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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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FRIEDRICH WOLF - Kunst ist Waffe!



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Ein Dichter, der heute noch l'art pour l'art, die 'Kunst" um des ästhetischen Spieles willen, vollführt, dieser Verse- und Szenenbastler, er ist in unserer Zeit der Arbeitslosenheere, der Mütterselbstmorde und Abtreibungsparagraphen, der Wohnungsnot, Grubenunfälle und Eisenbetongerüste ein Ziseleur, ein Filigranschmied ... aber kein Dichter, der unseren Tagen etwas zu sagen hat!



'Kunst" ... als 'Kaviar fürs Volk"?
Nein! Wir brauchen heute Brot und dreimal Brot; das Brot für unsern Leib, das Brot der Gerechtigkeit hier unten, das Brot des Glaubens an eine neue Ordnung, die kommen wird!
In den Glasschrank und ins Museum mit dem Dichter, der das nicht spürt!
Der Glaube an eine neue Ordnung, die kommen wird, dieser Glaube, der heute Millionen Mühseliger und Beladener beseelt, er ist nicht geringer und kleiner als der Jenseitsglaube, der vor zweitausend Jahren die Sklaven und Entrechteten des römischen Imperiums emporgeflammt! Nur daß wir heute die Verwirklichung unseres Glaubens auf dieser Erde wollen, daß wir für die Hungernden nicht mehr Worte wünschen, sondern Brot!
In dieser Zeitenwende sitzt der Dichter nicht mehr in seinem rosenumrankten Dachkämmerlein, in dieser Schicksalsstunde marschiert der Dichter als Trommler neben der Fahne. [...]
Auch der wirkliche Dramatiker kann heute nicht mehr im luftleeren Raum arbeiten oder in der Museumskammer der Vergangenheit, auch für ihn heißt es: 'Die Szene wird zum Tribunal?' ... die Bühne wird zum Zeitgericht und Zeitgewissen!
Oder wie ein bekannter Spielleiter jüngst in seinem Programmheft es formulierte:
'Aus Mangel an Phantasie erleben die meisten Menschen nicht einmal ihr eigenes Leben, geschweige denn ihre Welt. Sonst müßte die Lektüre eines einzigen Zeitungsblattes genügen, um die Mensch-heit in Aufruhr zu bringen! Es sind also stärkere Mittel nötig. Eines davon ist... das Theater?' [...]
Es gibt nur einen greifbaren Punkt der 'Ewigkeit"; das ist die Gegenwart'. Der Dichter, der nicht die tragischen Konflikte des Heute und der Straße sieht, der von ihnen nicht gepackt und hingerissen wird, er hat kein Blut in den Adern! Er wird die Welt aus seiner Literatenstube oder durch stillverstaubte Kirchenfenster sehen; aber er wird nicht zu dem harten, wilden krustig unverblümten Leben vordringen, von dem die Kunst heute ein Teil ist!
Der Dichter des Heute, der die Not, die Kämpfe, den Glauben und Untergang der Menschen der Straße, der Hinterhäuser, Fabriken und Bergwerke auf die Bretter stellt, er kann nicht mit süßen Jenseitsverheißungen und mit Samtpfötchen kommen; seine Gedanken, seine Worte werden notwendig Angriff und 'Waffe sein! Er wird nicht in Vergangenheiten flüchten und von Karl dem Großen oder dem Apostel Paulus sprechen; er wird die Tragödie eines Arbeitslosen vor uns hinstellen, die Verzweiflungstat einer kranken, geschwächten Mutter, die ihr siebtes Kind trägt, die Unterdrückung der erwachenden Kolonialvölker durch die Westmächte, das neue Wettrüsten zum Kampf ums Öl und Naphtha; [...]
Gewiß, es ist noch lang kein Arbeiterstück, wenn in ihm unentwegt: Es lebe die Weltrevolution! gerufen und die Internationale gesungen wird, wenn Lenin immer wieder persönlich auf der Bühne erscheint. Das ist höchstens eine 'Walze", die gerade den Arbeiter sehr bald langweilt. Auch ein Arbeiterstück, gerade dies, muß 'gekonnt" sein! Es muß mit einem Wort gut sein! Kein gutgemeinter gefärbter Schmarren, sondern ein so blutvolles und zugleich gutgekonntes Werk wie Eisensteins 'Potemkin". Ein solches Werk wirft auch den Gegner um, haut hausbreite Breschen! [...] Aber die Kunst ist weder ein Erbauungsmittel in der Hand von Pädagogen, Studienräten und Rauschebärten, die auf den 'bildungshungrigen" Handarbeiter losgelassen werden, noch ist sie Luxus, Kaviar und Opium, das uns die Häßlichkeiten des 'grauen Alltags" vergessen macht. Die Kunst heute ist Scheinwerfer und Waffe ! Genauso Waffe wie vor zweitausend Jahren zur Zeit der politischen Komödien des Aristophanes, genauso Waffe und Machtmittel wie vor fünfhundert Jahren zur Zeit der Renaissancepäpste, die das Volk durch die HöUenfahrtsgemälde eines Raffael und Michelangelo einschüchterten und durch den Riesenbau der Peterskirche von ihrer weltlichen Macht überzeugten!
Im heutigen Weltanschauungskampf, im heutigen politischen Kampf will man dem Arbeiter die Kunst zur stumpfen Bildungskrücke umbiegen. Aber das eisenharte Material unserer Tage liegt vor. Die Dichter sind am Werk, die Waffe daraus zu schmieden. Die Arbeiter haben diese Waffe zu ergreifen! [...]
Erstdruck: Friedrich Wolf: Kunst ist Waffe! Eine Feststellung. Hg. v. Arbeiter-Theater-Bund Deutschlands e.

V.

Berlin 1928.
      Textvorlage: Zur Tradition der sozialistischen Literatur in Deutschland. Eine Auswahl von Dokumenten. Hg. und kommentiert von der Akademie der Künste der DDR zu Berlin. Aufbau-Verlag. Berlin und Weimar 1967, S. 45—51.
     

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FRIEDRICH  WOLF  -  Kunst  Waffe!    





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