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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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ROBERT WEIMANN - Literaturgeschichte und Mythologie



Gegenüber der opportunistischen Annäherung an sämtliche Traditionen vergangener Menschheitskultur steht heute die ultralinke Absonderung von allen Traditionen im Namen zukünftiger Menschheitskultur. Entgegen dem eklektischen Pluralismus auf der einen Seite und der radikalen Reduktion großer vergangener Kunst auf ein affirmatives Prinzip auf der anderen Seite muß heute die gesamte Frage nach dem wirkungsgeschichtlichen Sinn des künstlerischen Erbes der Menschheit neu gestellt werden. [...]



Die Frage nach dem Inhalt und der Methode der Literaturgeschichte erfordert in jeder Epoche und in jeder Gesellschaft stets eine neue Antwort, weil diese Antwort - will sie wirksam sein - nur aus dem Wandel der gesellschaftlichen Praxis erteilt werden kann. Der Historiker der Literatur bedarf der Erudition und aller philologischen Tugenden, aber die literarischen Leistungen der Vergangenheit wird er nur dann für seine Zeit erschließen, wenn er sie mit dem Bewußtsein der Gegenwart konfrontiert und aus diesem Bewußtsein zu neuer Deutung und Verlebendigung gelangt. Literaturgeschichte ist kein Katalog der Namen, Ideen und Formen, sondern - in letzter Instanz - eine historische und ästhetische Selbstverständigung im Spiegel der Ursprünge. Das entscheidende methodologische Problem der Literaturgeschichte liegt hier: in dem Verhältnis des Historikers zur Vergangenheit . Die Veränderungen in diesem Verhältnis, also die geschichtliche Bewegung, werden selbst zum Anlaß einer immer neuen und immer jungen Li-terarhistorie.
      Eine historisch-materialistische Theorie der Literaturgeschichte sieht die enormen Schwierigkeiten literarhistorischer Arbeit, aber sie kann den im Westen allenthalben verbreiteten Zweifel an der Zukunft der Literaturgeschichte nicht teilen. Wenn die wissenschaftlich-technische Revolution eine Herausforderung an unser geschichtliches Denken darstellt, so vor allem deswegen, weil das sich steigernde Tempo der Veränderungen auch die Relationen zur Vergangenheit in Bewegung bringt. Aber vom Standpunkt einer sozialistischen Gesellschaft, die sich bewußt auf die Produzenten dieser Bewegung bezieht, kann und muß der schnellere Schritt in die Zukunft mit einer tieferen Aneignung des Erbes verbunden sein. In letzter Instanz verlangt auch die Literaturgeschichte eine Antwort auf die Erfordernisse und Möglichkeiten der sozialen und wissenschaftlichen Umwälzung mit ihrem erhöhten Bildungsbedürfnis, der vermehrten Freizeit und persönlichen Verantwortung jedes einzelnen für das Ganze. Heute muß die erhöhte materielle Produktivität ein geistiges Selbstbewußtsein voraussetzen und befördern, das die arbeitende Persönlichkeit aus der bewußten Qualität ihres gebildeten Verhältnisses zur Gesellschaft bezieht. Der Grad der Aneignung der menschlichen und produktiven Qualitäten in diesem Verhältnis wird nicht zuletzt dadurch bestimmt, inwieweit sie die großen künstlerischen Leistungen der Vergangenheit als beziehungsvollen Beitrag zum Werden dieses Selbstbewußtseins erkennt. Je mehr der Mensch der sozialistischen Gesellschaft 'die ganze Bewegung der Geschichte" als 'die begriffne und gewußte Bewegung seines Werdens" [1] versteht, um so stärker wird er sein heutiges Leben auf die Einheit jener materiellen und geistigen Leistungen beziehen, in welchen sich die Wesenskräfte des Menschen im Verlauf seiner Geschichte vergegenständlichten. Je tiefer er die Bewegung seines Werdens als eine gesellschaftliche versteht, desto stärker wird er auch die Geschichte der Literatur selbstbewußt als die Geschichte seiner geistigen und ästhetischen Potenzen begreifen.
      In dieser Situation gewinnt die Literatur der Vergangenheit zugleich an beidem: an Aktualität und an Geschichtlichkeit. Die gegenwärtige, persönlichkeitsbildende Wirkung tritt neben der vergangenheitsgeschichtlichen Entstehungverstärkt in das Blickfeld des Literaturhistorikers: Die bildende Funktion der Literatur tritt neben die abbildende, beide bezogen auf die geschichtliche Bewegung der Gesellschaft durch Produktivkraft und Klassenkampf. Die im ästhetischen Wesen der Kunst und Literatur beschlossene Entfaltung der menschlichen Sinneskräfte steht inmitten, nicht etwa außerhalb dieser höchst widersprüchlichen Geschichtsbewegung, deren ästhetische Abbilder und künstlerische Impulse zum Bildner und Impuls auch unserer Gegenwart geworden sind. Hieraus, aus dem geschichtlichen Prozeß als Ganzem, nicht aus einer aktualisierenden Bezugnahme, ergibt sich der übergreifende Zusammenhang, in dem Gegenwart und Vergangenheit in der Literaturgeschichte eine legitime, ja notwendige Bezüglichkeit eingehen.
     
