roman von Helmut Hauptmann. Man liest von »Mitgestaltern des werdenden Staates der Arbeiter und Bauern«, von »Gestaltungsfragen«, von »gestalterischen Hauptproblemen«, von der »Gestaltungsweise«, der sich Hauptmann »anschließt«, von den »Schwierigkeiten auf höherer Ebene des Gestaltens« und von der »Gestalt der Erika«, die »eine der schönsten Gestaltungen junger Mädchen geworden« sei, »die wir in neueren Werkenantreffen«. Eine so schön gestaltete Kritik bekommt man nicht oft zu sehen.
      Auf der nächsten Seite bespricht ein anderer Rezensent den Roman >Levins Mühle < von Johannes Bobrowski, dem »bemerkenswerte sprachliche Gestaltungskraft« nachgesagt wird. Bei ihm - hören wir - »knospen immer wieder Verszeilen und Liedstrophen aus der Prosa«. - So poetisch sind heute nur noch die Kritiker in der DDR.
      Im Blatt gibt es auch eine Seite mit der Ãoberschrift internationale Literatur Leben wie im Paradies< von Heinz von Cramer beginnt: »Die zehn Episoden, die das Buch ergeben, sind ganz unterschiedlich gestaltet.« Und etwas weiter: »Das Verantwortungsgefühl des Autors . . . mildert den Hang zum tragischen und dumpfen Schicksal in der Gestaltung.« Sehr hübsch finde ich auch den Schluß der Kritik. Cramer wird angekreidet, daß er zuviel zweifle. Dann heißt es: »Die Ãoberwindung dieses Zweifels setzt die Absage an eine Ideologie voraus, die sich unablässig bemüht, der Umwelt eine Lesart des Problems zu suggerieren, die von den wahren Ursachen in den gesellschaftlichen Beziehungen ablenkt und auf das angeblich unabänderliche Unvermögen im Menschen selbst hinzuweisen versucht.« - Das war nicht eine Parodie, sondern nur ein Zitat.
      Auf derselben Seite wird noch das unlängst in der DDR erschienene Buch >Hausmusik< von Reinhard Baumgart besprochen, der, wie wir erfahren, »die literarischen Gestaltungsmittel sicher zur Realisierung seines Anliegens einzusetzen weiß«. Die Rahmenhandlung hingegen sei »für das Gesamtanliegen des Buches wenig ergiebig«.
      So sieht das neue Literaturblatt aus, in dem die »echten Knospen des gestalteten Gesamtanliegens der SED eingesetzt« werden. Sollten die Instanzen, die in der Bundesrepublik dem militanten Antikommunismus dienen, diese >Literatur 65 < massenhaft aufkaufen und kommentarlos an die Leser verschicken, die sich hierzulande für Literatur interessieren - ich würde mich nicht wundern. Denn keine Propaganda des verruchten Klassenfeindes, der dekadenten Bourgeoisie, des zerfallenden und faulenden Kapitalismus, des räuberischen Imperialismus kann die DDR in den Augen westlicher Intellektueller mehr kompromittieren als dies Produkt der Unfähigkeit und der Verdummung. Jene im »Prolog« zitierte Schriftstellerin hat recht: Man weiß nicht mehr, worauf man schimpfen soll.
      Aber so schlimm dies alles auch ist - es gibt doch einen Trost. Man sollte im Westen nicht übersehen, daß kein einziger namhafter Schriftsteller der DDR, kein einziger einigermaßen begabter oder intelligenter Autor bereit war, auch nur eine einzige Zeile für die erste Nummer der >Literatur 6 5 < zu schreiben. Dieser, nur dieser Umstand läßt uns hoffen.
     

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