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Georg Trakl - ABENDLAND



Else Lasker-Schüler in Verehrung

Mond, als träte ein Totes Aus blauer Höhle, Und es fallen der Blüten Viele über den Felsenpfad. Silbern weint ein Krankes Am Abendweiher, Auf schwarzem Kahn Hinüberstarben Liebende.

      Oder es läuten die Schritte
Elis' durch den Hain

Den hyazinthenen
Wieder verhallend unter Eichen.




      O des Knaben Gestalt
Geformt aus kristallenen Tränen,

Nächtigen Schatten.
      Zackige Blitze erhellen die Schläfe

Die immerkühle,
Wenn am grünenden Hügel

Frühlingsgewitter ertönt.
     
So leise sind die grünen Wälder Unserer Heimat, Die kristallene Woge Hinsterbend an verfallener Mauer Und wir haben im Schlaf geweint; Wandern mit zögernden Schritten

An der dornigen Hecke hin
Singende im Abendsommer

In heiliger Ruh
Des fern verstrahlenden Weinbergs;

Schatten nun im kühlen Schoß
Der Nacht, trauernde Adler.
      So leise schließt ein mondener Strahl
Die purpurnen Male der Schwermut.
      Ihr großen Städtesteinern aufgebautin der Ebene!
So sprachlos folgtder Heimatlosemit dunkler Stirne dem Wind,kahlen Bäumen am Hügel.
      Ihr weithin dämmernden Ströme!
Gewaltig ängstetschaurige Abendröteim Sturmgewölk.

