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The truth is out there - die fernsehserie the x-files

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Zwischen Ratio und Paranoia: Die Protagonisten der X-Files



Die beiden Protagonisten der X-Files, Fox Mulder und Dana Scully, scheinen auf den ersten Blick ein Ermittlerpaar in geradezu klassischer Konstellation zu repräsentieren. Mulder ist der Gläubige, der bei der Erforschung ihrer ungewöhnlichen Fälle auch abwegige Erklärungen zu akzeptieren bereit ist, während Scully, Skeptikerin durch und durch, ein rationalistisches Gegengewicht zu Mulders Vorliebe für das Irrationale bildet. Mit ihren unterschiedlichen Perspektiven ergänzen sich die Agenten und gewährleisten so, daß bei ihrer Arbeit alle Erklärungsmöglichkeiten herangezogen werden. Darüber hinaus dienen ihre differierenden Ausrichtungen und Meinungen auch dazu, den Zuschauern bestimmte Sachverhalte argumentativ näherzubringen und wahlweise als Identifikationsfiguren zur Verfugung zu stehen. Wie Sherlock Holmes und Dr. Watson fuhren Mulder und Scully die Gespräche und klärenden Diskussionen, die den Rezipienten die entscheidenden Informationen in verständlicher und dramaturgisch sinnvoller Weise liefern. Kritisiert Scully eine Theorie Mulders, spricht sie in diesem Augenblick auch für die Zuschauer, die eine rationale Erklärung für ein unheimliches Phänomen erwarten, und bietet eine wissenschaftliche Alternative an; erläutert Mulder umgekehrt seiner Kollegin seine Ansichten, erklärt er damit auch dem Publikum seine Sichtweise der Dinge. Daneben weisen die Figuren jedoch auch Schattierungen auf, die eher ungewöhnlich sind und die stereotypen Charakterbilder von Fernsehhelden durchbrechen.



      Mulder ist von der Existenz außerirdischer Wesen, von UFOs und von den konspirativen Machenschaften der Regierung vollkommen überzeugt; er glaubt an diese bislang unbewiesenen Phänomene und Vorgänge mit regelrecht religiöser Inbrunst. Seine kriminalistische Suche nach Fakten und Beweisen geht daher über eine rein berufliche Beschäftigung hinaus. Als Kind wurde er Zeuge, wie seine jüngere Schwester Samantha von einem UFO entfuhrt wurde, und dieses traumatische Erlebnis legte den Grundstein für seine obsessive Jagd nach UFOs. Seine Schwester zu finden oder zumindest ihr Schicksal definitiv zu klären, ist einer der Gründe für seine unausgesetzten Bemühungen, die Verschwörung aufzudecken und das Rätsel der UFOs zu lösen, ein sehr persönlicher Grund, der noch zusätzliches Gewicht dadurch erhält, daß Mulder im Laufe seiner Ermittlungen erfahren muß, daß sein Vater auf mysteriöse Weise in die Regierungsverschwörung verwickelt war. Es ergeben sich weiterhin sogar Hinweise darauf, daß sein vermeintlicher Vater überhaupt nicht sein richtiger Vater ist und daß ursprünglich er, Fox Mulder, an die Außerirdischen ausgeliefert werden sollte und nur durch geheimnisvolle Intervention vor dem Schicksal bewahrt wurde, das dann seine Schwes-ter ereilte. Die Suche nach Beweisen für die Existenz von UFOs und nach den Zusammenhängen der konspirativen Aktivitäten stellt für Mulder somit auch eine Suche nach seiner Vergangenheit, nach seiner eigentlichen Identität und nach existentieller Gewißheit dar; gleichzeitig versucht er durch diese Suche, Frieden zu finden und sich von den quälenden Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen zu befreien, die ihn seit dem Verschwinden Samanthas belasten. Mulder ist ein gefährdeter Charakter. Durch seinen hingebungsvollen Glauben, der häufig in Fanatismus ausartet, wird er berechenbar. Mehr als einmal locken ihn die Verschwörer in eine Falle oder nutzen ihn für ihre eigenen Zwecke aus, indem sie ihn mit gezielten Falschinformationen ködern, von denen sie annehmen können, daß er ihnen blindlings Glauben schenken wird. Sein Wunsch nach Bestätigung seiner Theorien und Verdächtigungen bestimmt seine Verhaltensweise und macht ihn anfällig für Manipulationen. Darüber hinaus haben seine bisherigen Einsichten in die Konspiration der Regierung paranoide Züge in ihm geweckt; er weiß um die Macht der Verschwörer, kennt ihre Rücksichtslosigkeit und fürchtet ihren Einfluß nun auf Schritt und Tritt. Er fühlt sich beobachtet, überwacht und ahnt, daß er diesem Zustand nur dann entkommen kann, wenn es ihm gelingt, die Verschwörer zu entlarven und bloßzustellen und ihr Ränkespiel gänzlich aufzudecken. So ist er also gezwungen, sich weiterhin und mit zunehmender Intensität gegen die Verschwörung aufzulehnen und sich dadurch immer wieder aufs neue zum Ziel der gegnerischen Aktivitäten zu machen: Ein Teufelskreis, der Paranoia als Grundlage des Denkens und der Wahrnehmung erzeugt.
