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Die Legende vom Dichter Marchwitza



Der höchste Preis, mit dem die Deutsche Demokratische Republik einen Schriftsteller auszeichnen kann, der Nationalpreis Erster Klasse für Kunst und Literatur, wurde 1964 Hans Marchwitza zuerkannt. Damit hat er den Nationalpreis der DDR jetzt zum drittenmal erhalten.
      Kein einziges Buch dieses Autors wurde in der Bundesrepublik verlegt. In keiner westlichen Anthologie ist er vertreten; in hiesigen Nachschlagebüchern wird er nicht erwähnt. Hingegen bezeichnet ihn das in Weimar erschienene >Deutsche




Schriftstellerlexikon von den Anfängen bis zur Gegenwart < als einen »der bedeutendsten Prosaschriftsteller der deutschen Arbeiterklasse«. Seine Werke gehören zum Lehrplan aller Schulen der DDR. Das für den Deutschunterricht verbindliche Lehrbuch widmet ihm 66 Seiten - den Anhang mit Leseproben nicht einbegriffen. In diesem Lehrbuch heißt es, Marchwitzas Romane hätten »eine wahrhaft nationale Bedeutung« erlangt und stünden in der Tradition des >Simplicius Simplicissimus < von Grimmeishausen, des Goetheschen >Wilhelm Meister < und des >Grünen Heinrich< von Gottfried Keller. »Er setzt diese Tradition aber« - bemerkt das Lehrbuch - »auf einer höheren, auf einer sozialistischen Grundlage fort.«
Indes wissen in der DDR viele, daß der Doktor honoris causa der Philosophischen Fakultät der Ostberliner Universität und nunmehr dreifache Nationalpreisträger Hans Marchwitza kaum als Schriftsteller gelten kann und im Grunde lediglich eine Rolle spielt. Nur er selber weiß es nicht.
      Marchwitza, der 1890 in Oberschlesien geboren wurde, war Bergmann - zunächst in seiner Heimat und ab 1910 im Ruhrgebiet. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg, den er als Unteroffizier mitgemacht hatte, trat er der KPD bei und avancierte bald zum Leiter einer Ortsgruppe. »Die ersten Verse schrieb ich« - erinnert sich Marchwitza - »unten in der Grube auf die Kohlenschippe.« Als er Mitte der zwanziger Jahre arbeitslos war, konnte er sich ganz dem Schreiben widmen. Seine damaligen Bemühungen hat er mehrfach geschildert - in Erzählungen und Skizzen, die teils rührend und bescheiden, teils unerträglich rührselig und pathetisch sind. Da ist von einem hungernden Familienvater die Rede, dem Grammatik und Rechtschreibung unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten, der sich aber dennoch in den Kopf gesetzt hat, Schriftsteller zu werden, und den weder seine Angehörigen, die ihn für wahnsinnig halten, noch Mißerfolge entmutigen können. »Wahrlich« - sinnt Marchwitza -, »meine Hände hatten Tausende Tonnen Kohlen geschleppt und geschlagen, ich fühlte noch immer den Riesen Bergmann drinnen toben, bei der Niederschrift einer kleinen Erzählung jedoch zitterten sie und glitten unbeholfen vom Blatt. . .« Nach einiger Zeit war er »sozusagen von der Schippe zur Rutschenförderung übergegangen«. Denn: »Während ich am Anfang meiner Schriftstellerei jedesmal lange am Bleistift kauen mußte, bis ich einen Satz zuwege gebracht hatte, war ich jetzt mit der Ãobung schon soweit fortgeschritten, daß ich an einem Tag - wenn ich von niemandem gestört wurde - eine Unmenge Papier beschreiben konnte.«
Die Redaktion des kommunistischen >Ruhr-EchoElfenbeinturmSturm auf Essen Die Linkskurve < delegiert, denn da als Chefredakteur ein Adliger fungierte und die Herausgeber bürgerlicher Herkunft waren, benötigte man dringend einen Renommierproletarier. Marchwitza schien gerade der rechte Mann am rechten Ort zu sein: ein disziplinierter Genosse und ein waschechter Kumpel, bei dem man nicht zu befürchten brauchte, er würde je eigene Ansichten haben. Und da er überdies kaum schreiben konnte, war er ganz auf die »mütterliche Pflege« angewiesen.
