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VERSCHNEIT



Es ist ein Schnee gefallen Und es ist doch nit Zeit. Man wirft mich mit den Ballen, Der Weg ist mir verschneit.
      Mein Haus hat keinen Giebel, Es ist mir worden alt, Zerbrochen sind die Riegel, Mein Stüblein ist mir kalt.
      Ach Lieb, laß dich erbarmen, Daß ich so elend bin, Und schließ mich in dein Arme', So fährt der Winter dahin.
      Verschneit ist eines der ältesten deutschen Volkslieder, das erhalten geblieben ist. Es wurde 1467 zum ersten Mal aufgezeichnet. Die hier bebandelte Fassung ist in dem Deutschen Liederhort, Auswahl der vorzüglicheren deutschen Volkslieder von Ludwig Erk und Franz W. Böhme enthalten, Band II, Seite 270 unter Nr. 423. Das Lied hatte noch drei Strophen müßigen Zusatzes, wie es bei Erk heißt, die schon von Unland fortgelassen wurden.



      Der knappen Dreistrophenform dieses alten Volksliedes merkt man keine zeitliche Erosion an, durch die manches, ursprünglich schöne Gebilde zersungen wurde. Durch seine kompakte Einheitlichkeit ist das Gedicht Verschneit ein durchaus untypisches Volkslied, denn gewöhnlich bildete sich, ausgehend von einem Liedkern, eine lange Reihe von