     
   Mit dieser Haltung entspricht Mulder genau dem literarischen Bild des Helden der unheimlichen Romane um 1800, das Zacharias-Langhans in Verbindung mit der künstlerischen Gestaltung der Geheimbundthematik detailliert umschreibt. "Was immer geschieht -", so Zacharias-Langhans über die strukturelle Konzeption des Schauerromans, "es bezieht sich auf den Helden." Hier wird jenes Prinzip wirksam, das Todorov "Pan-Signifikation" nennt - die inhärente Bedeutsamkeit aller Dinge und Ereignisse für die Vorstellungswelt des Protagonisten in der phantastischen Literatur. Es gibt keine Zufälle und keine bedeutungslosen Vorkommnisse, alles erlangt für den Helden und für dessen Lebensweg eine spezifische Bedeutung, allem und jedem muß er vollste Aufmerksamkeit schenken, damit ihm nichts entgeht, das ihn später gefährden oder ihm hilfreich werden könnte. Aus dieser Forderung nach permanenter Aufmerksamkeit entwickelt sich quasi organisch und den konstitutiven Bedingungen der Gattung entsprechend ein Potential an paranoider Gesinnung. Dies gilt für die literarische Welt des 18. Jahrhunderts mit ihren Geheimbünden und konspirativen Gesellschaften ebenso wie für diedurchs Fernsehen vermittelte Gegenwart des 20. Jahrhunderts mit ihren X-Akten, UFO-Sichtungen und verborgenen Aktionen der Regierung. Mulders Vorstöße in das Unbekannte provozieren das gleiche Grauen über die Allgegenwart des Mysteriösen und des konspirativ Verschwiegenen wie die Begegnungen der Figuren des Schauerromans mit den Mächten geheimer Orden oder gespenstischer Erscheinungen. Auch das Erinnern und die Rekonstruktion der Vergangenheit, der eigenen Familiengeschichte beispielsweise, entpuppen sich - hier wie dort - als Prozesse, die den Helden tiefer ins Geheimnis führen und dabei mit immer neuen Rätseln und Verwirrungen konfrontieren. "Wird in der dunklen Erinnerung und im plötzlichen Erkennen Unbekanntes zu etwas Halbbekanntem, also Geheimnisvollem, so wird umgekehrt auch immer wieder Bekanntes zu Halbbekanntem verfremdet, indem es in eine Beziehung zu den schon zu bestehenden Geheimnisses zu treten scheint. Zuletzt bleibt kein Ort, an dem man sicher wäre, keine Person, auf die man sich noch verlassen könnte: alle scheinen mit dem Geheimnis zu tun zu haben."

   Die gesellschaftlichen Kräfte, die hinter einer angenommenen Verschwörung stehen, bleiben unsichtbar und scheinen dadurch überall gleichzeitig zu sein; da man diese Kräfte nicht ausreichend kennt und nicht identifizieren kann, kann man deren Präsenz oder deren unheilvollen Einfluß aber auch niemals überzeugend ausschließen. Die Konspiration und deren Betreiber gewinnen daher im paranoiden Bewußtsein sowohl die Aura der Omnipräsenz als auch das Attribut der Unantastbarkeit, ein paradox anmutendes Gemisch aus ständiger Gegenwärtigkeit und prinzipieller Unerreichbarkeit.
