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The truth is out there - die fernsehserie the x-files

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Verschwörung ohne Ende



Noch deutlicher aber wird die Verquickung von Rationalismus und Irrationalismus in dem großen Handlungsbogen, der sämtliche X-Fz'/es-Episoden überspannt, dem Herzstück der Serie sozusagen, das hauptsächlich für ihre enorme Popularität verantwortlich ist. Im Zentrum der Ermittlungen von Mulder und Scully stehen nämlich die Suche nach Beweisen für die Existenz von UFOs, die Suche nach Beweisen für die Existenz außerirdischer Wesen auf diesem Planeten und die Suche nach Beweisen für die Verwicklung der amerikanischen Regierung in eine globale Konspiration, die die Existenz fremder Wesen verheimlichen möchte und weder Kosten noch Mühe scheut, um diese Wahrheit ebenso zu verschleiern wie die jahrzehntelange Durchführung geheimer Experimente mit UFO-Technologie und dubioser Menschenversuche mit außerirdischem Gen-Material.



      In immer neuen Varianten werden die Agenten mit Hinweisen auf den Einfluß außerirdischer Wesen oder mit dem Wirken ominöser Regierungsstellen konfrontiert; immer näher scheinen sie der Wahrheit zu kommen und aus den isolierten Indizien ein komplettes Mosaik zusammenfügen zu können, daß Auskunft über das gesamte Ausmaß der Verschwörung zu geben verspricht. Doch die verborgene Wahrheit, mit der es Mulder und Scully zu tun haben, gestaltet sich dabei immer komplexer und undurchschaubarer. Auch die unerwartete Hilfe, die sie zuweilen in Gestalt mysteriöser Informanten aus höchsten Kreisen erhalten, bringt nur minimale Fortschritte. Die Fronten bei dieser Jagd nach Fakten und Beweisen sind völlig unklar; Freunde und Kollegen entpuppen sich als Feinde, Gegner werden zu Verbündeten. Das Netz aus Lügen und Täuschungen, Desinformationen und Ablenkungsmanövern verdichtet sich, macht die wahren Hintergründe der umfassenden Verschwörung immer diffuser, und verstärkt statt dessen die Skepsis und das generelle Mißtrauen der Protagonisten. So entsteht ein perfides Verschwörungs-Szenario, in dem vieles mehrdeutig und undurchsichtig bleibt, in dem prinzipiell alles möglich, aber auf Nichts und Niemanden Verlaß ist. Die Inszenierung, Ausgestaltung und permanente Entfaltung dieser Verschwörung - oder zahlreicher untergeordneter Verschwörungen, denn wer weiß schon, wo eine Verschwörung endet und eine neue beginnt? - ist der strukturelle und wirkungsästhetische Kern der Serie. Ein Geheimnis wird aufgebaut und sukzessive vertieft, Teillösungen werden präsentiert - und zuweilen gleich wieder in Frage gestellt -, doch eine definitive Aufklärung der rätselhaften Vorgänge und Zusammenhänge bleibt aus. Es gehört zum narrativen Konzept der X-Files, daß sich die Verschwörer immer wieder dem Zugriff der FBI-Agenten entziehen, daß Beweise für die kon-spirativen Machenschaften der Regierung, für die Existenz von Außerirdischen oder für medizinische Experimente an Menschen spurlos verschwinden oder vernichtet werden. Die Verschwörung scheint umfassend und unantastbar zu sein - das macht einerseits den Reiz der Serie aus! Nicht die finale Auflösung des Geheimnisses wird zum Ziel der episodischen Dramaturgie, sondern die immer weitergetriebene Verzweigung und Verrätselung der Ereignisse; nicht die Erklärung der geheimnisvollen Geschehnisse wird zur narrativen Sensation - und dadurch zum erwünschten und intendierten Genuß der Rezipienten -, sondern die immer komplexere, und scheinbar nicht mehr zu lösende Verwicklung des Plots. Höhepunkt ist also nicht mehr - pointiert ausgedrückt - die Aufklärung der Geschichte, zu seriellen Höhepunkten werden vielmehr die Schnittstellen der Geschichte, an denen die Handlung unerwartete und im Sinne der zugrunde liegenden Konspiration erschreckende neue Bahnen einschlägt, wodurch die Verschwörung von Episode zu Episode ungeahnte Dimensionen gewinnt und die Unkenntnis und die Hilflosigkeit der Protagonisten angesichts der allgegenwärtigen Bedrohung jede Woche aufs neue dokumentiert werden.
