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Friedrich Hölderlin - BROT UND WEIN



An Heinze

Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse
Und, mit Fackeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg. Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen,
Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt. Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, daß



Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen
Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet. Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,
Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl. Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond, Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt,
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns, Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen,

Ãœber Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.
     

Wunderbar ist die Gunst der Hocherhabnen und niemand
Weiß, von wannen und was einem geschiehet von ihr. So bewegt sie die Welt und die haffende Seele der Menschen,
Selbst kein Weiser versteht, was sie bereitet, denn so Will es der oberste Gott, der sehr dich liebet, und darum
Ist noch lieber, wie sie, dir der besonnene Tag. Aber zuweilen liebt auch klares Auge den Schatten
Und versuchet zu Lust, eh es die Not ist, den Schlaf, Oder es blickt auch gern ein treuer Mann in die Nacht hin,
Ja, es ziemet sich, ihr Kränze zu weihn und Gesang,

Weil den Irrenden sie geheiliget ist und den Toten,
Selber aber besteht, ewig, in freiestem Geist. Aber sie muß uns auch, daß in der zaudernden Weile,
Daß im Finstern für uns einiges Haltbare sei, Uns die Vergessenheit und das Heiligtrunkene gönnen,
Gönnen das strömende Wort, das, wie die Liebenden, sei, Schlummerlos, und vollem Pokal und kühneres Leben,
Heilig Gedächtnis auch, wachend zu bleiben bei Nacht.

     
Auch verbergen umsonst das Herz im Busen, umsonst nur
Halten den Mut noch wir, Meister und Knaben, denn wer Möcht es hindern und wer macht uns die Freude verbieten?
Göttliches Feuer auch treibet, bei Tag und bei Nacht, Aufzubrechen. So kommt! daß wir das Offene schauen,
Daß ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist. Fest bleibt Eins; es sei um Mittag oder es gehe
Bis in die Mitternacht, immer bestehet ein Maß, Allen gemein, doch jeglichem auch ist eignes beschieden,
Dahin gehet und kommt jeder, wohin er es kann. Drum! und spotten des Spotts mag gern frohlockender Wahnsinn,
Wenn er in heilige' Nacht plötzlich die Sänger ergreift. Drum an den Isthmos komm! dorthin, wo das offene Meer rauscht
Am Parnaß und der Schnee delphische Felsen umglänzt, Dort ins Land des Olymps, dort auf die Höhe Cithärons,
Unter die Fichten dort, unter die Trauben, von wo Thebe drunten und Ismenos rauscht im Lande des Kadmos,
Dorther kommt und zurück deutet der kommende Gott.

     
Seliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,
Also ist wahr, was einst wir in der Jugend gehört? Festlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge,
Wahrlich zu einzigem Brauche vor alters gebaut! Aber die Thronen, wo? die Tempel, und wo die Gefäße,
Wo mit Nektar gefüllt, Göttern zu Lust der Gesang? Wo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Sprüche?

Delphi schlummert und wo tönet das große Geschick?
Wo ist das schnelle? wo brichts, allgegenwärtigen Glücks voll,
Donnernd aus heiterer Luft über die Augen herein? Vater Äther! so riefs und flog von Zunge zu Zunge
Tausendfach, es ertrug keiner das Leben allein; Ausgeteilet erfreut solch Gut und getauschet, mit Fremden,
Wirds ein Jubel, es wächst schlafend des Wortes Gewalt: Vater! heiter! und hallt, so weit es gehet, das uralt
Zeichen, von Eltern geerbt, treffend und schaffend hinab. Denn so kehren die Himmlischen ein, tiefschütternd gelangt so
Aus den Schatten herab unter die Menschen ihr Tag.

     
Unempfunden kommen sie erst, es streben entgegen
Ihnen die Kinder, zu hell kommet, zu blendend das Glück, Und es scheut sie der Mensch, kaum weiß zu sagen ein Halbgott,
Wer mit Namen sie sind, die mit den Gaben ihm nahn. Aber der Mut von ihnen ist groß, es füllen das Herz ihm
Ihre Freuden und kaum weiß er zu brauchen das Gut, Schafft, verschwendet und fast ward ihm Unheiliges heilig,
Das er mit segnender Hand törig und gütig berührt. Möglichst dulden die Himmlischen dies; dann aber in Wahrheit
Kommen sie selbst und gewohnt werden die Menschen des Glücks Und des Tags und zu schaun die Offenbaren, das Antlitz
Derer, welche, schon längst Eines und Alles genannt, Tief die verschwiegene Brust mit freier Genüge gefüllet,
Und zuerst und allein alles Verlangen beglückt; So ist der Mensch; wenn da ist das Gut, und es sorget mit Gaben
Selber ein Gott für ihn, kennet und sieht er es nicht. Tragen muß er, zuvor; nun aber nennt er sein Liebstes,
Nun, nun müssen dafür Worte, wie Blumen, entstehn.