      Das paranoide Verhalten Mulders ist dabei jedoch nur bedingt krankhaft; zwar betont Zacharias-Langhans im Hinblick auf die Schauerliteratur, daß "alle Momente, die die Welt unheimlich machen, dem Weltbild des Para-noikers entnommen zu sein [scheinen] und wirklich [...] in nicht wenigen Romanen und Erzählungen die Helden Kranke [sind]." Aber er fügt auch hinzu, daß keineswegs alle Figuren, die mit den Zügen des Paranoikers ausgestattet sind, wie pathologische Fälle wirken. "Vielmehr liegt das Eigentümliche des unheimlichen Romans gerade darin, daß in ihm die Wirklichkeit objektiv so eingerichtet ist, wie sie im paranoischen Wahn bloß erscheint." Die fiktive Welt also ist so beschaffen, daß sich das paranoide Verhalten in dieser Welt als adäquates Verhalten präsentiert. Was The X-Files betrifft, wurde ja bereits schon erwähnt, daß die Konspiration, gegen die Mulder antritt, in der Tat existiert, daß seine Verdächtigungen also durchaus zutreffend sind. Gleichwohl haben es Carter und seine Autoren nicht versäumt, die Schattenseiten in Mulders Kampf um die Wahrheit anzudeuten; seine Besessenheit und seine paranoid gestimmte Wahrnehmung der Weltwerden in einigen Episoden kritisch durchleuchtet. In Anasazi {AnasazI) reagiert Mulder besonders mißtrauisch und aggressiv, wobei sein Verhalten hier durch eine absichtlich dem Trinkwasser zugefügte Droge unnatürlich verstärkt wird. In Wetwired ist es Scully, die unter dem Einfluß subliminaler Signale aus dem Fernsehen einen ungewohnten Verfolgungswahn entwickelt; als sie ihre paranoide Psychose überwunden hat, konstatiert Mulder, sie könne sich nach dieser Erfahrung endlich vorstellen, wie er sich ständig fühle. In beide Fällen werden die Verhaltensweisen von Mulder und Scully durch äußere Einflüsse manipuliert, doch es ist nicht zu übersehen, daß hier eine Tendenz lediglich hervorgehoben wird, die konstitutiv für die Charaktere -vor allem für Mulder - ist. In der Episode How the Ghosts Stole Christmas {Die Geister, die ich rieF) begegnet Mulder an Heiligabend einem Geist, der ihn als engstirnigen, egozentrischen Fanatiker bezeichnet, verblendet von seinem subjektiven Glauben an Dinge, deren objektive Faktizität er um jeden Preis beweisen möchte; erschreckend ist hierbei nicht so sehr die Existenz oder die Erscheinung des Geistes, als vielmehr die Tatsache, daß er mit seiner Einschätzung des FBI-Agenten nicht ganz unrecht hat. Geister sprechen oft die Wahrheit, zumal am Abend vor Weihnachten, und der Wahrheitsgehalt dieser doch sehr negativen Charakterisierung Mulders offenbart sich dem Protagonisten wie auch dem Zuschauer gleichermaßen als schmerzliche Enthüllung. Deutlich zeigen sich Mulders obsessiver Drang nach Wahrheit und das fragile Fundament, auf dem sein ganzes Trachten und Streben ruht, in Demons {DämoneN), als er sich mehrmals der dubiosen Behandlung eines Psychiaters unterzieht, um unter hypnotischem Einfluß und der Wirkung halluzinogener Drogen verschüttete Erinnerungen wieder ins Bewußtsein zu rufen. Zum einen erweist sich die Behandlungsmethode selbst als nicht ungefährlich, wodurch ersichtlich wird, daß Mulders Risikobereitschaft ein rationales Maß überschreitet; zum anderen zeigt sich Mulder bereit, den künstlich stimulierten Erinnerungen zunächst Glauben zu schenken, obwohl ihm Scully versichert, daß die eingenommenen Drogen auch falsche Erinnerungen und halluzinatorische Trugbilder erzeugen könnten. Seine ganze Erinnerung an die Entführung seiner Schwester Samantha durch Außerirdische verdankt er lediglich solchen und ähnlichen hypnotischen Behandlungen. Ihm selbst