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Kurt Schwitters - AN ANNA BLUME



O du, Geliebte meiner siebenzwanzig Sinne, ich liebe dir! — Du deiner dich dir, ich dir, du mir-

— Wir?
Das gehört nicht hierher.
      Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist
— bist du? — Die Leute sagen, du wärest — laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht. Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf die Hände, auf den Händen wanderst du. Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt. Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich dir! Du deiner dich dir, ich dir, du mir. — Wir?




Das gehört in die kalte Glut.
      Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?

Preisfrage: 1. Anna Blume hat ein Vogel.
      2. Anna Blume ist rot.
      3. Welche Farbe hat der Vogel? Blau ist die Farbe deines gelben Haares. Rot ist das Girren deines grünen Vogels.
      Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebesgrünes Tier, ich liebe dir! — Du deiner dich dir, ichdir, du mir — wir?

Das gehört in die Glutenkiste.
      Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen

Namen. Dein Name tropft wie weiches Rindertalg.
      Weißt du es, Anna, weißt du es schon?

Man kann dich auch von hinten lesen, und du, du
Herrlichste von allen, du bist von hinten wie vonvorne: 'a-n-n-a."

Rindertalg träufelt streicheln über meinen Rücken.
      Anna Blume, du tropf es Tier, ich liebe dir!
Kurt Schwitters ist eine der eigenartigsten Erscheinungen des Dada, dessen extremste Auswirkungen er nicht mitgemacht hat. Er wurde 1887 in Hannover geboren, lebte zeitweilig in der Schweiz, wo er zum Mitbegründer des Dada wurde. Er war gleich begabt als Dichter, Maler und Plastiker. 1919 erschien sein erster Band Anna Blume, 1921 folgte Die Märchen von Paradies und die Schnecke, 1922 Die Memoiren Anna Blumes in Bleie. Eine leichtfaßliche Methode zur Erlernung des Wahnsinns für Jedermann. Unter dem Titel Anna-Blume-Texte hrsg. von Ernst Schwitters, erschien das Gesamtwerk.
      Die neuere Literaturwissenschaft schenkt dem Dadaismus immer noch zu wenig Beachtung, es gibt kaum spezielle Untersuchungen dieses literarischen Phänomens — ausgenommen die Arbeiten und Sammlungen der Dadaisten selbst; in großen literaturhistorischen Werken finden sich die einzigen spärlichen Hinweise. Sehr zu unrecht, denn der Dadaismus ist, jenseits von literarischen Werturteilen, die radikalste Befreiung und Freisetzung dichterischer Energien nicht nur in Deutschland, sondern von weltliterarischer Bedeutung, ohne den verschiedene Strömungen nicht zu erklären sind. Nun soll hier aber nicht der Versuch gemacht werden, den Dadaismus wissenschaftlich einzuschätzen, doch kann Schwitters nur in seinem Kontext verstanden werden, und speziell die Anna Blume nicht erläutert ohne Bezugnahme dazu, denn dadaistische Kunst entzieht sich weitgehend rationaler Exegese — darin eine erste Absicht ihrer Vertreter — und läßt Schlußfolgerungen zu, nur auf die Charakteristiken der Strömung bezüglich. Aber ein Gedicht wie Anna Blume, das nicht ein Modellbeispiel der Strömung ist, erlaubt in seinen Abweichungen auch individuelle Interpretation.
      Woher eigentlich das Wort Dada stammt, ist nicht ganz geklärt worden; einige behaupten, es sei kindersprachlicher Stammellaut, andere wollen es vom französischen Steckenpferd herleiten. Wahrscheinlich spielte beides mit, zusammen mit einer dritten Meinung, die in da-da das rumänische ja-ja sieht, was auch der aus Rumänien stammende Begründer des Dada, Tristan Tzara, behauptet. Doch nicht danach, sondern nach den Äußerungen dieser Richtung, die gleicherweise Malerei, Graphik wie Literatur erfaßte, muß gefragt werden. Gero von Wilpert sieht im Dada eine extreme Kunst- und Literaturrichtung von 1916— 1924, eine Ãœberspitzung und zugleich Verhöhnung der Tendenzen des Expressionismus: der Gefühlsüberschwang lehnt im Streben nach Unmittelbarkeit die ästhetischen Gesetze, logischen Zusammenhänge wie die Kontrolle durch den Verstand überhaupt ab und