      Andererseits liegt in dieser narrativen Strategie auch die Gefahr der Ermüdung und des Klischees: Deutlich zeigt sich das zum Beispiel in der Doppelfolge Talitha Cumi I Herrenvolk {Der Tag steht schon fest I HerrenvolK); Mulder und Scully treffen hier auf einen mysteriösen Fremden, der über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt - er kann sein Aussehen nach Belieben ändern und scheint heilende Kräfte zu besitzen. Der Fremde gibt sich bald als Außerirdischer zu erkennen, der sowohl von Regierungsbeamten als auch von einem gleichfalls außerirdischen Killer gejagt wird. Nach seiner Festnahme und Inhaftierung wirft ihm der Cigarette-Smoking Man, einer der namenlosen Hauptverantwortlichen der konspirativen Umtriebe und unmittelbarer Gegenspieler Mulders, in einer von Dostojewskijs Brüdern Karamasow inspirierten Inquisitionsszene vor, durch sein Auftreten und Handeln das Vertrauen der Menschen auf Vernunft und Wissenschaft zu zerstören und den Glauben an Wunder zu fördern, weswegen er nie mehr sein Gefängnis verlassen dürfe. Dennoch gelingt ihm die Flucht, und er führt Mulder zu einer abgelegenen Kolonie von geklonten Menschen, in der fremdartige Pflanzen gezüchtet und von äußerst aggressiven Bienen bestäubt werden. All dies scheint Teil eines umfassenden Plans außerirdischer Wesen zu sein, Besitz von der Erde zu ergreifen, doch bevor Mulder mehr darüber erfahren kann, verschwindet sein Begleiter wieder spurlos; wenig später ist auch von der Kolonie nichts mehr zu sehen oder zu ahnen. Gleichzeitig wird X, einer von Mulders einflußreichen Informanten getötet, und der Cigarette-Smoking Man trifft sich mit Mulders Mutter zu einer wichtigen Unterredung mit intimen Konnotationen,die nicht nur neue Fragen hinsichtlich der Verwicklung von Mulders Eltern in die Verschwörung aufwirft, sondern auch Fragen über seine Abstammung und die Identität seines wahren Vaters. Dem übergreifenden Handlungsbogen der Serie werden in dieser Doppelfolge weitere Details hinzugefügt, doch statt einer erhofften Aufklärung der Vorgänge durch den Fremden - eine Hoffnung, die durch dessen direkte Kontaktaufnahme mit Mulder ja keineswegs unbegründet ist - ergeben sich nur neue Fragen und neue Rätsel; das Geheimnis präsentiert sich nun noch vielschichtiger und komplizierter, ohne jedoch an Substanz gewonnen zu haben. Das Rezeptionserlebnis endet unbefriedigend, man durchschaut die Strategie der Macher, immer neue Rätsel zu schaffen, statt die alten aufzulösen, und fühlt sich in gewisser Weise betrogen und hingehalten. Das Prinzip der Retardierung und die Zunahme der Komplexität der Verschwörungsgeschichte, die mitunter den Verdacht der Beliebigkeit weckt, geraten darüber hinaus immer mehr zu hohlem Schematismus, zu einer stereotypen Erzählweise, die zu ihrem eigenen Klischee geworden ist. In ähnlicher Weise funktioniert der Spielfilm Fight the Future von 1998 und erweist sich somit ebenfalls als höchst ambivalentes Rezeptionserlebnis. Er mag die eingefleischten Fans der Serie, die eben diese Mischung aus Rätseln und Teilaufklärungen, Enthüllung und Obskurantismus schätzen, befriedigen, enttäuscht aber die Zuschauer, die sich gerade von dem Kinofilm, der in gewisser Weise ein in sich geschlossenes Werk darstellt, eine Aufdeckung der Geheimnisse und konspirativen Verstrickungen erhoffen. Zwar werden hier die Intention und die Motivation jenes weltumspannenden Syndikats einflußreicher Männer, die als Drahtzieher der Verschwörung agieren, ansatzweise deutlich gemacht, doch Handlung und Dramaturgie des Films sind weit davon entfernt, Klarheit in das dichte Netz aus Intrigen und Täuschungsmanövern zu bringen und fügen sich statt dessen nahtlos in das Verschwörungsgespinst der Fernsehserie ein.
      Hier zeichnet sich ein Dilemma ab, das mit jeder neuen Episode stärker in den Vordergrund tritt: Wie soll die gesamte Geschichte zu einem befriedigenden Abschluß gebracht werden? Das Geheimnis um UFOs, Außerirdische und staatliche Konspirationen kann auf Dauer nicht so weitergeführt und vertieft werden, denn die Geduld der Zuschauer würde dadurch in einem Maße strapaziert werden, das die Einschaltquoten und letztlich den kommerziellen Erfolg der Serie sicherlich gefährden würde. Wie aber kann man zu einem Ende finden, das einerseits die Geheimnisse der X-Files auflöst und somit einem unleugbaren Rezipientenbedürfnis entspricht, andererseits jedoch eine allzu einfache, glatte Auflösung vermeidet, die das Ausmaß der Verschwörung rückblickend relativieren und die ganze komplexe Vorgeschichte als aufgeblähten Mummenschanz entlarven könnte. Die Konstruktion des Plotsist mittlerweile so verwickelt, daß eine logisch-stringente Lösung überhaupt nicht mehr möglich scheint, ja daß überhaupt jede Lösung voraussichtlich enttäuschend wäre. Eine Verschwörung, die dermaßen kompliziert und undurchsichtig entwickelt wurde, kann nicht aufgeklärt werden, ohne retrospektiv an Bedrohlichkeit, Bedeutung und Effektivität zu verlieren. Denn sind die Hintergründe und Mechanismen der Konspiration erst einmal offengelegt, büßt sie ihr erschreckendes und verunsicherndes Potential augenblicklich ein. Hantke hat in seinen Ausführungen über die Verschwörungsthematik in den Romanen von Don DeLillo und Joseph McElroy indirekt auf dieses strukturelle und ästhetische Dilemma hingewiesen. Er betont, daß die literarische Entfaltung einer geheimnisvollen Handlung und die Schilderung rätselhafter Zusammenhänge im Kontext konspirativer Machenschaften in der Regel auf eine Aufklärung abzielen; die Enträtselung des Geheimnisses, die Entlarvung und Benennung der Verschwörer wird zum Höhepunkt und zum Zweck der Geschichte, zum Telos und zur Legitimation des literarischen Texts: 'The moment of revelation serves as telos for the narrative universe; a preordained point of ultimate reference that retrospectively legitimizes the existence of every Single prior narrative move, not to mention the existence of the text itself. The metaphysics of conspiracy fiction are therefore fundamen-tally eschatological." Gleichwohl erkennt und deutet er die Tendenz moderner Konspirationsliteratur, ein Romanende, das alle Fragen beantwortet und alle inszenierten Geheimnisse aufklärt, nur unwillig zu liefern, beziehungsweise zu vermeiden:
Conspiracy always leaves a certain degree of residual indeterminacy. Unlike the detective story, in which all crucial ambiguities can be resolved by naming the murderer, conspiracy fiction tends to leave a vague impression with the reader that only part of the plot has been - or perhaps even can be - exposed. Secrecy, the conflation of paranoia and conspiracy, and the element of hyperbole all contribute to the sense of unease that accompanies even the most perfect Solution. For that reason, most conspiracy fiction provides a more pragmatic than categoric closure, accepting the fact that a plot which is potentially limitless can of course never be exposed in its totality. Complete resolution can only be hinted at if the text wants to avoid belittling the size and threat of the conspiracy it depicts.