      1933 mußte er emigrieren: Er ging in die Schweiz und dann nach Frankreich und gehörte während des Spanischen Bürgerkriegs den Internationalen Brigaden an. Später war er interniert, doch gelang es ihm, nach den Vereinigten Staaten zu entkommen. Im Exil war Marchwitzas Roman >Die Kumiaks < erschienen, die Geschichte eines Bauern, der auf der Suche nach Brot ins Ruhrgebiet kommt, Bergmann wird und nur Enttäuschun-gen erlebt. Diesem primitiven und naiven Buch - es ist sein bestes - kann man immerhin einen gewissen zeitdokumentarischen Wert nachsagen. Das gilt auch für den in Amerika entstandenen, stark autobiographischen Roman >Meine Jugend Die Kumiaks < warf die SED vor, er sei zu pessimistisch: Sein Schluß erwecke den Eindruck - so zu lesen auch im >Lexikon sozialistischer deutscher Literatur < -»als habe der Held kaum etwas dazugelernt«. Da dieses Buch jedoch 1934 im Ausland veröffentlicht wurde, schien eine gänzliche Ã"nderung des Schlusses nicht ratsam zu sein. Statt dessen schrieb Marchwitza einen Zweiten Band , beschreibt Marchwitza den Aufbau eines Eisenhüttenkombinats in der DDR. Als das »wegen seiner schmierigen Verhalbgötterung Ulbrichts vom Parteisekretariat als tabu erklärte Buch« mit dem Nationalpreis ausgezeichnet wurde, kam dies einer höhnischen Brüskierung der in der DDR wohnhaften Schriftsteller gleich. Die >Neue Deutsche Literatur < bemerkte damals diplomatisch, der Roman werfe »das Problem der Gestaltungsmethode« auf, und fügte hinzu: »Wir dürfen aber froh sein, daß wir es an einem . . . unter erbittertem Kampf des Autors mit Stoff und Thematik schwer genug errungenen Werk tun können.« Das stimmt: Marchwitza ringt mühselig - und nicht nur mit Stoff und Thematik, sondern auch und vor allem mit der Grammatik und mit der Syntax, mit elementaren Sprachregeln, die ihm jetzt offenbar nicht geringere Schwierigkeiten bereiten als vor vierzig Jahren. Dennoch produziert er - von Sekretären und Lektoren unterstützt und kontrolliert - weitere Bücher, die niemand lesen und niemand besprechen will. Es lohnt nicht einmal, ihre Titel hier anzuführen.
      Natürlich handelt es sich nicht darum, Hans Marchwitza am Zeug zu flicken. Dem jetzt Vierundsiebzigjährigen sei der Wohlstand gegönnt und meinetwegen auch der Ruhm. Und nicht unsere Sache ist es, ihn zu belehren, daß man aus ihm einen Popanz gemacht hat. Nicht um Marchwitza also geht es, sondern um die Literatur. Wenn Bücher, die mit dem, was wir unter dem Begriff »Literatur« verstehen, keinerlei Berührungspunkte mehr aufweisen, unentwegt und nachdrücklich als Fortsetzung der Tradition Grimmeishausens, Goethes und Kellers - als Fortsetzung, wohlgemerkt, auf höherer Grundlage - gerühmt werden, dann kann das bei gutgläubigen Lesern, zumal jüngeren, zur katastrophalen Verwirrung der Kriterien führen. Eine Propagandakomödie, wie sie mit Marchwitza in der Hauptrolle in der DDR gespielt wird, ist heute im literarischen Leben Polens oder Ungarns oder der Tschechoslowakei einfach undenkbar. Mehr noch: Ein derartiges Phänomen war dort, jedenfalls in diesem Ausmaß, sogar in den dunkelsten stalinistischen Zeiten nicht möglich. Denn was auch in jenen Ländern geschah -es gab immer zumindest Reste eines literarischen Bewußtseins, einer literarischen Tradition und auch, trotz des Terrors, einer literarischen Ã-ffentlichkeit. Gibt es das in der DDR überhaupt nicht mehr ?

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Die  Legende  vom  Dichter  Marchwitza    





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