wird klar, daß seine Erinnerungen und damit seine ursprüngliche Motivation, das UFO-Geheimnis aufzuklären, zweifelhaft sind. Möglicherweise wurde Samantha überhaupt nicht von Aliens entführt, sondern - wie in der Episode Paper Hearts angedeutet - von einem Triebtäter ermordet. Mulders ganzes Weltbild entpuppt sich plötzlich als fragwürdig, seine Suche nach der Wahrheit möglicherweise als Irrweg, als sinnloser Kreuzzug eines Besessenen mit falschen Erinnerungen. Der Wert und diemoralische Berechtigung seiner Arbeit werden außerdem in einem vieldeutigen Gespräch mit dem Cigarette-Smoking Man in Frage gestellt, der ihm in der Episode One Breath vorwirft, er wisse überhaupt nicht, worum es bei der ganzen Angelegenheit gehe. Der Cigarette-Smoking Man verteidigt seine Handlungsweise und betont, daß die Entscheidungen und Aktivitäten der Regierung, respektive sein Anteil daran, vielleicht nicht populär wirken mögen, jedoch für das Gemeinwohl sehr viel zuträglicher und verdienstvoller seien als Mulders blinder Aktionismus. Er habe viele Präsidenten kommen und gehen sehen und habe ausreichend Gelegenheit gehabt, sich eine Meinung zu bilden, welche Politik angesichts des UFO-Phänomens am besten für die Menschen sei. Durch seine Äußerungen präsentiert sich der Cigarette-Smoking Man, bislang als Schurke der Serie wahrgenommen, den Zuschauern in neuem Licht, und es fällt in der Tat der Schatten eines Zweifels auf Mulder und dessen Ehrgeiz, die Verschwörung aufzudecken, koste es, was es wolle. Intensiviert wird dieser zwiespältige Eindruck in der Doppelfolge Two Fathers I One Son , in der die Hintergründe der unheilvollen Allianz zwischen den außerirdischen Kolonisatoren und dem konspirativen Syndikat und die tragischen Konsequenzen dieses Pakts in persönlichen und familiären Bereichen aus der Perspektive des Cigarette-Smoking Man beleuchtet werden. Es ist kein Zufall, daß man in diesem Zusammenhang endlich den Namen dieser Figur, C. G. B. Spender, erfährt; mit der menschlichen Dimension seines Handelns erhält der mysteriöse Unbekannte auch eine Identität. Er ist nicht mehr länger eine schattenhafte Bedrohung von undurchdringlicher und absoluter Bosheit, sondern entpuppt sich als tragische Gestalt, die ebenso an ihre Ideale glaubt und von der Rechtmäßigkeit ihres Tuns überzeugt ist wie Mulder selbst.
      Die Ambivalenz der paranoiden Grundhaltung zeigt sich am deutlichsten in den sogenannten Lone Gunmen, drei Verschwörungstheoretikern par excel-lence, deren Rat sich Mulder häufig einholt. Langly, Byers und Frohike wissen den FBI-Agenten stets mit Informationen und neuen Theorien zu Konspirationen aller Art zu versorgen, die zuweilen sehr überzeugend klingen, manchmal jedoch auch schlichtweg absurd sind. Sie schöpfen aus allen erdenklichen Quellen, vor allem aber aus ihrer paranoid geprägten Vorstellungskraft, um sich und anderen die Welt und deren geheime Zusammenhänge zu erklären. Die Szenen, in denen die Lone Gunmen auftreten und ihre Sicht der Wirklichkeit zum Besten geben, dienen zum einen der humorvollen Darstellung einer ins Groteske gesteigerten Furcht vor Verschwörungen und der daraus resultierenden wahnhaften Konstruktion konspirativer Komplotte, zum anderen aber auch der Präsentation einer Gruppe von Menschen, deren Überzeugungen und aufklärerischer Idealismus zu einer Farce und einer offenzutage tretenden Paranoia verkommen sind. Sie reflektieren in extremer Ausprägung die irrationalen Charakterzüge Mulders und verkörpern somit das abschreckende Ergebnis einer möglichen Persönlichkeitsentwicklung des wahrheitssuchenden Agenten.