      Die Probleme, die bei diesem Zwiespalt zwischen der strukturell geforderten Aufklärung der mysteriösen Vorgänge einerseits und dem ästhetischen Bedürfnis, die Verschwörung auch über das Ende der Geschichte hinaus mächtig und unantastbar erscheinen zu lassen, andererseits entstehen, werden sich bei der weiteren Entwicklung der Fernsehserie The X-Files sicherlich verschärfen.
      Ungeachtet dieser narrativen Fallstricke erwies sich Carters Konzept einer gewaltigen Konspiration, die die gesamte Serie thematisch durchzieht, als Glücksgriff. Die Kombination aus Konfrontation mit phantastischen Elementen, die sich einer rationalen Erklärung immer wieder zu entziehen drohen, und der Suche nach Beweisen einer umfassenden Verschwörung, die alle Geschehnisse in einen logischen Zusammenhang bringen könnten, vereint die beiden grundlegenden kognitiven Bewältigungsstrategien angesichts der komplexen Wirklichkeit der modernen Welt im Zeichen der Dialektik der Aufklärung. Rationale Kräfte und irrationale Kräfte kommen dabei zum Zuge und entfalten gleichermaßen ihr Wirkungspotential; die Furcht vor Unerklärlichem, das die Gesetze von Vernunft und Logik außer Kraft setzt, spielt eine ebenso große Rolle wie die Bemühungen um wissenschaftliche Analyse der beobachteten oder dokumentierten Phänomene und um kriminalistische Aufdeckung konspirativer Aktivitäten. Gerade hierbei aber eskaliert eine neue Form des Irrationalismus - der Glaube an eine Verschwörungstheorie weckt Mißtrauen und schärft die Sinne, er verleitet dazu, kausale Zusammenhänge zu sehen, wo es vielleicht gar keine gibt, er beflügelt die Phantasie und macht die vermeintliche Konspiration zum Maß aller Dinge und zur Ursache aller widrigen Ereignisse. Er entfacht paranoides Denken, geboren aus der Ãoberzeugung, mit Hilfe des Verstandes und logischer Schlußfolgerungen gesellschaftliche, politische und existentielle Entwicklungen erklären und Krisen meistern zu können. Die Voraussetzung ist das absolute Vertrauen in die Prinzipien des Rationalismus und der Aufklärung, daraus entspringt jedoch der irrationale Wahn, der in allem und jedem Mitwisser und Teile einer Verschwörung zu erkennen glaubt. Genau davon handelt The X-Files, nur daß der Wahn hier nicht als solcher denunziert wird, sondern immer wieder und immer entschiedener als Wahrheit bestätigt zu werden scheint. Die Verschwörung, gegen die Mulder und Scully kämpfen, existiert tatsächlich, und ihre Anstrengungen, diese Verschwörung aufzudecken, werden von den Zuschauern als gerechtfertigt anerkannt und mit Sympathie quittiert. Irrationaler Rationalismus und rationaler Irrationalismus verschmelzen zu einer Denk-und Handlungsweise, die im fiktiven Kosmos der X-Akten als einzig vernünftige Art des Denkens und Handelns vorgeführt wird. Die vermeintlich oppositionellen Kräfte der Ratio und des Irrationalen finden in ihrer dialektischen Abhängigkeit zusammen und treten in ihrer Vereinigung als prävalen-te Botschaft der Fernsehserie Carters hervor; diese Form der 'Aussöhnung' zwischen den bipolaren Einflußgrößen geistes- und kulturgeschichtlicher Entwicklung, die selbstverständlich überhaupt nichts Versöhnliches an sich hat, erklärt den Erfolg der X-Files, denn es wird hier ein Phänomen beschrieben und in spannender und unterhaltsamer Weise vorgeführt, das zu dengrundlegenden Erfahrungen in der Moderne zählt und daher den meisten Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts - bewußt oder unbewußt - vertraut ist. Die spezifische Verarbeitung der Rationalismus-Irrationalismus-Problematik in der Serie spricht die Menschen an und berührt sie im Innersten; und besonders die Verknüpfung dieser Problematik mit Mulders idealistischer und von persönlichen Gründen motivierter Suche nach der Wahrheit, die die detektivische Arbeit in den Rang einer existentiellen Sinnsuche erhebt, macht sie zum Gegenstand außergewöhnlichen Interesses und enormer Popularität.
      'The Truth is Out There" und 'Trust No One" - diese Parolen aus der Fernsehserie, die zu populären Schlagwörtern geworden sind , umreißen und verdeutlichen das Konzept und die Essenz der X-Files: Erstens die Annahme, daß irgendwo da draußen die Wahrheit verborgen ist und darauf wartet, entdeckt zu werden, daß man nur den Mut haben muß, sich aufzumachen und diese Wahrheit zu suchen, und nur genügend Scharfsinn besitzen muß, um sie zwischen den Lügen und Verstellungen des Feindes aufzuspüren; und zweitens die Warnung, daß man bei dieser Suche niemandem trauen kann und auf sich alleine gestellt ist - Verschwörer, Lügner, feindliche Agenten lauern überall und versuchen, die Wahrheit zu vertuschen und hinter Ablenkungsmanövern und Tricks vor den Augen der Wahrheitssucher - und vor den Augen der Welt - zu verbergen. 'The Truth is Out There" und 'Trust No One" markieren dabei auch das Spannungsfeld zwischen Rationalismus und Irrationalismus, zwischen dem Vertrauen in die Macht der Aufklärung und der paranoiden Angst vor antagonistischen Kräften und Einflüssen. Der Weg ist weit und voller Gefahren; niemals war die Suche nach dem Gral schwieriger als im Zeitalter der Moderne. Doch dem Skeptiker winkt der Erfolg - so scheinen es die rastlosen Bemühungen der unerschrockenen FBI-Agenten zu verkünden -, die Wahrheit ist greifbar, die Aufklärung gewiß. Nicht der blinde Glaube und das Vertrauen auf höhere Mächte befreien in der Moderne von der existentiellen Unsicherheit und den nagenden Zweifeln im Innern, sondern gerade der analytische Blick, das Mißtrauen, das alles in Frage stellt und den Dingen auf den Grund gehen will.
