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Ballast in Romanen



Der Romancier darf schlechthin alles. Beispielsweise kann er sich Verstöße gegen die Logik oder gegen den guten Geschmack leisten. Nur eins darf er nie und unter keinen Umständen : den Leser langweilen. Wer einen Roman als langweilig erkennt, aber dennoch seine Vorzüge rühmt, erinnert an jenen, der ein Getränk lobt, das er als ungenießbar bezeichnet, oder ein Parfüm rühmt und zugleich betont, daß es übel rieche. Die großen Romanciers des vergangenen Jahrhunderts haben keine Mühe gescheut, um Mittel, Kunstgriffe und Tricks ausfindig zu machen, die lediglich dazu dienen sollten, das Publikum bei der Stange zu halten. Sie wußten, daß der Roman ein Dialog mit dem Leser ist, wobei man leider nie sicher ist, ob der Gesprächspartner noch zuhört. Sie wollten ihn daher fesseln -mit den Mitteln der Kunst.



      Darf der Romancier unserer Zeit derartigen Pflichten seines Metiers weniger Aufmerksamkeit widmen? Film, Rundfunk und Fernsehen haben natürlich jene Gefahr vergrößert, die den Autor immer bedrohte - daß sich der Leser von ihm gleichgültig oder verärgert abwendet. Und diese Gefahr wächst proportional zum Umfang des Romans. Dennoch gibt es heutzutage Erzähler, auch der jüngeren Generation, die kühn genug sind, mit Romanen von mehr als fünfhundert oder gar sechshundert Seiten aufzuwarten. Diese Autoren mögen talentvoll sein, aber sie sind zugleich sehr leichtsinnig. Ihre Bücher mögen wichtig sein, aber sie wären besser, wenn man die Flut der Worte hier und da eindämmte.
      Gewiß gilt für den Roman der Grundsatz: »Erlaubt ist, was gekonnt ist.« Die Erfahrung lehrt jedoch, daß es selbst dem Genie kaum möglich war, in einem Riesenroman die Anteilnahme des Lesers unentwegt wachzuhalten. Wie der gute Homer haben auch Tolstoj und Dostojewski mitunter geschlafen. In der unübertrefflichen >Anna Karenina < oder in >Krieg und Frieden Die Kunstfigur < 697 Seiten, Günter Grass für >Die Blech-trommel< 734 Seiten. 892 Seiten umfaßt die >Halbzeit< des Martin Walser. Man kann ziemlich sicher sein, daß den Lektoren der jeweiligen Verlage die Längen dieser Romane nicht verborgen geblieben sind. Und daß sie versucht haben, die Verfasser zu Straffungen und Aussparungen zu überreden. Wenn sie nur wenig oder vielleicht nichts erreicht haben, wird es an dem Widerstand der Autoren gelegen haben. Warum wollen sie den Ballast nicht über Bord werfen? Warum stellen sie an unsere Ausdauer so hohe Ansprüche? Warum nötigen sie uns, mit dem Guten und Hervorragenden auch das Flüchtige und Mißlungene hinzunehmen? Sind sie etwa unbelehrbar, diese Autoren zwischen dreißig und vierzig? Nein, so ist es wieder nicht.
      Ein italienisches Verlagshaus war bereit, eine Ãobersetzung der >Kunstfigur< des Heinz von Cramer herauszugeben, wünschte j edoch erhebliche Kürzungen. Also strich der Autor seinen Roman zusammen und überarbeitete ihn bei Gelegenheit. Aus den siebenhundert wurden weniger als fünfhundert Seiten. Auch die >Halbzeit< war für einen italienischen Verleger zu lang. Walser kürzte das Buch um rund zweihundert Seiten. Ob Grass seine >Blechtrommel < für fremdsprachige Ausgaben ebenfalls gestrafft hat, weiß ich nicht, möchte es aber sehr hoffen -dem Roman würde das nur nützen. Max Frisch hat seinen >Stiller < schon vor mehreren Jahren für die englische Ausgabe gekürzt.
     
Manche Autoren, die zunächst ihre umfangreichen Manuskripte hartnäckig und erfolgreich verteidigt haben, sind also dem Ausland gegenüber nachgiebiger. Warum, so möchte ich fragen, sollen es eigentlich die ausländischen Leser besser haben ? Warum wird ihnen beispielsweise eine Amnestie für rund zweihundert Seiten gewährt, dem deutschen Leser jedoch die gleiche Gnade verweigert? Immerhin können wir uns damit trösten, daß die Neufassung der >Kunstfigur < auch in deutscher Sprache erscheinen soll - hoffentlich möglichst bald. Wie wird es aber mit der >Halbzeit< sein? Und vielleicht könnten unsere Freunde Cramer, Walser, Grass - die hier als Beispiele für manche andere Autoren herhalten mußten - bereits die Manuskripte ihrer Romane entsprechend kürzen?
Einem deutschen Schriftsteller erklärte man, es wäre gut, seinen neuen Roman »von schleppenden Längen« und »lastenden Pedanterien zu befreien«, denn »das Ganze werde durch dies oder jenes Opfer gewinnen«. Er antwortete: »Aber ja! Bewilligt! Hinaus damit!« Schließlich - berichtete er - »waren es einige vierzig Blätter, um die sich das Manuskript erleichtert fand . . . Sie fehlen niemandem, sie fehlen auch mir nicht.« -Allerdings hieß dieser Schriftsteller Thomas Mann. Es handelte sich um den Roman >Doktor FaustusZeit< ein Ausspruch von Hans Magnus Enzensberger zugänglich gemacht: »Alle Bücher, außer Wörterbüchern, sind zu lang.« - Dieser Satz ist so übel nicht.
     

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