      Auch die Episode Jose Chung's From Outer Space {Andere WahrheiteN) setzt sich in humorvoller, dabei aber auch kritischer Weise mit dem Phänomen der paranoiden Verschwörungsangst auseinander, in dem sie die geschilderten Ereignisse aus verschiedenen, jeweils voneinander abweichenden Perspektiven darstellt und so vor Augen führt, wie vieldeutig die Wirklichkeit ist und wie einseitig subjektive Wahrnehmungen und Auslegungen dieser Wirklichkeit sein können. Es treten hier nicht nur die berühmt-berüchtigten Männer in Schwarz auf, die immer wieder mit UFO-Erscheinungen, dem Kontakt mit Außerirdischen und dem Wirken geheimer Regierungsstellen in Zusammenhang gebracht werden, sondern auch Mulder und Scully erscheinen in einem völlig anderen Licht; aus der Sicht von Zeugen, die glauben, Fliegende Untertassen gesehen zu haben, präsentieren sich die FBI-Agenten keineswegs immer als unbescholtene Sucher nach der Wahrheit, sondern zuweilen auch als ominöse, latent aggressive Beamte, die die Wahrheit verheimlichen wollen und mit Gewalt drohen, falls die Zeugen auf ihren Aussagen beharren. Die Episode ist ein witzig-intelligentes Verwirrspiel, in dem nichts so ist, wie es zu sein scheint, und alle Charaktere äußerst zwiespältig gezeichnet werden. Die zum Verständnis der Handlung wichtigen Fakten können durch verschiedene Zeugenaussagen nicht etwa verifiziert und in einen klaren Zusammenhang gebracht werden, sondern erweisen sich in zunehmendem Maße als unbestimmt und vage. Bedeutung wird hier nicht aus objektiven Beobachtungen gewonnen, Bedeutung wird in Beobachtungen hineingelegt und individuell konstruiert. Alle Erkenntnisse und alle Interpretationen tragen die Spuren subjektiver Sinndeutung und können somit nicht mehr den Status verläßlicher, empirischer Wahrheit beanspruchen. Wahrheit ist ein Konstrukt aus Beobachtungen und Vorstellungen, eine Mischung aus objektiven Fakten, subjektiven Phantasien und einer vermittelnden Interpretation dazwischen, in der sich Objektivität und Subjektivität nahtlos und untrennbar miteinander verbinden. Indem die Folge Jose Chung 's From Outer Space diesen Prozeß der Konstruktion von Wirklichkeit thematisiert, offenbart sie Grundsätzliches der gesamten Serie. Sie verdeutlicht das Wirkungsprinzip, das dem Denken und Verhalten der Figuren zugrunde liegt und den Handlungsbogen der X-Files konstitutiv bestimmt; sie legt den Kern der Serie frei, die wahrnehmungspsychologischen Grundlagen der Verschwörungsangst und der Paranoia, und kann somit als eine Art MetaEpisode bezeichnet werden.
      In vergleichbarer Weise fuhren die Folgen Bad Blood und Musings of a Cigarette-Smoking Man {Gedanken des geheimnisvollen RaucherS) die Wirkung subjektiver Sinnkonstruktion und die damit zusammenhängende Entstehungsursache verschwörungstheoretischer Ideologien vor Augen. In Bad Blood, einer Vampirgeschichte, werden die Ereignisse, die zur vermeintlich fahrlässigen Tötung eines Verdächtigen durch Mulder gefuhrt haben, zweimal retrospektiv geschildert, einmal aus der Perspektive Scullys, dann aus der Perspektive Mulders. Beide Berichte unterscheiden sich voneinander, sowohl in der Darstellung von dritten Personen und sachlichen Details als auch in der Wahrnehmung des jeweils anderen; es wird deutlich, daß die beiden FBI-Agenten ihre Ermittlungsarbeit durchaus unterschiedlich wahrgenommen haben und aufgrund ihrer differierenden Beobachtungen und Erkenntnisprozesse zu einer differierenden Einschätzung der gesamten Sachlage gelangen. Eine objektive Darstellung der Geschehnisse läßt sich nicht rekonstruieren. In Musings of a Cigarette-Smoking Man wird auf humorvollabsurde Weise eine fiktive Biographie des mysteriösen Rauchers entworfen, die ihn nicht nur zu einem erfolglosen Autor drittklassiger Kriminalromane stilisiert, der seine Frustration durch skrupellose Härte im Staatsdienst kompensiert, sondern darüber hinaus als wahren Attentäter John F. Kennedys enthüllt. Durch