      Die Angst vor Konspirationen und der Glaube an Verschwörungstheorien haben in den USA Tradition; aus der gesellschaftlichen Realität ging das Verschwörungsdenken in individuelle und kollektive Vorstellungen und Phantasien über und gelangte von dort in die Produkte literarischer und filmischer Fiktionen, wobei es in der Natur des Gegenstandes liegt, daß die Grenzen zwischen Realität und Fiktion äußerst unscharf gezogen sind.
      Thomas Pynchon gestaltet in seinen Romanen

V.

{V, 1963), The Crying of Lot 49 {Die Versteigerung von No. 49, 1966) und Gravity's Rainbow {Die Enden der Parabel, 1973) das Dasein des Menschen in der materialistischen, sinnentleerten Moderne als stete Suche nach Beweisen für die Existenz und die Aktivitäten konspirativer Organisationen. Seine Protagonisten Herbert Stencil, Oedipa Maas und Tyrone Slothrop bewegen sich dabei im Spannungsfeld zwischen absolutem Sinnvakuum, angesichts dessen Leben und Kultur in zahllose unzusammenhängende Fragmente zersplittern, und der Konstruktion bedeutungsvoller Relationen innerhalb des historischen, politischen und gesellschaftlichen Umfelds, die sich nur allzu schnell als Produkte paranoider Wahnvorstellungen erweisen könnten. Das Individuum bleibt vor die Wahl gestellt, entweder die moderne Welt nüchtern als einen Ort der Willkür und der Sinnlosigkeit zu akzeptieren, oder aber Verschwörungstheorien anzuhängen und dadurch einer inhärenten Bedeutung der Dinge und Geschehnisse nachzujagen, die der fragmentarischen Wirklichkeit einen Sinn verleiht - existentielle Verzweiflung durch die Anerkennung universeller Bedeutungslosigkeit oder Befangenheit in einer Welt des subjektiven Bedeutungswahns.
      Die Romantrilogie Illuminatus! {Illuminatus!', 1975) von Robert Shea und Robert Anton Wilson entwirft das vielschichtige und äußerst phantasievolle Panorama einer globalen Konspiration, die das Leben der Menschen auf verhängnisvolle Weise in allen Bereichen beeinflußt, und schöpft dabei aus einem nahezu unermeßlichen Kulturbestand, der sich unter dem Einfluß der Verschwörungsthematik als ein Epochen und Nationen überspannendes Puzzle voller Fährten, Konnotationen und bedrohlicher Bedeutungen erschließt - eine irrwitzige Collage aus Thrillerelementen, Science Fiction, Popkultur und Satire, Esoterik, Psychoanalyse, Drogenrausch und Hippie-Philosophie, ein postmodernes Potpourri, das in chronologisch und perspektivisch gebrochener Erzählweise historische Persönlichkeiten und fiktive Figuren vereint, um das literarische Bild einer dekadenten Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs zu konstruieren, die von zahllosen konkurrierenden Sekten und Geheimbünden, esoterischen Clubs, anarchistischen Zellen und paramilitärischen Organisationen unterwandert ist und willenlos gesteuert wird.
      Die Ermordung John F. Kennedys, die durch den Warren-Report nur unzureichend aufgeklärt werden konnte, und der politische Skandal der Watergate-Affäre haben einem eher unbestimmten Gefühl der Verunsicherung und der Zweifel an den demokratischen Institutionen in den sechziger und siebziger Jahren konkrete Ausprägungen verliehen, und Filme wie The Parallax View {Zeuge einer Verschwörung, USA 1974, Regie: Alan J. PakulA), Three Daysofthe Condor und All the President's Men reflektieren deutlich dieses Mißtrauen und die generelle Furcht vor konspirativen Mächten, die das Gemeinwesen von Innen aushöhlen und korrumpieren. In The Parallax View kommt der Journalist Frady einer ominösen Organisation, die politische Attentäter ausbildet, auf die Spur und sieht sich bald in die Vorbereitung eines Anschlags auf einen Senator verwickelt. Bevor er jedoch das ganze Ausmaß der Verschwörung durchschauen und der Ã-ffentlichkeit enthüllen kann, wird er selbst zum Opfer geschickter Manipulationen und zum Sündenbock. Das Attentat gelingt, und Frady, der es verhindern wollte, wird als mutmaßlicher Täter von der Polizei erschossen. Der Film, so Regisseur Pakula, 'gab unserem gemeinsamen Gefühl Ausdruck, daß über allem ein Geheimnis liege, eine tief verborgene, unerschließbare Wahrheit. Er spiegelt unsere Frustration wider."
In Three Days ofthe Condor, entstanden nach dem Roman Six Days ofthe Condor von James Grady, gerät der CIA-Angestellte Turner - in der literarischen Vorlage trägt er den Namen Malcolm - zwischen die Fronten konkurrierender Abteilungen des eigenen Geheimdienstes. Unschuldige müssen sterben, damit interne Fehler und Fehlentwicklungen vertuscht werden können. Nachdem sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seiner Dienststelle brutal ermordet wurden, kann sich Turner als einziger Ãoberlebender bei der nun einsetzenden Menschenjagd auf niemanden mehr verlassen; Kollegen und Vorgesetzte sind zu potentiellen Betrügern und Mördern geworden. Die CIA entpuppt sich als unberechenbare und unkontrollierbare Macht im Staate, die ihre Ziele mit gnadenloser Härte und konspirativen Machenschaften verfolgt.
