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Textsammlung zur deutschen literaturgeschichte

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FRIEDRICH SCHLEGEL - Über Goethes Meister



Ohne Anmaung und ohne Gerusch, wie die Bildung eines strebenden Geistes sich still entfaltet und wie die werdende Welt aus seinem Innern leise emporsteigt, beginnt die klare Geschichte. Was hier vorgeht und was hier gesprochen wird, ist nicht auerordentlich, und die Gestalten, welche zuerst hervortreten, sind weder gro noch wunderbar [...]. Indessen steht alles gegenwrtig vor unsern Augen da, lockt und spricht uns an. Die Umrisse sind allgemein und leicht, aber sie sind genau, scharf und sicher. Der kleinste Zug ist bedeutsam, jeder Strich ist ein leiser Wink, und alles ist durch helle und lebhafte Gegenstze gehoben. Hier ist nichts, was die Leidenschaft heftig entznden oder die Teilnahme sogleich gewaltsam mit sich fortreien knnte. Aber die beweglichen Gemlde haften wie von selbst in dem Gemte, welches eben zum ruhigen Genu heiter gestimmt war. So bleibt auch wohl eine Landschaft von einfachem und unscheinbarem Reiz, der eine seltsam schne Beleuchtung oder eine wunderbare Stimmung unseres Gefhls einen augenblicklichen Schein von Neuheit und von Einzigkeit lieh, sonderbar hei 1 und unauslschlich in der Erinnerung. Der Geist fhlt sich durch die heitre Erzhlung berall gelinde berhrt, leise und vielfach angeregt. Ohne sie ganz zu kennen, hlt er diese Menschen dennoch schon fr Bekannte, ehe er noch recht wei oder sich fragen kann, wie er mit ihnen bekannt geworden sei. [.. .]Er glaubt, er mte sie schon gesehen haben, weil sie aussehn wie Menschen und nicht wie Hinz oder Kunz. Dies Aussehn verdanken sie nicht eben ihrer Natur und ihrer Bildung, denn nur bei einem oder dem andern nhert sich diese auf verschiedne Weise und in verschiednem Ma der Allgemeinheit. Die Art der Darstellung ist es, wodurch auch das Beschrnkteste zugleich ein ganz eignes, selbstndiges Wesen fr sich und dennoch nur eine andre Seite, eine neue Vernderung der allgemeinen und unter allen Verwandlungen einigen menschlichen Natur, ein kleiner Teil der unendlichen Welt zu sein scheint. Das ist eben das Groe, worin jeder Gebildete nur sich selbst wiederzufinden glaubt, whrend er weit ber sich selbst erhoben wird; was nur so ist, als mte es so sein, und doch weit mehr, als man fordern darf. [...]