zahlreiche Rückblenden erhält man Einblicke in das Leben des Cigarette-Smoking Man, das durch die Zusammenstellung klischeehafter Szenen und die Einbeziehung historischer Fakten und spekulativer Deutung geradezu groteske Züge annimmt. Doch auch hier spielen subjektive Faktoren eine entscheidende Rolle und ermahnen zu vorsichtiger Bewertung: Die Biographie stammt nicht aus zuverlässiger Quelle und präsentiert sich nicht als Information eines objektiven auktorialen Erzählers, sondern wird eindeutig als Bericht von Frohike, einem der Lone Gunmen, ausgegeben. Die scheinbare Faktizität der visuellen Darstellung, die vermeintliche Authentizität des filmischen Bildes, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die gezeigten Szenen nicht einer objektiven Realität, sondern der persönlichen Erzählung, und damit dem subjektiven Bewußtsein Frohikes entspringen. Er glaubt, das Leben des Cigarette-Smoking Man rekonstruiert zu haben, doch aufgrund seiner ideologischen Vorbelastung und seinem ans Pathologische grenzenden Hang, Verschwörungstheorien zu erfinden und zu verbreiten, wird dem Zuschauer unmißverständlich klar, daß die geschilderten Ereignisse nicht als verläßliche Wahrheit zu verstehen sind, sondern nur als ein weiteres Konstrukt, in dem sich Beobachtungen und Mutmaßungen, Verdächtigungen und Überzeugungen, angestrebte Objektivität und unvermeidliche Subjektivität ununterscheidbar vermischen. Der Kontext, in den die Handlung dieser Folge gebettet ist, evoziert die Rezeptionsanweisung, dievorgeführte Biographie in Anführungszeichen zu sehen und nicht ganz ernst zu nehmen.
      Überträgt man die Erkenntnisse dieser Episoden - und vor allem die selbst-reflexiven Brechungen der Episode Jose Chung 's From Outer Space - auf die Serie in ihrer Gesamtheit, zeigt sich, daß Mulder in gewisser Weise auch nur ein Opfer seiner subjektiven Vorstellungen und seiner persönlichen Ansichten und Obsessionen ist. Das Ziel, das er hartnäckig verfolgt, könnte sich aus anderer Perspektive als vollkommen unsinnig erweisen, eine zwanghafte Fixierung als Produkt eines paranoiden Gemütszustandes. Natürlich zieht Mulder als Protagonist der Serie die Sympathien auf sich, und sowohl seine prinzipielle Denkweise als auch seine konkreten Handlungen scheinen immer wieder gerechtfertigt zu sein, doch auch die inhärenten Gefahren seiner spezifischen Weltsicht geraten wiederholt ins Blickfeld und machen den gebrochenen Charakter dieses Helden deutlich sichtbar.
      Die Welt, in der sich dieser gebrochene Held bewähren muß, ist eine geheimnisvolle Welt, die überall Spuren der Verschwörung trägt, die sich allerdings nicht zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen lassen; sie gleicht einem Labyrinth, das nur Irrwege, aber keinen Ausweg anzubieten hat. Die Appellfunktion des Mottos "The Truth is Out There" verweist unzweifelhaft auf den optimistischen, aufklärerischen Impuls Mulders; er ist davon überzeugt, seinem Glauben an das Irrationale ein rationales Fundament geben zu können. Da Mulders Leben jedoch maßgeblich von seiner Suche nach der Wahrheit bestimmt wird, diese Wahrheit sich ihm aber immer wieder und anscheinend immer weiter entzieht, geraten die existentiellen Grundlagen beständig ins Wanken, und die Zuversicht, selbst Kontrolle über sein Schicksal ausüben und ans Ziel gelangen zu können, muß zwangsläufig schwinden. Die Allmacht und Unangreifbarkeit der konspirativen Mächte verwandeln das ganze Dasein in einen labyrinthischen, fremdbestimmten Zustand und rechtfertigen dadurch die paranoiden Züge in Mulders Verhalten. Darüber hinaus spiegeln sich auf diese Weise in The X-Files und in dem Schicksal ihres Protagonisten die krisenhafte Verunsicherung und existentielle Orientierungslosigkeit des Menschen in der rationalistischen Moderne wider - ein Thema, das seit dem 18. Jahrhundert und seinen Gestaltungen im Schauer- und Geheimbundroman nichts an Aktualität verloren hat.