      All the President 's Men arbeitet in semi-dokumentarischem Erzählstil die Watergate-Affäre auf. Der Film zeigt die journalistischen, oft regelrecht detektivischen Bemühungen der Zeitungsreporter Carl Bernstein und Bob Woodward, die zur Aufdeckung des Abhörskandals und schließlich zum Rücktritt Präsident Nixons führten. Ihr Spürsinn und ihre Hartnäckigkeit, auch gegen Widerstände weiterzuarbeiten, läßt sie eine weitreichende Verschwörung in Regierungskreisen, in den Geheimdiensten und der Justiz entlarven und demonstriert somit, daß es möglich ist, gegen übermächtige Gegner und konspirative Aktivitäten öffentlich vorzugehen. John Schlesingers Marathon Man , basierend auf dem gleichnamigen Roman von William Goldman , hingegen zeigt, daß gegen die zwielichtigen Operationen und Manipulationen des Geheimdienstes nur ein privater Kreuzzug hilft, bei dem man sich der gleichen Mittel und der gleichen Rücksichtslosigkeit bedienen muß wie die Gegenseite, um einen
Sieg, einen bitteren Sieg, zu erringen. Der junge Student Levy wird mit der Tatsache konfrontiert, daß sein älterer Bruder Mitglied einer geheimen Organisation ist, die im Auftrag der US-Regierung mit Ã"rzten und Wissenschaftlern des Dritten Reichs, die als Kriegsverbrecher bekannt sind, zusammenarbeitet und diese vor Ermittlungen und Verfolgungen deckt. Der Bruder wird von Szell, einem berüchtigten KZ-Arzt, getötet, Levy gerät in die Fänge des Nazis und seiner Verbündeten im amerikanischen Geheimdienst und muß bald erkennen, daß er niemandem vertrauen kann; selbst seine Freundin erweist sich als Agentin der Verschwörung. Allein auf sich gestellt, greift er schließlich selbst zur Waffe, um sein Leben zu schützen und die Verbrecher zu bestrafen, die aufgrund mangelnder Beweise und der schieren Unglaublichkeit der Vorwürfe kein Gericht schuldig sprechen würde.
      Phantastischer gestalten sich die Verschwörungsgeschichten, die das amerikanische Science Fiction-Kino in den fünfziger Jahren hervorgebracht hat. Invasion U.S.A. , Invaders front Mars , It Conquered the World und vor allem Invasion of the Body Snatchers , entstanden nach dem Roman The Body Snatchers von Jack Finney , reflektieren die Angst vor einer schleichenden Invasion, die Angst vor Ãobernahme und Auslöschung der eigenen Identität und Kultur durch eine fremde, meist als Kollektiv konzipierte Macht, die als Bedrohung aus dem Weltall dargestellt wird, jedoch immer auch den irdischen Gegner, die Sowjetunion, meint. Auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs - das Land lebt in großer Furcht vor dem ideologischen Feind und dessen vermeintlicher Hinterlist, der Senats-ausschuss für innere Sicherheit unter der Federführung McCarthys verfolgt jedes Anzeichen kommunistischer Aktivitäten in den USA mit unerbittlicher und geradezu paranoider Hartnäckigkeit - entstehen diese Filme als symbolische Horrorszenarien von sozialpsychologischer Prägnanz. Durchschnittsbürger sind es, die hier erst zu Zeugen, dann zu Opfern einer perfiden Verschwörung werden, deren Ziel es ist, die ganze Menschheit, d.h. die ganze amerikanische Nation zu unterwerfen und in emotionslose Sklaven zu verwandeln, die einer höheren Macht willenlos unterstehen. Stehen am Anfang noch Zweifel und Unglauben, da die Infiltration gerade erst begonnen hat und die Absichten des Feindes nicht klar zu erkennen sind, so mehren sich bald die Zeichen, daß etwas Unheimliches und Bedrohliches geschieht. Die Indizien fügen sich schließlich zu einem beweiskräftigen Mosaik zusammen, das die niederträchtigen Pläne und die geschickten Schachzüge des mächtigen Gegners deutlich werden läßt - dann ist es aber meistens schon zu spät. Nurwer die Gefahr rechtzeitig wahrnimmt, wer bereits subtile Veränderungen in alltäglichen Situationen spürt und diese richtig deutet, kann die konspirativen Umtriebe frühzeitig ausmachen und womöglich im Keim ersticken.
      Invasion ofthe Body Snatchers, 'vielleicht die beste Metapher für die politische Paranoia jener Jahre"7, zeigt die Ãobernahme der Vereinigten Staaten durch außerirdische Samenkapseln, die sich menschlicher Körper wie Hüllen bedienen, um die Erdbevölkerung zu bezwingen, jegliche Form von Individualität und Emotionalität auszulöschen und eine reibungslos funktionierende Gesellschaft zu errichten, in der jeder einzelne nur durch seine Rolle im Kollektiv definiert wird. Die Bedrohung hat kein eigenes Gesicht, sondern tritt in der Gestalt des Mitbürgers auf, sie zeigt sich nicht in spektakulären Aktionen, Gewalttaten oder revolutionären Bekenntnissen und Anschlägen, sondern pflanzt sich unauffällig von Mensch zu Mensch fort, ohne dessen äußere Erscheinung zu verändern. Die Verschwörung breitet sich so lange Zeit unerkannt aus und zerstört die Gemeinschaft gleichsam von innen heraus.