Im Lichte dieser Prozesse — das ist die Grundthese — rücken Gegenwart und Vergangenheit in der Literaturgeschichte in ein auf neue Weise produktives und dialektisches Verhältnis zueinander. Literaturgeschichtsschreibung ist heute nicht schlechthin das historische Resume vergangener Dichtung und ihrer ehemaligen Wirklichkeitsbezüge, sondern der bewußte Prozeß der Konfrontation vergangener Werte und gegenwärtiger Wertungen. Gegenstand der Literaturgeschichte ist nicht schlechthin die Literatur vergangener Zeiten, sondern auch unsere gegenwärtige Beziehung zu dieser vergangenen Literatur, die erst durch diesen Bezug wieder zu etwas Lebendigem wird. Der Inhalt der Literaturgeschichte wird dadurch aktuell, aber nicht auf vulgäre Weise aktualisiert; denn unsere lebendige Beziehung zum Erbe wird um so reicher, vielseitiger und fruchtbringender, je mehr wir seine durch größtmögliche historische Rekonstruktion zu gewinnende geschichtliche Objektivität respektieren.
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Es bedarf an dieser Stelle keiner ausgedehnten Beweisführung, um darzulegen, daß Marx und Engels die geschichtliche Erkenntnis weder als eine passive Kopie der Vergangenheit noch als eine willkürliche Kreation der Gegenwart gesehen haben. Für das geschichtliche Denken gilt genau das, was Marx für das ästhetische, juristische, religiöse Bewußtsein gesagt hat: es ist einerseits Reflex einer ökonomischen Basis, eines materiellen Seins; es ist andererseits aber selbst eine der 'besondren Weisen der Produktion" [2]. Bedenken wir, daß sogar das zeitgenössische Bewußtsein immer nur bestenfalls ein annähernd adäquates Abbild des gesellschaftlichen Seins bietet, so kann 'von einer Identität des gegenwärtigen Geschichtsdenkens und der geschichtlichen Vergangenheit" [3] erst recht nicht die Rede sein. Das Verhältnis von historischer Vergangenheit und gegenwärtigem Geschichtsbewußtsein wird weder durch Identität noch durch Beziehungslosigkeit gekennzeichnet, sondern durch ein Drittes, das sich hier — vorerst — nur als Korrelation von Gegenwart und Vergangenheit bezeichnen läßt.
      Wenn Marx in der Einleitung zur 'Kritik der politischen Ökonomie" bemerkt, daß die 'sogenannte historische Entwicklung ... überhaupt darauf , daß die letzte Form die vergangenen als Stufen zu sich selbst betrachtet", so wird überdeutlich, daß er hier nicht die 'objektive Manier" eines Ranke empfiehlt, sondern 'von der neuesten Weltlage aufwärts dem Ursprung der Dinge entgegen" rückt . Die neueste Weltlage bietet sich als 'die ent-wickeltste und mannigfaltigste historische Organisation"; als solche gewähren auch ihre historischen Kategorien 'zugleich Einsicht in die Gliederung und die Produktionsverhältnisse aller der untergegangenen Gesellschaftsformen, mit deren Trümmern und Elementen sie sich aufgebaut". Nur so bleibt erklärlich, warum etwa 'die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie eine Wahrheit für alle anderen Gesellschaftsformen besitzen", wenngleich nur in ihrer höchsten Abstraktion; denn 'selbst die abstraktesten Kategorien" bleiben 'trotz ihrer Gültigkeit ... für alle Epochen doch in der Bestimmtheit dieser Abstraktion selbst ebensosehr das Produkt historischer Verhältnisse" [4]. Die 'Gültigkeit" literarischer Kategorien schließt also ihre Historizität nicht aus, sondern setzt sie voraus. Ihre Historizität besteht gerade darin, daß sie als ein Produkt historischer Verhältnisse auch die ideologischen Voraussetzungen und Konsequenzen dieser Verhältnisse erfüllen, also eine objektive wie auch eine subjektive, tätige Funktion dieser Verhältnisse darstellen.