      Ihr sterbenden Völker!
Bleiche Wogezerschellend am Strand der Nacht,fallende Sterne.
      Georg Trakl , dessen schmales Lebenswerk ein eigenartiges Bildmosaik-abgibt, in dem bestimmte Figuren, Farben, Erscheinungen durch ein ständiges Verschieben zu immer neuen Gebilden zusammengefügt vorgefunden werden, gehört neben Georg Heym, Bise Lasker-Schüler und Gottfried Bonn zu den bedeutendesten Vertretern der expressionistischen Lyrik.
      Von diesem Gedicht, das in der ersten, von Karl Rock besorgten Gesamtausgabe der Dichtungen Georg Trakls als einzige Fassung erschien, liegt auch eine erste vor, die Hans Szklenar durch die von ihm herausgebrachten Gedichtauswahl der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. Es sind dies aber so sehr voneinander abweichende Fassungen, daß sie wohl als zwei selbstständige Gedichte betrachtet werden
Die besonderen Schwierigkeiten, die sich bei der Interpretation eines Trakl-Gedicbts ergeben, liegen entschieden darin, daß es sich nicht als realer Duktus mitteilt, sondern als uneigentliches Sprechen — das Ge-
;sagte ist nicht auch das Gemeinte oder das Gemeinte ist nicht nur das Gesagte. Die Sprache Trakls weist immer auf ein anderes hin, welches nicht ausgesprochen, sondern nur figuriert werden kann. Der Bildzusammenhang wird stellenweise ganz aufgelöst zugunsten eines Sinnzusammenhangs, der nur gewisse Ahnungen im Leser in Bewegung setzt. Die Metaphern geben Anlaß zur Erwägung von Möglichkeiten, ihre Fügung ruft im Bewußtsein des Lesers gewisse Assoziationen wach, es entsteht eine zwingende Spannung zwischen der erfahrenen Realität des aufnehmenden Subjekts und der Wirklichkeit des Gedichts, jedoch ist dieser Dichtung mit Imperativen nicht beizukommen.
      Schon der eingangs im Gedicht Abendland genannte Mond wird nicht in seiner Eigentlichkeit gebraucht. Dadurch, daß der Mond nur genannt und in kein weiteres Geschehn einbezogen wird, und durch das Fehlen des bestimmten Artikels, wird er geradezu entdinglicht und zu einem Zustand umgewertet. Es heißt nicht der Mond, es wird nichts über ihn ausgesagt, sondern es ist Mond; das bezeichnet einen Zustand, dessen Aspekt weiter ausgeführt wird: Und es fallen der Blüten I Viele über den Felsenpfad.
      Durch den auf Mond folgenden Modalsatz wird jener weiter ent-.dinglicht und als Zustand näher bestimmt. Das Neutra ein Totes läßt sich begrifflich nur sehr ungenau erfassen. Das damit Bezeichnete teilt sich nur als Eigenschaft mit, wir erfahren bloß, daß es tot ist, können aber dabei nicht einmal feststellen, ob das ein Lebewesen meint, oder .eine Vorstellung, Erinnerung usw. Also nur mit einer Eigenschaft wird der Mond verglichen, nicht mit einem gehaltlich streng umrissenen Begriff, wobei auch diese Eigenschaft nur Komponente eines größeren Ganzen ist.
      Höhle als Aufenthaltsort, als Bergendes, wäre nun wieder ein sehr weitläufiger Begriff, jedoch erhält er durch das Farbadjektiv eine spezifische Bedeutung . Beide bezeichnen eine Seinsweise reiner, heiler Natur, die als -solche Form noch existiert, aus der aber ein Totes tritt, etwas also, das nicht mehr dem Zustand angehört, in dem es einst gelebt haben mochte. Und erst der ganze Sinn dieses Geschehns als träte ein Totes aus blauer Höhle kennzeichnet den Zustand Mond.
      Die nächstfolgende Bildeinheit erläutert nun die Art dieses Zustands um ein Wesentliches. Mit dem Fallen der Blüten auf den Felsenfpad ist ^wahrscheinlich das Licht der durch die Bäume dringenden Mondstrahlen -verbildlicht, doch trifft diese Feststellung nur das Vordergründige des Bildes und verhilft allein nicht zu dessen Deutung. Was aber darausfolgt und sehr wichtig ist, ist die Tatsache, daß die Blüten mondener Natur sind, also Zeichen des Zustandes Mond. Ist aber das Fallen der Blüten über den Felsenpfad als das Abgestorbensein der Blüten oder als ein blütenbestreuter Weg zu deuten? Das zu entscheiden wäre etwas gewagt, wiewohl auch der vorangegangene Modalsatz und die nächstfolgende Bildeinheit jeweils zwei entgegengesetzte Werte in sich vereinigen.
      Obwohl mit den nächstfolgenden Versen der Bildzusammenhang sehr gelockert wird, veranschaulichen sie denselben Zustand zerstörter Werte, oder doch wenigstens solcher, die im Verfall begriffen sind: Einmal ist es ein Krankes, das aber silbern weint, etwas also, das leidet, aber rein und unschuldig ist , das andere Mal sind es Liebende, die in schwarzem Kahn hinüberstarben. Kahn steht als Metapher für Vorstellungen, im allgemeinen für etwas, das entführt, während schwarz das Böse, Schüld-hafte bezeichnet. Der Vorgang, der sich mit den Liebenden abspielt, wird mit sterben bezeichnet; es ist ein Ãœbergang der an der Liebe Teilhabenden aus einem Zustand in einen andern, der sie aber als Wert zerstört, da das Hinübergleiten in schwarzem Kahn geschieht.
      In der ersten Strophe wird demnach eine Seinsform gestaltet, die nur noch das Bewußtsein echter Werte in sich trägt, Werte, die in Wirklichkeit aber in Verfall begriff-n sind .
