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Zwei Argumente gegen die Praxis der Literaturgeschichtsschreibung



Wie die soeben bereits zitierten Bedenken Rene Welleks und Austin Warrens gegenüber der Praxis der Literaturgeschichtsschreibung zeigen, wurde die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit einer Geschichte der Literatur bereits 1949 zum Lehrbuchwissen. Inzwischen sind immer weiter Literaturgeschichten geschrieben worden. Und das wird auch so bleiben. Literaturgeschichten entsprechen offensichtlich dem taxonomischen Bedürfnis des Menschen - dies aber auf paradoxe Weise, paradox deshalb, weil das literarische Kunstwerk, taxonomisch erfasst, um seine Substanz gebracht wird . Auch eine Forwgeschichte der Literatur, die den einzelnen Text in den Kontext einer literarischen Gattung stellt, nimmt an dem, was am Text zur Sprache kommt, Einschränkungen vor. Kein großes Kunstwerk lässt sich als Repräsentant einer literarischen Gattung definieren. Dies hat vehement Benedetto Croce betont: »Jedes wahre Kunstwerk hat eine festgelegte Gattung verletzt.«



David Perkins hat unlängst die Einwände gegen den taxonomischen Charakter aller Literaturgeschichte schlagend fokussiert. Zwei Argumente lassen sich herausheben:
1. Der historische Kontextualismus ist durchaus in der Lage, Textelemente zu interpretieren und zu erklären, indem er sie zu entsprechenden Teilstücken der sozialen und literarischen Matrix in Beziehung setzt. Er ist aber nicht in der Lage, Texte als ästhetische Gebilde zu erfassen. Dieses Argument ist oftmals in Vergessenheit geraten, hat aber niemals eine Antwort gefunden.
2. Kontextuelle Erklärungen können niemals ihren Abschluss finden. Die Vermittlung, der Pfad, der vom angeblichen Kontext zum Text führt, ist ein unlösbares Problem. Die Pfade können niemals vollständig gewusst werden, und wäre dies möglich, könnte kein Buch umfangreich genug sein, sie zu verfolgen. Tatsächlich ist dies eine unendliche Aufgabe, denn zwi-sehen jedem Glied in der Kette der Vermittlungen muss jede Vermittlung spezifiziert werden. Weil zudem der Kontext jedes Textes unendlich ist und jede kontextualisierende Untersuchung nur Fragmente davon zur Sprache bringt, hat der Literaturhistoriker zu erklären, warum er ganz bestimmte Fragmente privilegiert. Andere Untersuchungen können denselben Text oder dieselben Textelemente in zwar genauso relevanten aber völlig unterschiedlichen Kontexten und Netzwerken von Vermittlungen platzieren. Wenn diese verschiedenen Untersuchungen keine Synthese ergeben, müssen wir generell zugeben, dass wir nicht wissen, welcher Kontext korrekt oder ob überhaupt einer korrekt ist. Die historische, kontextuelle Erklärung literarischer Texte beruht letztlich auf einem Glauben, auf einer Intuition, die immer einleuchtend war, aber niemals bewiesen werden kann. Des Weiteren beruht die kontextuelle Erklärung auf einem bestimmten Modell des geschichtlichen Prozesses. Zwischen den Ereignissen, die als Kontext erachtet werden, und dem Ereignis, das sie erklären, muss eine Kontinuität oder kausale Verknüpfung bestehen. Wenn wir uns auf Modelle des Wirklichen verpflichten, die Diskontinuität zwischen den Ereignissen ansetzen, wie das postmoderne Historiker tun, wird die kontextuelle Erklärung logisch unmöglich. Und sie wird noch weitaus zweifelhafter in dem Fall, wo wir das Ausmaß, in dem sowohl das Ereignis als auch der Kontext Konstruktionen der Historiker sind, dermaßen betonen, wie es die postmodernen Historiker tun.
Literaturgeschichten beruhen auf Kontexten. Kontexte aber sind nichts anderes als »taxonomische« Konstrukte , die immer nur einzelne Elemente des literarischen Textes für sich in Anspruch nehmen können. Perkins lässt seine scharfsinnigen Beobachtungen in die Frage seiner zusammenfassenden Monographie münden, ob denn Literaturgeschichte überhaupt möglich sei {Is Literary History Possible?, 1992). Ja, denkt man seine grundlegenden Ãoberlegungen in unserem Zusammenhang zu Ende, dann erweisen sich die taxonomischen Konstrukte als Fiktionen und der literarische Text, englisch fiction, ist mit der Welt, die er aufstellt, das Allerrealste, was es nur geben kann, und darin gerade keine >Fiktionvierfachen Schrift -sinn< aus, dann sind Literaturgeschichten in der Hauptsache Sonderfälle des tropologischen Sinns, unter dienender Nutzung des allegorischen Sinns,denn es wird kanonisiert und verworfen - mit Gründen: aus jeweils heutiger Sicht. Die ästhetische Wertung, das reine Geschmacksurteil im Sinne Kants ist diesen Gründen nur beigemischt, zeigt sich bestenfalls in der Gewichtung der Texte, d. h. an der Ausführlichkeit oder Kürze ihrer Behandlung. Im Bereich der ästhetischen Wertung fehlt es bislang an Terminologie, die ihrem Gegenstand gerecht werden würde.
      Erst das Denken der poetologischen Differenz eröffnet einen Horizont, der es möglich macht, ohne Kontext über einen literarischen Text zu reden, indem ausschließlich die gestalteten Phänomene in den Blick genommen werden, was eine disziplinierte »Objektsynthese« erfordert. Allerdings steht solches Reden und Sehen ständig in der Gefahr, in Kontexte abzugleiten. Das weiter unten ausführlich zu erläuternde Schema des >vierfachen Schriftsinns< wird solche Disziplinierung bieten, doch selbst dann, wenn diese greift, bleibt damit das weitere und eigentliche Problem bestehen: die Sprachnot angesichts der Wirklichkeit der Kunst. Die Schwierigkeit liegt in der Sache selbst, denn ästhetische Erfahrung hat es nicht nötig, verbalisiert zu werden. Wozu aber dann noch das Denken der poetologischen Differenz? Antwort: um Fremdbestimmungen des literarischen Textes einschlägig abweisen zu können. Es erhebt sich nun die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. Auf welche Weise hat es Literatur als Kunst mit der Realität zu tun? Kann Kunst >realistisch< sein?

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