kehrt in raffinierter Naivität zurück zu primitiven Äußerungen, Wortgestammel, Lauten und Assoziationen ohne Rücksicht auf den Wortsinn ... So allgemein diese Bestimmung des Dada auch ist, nennt sie einige Wesenszüge, die jedem dadaistischen Kunstwerk eigen und in Anna Blume auch nachgewiesen werden können: O du Geliebte meiner siebenzwanzig Sinne. . . als Ãœber-spitzung expressionistischen Pathos' und Verhöhnung seiner Tendenzen; ich liebe dir ist gleichzeitig Ablehnung ästhetisch gängiger Kategorien in der Mißachtung der Grammatik und geht, jenseits einer verstandesmäßigen Kontrolle, über in Assoziationen, ohne Rücksicht auf den Sinn: Du deiner dich dir, ich dir, du mir. I Wir? Die Vertreter des Dada propagierten den Bruitismus, d.h. die Wiedergabe der Umweltgeräusche und Stimmen der Lebewesen in ihrem angeblich sinnlosen Neben- und Durcheinander als Zusammenklang. Diese Simultaneität von divergenten Elementen arbeitete Kurt Schwitters zu einer eigenen Theorie aus, der von ihm selbst sogenannten Aferz-Technik, die einzelne Stücke des Alltagslebens, Abfälle der Zivilisation, in einen Zusammenhang bringen will. Dadurch wird ein Verfremdungseffekt erzielt, der sinnzerstörend wirkt, und das regellose Nebeneinander heterogener Elemente führt auf dichterischer Ebene zur Aufhebung des Bildes. Die Leute sagen, du wärst —• laß I sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht ist ein Beispiel für diese Technik, wo Alltagssprache verfremdend montiert wird.
      Einige Literaturwissenschaftler klassischer Prägung sehen im Dadaismus bloß eine snobistische Erfindung und übersehen dadurch den ausgeprägt sozialen Charakter dieser Strömung, die, scharf antibürgerlich orientiert, es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Relativität und Unsinnigkeit der bürgerlichen Ordnung zu demonstrieren . Der Dada war für eine schrankenlose Anarchie der Kunst, die bis zur Selbstaufhebung ging: Echte Dadas, schrieb Tristan Tzara, sind gegen Dada. Ein erstes Manifest des Dada schrieb ebenfalls Tzara, 1918, wo er die damals ungeheuerliche Behauptung aufstellte, daß das Denken im Mund geschieht, womit er dem Sprachautomatismus die Pforten öffnete, der später für die konkrete Poesie von so großer Bedeutung werden sollte. Aber nicht weltfremde Künstler waren es, die zum Dada gehörten, sie waren auch politisch aktiv. So schrieb 1920 Richard Huelsenbeck: Dada ist die revolutionäre internationale Vereinigung aller schöpferischen und geistigen Menschen der ganzen Welt auf dem Boden des radikalen Kommunismus. Als Vernichtungswaffe der traditionellen Dichtung und Kunst , als aggressives Mittel gegen klassizistische Ästhetik hat, wie Gustav Rene Hocke nachweist, der Dada manieristische Tradition. Er selbst war zeitweilig Vorbild für die französischen Surrealisten, die ihn auch als Strömung aufhoben.
      Eins wird dem Leser der Anna Blume sofort klar: dieses Gedicht will durch Anwendung eigenartiger Mittel schockieren. Das demonstriert gleich der erste Vers, dem pathetischen O du, Geliebte. . . folgt das abstruse Geliebte meiner siebenzwanzig Sinne und persifliert damit das
Pathos und den Sensualismus der Expressionisten. Das pejorative ich liebe dir ist nicht nur grammatische Deformation, sondern auch dialektale Färbung, wie immer, ironisch distanzierend gesetzt und Non-Ge-fühl im Gegensatz zu Gefühlsüberschwang, der die Zeit zeichnete. Außerdem wird damit eine ganze Reihe von Assoziationen auf den Plan gerufen, das du geht durch alle Fälle der Deklination Einzahl, deren Reihenfolge aber ebenfalls nicht genau eingehalten wird. Assoziert wird dadurch das ich und schließlich ein in Frage gestelltes Wir? Gerade der persiflierende Ton sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier die Frage nach der Möglichkeit einer Gemeinschaft überhaupt gestellt wird. Vers 4 entstammt dem Alltagsklischee, aber Sprache auch einer gewissen Literatur, binem-gemerzt in das Gedicht wird er lächerlich gemacht, verstärkt durch das in Klammer gesetzte beiläufig. Ebenfalls assoziativ entstehen, in Zusammenhang