      In dieses Szenario der Verunsicherung und zunehmenden Ungewißheit fügt sich auch die zweite Hauptperson der Serie, Dana Scully, ein. Sie ist zunächst Rationalistin und überzeugte Wissenschaftlerin, ausgebildet als Ärztin und von ihren Vorgesetzten beordert, Mulders fragwürdige Arbeit kritisch zu überwachen. Sie tritt ihrem neuen Kollegen daher mit äußerster Distanz gegenüber und stellt seinen Theorien immer wieder rationale Erklärungenentgegen. Die Dialoge zwischen Mulder und Scully, in denen der Glaube an das Unvorstellbare und das Bedürfnis nach Wissenschaftlichkeit und Vernunft miteinander ringen und beide Gesprächspartner wortgewandt und nicht ohne Selbstironie ihre Sicht der Dinge glaubhaft zu vermitteln versuchen, zählen zu den Höhepunkten der Serie. Doch auch Scully ist nicht frei von Zweifeln. Nachdem sie selbst entführt wurde - von UFOs? Von konspirativen Regierungsagenten? - und als Folge geheimnisvoller medizinischer Experimente an Krebs erkrankt, beginnt ihre rationalistische Weltsicht zu schwanken, und immer häufiger besinnt sie sich auf die christlich-katholische Tradition, in der sie erzogen wurde. Wird Mulders Glaube von Außerirdischen, UFOs und Verschwörungen beherrscht und zeigt sich so als moderne, säkularisierte Form des Glaubens, zeigen sich die Risse in Scullys aufgeklärtem Weltbild hingegen als Andeutungen eines wahrhaft religiösen Glaubens. Das Kreuz, das sie an einer Kette um den Hals trägt, wird für sie im Verlauf der Serie zu mehr als nur einem Schmuckstück. Durch ihre Krankheit in eine tiefe existentielle Krise gestürzt, ist sie immer häufiger bereit, das starre Denksystem des Rationalismus zu verlassen und sich in den Bereich religiöser Spekulationen hineinzuwagen. Vor allem als sie in der Doppelfolge Redux 1 I Rednx 2 erkennen muß, daß ihr alle Wissenschaft und jede Form der Medizin, sei sie auch noch so fortschrittlich, nicht helfen können, den Krebs in ihrem Körper zu besiegen, fühlt sie sich zu einem Glauben an Gott hingezogen, aber sie widersteht der Versuchung, sich einem blinden Glauben zu ergeben, in der Hoffnung, ihr Leben durch Gebete retten zu können. Ihr inneres Ringen wird in den gleichen Episoden durch Mulders persönliche Glaubenskrise thematisch ergänzt, denn ein Informant hat ihm zu verstehen gegeben, daß alles, wonach er gesucht hat, - UFOs, Außerirdische, konspirative Verbindungen zwischen Regierungskreisen und Wesen von anderen Planeten - lediglich eine Lüge, eine geschickte Konstruktion der Regierung sei, um von wahren Geheimnissen - militärischen Forschungen und dunklen Machenschaften der Rüstungsindustrie - abzulenken. Beide, Mulder und Scully, sehen sich mit den Scherben ihrer bisherigen Weltanschauungen und Überzeugungen konfrontiert, beide jedoch finden den Mut, nicht gänzlich aufzugeben und ihren Weg weiterzugehen. Noch steht Scully dem Katholizismus skeptisch gegenüber und weigert sich, die wissenschaftlichen Grundlagen ihres Denkens völlig aufzugeben, doch die Bereitschaft, auch metaphysische Wahrheiten gelten zu lassen, gewinnt an Stärke. In der Episode Revelations wird sie buchstäblich zum Schutzengel eines Jungen, der Kreuzigungsmale an den Händen aufweist. Er scheint ein Auserwählter Gottes zu sein, dem eine bedeutende Rolle im kosmischen Kampf zwischen Gut und Böse zugedacht ist. Als ein reicher Industrieller,