Es ist schn und notwendig, sich dem Eindruck eines Gedichtes ganz hinzugeben, den Knstler mit uns machen zu lassen, was er will, und etwas nur im einzelnen das Gefhl durch Reflexion zu besttigen und zum Gedanken zu erheben und, wo es noch zweifeln oder streiten drfte, zu entscheiden und zu ergnzen. Dies ist das erste und das Wesentlichste. Aber nicht minder notwendig ist es, von allem einzelnen abstrahieren zu knnen, das Allgemeine schwebend zu fassen, eine Masse zu berschauen und das Ganze festzuhalten, selbst dem Verborgensten nachzuforschen und das Entlegenste zu verbinden. Wir mssen uns ber unsre eigene Liebe erheben und, was wir anbeten, in Gedanken vernichten knnen, sonst fehlt uns, was wir auch fr andre Fhigkeiten haben, der Sinn fr das Weltall. Warum sollte man nicht den Duft einer Blume einatmen und dann doch das unendliche Geder eines einzelnen Blattes betrachten und sich ganz in diese Betrachtung verlieren knnen? Nicht blo die glnzende uere Hlle, das bunte Kleid der schnen Erde ist dem Menschen, der ganz Mensch ist und so fhlt und denkt, interessant: er mag auch gern untersuchen, wie die Schichten im Innern aufeinanderliegen und aus welchen Erdarten sie zusammengesetzt sind; er mchte immer tiefer dringen, bis in den Mittelpunkt wo mglich, und mchte wissen, wie das Ganze konstruiert ist. So mgen wir uns gern dem Zauber des Dichters entreien, nachdem wir uns gutwillig haben von ihm fesseln lassen, mgen am liebsten dem nachsphn, was er unserm Blick entziehen oder doch nicht zuerst zeigen wollte und was ihn doch am meisten zum Knstler macht: die geheimen Absichten, die er im stillen verfolgt und deren wir beim Genius, dessen Instinkt zur Willkr geworden ist, nie zu viele voraussetzen knnen.
      Der angeborene Trieb des durchaus organisierten und organisierenden Werks, sich zu einem Ganzen zu bilden, uert sich in den greren wie in den kleineren Massen. Keine Pause ist zufllig und unbedeutend; und hier, wo alles zugleich Mittel und Zweckist, wird es nicht unrichtig sein, den ersten Teil unbeschadet seiner Beziehung aufs Ganze als ein Werk fr sich zu betrachten. Wenn wir auf die Lieblingsgegenstnde aller Gesprche und aller gelegentlichen Entwicklungen und auf die Lieblingsbeziehungen aller Begebenheiten, der Menschen und ihrer Umgebung sehen, so fllt in die Augen, da sich alles um Schauspiel, Darstellung, Kunst und Poesie drehe. [•..]
Obgleich es also den Anschein haben mchte, als sei das Ganze ebensosehr eine historische Philosophie der Kunst als ein Kunstwerk oder Gedicht und als sei alles, was der Dichter mit solcher Liebe ausfhrt, als wre es sein letzter Zweck, am Ende doch nur Mittel, so ist doch auch alles Poesie, reine hohe Poesie. Alles ist so gedacht und so gesagt wie von einem, der zugleich ein gttlicher Dichter und ein vollendeter Knstler wre; und selbst der feinste Zug der Nebenausbildung scheint fr sich zu existieren und sich eines eigenen, selbstndigen Daseins zu erfreuen. Sogar gegen die Gesetze einer kleinlichen unechten Wahrscheinlichkeit. Was fehlt Werners und Wilhelms Lobe des Handels und der Dichtkunst als das Metrum, um von jedermann fr erhabne Poesie anerkannt zu werden? Überall werden uns goldene Frchte in silbernen Schalen gereicht. Diese wunderbare Prosa ist Prosa und doch Poesie. Ihre Flle ist zierlich, ihre Einfachheit bedeutend und vielsagend, und ihre hohe und zarte Ausbildung ist ohne eigensinnige Strenge. Wie die Grundfden dieses Stils im Ganzen aus der gebildeten Sprache des gesellschaftlichen Lebens genommen sind, so gefllt er sich auch in seltsamen Gleichnissen, welche eine eigentmliche Merkwrdigkeit aus diesem oder jenem konomischen Gewerbe, und was sonst von den ffentlichen Gemeinpltzen der Poesie am entlegensten scheint, dem Hchsten und Zartesten hnlich zu bilden streben.
      [...] Denn dieses schlechthin neue und einzige Buch, welches man nur aus sich selbst verstehen lernen kann, nach einem aus Gewohnheit und Glauben, aus zuflligen Erfahrungen und willkrlichen Forderungen zusammengesetzten und entstandenen Gattungsbegriff beurteilen, das ist, als wenn ein Kind Mond und Gestirne mit der Hand greifen und in sein Schchtelchen packen will.
      Ebensosehr regt sich das Gefhl gegen eine schulgerechte Kunstbeurteilung des gttlichen Gewchses. Wer mchte ein Gastmahl des feinsten und ausgesuchtesten Witzes mit allen Frmlichkeiten und in aller blichen Umstndlichkeit rezensieren? Eine sogenannte Rezension des 'Meister" wrde uns immer erscheinen wie der junge Mann, der mit dem Buche unter dem Arm in den Wald spazieren kommt und den Philine mit dem Kuckuck vertreibt.
     