      Die Bedeutung dieser Verschwörungs- und Invasionsparabel geht allerdings über den politischen Kontext des Kalten Kriegs hinaus. Die Gefahr, die in Invasion of the Body Snatchers beschworen wird, läßt sich nicht nur einsinnig als die Gefahr des Kommunismus erklären, der sich in der demokratischen Welt und Gesellschaftsordnung wie schleichendes Gift ausbreitet und sowohl politische als auch moralische Werte zersetzt, sondern kann auch als die Gefahr der Entmenschlichung durch die nivellierenden Einflüsse der modernen Konsum- und Mediengesellschaft verstanden werden. Was den Menschen seiner Individualität und seiner Seele beraubt und ihn zu einem würdelosen Konsumenten in einem ewig kreisenden Warenkarussell degradiert, sind die Auswirkungen der kapitalistisch-rationalistischen Moderne mit ihren Vermassungstendenzen und ihren globalen Ansprüchen auf Standards in allen kulturellen und ökonomischen Belangen, die unkritisch akzeptiert, produziert und in endlosen Ketten reproduziert werden. Insofern kommt die Bedrohung tatsächlich aus dem Inneren der Gesellschaft, aus ihrem eigenen Kern und ihrer eigenen Substanz und zeigt sich völlig unabhängig von jeglicher politischer Ideologie. 'Die Allegorie trifft nicht nur den Kommunismus als Herrschaftssystem, obwohl hier die Analogie evident ist, sondern die Form der Gehirnwäsche überhaupt", kommentiert Seeßlen den Invasionsfilm von Don Siegel. 'Die Tod'-Gesellschaft der leeren Menschen läßt sich sowohl aus den sozialistischen Gesellschaften als auch aus den kapitalistischen mit ihrem System aus Fernsehen, Arbeit und Gewohnheit ableiten." Die Routine des Alltags, die Normalität mit ihrem betäubenden Gleichklang und ihrer paralysierenden Gleichförmigkeit, unterstützt durch die Surrogat-Wirkung der Medien, erzeugen jenes Szenario der Ohnmacht undder Willenlosigkeit, das Invasion of the Body Snatchers in kühler, nahezu sachlicher und daher umso erschreckenderer Weise entfaltet.
      Wenn das Phantastische wirksam ist nur als die Kraft, die in das normale Leben hereinbricht, und ein guter phantastischer Film deshalb davon lebt, daß er zunächst einmal ein sehr präzises Bild der normalen Wirklichkeit gibt, dann entstammt die spezifische Paranoia in Siegels Film dem Umstand, daß das Phantastische nichts weiter ist als die potenzierte Normalität. Mit der Bewegung des Films entsteht ein Mißtrauen gegenüber allem Normalen, das wie bei den Pods darin besteht, daß die Gefühle ersetzt werden durch Konventionalität und durch das Vorgeben von Gefühlen als Ritual. Und es ist allzu leicht, ein Pod zu werden; es gibt keine Schmerzen mehr, weder körperliche noch seelische, man wird unverwundbar. Die Angst vor dem Tod, vor der Leidenschaft und vor der Verantwortung läßt die Menschen auf ihre menschlichen Qualitäten verzichten und sich willig dem Los der Fremdbestimmung unterwerfen.
      Seeßlens Deutung des Films hebt die Allgemeingültigkeit und die Zeitlosig-keit des Themas hervor, das der Angstvision der Body Snatchers zugrunde liegt. Sie wird unterstützt durch die Aussagen des Regisseurs; Siegel äußert seinen Verdacht, 'daß die meisten Leute Pods sind. Sie wachen am Morgen auf, und sie haben einen Arbeitsplatz. Sie frühstücken also, und dann gehen sie an die Arbeit, und sie kommen heim und essen zu Abend, und dann schauen sie ins TV und gehen ins Bett. Und das ist ihr ganzes Leben. Am nächsten Morgen wachen sie wieder auf, und alles beginnt von neuem. Sie haben keine Träume. Sie haben kein wirkliches Gefühl der Liebe. Sie fühlen überhaupt nichts." Was seinen Film konkret betrifft, gesteht Siegel, daß ihn politische Aspekte weniger interessiert hätten: 'Ich wollte nicht zeigen, daß wir von einer unterirdischen Macht bedroht sind, egal ob kommunistischer oder faschistischer Art [...]. In Wirklichkeit hat der Film mehr mit den Erfahrungen mit Leuten zu tun, mit denen ich ständig Kontakt hatte. Ich glaube, da hat sich nichts geändert. Die Pods sind immer noch da und bleiben auch da. Und Stück für Stück erobern sie die Welt." Unabhängig von zeitgenössischen politischen Stimmungen wird hier also durch die Mittel der Phantastik und durch die narrative Nutzbarmachung der Verschwörungsangst ein gesellschaftlicher Mißstand zur Darstellung gebracht, der aus sozialen und ökonomischen Entwicklungen der Moderne resultiert - dies impliziert natürlich keineswegs, daß politische Stimmungen überhaupt keine Rolle bei der spezifischen Gestaltung des Films und seiner Botschaft gespielt hätten. Gleichwohl scheint die stärkere Wirkung, die den Film auch heute noch sehenswert macht, von der allgemeineren kulturkritischen Bedeutungsebene auszugehen: von der Umsetzung einer kritischen Gesellschaftsanalyse in diefiktive Handlung einer phantastischen Geschichte, in deren Zentrum eine menschenfeindliche Konspiration zur weltweiten Bedrohung wird. Das Verschwörungsszenario als Ausdruck und gleichsam künstlerische Ãoberhöhung beängstigender Wandlungsprozesse in den sozialpsychologischen und emotionalen Prägungen des modernen Menschen.