Vertreter der Macht des Bösen, den stigmatisierten Jungen töten will, setzt Scully ihr eigenes Leben aufs Spiel, um das auserwählte Kind zu retten. Interessanterweise vertritt Mulder in dieser Folge das Prinzip des nüchternen Rationalismus und stellt die Vermutungen Scullys hinsichtlich der göttlichen Zeichen und Berufungen vehement in Frage. "Wie kommt es, daß sie Kopf und Kragen riskieren, sobald Sie nur ein Licht am Himmel sehen, aber nicht bereit sind, die Möglichkeit eines Wunders zu akzeptieren", wirft ihm Scully vor. In All Souls glaubt Scully einem Engel auf der Spur zu sein, der junge Mädchen im Namen Gottes tötet, um deren Seele vor dem Zugriff Satans zu schützen und direkt ins Himmelreich zu holen. Wiederum zeigt sich Mulder skeptisch, während sich seine Partnerin, von einem katholischen Priester mit dem Fall vertraut gemacht, der metaphysischen Interpretation der Geschehnisse nicht grundsätzlich verschließt. Mulder ist bereit, seinem Glauben bedingungslos zu folgen, doch eine andere Form des Glaubens lehnt er ab; so entstehen zusätzliche Spannungen zwischen den Protagonisten, die nicht auf einen simplen Dualismus zwischen Rationalismus und Irrationalismus reduziert werden können. Jeder Mensch pflegt seinen eigenen irrationalen Glauben und verteidigt ihn gegen die Vorwürfe der anderen, versucht zuweilen sogar, diesen Glauben auf eine rationale Grundlage zu stellen, um ihm dadurch die Qualität empirischer Wahrheit zu verleihen.
      Mulder und Scully suchen Wahrheit und Gewißheit. Beide stehen zwischen Rationalismus und Irrationalismus und ringen um einen Ausgleich, der ihrem Leben einen Sinn und ein Ziel gibt. Obwohl sie zu Beginn der Serie als Kontrastfiguren auftreten, unterscheiden sie sich nicht so sehr voneinander, und ihre Entwicklung aufeinander zu, bei der sie gleichwohl durch verschiedene Interessen und Glaubensinhalten zunächst noch getrennt bleiben, stellt einen der wichtigsten Aspekte der X-Files dar. Denn es zeigt sich hier, daß -bei allen individuellen Unterschieden - die Grundlagen des menschlichen Denkens und Handelns von beiden Kräften, von Vernunft und von Irrationalität, bestimmt sind und sich nicht von einer der beiden Einflußgrößen gänzlich befreien können. Das UFO-Phänomen und die Verschwörungsangst, die Konfrontation mit der Beschränktheit rationalistischer Weltbilder und der Kampf um religiöse Überzeugungen treffen als thematische Schwerpunkte einen Nerv der Zeit und sprechen somit - auf die eine oder andere Weise -viele Zuschauerinnen und Zuschauer an. Sie sind die Spielfelder, auf denen sich die widerstreitenden, aber dialektisch voneinander abhängigen Prinzipien des Rationalismus und des Irrationalismus in der Fiktion entfalten, aber auch authentische Erscheinungen von großer gesellschaftlicher Bedeutung, in denen sich zum einen die Krisenerfahrung des Menschen in der Moderne offenbart und sich zum anderen die Hoffnungen und Ängste ausdrücken, diean das kommende Jahrtausendende geknüpft sind. Der Mensch als Suchender zwischen den Sphären rationaler Vernunft und irrationaler Überzeugungen, zwischen aufklärerischem Optimismus und paranoidem Verfolgungswahn, zwischen Wissen und Glauben erhält in den Gestalten Mulders und Scullys zwei signifikante Ausprägungen, die den Rezipienten sowohl Möglichkeiten der Identifikation als auch Möglichkeiten der distanzierten Betrachtung bieten. Die Fiktion hält der Wirklichkeit den Spiegel vors Gesicht und enthüllt Stärken und Schwächen des Individuums in einer Zeit, die die geistige und seelische Integrität höchsten Gefahren aussetzt.
     

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