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Und erst diese Bewußtheit seiner Historizität verleiht auch dem Literaturhistoriker den vollen, aber doch nicht relativierenden Sinn für seine eigene wirkungsgeschichtliche Distanz vom Gegenstand. Er wird diese Distanz nicht verleugnen, sondern seine wirkungsgeschichtliche Position um so weitsichtiger erhellen, je mehr die historischen, also die entstehungsgeschichtlichen Bestimmungen seines Gegenstandes darin aufgegangen, in geschichtlicher Bewegung gespeichert sind. Seine tatsächliche Subjektivität, der notwendige Ausdruck seiner gesellschaftlichen 'Daseinsformen" und 'Existenzbestimmungen", wird erst dort am tiefsten bestimmbar, wo das wirkungsgeschichtliche Bewußtsein aus der totalen Entstehungsgeschichte schöpft. Je mehr der Historiker seiner eigenen Gegenwart bewußt ist, desto größer ist sein Interesse an der Erforschung der historischen Vergangenheit in der Totalität ihrer entstehungsgeschichtlichen Bestimmungen und Beziehungen. Er kann die Wirkung des literarhistorischen Werkes in unserer Zeit am besten dadurch fördern, daß er dessen Entstehung in seiner Zeit erforscht.
      Die tatsächliche Aktualität der Literaturgeschichte widerspricht nicht dem geschichtlichen Charakter ihres Gegenstands, sondern ist überhaupt erst aus dessen Geschichtlichkeit zu beziehen. Und umgekehrt: je größer die in geschichtlicher Bewegung zurückgelegte Distanz, desto tiefer ist der literarhistorische Vorgang im Relief seiner Folgen und Begleitumstände sichtbar. So besteht zwischen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte gar keine Antinomie, sondern ein methodologischer Bezug [...].
      Die neue Deutung wird die vergangene Bedeutung des literaturhistorischen Werkes erst dann voll erschließen, wenn sie die volle Tiefe ihrer geschichtlichen Perspektive ausschöpft, das heißt: die 'vergangnen als Stufen zu sich selbst betrachtet". [...]
Die Werke der Literaturgeschichte sind beides, Abbild der Vergangenheit und Bildner der Gegenwart, und die wahre 'Schwierigkeit" der Literaturgeschichte, sie liegt eben darin, zwischen beiden eine geschichtliche und doch zugleich lebendige Beziehung herzustellen: eine Beziehung, die den Widerspruch und die Einheit zwischen der Zeitlichkeit und der 'Ãœberzeitlichkeit", dem über die Zeiten Hinausweisenden großer Dichtung, zu einem vorrangigen Gegenstand der Literaturgeschichte erhebt.
      [...]
Gerade angesichts des geistigen und ästhetischen Bildungsbedürfnisses der Arbeiterklasse und der unaufhaltsamen Befreiungsbewegung in der 'dritten Welt" wird die Einheit von Historiker und Erzieher durch den historischen Prozeß selbst verlangt und ermöglicht. Dieser historische Prozeß wird — im großen Maßstab — bestimmt durch die revolutionäre Emanzipation der Arbeiterbewegung und aller materiell und geistig Unterdrückten dieser Erde. Ihm entspricht ein Bewußtsein, dessen historisch-ästhetische Maßstäbe sich zur kulturellen Vergangenheit der Menschheit nur so produktiv wie kritisch verhalten können. Beide, die kritiklose Rezeption und die rezeptionslose Kritik, werden ersetzt durch ein Drittes, das am ehesten durch die Dialektik von Kontinuität und Diskontinuität umschrieben werden kann. Die in diesem Sinne erforderliche Auswahl, etwa die bevorzugte Erschließung der Literaturen der Zeitenwende, also die Neudeutung der Renaissance, der Aufklärung, der deutschen Klassik und die Erforschung der sozialistischen Literatur, entspricht den Traditionen der revolutionären Arbeiterbewegung, aber sie widerspricht natürlich nicht dem theoretischen Sachverhalt, daß sich das Wesen und die Reichweite unserer Beziehung zur Literatur der Vergangenheit nicht durch solche Schwerpunkte einer Auswahl erschöpfen; daß sie sich prinzipiell auf alles das erstrecken, was 'in der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war", was also den Prozeß der Selbstbefreiung und Bereicherung der Menschheit gefördert hat.
     

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