      Die Remakes, beziehungsweise thematischen Varianten des Stoffes funktionieren daher auch ohne den politischen Hintergrund der fünfziger Jahre und des Kalten Kriegs. Philip Kaufmans Invasion ofthe Body Snatchers {Die Körperfresser kommen, USA 1978) verlegt den Schauplatz der unheimlichen Invasion in die Großstadt San Francisco und unterstreicht dadurch die bedrückende Atmosphäre von Anonymität, Entfremdung und latenter Bedrohlichkeit; Abel Ferraras Body Snatchers {Body Snatchers, USA 1993) spielt in der hermetischen Welt eines Militärstützpunktes und schildert den heimlichen Angriff auf die Menschheit aus der Sicht eines heranwachsenden Mädchens. Das Unverständnis und die Ablehnung, die ein junger Mensch gegenüber der Welt der Erwachsenen und deren Konventionen generell entwickelt, potenzieren sich hier durch den Einfluß der außerirdischen Invasoren, die das gefühllose und abweisende, in Mechanismen erstarrte Verhalten der Erwachsenen bedingen, erhalten so aber auch eine sinnvolle Begründung. Der Generationskonflikt und die daraus resultierende Familienkrise erscheinen mithin als das Werk der konspirativen Eindringlinge. In John Carpenters They Live {Sie leben!, USA 1988) hat die Invasion schon lange stattgefunden; die Außerirdischen leben unerkannt unter den Menschen, die sie durch sublimi-nale Botschaften in den Medien manipulieren und zu permanentem Konsumverhalten zwingen. The Puppet Masters {Puppet Masters, USA 1994, Regie: Stuart OrmE), basierend auf dem gleichnamigen Roman von Robert Heinlein, wiederholt das durch Siegels Invasion of the Body Snatchers etablierte Schema der schrittweisen Ãobernahme der menschlichen Gesellschaft durch Wesen aus dem Weltall, die sich diesmal in der Gestalt käferartiger Kreaturen an den Rücken ihrer Opfer festsaugen und mit Tentakeln in das menschliche Gehirn eindringen, um ihren Wirt zu kontrollieren. In The Faculty {Faculty, USA 1998, Regie: Robert RodrigueZ) zeigen sich die außerirdischen Invasoren an einer amerikanischen High School, wo sie sich der Körper der Menschen bemächtigen, vornehmlich der Körper der Lehrer, und so die Schülerinnen und Schüler in Angst und Schrecken versetzen.
      Die Motive der Invasion, der Fremdkontrolle und der Verschwörung, die die Gesellschaft unterminiert und ihrer innersten Kraft beraubt, dienen in der Phantastik und in der Science Fiction so immer wieder als narrative Elemente der Gestaltung krisenhafter Zustände; solche Zustände sind beispielsweise die Problematik des Heranwachsens und der Konflikt zwischen Jugendlichen und
Erwachsenen, das unbarmherzige System des Kapitalismus und des willenlosen Konsums, die Bedrohung des Individuums durch Großstadtanonymität und Massengesellschaft oder die Entfremdung und der Identitätsverlust des Menschen im einförmigen und abstumpfenden Alltagsleben der Moderne. In der ausgespielten Furcht vor Verschwörungen und außerirdischen Eindringlingen gerinnen diese überwältigenden und häufig unkontrollierbaren Krisenerfahrungen zu greifbaren Phänomenen.
      Elemente all dieser realen oder fiktiven Konspirationen sind in Carters Konzeption der X-Akten eingeflossen: geheimnisvolle Organisationen und Auftragskiller, Sündenböcke und Vertuschungsaktionen, die Jagd auf Zeugen und Mitwisser, Infiltration durch Doppelagenten und Abhöranlagen, die heimliche Zusammenarbeit der amerikanischen Regierung mit Wissenschaftlern der ehemaligen Achsenmächte des Zweiten Weltkriegs, Deutschland und Japan, und natürlich die beiden Tendenzen, an die Möglichkeit der Wahrheitsfindung und Aufdeckung der Verschwörung zu glauben - The Truth is Out There - und das Mißtrauen gegenüber staatlichen Institutionen und gegenüber anderen Menschen generell zu kultivieren - Trust No One. Carter selbst gibt zu, daß die Watergate-Affäre und der Sturz Nixons 'the most formative event of my youth" gewesen sei. So ist es natürlich auch kein Zufall, daß der erste und wichtigste Informant seiner FBI-Ermittler den Decknamen Deep Throat trägt - jenen Namen, den sich der entscheidende Informant Bernsteins und Woodwards bei der Watergate-Enthüllung gab, um nicht identifiziert werden zu können. In der Episode Linie Green Men treffen sich Mulder und Scully heimlich in der Parkgarage des Watergate-Hotels, der angemessene Ort für konspirative Zusammenkünfte jeglicher Art.
      1991 lieferte Oliver Stone mit seinem Film JFK und Kevin Costner in der Rolle des ermittelnden Staatsanwalts Jim Garrison einen weiteren Beitrag zur amerikanischen Chronik der Verschwörungstheorien; das Attentat an John F. Kennedy wird hier als das Werk einer groß angelegten Konspiration von Geheimdiensten, einflußreichen Vertretern der Wirtschaft und höchsten Regierungsstellen gedeutet und diese Theorie durch eine suggestive Dramaturgie und Montage, die Kombination von Dokumentaraufnahmen und nachgestellten Filmszenen und nicht zuletzt auch durch das Image des Hauptdarstellers Costner als aufrechter Amerikaner und vertrauenswürdiger Familienvater nahezu glaubhaft vermittelt.
      Der Erfolg der X-Files führte dazu, daß in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre - vor allem, aber nicht nur in den USA - erneut zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen entstanden, in deren Mittelpunkt ebenfalls Verschwörungen und konspirative Bedrohungen stehen, so zum Beispiel die Polit-
Thriller Conspiracy Theory {Fletchers Visionen, USA 1997, Regie: Richard DonneR), Shadow Conspiracy {Verschwörung im Schatten, USA 1997, Regie: George Pan CosmatoS) und Enemy ofthe State {Staatsfeind Nr. 1, USA 1998, Regie: Tony ScotT) und die beklemmende Zukunftsvision Dark City {Dark City, USA 1997, Regie: Alex ProyaS), in der eine Verschwörung Außerirdischer das Leben der Menschen in einer düsteren, labyrinthisch anmutenden Großstadt in existentieller Weise beeinträchtigt. Dem deutschen Film 23 -Nichts ist so wie es scheint , der vom kurzen Leben und rätselhaften Sterben des Computerhackers und überzeugten Verschwörungstheoretikers Karl Koch handelt, liegt ein authentischer Fall aus den achtziger Jahren zugrunde. Darüber hinaus sorgten diese filmischen Präsentationen von Verschwörungsängsten in produktiver Wechselwirkung mit der Realität auch dafür, daß Verschwörungstheorien überhaupt wieder in historischen und gesellschaftspolitischen Diskursen Hochkonjunktur hatten.