      Die Konjunktion oder, mit der die zweite Strophe beginnt, setzt diese gewissermaßen in eine disjunktive Beziehung zur ersten, sie leitet tu einer Existenzmöglichkeit über, die in unbedingtem Gegensatz zur bisher geschilderten Seinsform steht. Diese neue Existenzmöglichkeit ist vor allem an die Gestalt des Knaben Elis gebunden, von dem es ein andersmäl heißt O! wie gerecht sind, Elis, all deine Tage oder Ein goldener Kahn I Schaukelt, Elis, dein Herz am einsamen Himmel . Seine Schritte läuten durch den Hain, es ist ein reines, fast seliges Schreiten, das mit der Gestalt des Knaben und mit seinem Lebensmedium in völligem Einklang steht. Es ist die gleiche Substanz, aus der Elis' Gestalt und sein Lebensraum gefügt sind , wobei hyazinthen als Bezeichnung des Reinsten, Wesentlichsten in Trakls Metaphernwelt angenommen werden kann.
      Die letzten vier Verse fallen wieder aus dem Bildzusammenhang der vorangegangenen. Es wird nicht gesagt, ob es die Schläfe Elis' ist, die von zackigen Blitzen erhellt wird, ihre Zuordnung bleibt in der Schwebe, und so muß angenommen werden, daß damit überhaupt jede Schläfe gemeint wird, die in diesen Elis-Raum tritt. Der Sinnzusammen-hang dieser Strophe muß darin gesucht werden, daß der im zweiten Teil ausgelöste Zustand als Wirkung der Erscheinung Elis' zu betrachten ist. Der Sinn der Daseinsform Elis' prägt auch den Sinn dieses Zustands. Im ersten Teil läuten die Schritte Elis', im zweiten ertönt ein Frühlingsgewitter, einmal ist ein hyazinthener Hain, dann ein grünender Hügel der Schauplatz des Geschehns; auch mag der O-Austruf, den die Gestalt des Knaben geformt aus kristallenen Tränen auslöst, die Wirkung desselben Zustands sein, der auch die Schläfe erhellt. Es sind dies aber nur geahnte Korrespondenzen, doch bliebe auch ohne ihre Gültigkeit bewiesen, daß die zweite Strophe im Gegensatz zur ersten einen Seinszustand heiler, sinnhafter Natur figuriert.
      Diesem ersten Teil des Gedichts, in dem jede Strophe ein Thema anschlägt, das dann in den zwei nachfolgenden Teilen weiter ausgeführt wird, fällt demnach die Funktion einer Ouvertüre zu. Der zweite Teil nimmt das Thema der zweiten Strophe des ersten Teils auf, baut es aus, doch erscheinen schon dunkel und wie von fern Anklänge des zweiten Themas, das dann das Finale beherrschen wird.
      Heimat ist noch die heile, den Menschen aussöhnende Seinsform, jedoch sind ihre Konstituenten in Auflösung begriffen; die grünen Wälder, die durch den Vergleich mit einer kristallenen Woge zum Inbegriff des Reinsten dieser Welt erhoben werden, sind schon sehr leise und müssen schließlich den Grundformen einer aufkommenden Welt weichen. Diese Seinsweise, die die ursprüngliche, naturhafte abwechselt, trägt gewichtige Kennzeichen des Unheils, der Zerstörung in sich.
      Wird diese heile, gesunde Welt der grünen Wälder, in der sich der Mensch geborgen und beheimatet fühlt, auch verdrängt, so besteht sie doch noch als Lebensmcglichkeit und vorerst kommt nur die Ahnung ihres vollkommenen Untergangs auf. Um der Aussage einen größeren Gültigkeitswert zu verleihen, schaltet sich nun das lyrische Ich direkt, als Sprecher einer ganzen Gemeinschaft ein, von der gesagt wird, sie habe im Schlaf geweint. Der Untergang wird noch nicht bewußt sondern nur als Ahnung erlebt, und die einzelnen Glieder dieser Gemeinschaft sind noch Singende im Abendsommer. Eine heilige Ruhe umgibt und beherrscht sie, doch ist dieses Ausgesöhntsein ein Zustand, der mehr durch die Erinnerung an die Wirklichkeit, als durch die gegenwärtige Realität ausgelöst wird. Es ist die Ruhe des fern verstrahlenden Weinbergs, eines Elements, das nicht mehr der nächsten Umgebung angehört, sondern dem unmittelbaren Lebensbereich entrückt ist. Wenn sich im Wandern mit zögernden Schritten und im Abend die Ahnungen des Untergangs immer mehr steigerten, so ist es nun die Nacht, die auch die letzten Zeichen dieser reinen, naturhaften Seinsform auslöscht, als voller Bewußtseinszustand einer verlorenen Welt. Den dieser Welt Angehörigenist der Sinn ihres Daseins genommen, sie sind nur noch Schatten und werden mit trauernden Adlern verglichen. Ähnlich wie diese Vögel, die nur stolz und frei in ihren hohen Gefilden leben können, trauern jetzt auch die einst noch Singenden ihrer Heimat nach.
      Der drittet Teil nimmt das Thema der wertezerstörenden Welt aus der ersten Strophe des ersten Teils auf und steigert es bis zu den Dimensionen einer apokalyptischen Vision. Diese Welt wird vom steinernen Dasein der Städte beherrscht, und der wesentliche Mensch sieht sich ihr machtlos und heimatlos, voll düsterer Ahnungen und Voraussichten , gegenübergestellt. Diese letzte Strophe beginnt mit einem Ausrufesatz, in dem gleichsam eine Mahnung und Prophezeiung an die großen Städte entrichtet wird. Ãœberhaupt ist dies der vorherrschende Ton im ganzen dritten Teil und wird durch noch zwei weitere Ausrufesätze aufrechterhalten.
      Was die in nächster Folge angerufenen Sröme bezeichnen, ist schwerlich zu bestimmen, da Trakl die Objekte nicht nur nennt, sondern immer auch benennt, und das hier mit Ströme Gemeinte aus dem Kontext nicht ersichtlich und in seiner Dichtung als Begriff nicht mehr anzutreffen ist; jedenfalls sind sie als Komponente dieser heillosen Welt zu betrachten, da sie im gleichen, mahnenden Ton angesprochen werden. Eine dem Anzug von Sturmgewölk gleiche Gefahr verdunkelt diese Welt, in der noch letzte Zeichen eines lichtvollen Daseins bangen. Und in diese Zusamrner.balhmg von düsteren Bildern fällt dann wie ein Blitz der Ausruf Ihr sterbenden Völker! und damit ist der Höhepunkt und zugleich das Ende der Vi

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