zum Anfang, die Verse 5—7 als Verhöhnung der Existenz- und Identitätsfrage. Selbst das Hamletsche Sein oder Nichtsein, abgewandelt die Problematik der Jahrhundertwende, scheint als Sinnrest durch die Zeilen. Auf die Problematik der' Anonymität deutet, wenn man will, das ungezählte Frauenzimmer. Natürlich wird die Frage nach der Existenz — bist du? — nicht beantwortet, sondern aufgelöst in Klischee-Paraphrasen, die Leute sagen . . . laß sie sagen, sie wissen nicht..., immer wird aber auch ein bestimmter literarischer Stil parodiert. Analog zum Vorhergesagten wird in den Versen 8, 9 die Existenz der präsumptiven Geliebten konturiert, vorsätzlich abnorm durch Inversionen und Assoziationen: Du trägst den Hut auf deinen Füssen und wanderst ! auf den Händen wanderst du.
      Die Verse 10—22 basieren auf alogischen Farbassoziationen — auch darin gegen eine literarische Richtung, den Symbolismus, gerichtet — deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt oder Blau ist die Farbe deines gelben Haares, eingebaut wieder die Deklination der Existenz, nie ganz gleich geschrieben, die in die kalte Glut gehört. Es ist sinn-los, diese Farbwidersprüche lösen zu wollen, die eben nur als Spiel und Parodie verständlich sind und darin ihren Stellenwert besitzen. Das sinnentleerte Gerede der Leute wird in der Preisfrage offenbar, wo die Vorliebe der Zeit für Logik und Syllogismen mitparodiert wird, die Tatsache, alles erklären zu wollen. Diese Preisfrage, als Syllogismus aufgebaut, ist ein Fangschluß, ein Musterbeispiel idadaistischer Paralogik. Vers 20—22 können wieder als Anti-Liebesgedicht verstanden werden, auch hier werden Elemente traditioneller Liebeslyrik zusammen-gemerzt, das wir gehört jetzt, assoziiert aus der kalten Glut, in die Glutenkiste, die sofort auf Mottenkiste deutet und damit den Ort der Liebeslyrik anzeigt. Der Name der Geliebten wird nun ge-träufelt, er tropft wie weiches Rindertalg und löst sich in Buchstaben auf, a-n-n-a,geht so seiner Bedeutung verlustig, das Spiel wird vollkommen, Anna blume ist keine reale Geliebte, sie ist eine Erfindung Schwitters, das idicht kann als Satire erklärt werden.
      Daran ändern die folgenden Zeilen nichts, verstärkt werden noch die Tendenzen der Literatur der Zeit, ihr Stil banalisiert und persifliert; der Geliebten wird das große Geheimnis kundgetan, daß sie von hinten wie von vorne: a-n-n-a ist, und das Gedicht endet im Anfang durch idas neuerliche Geständnis: Anna Blume, du tropf es Tier, ich liebe dir!
Grammatische Exerzitien, durchgesetzt von Werbe- und Alltagsspra-che, Farbwidersinn, Sinn- und Syntaxbrechungen und -Verwerfungen, Wortneubildungen werden hier zu einem Antiliebesgedicht ge-merzt, eine Technik, die der Maler und Graphiker Schwitters auf das Gedicht übertrug. Im Aufbau des Gedichts lassen sich jedoch — wie stellenweise im Text auch — Analogien und Regelmäßigkeiten feststellen, so kann das Wir dreimal in gleichen Abständen zu Das gehört. . . festgestellt werden, nämlich in Vers 3, 12 und 22 zu Vers 4, 13 und 23, was ein Interval von 9 beziehungsweise 10 Versen ergibt. Außerdem läßt die Wiederaufnahme, identisch oder pamphrasiert, desselben Sprachmaterials das Gedicht nicht ausbrechen ins Chaos, gibt ihm sogar eine streng symmetrische Form, was die Wiederaufnahme des Anfangs am Ende in eine Ringkomposition noch unterstreicht.
      Man kann nicht sagen, sagt Clemens Heselhaus über die Anna Blu* me, daß in einem solchen ge-'merz"-ten Gedicht der Widerspruch zum alten Liebesgedicht der Deformation noch einen Sinn gäbe. Man wird es vielmehr als eine geniale Groteske lesen müssen, und der Trieb zum Grotesken ist sich darin offenbar selber genug. Da aber auch der Widerspruch vom Gegenpol, die Negation von dem Negierten spricht, wird man diesem Satz nur mit Vorbehalt zustimmen können. Die Wort-Kollagen Schwitters' wirkten und beeinflußten noch jüngste Dichter, z.B. Enzensberger, Heißenbüttel und Rühmkorf, wenn diese sie auch mit anderem Vorzeichen benützen.
     

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