     
   Als äußerst geschickter Schachzug Carters erwies es sich, die gesellschaftlich vorgeprägte Angst vor Verschwörungen und die Lust an Verschwörungstheorien mit der UFO-Thematik zu verbinden. Der Glaube an UFOs, die vermeintlichen Sichtungen von und photographischen Beweise für Fliegende Untertassen und die immer wieder geäußerten Behauptungen, von Außerirdischen entfuhrt worden zu sein, stellen einen fruchtbaren Boden für die Entfaltung einer Handlung dar, deren narratives Prinzip und deren philosophisches Substrat gleichermaßen von rationalen wie irrationalen Zügen bestimmt wird. Das UFO-Phänomen ist, so Jung 1958, ein 'moderner Mythus"13. UFO-Sichtungen führt er auf das Bedürfnis der Menschen nach Zeichen des Göttlichen zurück, die Fliegenden Untertassen seien nichts anderes als eine - dem technischen Zeitalter angepaßte - Verkörperung des Archetyps der Ganzheit, der göttlichen Vollkommenheit. Vor allem in Krisenzeiten komme es daher recht häufig zu Sichtungen von fliegenden Objekten am Himmel, wobei deren runde Form oder Kugelform deutlich als Seelensymbol oder Abbild Gottes in der Tradition archetypischer, religionsphilosophischer und alchemistischer Vorstellungen und Lehren erkennbar sei. UFOs als 'Kollektivvisionen"15, als psychische Projektionen und Repräsentationen der menschlichen Sehnsucht nach göttlicher Präsenz in Zeiten existentieller Krisen? Andere Wissenschaftler und Publizisten sind davon überzeugt, daß tatsächlich außerirdische Wesen in ihren Raumschiffen die Erde besuchen; und zwar nicht erst im 20. Jahrhundert, sondern bereits seit Anbeginn der Menschheit. Als Götter oder Sendboten der Götter seien die Aliens in der Vergangenheit verehrt worden, und zahlreiche Ãoberlieferungen, Legenden und Mythen, Kunstwerke und Bauwerke würden noch heute vonden Kontakten zwischen Menschen und Außerirdischen und dem kulturstiftenden Einfluß der interstellaren Reisenden zeugen. Mag es sein, wie es will - im wissenschaftlichen und allgemein-gesellschaftlichen Diskurs über UFOs und Außerirdische verwischen die Grenzen zwischen Fakten und Spekulationen, zwischen Mythos und Wahrheit, zwischen rationaler Betrachtung und irrationalem Wunschdenken.' Jedermann möchte Gewißheit in dieser Sache, aber auf kein Urteil, auf keine Behauptung, kein Bekenntnis kann man sich wirklich verlassen. Der Glaube an UFOs und an die Präsenz außerirdischer Intelligenzen ist zu einer neuen Form von Religion geworden, einer Theologie der technologischen Wunder, deren Phänomenologie ganz den Standards des säkularisierten Zeitalters der Moderne entspricht. Carter reichert diesen Mythos in den X-Files mit teils fiktiven, teils authentischen, teils umstrittenen, nahezu legendären Vorfällen an, die zusammengenommen ein komplexes, vielfach verknüpftes Gespinst aus Wahrheit, Halbwahrheit und Interpretation bilden, ein ertragreiches Feld, auf dem das Bedürfnis nach rationaler Klärung einerseits und irrationale Spekulationen und Verdächtigungen andererseits immens wuchern. Bausteine dieser Chronik einer UFO-Verschwörung sind beispielsweise der mysteriöse Roswell-Zwischenfall von 1947, bei dem ein Wetterballon in der texanischen Wüste, nahe des Städtchens Roswell, abgestürzt sein soll, von dem viele Menschen allerdings annehmen, daß es sich in Wahrheit um ein UFO handelte; das rätselhafte Area 51, ein abgeschirmter militärischer Komplex, Teil der Hochsicherheitseinrichtungen des US-Luftwaffenstützpunktes Nellis, in dem - angeblich - das UFO von Roswell aufbewahrt und wissenschaftlich untersucht wird; der Absturz eines Meteoriten im sibirischen Tunguska im Jahre 1908, der in Carters Serie zum Träger einer schwarzen, zähflüssigen Substanz wird, die als außerirdische Lebensform von Menschen Besitz ergreifen kann.
      Das UFO-Phänomen besitzt als Ersatz-Religion unserer postmodernen Epoche das Potential, sowohl wissenschaftliche Forschungsarbeiten als auch spekulative Deutungen zu stimulieren. The X-Files machen sich dieses Potential zunutze und kombinieren beide Reaktionsweisen miteinander, um Rationalismus und Irrationalismus in ihrer Abhängigkeit vor Augen zu fuhren. So entsteht ein wahrer Mythos der Moderne. Fliegende Untertassen und Außerirdische, die die Erde besuchen, bleiben bis auf den heutigen Tag eine Sache des Glaubens, dieser Glaube aber wird in der Serie mit rationalen Methoden überprüft. Mulder ist ein Gläubiger, und seine Bemühungen, die Verschwörung der Regierung kriminalistisch aufzudecken, sind gleichzeitig Versuche, seinen Glauben als faktische Wahrheit zu bestätigen und dadurch zu einem Wissenden zu werden.
     

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Verschwörung  ohne  Ende    





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