Vielleicht soll man es also zugleich beurteilen und nicht beurteilen, welches keine leichte Aufgabe zu sein scheint. Glcklicherweise ist es eben eins von den Bchern, welche sich selbst beurteilen und den Kunstrichter sonach aller Mhe berheben. Ja, es beurteilt sich nicht nur selbst, es stellt sich auch selbst dar. Eine bloe Darstellung des Eindrucks wrde daher, wenn sie auch keins der schlechtesten Gedichte von der beschreibenden Gattung sein sollte, auerdem, da sie berflssig sein wrde, sehr den krzern ziehen mssen; nicht blo gegen den Dichter, sondern sogar gegen den Gedanken des Lesers, der Sinn fr das Hchste hat, der anbeten kann und ohne Kunst und Wissenschaft gleich wei, was er anbeten soll, den das Rechte trifft wie ein Blitz.
      Die gewhnlichen Erwartungen von Einheit und Zusammenhang tuscht dieser Roman ebensooft, als er sie erfllt. Wer aber echten systematischen Instinkt, Sinn fr das Universum, jene Vorempfindung der ganzen Welt hat, [...] fhlt gleichsam berall die Persnlichkeit und lebendige Individualitt des Werks, und je tiefer er forscht, je mehr innere Beziehungen und Verwandtschaften, je mehr geistigen Zusammenhang entdeckt er in demselben. Hat irgendein Buch einen Genius, so ist es dieses. [...]
Nur dem, der vorlesen kann, [...] mu es berlassen bleiben, die Ironie, die ber dem ganzen Werke schwebt, [...] denen, die den Sinn dafr haben, ganz fhlbar zu machen. [...]
Die in diesem [dem dritten] und dem ersten Buch des nchsten Bandes zerstreute Ansicht des Hamlet ist nicht sowohl Kritik als hohe Poesie. Und was kann wohl anderes entstehen als ein Gedicht, wenn ein Dichter als solcher ein Werk der Dichtkunst anschaut und darstellt? Dies liegt nicht darin, da sie ber die Grenzen des sichtbaren Werkes mit Vermutungen und Behauptungen hinausgeht. Das mu alle Kritik, weil jedes vortreffliche Werk, von welcher Art es auch sei, mehr wei, als es sagt, und mehr will, als es wei. Es liegt in der gnzlichen Verschiedenheit des Zweckes und des Verfahrens. Jene poetische Kritik will gar nicht wie eine bloe Inschrift nur sagen, was die Sache eigentlich sei, wo sie in der Welt stehe und stehn solle, dazu bedarf es nur eines vollstndigen, ungeteilten Menschen, der das Werk, solange als ntig ist, zum Mittelpunkt seiner Ttigkeit mache; wenn ein solcher mndliche oder schriftliche Mitteilung liebt, kann es ihm Vergngen gewhren, eine Wahrnehmung, die im Grunde nur eine und unteilbar ist, weitlufig zu entwickeln, und so entsteht eine eigentliche Charakteristik. Der Dichter und Knstler hingegen wird die Darstellung von neuem darstellen, das schon Gebildete noch einmal bilden wollen; er wirddas Werk ergnzen, verjngen, neu gestalten. Er wird das Ganze nur in Glieder und Massen und Stcke teilen, nie in seine ursprnglichen Bestandteile zerlegen, die in Beziehung auf das Werk tot sind, weil sie nicht mehr Einheiten derselben Art wie das Ganze enthalten, in Beziehung auf das Weltall aber allerdings lebendig und Glieder oder Massen desselben sein knnten. Auf solche bezieht der gewhnliche Kritiker den Gegenstand seiner Kunst und mu daher seine lebendige Einheit unvermeidlich zerstren, ihn bald in seine Elemente zersetzen, bald selbst nur als ein Atom einer greren Masse betrachten. [...]
Mit dem vierten Band scheint das Werk gleichsam mannbar und mndig geworden. Wir sehen nun klar, da es nicht blo, was wir Theater oder Poesie nennen, sondern das groe Schauspiel der Menschheit selbst und die Kunst aller Knste, die Kunst zu leben, umfassen soll. Wir sehen auch, da diese Lehrjahre eher jeden anderen zum tchtigen Knstler oder zum tchtigen Mann bilden wollen und bilden knnen als Wilhelmen selbst. Nicht dieser oder jener Mensch sollte erzogen, sondern die Natur, die Bildung selbst sollte in mannigfachen Beispielen dargestellt und in einfache Grundstze zusammengedrngt werden. [...] So stehen hier die gediegenen Resultate einer Philosophie vor uns, die sich auf den hhern Sinn und Geist grndet und gleich sehr nach strenger Absonderung und nach erhabner Allgemeinheit aller menschlichen Krfte und Knste strebt. [...]
Wie mgen sich die Leser dieses Romans beim Schlsse desselben getuscht fhlen, da aus allen diesen Erziehungsanstalten nichts herauskommt als bescheidne Liebenswrdigkeit, da hinter allen diesen wunderbaren Zufllen, weissagenden Winken und geheimnisvollen Erscheinungen nichts steckt als die erhabenste Poesie und da die letzten Fden des Ganzen nur durch die Willkr eines bis zur Vollendung gebildeten Geistes gelenkt werden! [...]
Erstdruck und Textvorlage: [Anon.:] Über Goethe's Meister. In: Athenaeum. Eine Zeitschrift von August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel. Ersten Bandes Zweytes Stck. Berlin, 1798. bey Friedrich Vieweg dem lteren. - Fotomechanischer Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, Darmstadt. Rtten & Loening. Berlin 1960, S. 323-354.
     

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