Strophen, die aus demselben Gefühl heraus sangen. Durch diese Erweiterung ging oft der ursprüngliche Sinnzusammenhang verloren zugunsten des allgemeinen Gestimmtseins, so daß man von der Sprunghaftigkeit der Volksliedstrophen spricht.
      Einheitlichkeit und ein fester Bauwille zeichnen hingegen dieses Gedicht aus. Die Persönlichkeit des Dichters behauptet sich darin. Und wenn sein Lied die Jahrhunderte überdauert hat und zum endgültigen geistigen Besitz des deutschen Volkes geworden ist, so bedeutet das, daß der heute unbekannte Dichter das Wesen volkstümlicher Bmpfindungs-weise vorbildlich zu gestalten verstand.
      Der verhaltene Ton verleiht den Strophen von vorneherein etwas Herbes. Hinter dem episch-formelhaften Es ist ein Schnee gefallen konstituiert sich ein Naturbild, das sehr bald den Bezug zu 'dem Zustand des lyrischen Ich verrät; denn das Winterbild hat nicht bloß die Aufgabe, Atmosphäre zu erzeugen, es geht in seiner Rolle über den üblichen Natureingang hinaus. Die zweite Zeile verrät bereits, daß der Einbruch der Kälte überraschend kam, es blieb dem Menschen keine Zeit, sich dagegen zu wappnen. Aber es ist nicht allgemein von der Härte des Winters die Rede, sondern von seiner Wirkung auf das lyrische Ich, das besagen die letzten beiden Zeilen Man wirft mich mit den Ballen, I der Weg ist mir verschneit.
      Das Ich leidet, es steht allein da, wird von der unpersönlich man genannten Allgemeinheit verhöhnt und verlacht. So wird aus dem heiteren Spiel, aus dem freundlichen Schnee in der Empfindungswelt des lyrischen Sprechers die Quelle des Leidens, des Einsamseins und daraus gibt es keinen Ausweg: der Weg ist mir verschneit.
      Die zweite Strophe scheint den Gegenstand plötzlich zu wechseln; hier ist nicht mehr von der Winterlandschaft die Rede, sondern von einem Haus. Die Stimmung bleibt aber die gleiche, denn auch das Haus ist nicht mehr dazu angetan, Schutz zu bieten vor der Kälte dieser Welt. Das lyrische Ich kann dem hereinbrechenden Winter nichts entgegenhalten. Sein Haus, seine Welt ist nicht mehr widerstandsfähig genug. So kann die Kälte bis in sein Innerstes, bis in sein Stüblein dringen.
      Die beiden ersten Strophen, so schlicht sie sich geben als Natur- und Gegenstandsbeschreibung, häufen doch die Leiderfahrung, das Ausgeliefertsein an die Kälte einer fremden Welt — und in der dritten Strophe kommt dies in der Klage zum Ausbruch. Das zurückhaltende lyrische Nennen wechselt daher zum pathetischen Ansprechen. Die Klage steigert sich zum Hilferuf. Allein die Geliebte könnte vor den Anfechtungender Welt Schutz bieten, bei ihr hofft der Leidende eine Heimat, das Geborgensein, zu finden.
      Die lang zurückgedrängte Gefühlsintensität bricht am Gedichtende so heftig aus, daß dieser Schluß- und Höhepunkt den eigentlichen Erlebnisgrund enthüllt. Das Alleinsein, die Sehnsucht nach einem empfindenden Gegenüber, hat dem Dichter seine Umwelt gefühllos kalt erscheinen lassen, der er sich allein nicht gewachsen fühlt.
      Liebesempfinden wird somit Ausdruck des allgemeinen Weltempfindens. Natur- und Gegenstandsbeschreibung werden unmerklich zur Gestaltung dieser Empfindungswelt ausgeweitet.
      Die gegenständlich aufgebaute Welt weist an keiner Stelle einen Bruch auf. Sie besteht aus Phänomenen des Alltags, das Sprachmaterial reduziert sich dementsprechend auf den Grundwortschatz. Die altertümlichen Formen es ist mir worden alt oder es ist doch nit Zeit und Diminutive wie Stüblein verleihen dem Gedicht auch die volkstümliche Note, ebenso wie der für das Volkslied typische Strophenbau: vier Zeilen, Wechsel von weiblichem und männlichem Zeilenausgang, dem der Kreuzreim entspricht. Die Sätze sind von ansprechender Einfachheit und Prägnanz. Durch die Wiederholung der gleichen Satzstruktur — jede Zeile ein Satz — wird jene Steigerung erzielt, die den Ausbruch des Schmerzes am Schluß vorbereitet.
      Die dritte Strophe des Gedichtes durchbricht auch diese Satzstruktur. Der angeschlossene Nebensatz Ach Lieb, laß dich erbarmen, I daß ich so elend bin deutet darauf hin, daß sich die Schmerzerfahrung nicht mehr zurückdrängen, nicht mehr objektivierend gestalten läßt. Die letzten Zeilen des Gedichtes finden jedoch zur einfachen Satzform und Bildersprache zurück. Sie schließen somit den Kreis der kleinen Welt, die poetisch gesteigert wurde.
      Doch eben von den beiden ersten Strophen bezieht das Gedicht Tiefe und Aussagekraft. Hier wird von innen her die gegenständliche Welt als Empfindungswelt transparent gemacht. Jeder einzelne dieser realitätsverankerten Sätze wird dadurch zum Ausdruck eines gefühlsmäßigen Seins. Man könnte annehmen, daß diese Identität von Bild und Erleben mein Stüblein ist mir kalt — mein Innerstes ist gefährdet, mein Haus hat keinen Giebel — die eigene Welt kann keinen Schutz mehr beiten, unbeabsichtigt sei, daß es eine naiv-ursprüngliche Einheit ist. Aber dagegen spricht der sehr kunstvolle innere Bau des Gedichtes, die Häufung und Steigerung der Gefühlsintensität, die am Ende die Gestaltungskraft des Dichters übersteigt, er schreit sie geradezu hinaus.

     
Allgemein wird angenommen, die geistige Aussage der lyrischen Bilder im Volkslied sei unbeabsichtigt, zur Gestaltung typischer Gefühlslagen würden gerne schon vorgeformte Sprachausdrücke und Bilder herangezogen, wie etwa solche aus der Minnelyrik. Das Gedicht Verschneit bildet eine Ausnahme; es sucht und findet einen schlichten, eigenständigen Ausdruck für ein intensives Schmerzerleben. Seine so einfache Bilderwelt bezaubert durch eine poetische Ausstrahlungskraft, die stets das Ziel echter Lyrik war und bleibt.
     

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