     
Und nun denkt er zu ehren in Ernst die seligen Götter, Wirklich und wahrhaft muß alles verkünden ihr Lob.
      Nichts darf schauen das Licht, was nicht den Hohen gefället, Vor den Äther gebührt Müßigversuchendes nicht.
      Drum in der Gegenwart der Himmlischen würdig zu stehen, Richten in herrlichen Ordnungen Völker sich auf

Untereinander und baun die schönen Tempel und Städte
Fest und edel, sie gehn über Gestaden empor — Aber wo sind sie? wo blühn die Bekannten, die Kronen des Festes?
Thebe welkt und Athen; rauschen die Waffen nicht mehr In Olympia, nicht die goldnen Wagen des Kampfspiels,
Und bekränzen sich denn nimmer die Schiffe Korinths? Warum schweigen auch sie, die alten heiigen Theater?
Warum freuet sich denn nicht der geweihete Tanz? Warum zeichnet, wie sonst, die Stirne des Mannes ein Gott nicht,
Drückt den Stempel, wie sonst, nicht dem Getroffenen auf? Oder er kam auch selbst und nahm des Menschen Gestalt an
Und vollendet' und schloß tröstend das Himmlische Fest.

     
Aber Freund! wir kommen zu spät. Zwar leben die Götter,
Aber über dem Haupt droben in anderer Welt. Endlos wirken sie da und scheinens wenig zu achten,
Ob wir leben, so sehr schonen die Himmlischen uns. Denn nicht immer mag ein schwaches Gefäß sie zu fassen,
Nur zu Zeiten erträgt göttliche Fülle der Mensch. Traum von ihnen ist drauf das Leben. Aber das Irrsal
Hilft, wie Schlummer, und stark machet die Not und die Nacht Bis daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
Herzen an Kraft, wie sonst, ähnlich den Himmlischen sind. Donnernd kommen sie drauf. Indessen dünket mir öfters
Besser zu schlafen, wie so ohne Genossen zu sein, So zu harren, und was zu tun indes und zu sagen,
Weiß ich nicht, und wozu Dichter in dürftiger Zeit. Aber sie sind, sagst du, wie des Weingotts heilige Priester,
Welche von Lande zu Land zogen in heiliger Nacht.

     
Nämlich als vor einiger Zeit, uns dünket sie lange,

Aufwärts stiegen sie all, welche das Leben beglückt,
Als der Vater gewandt sein Angesicht von den Menschen, Und das Trauern mit Recht über der Erde begann,

Als erschienen zuletzt ein stiller Genius, himmlisch
Tröstend, welcher des Tags Ende verkündet' und schwand,

Ließ zum Zeichen, daß einst er da gewesen und wieder
Käme, der himmlische Chor einige Gaben zurück, Derer menschlich, wie sonst, wir uns zu freuen vermöchten,
Denn zur Freude, mit Geist, wurde das Größre zu groß Unter den Menschen und noch, noch fehlen die Starken zu höchsten
Freuden, aber es lebt stille noch einiger Dank. Brot ist der Erde Frucht, doch ists vom Lichte gesegnet,
Und vom donnernden Gott kommet die Freude des Weins. Darum denken wir auch dabei der Himmlischen, die sonst
Da gewesen und die kehren in richtiger Zeit, Darum singen sie auch mit Ernst, die Sänger, den Weingott

Und nicht eitel erdacht tönet dem Alten das Lob.
      Ja! sie sagen mit Recht, er söhne den Tag mit der Nacht aus,
Führe des Himmels Gestirn ewig hinunter, hinauf, Allzeit froh, wie das Laub der immer grünenden Fichte,
Das er liebt, und der Kranz, den er von Efeu gewählt, Weil er bleibet und selbst die Spur der entflohenen Götter
Götterlosen hinab unter das Finstere bringt. Was der Alten Gesang von Kindern Gottes geweissagt,
Siehe! wir sind es, wir; Frucht von Hesperien ists! Vi underbar und genau ists als an Menschen erfüllet,
Glaube, wer es geprüft! aber so vieles geschieht, Keines wirket, denn wir sind herzlos, Schatten, bis unser
Vater Äther erkannt jeden und allen gehört. Aber indessen kommt als Fackelschwinger des Höchsten
Sohn, der Syrier, unter die Schatten herab. Selige Weise sehns; ein Lächeln aus der gefangnen
Seele leuchtet, dem Licht tauet ihr Auge noch auf. Sanfter träumet und schläft in Armen der Erde der Titan

Selbst der neidische, selbst Cerberus trinket und schläft.
      Genaue Belege^ für Entstehungszeit und -umstände des Großgedichtes Brot und Wein, das ohne Zweifel den Gipfel der spädiölderlinischen Elegiendichtung darstellt, ließen sich nicht auffinden. Den Motiven nach zu urteilen entstand es zwischen 1800 und 1801, nach Form und Gehalt gehört es zu den sieben umfangreichen Gesängen, die unter dem Leittitel Elegien in den Hölderlin-Ausgaben geführt werden. 1807 druckte Leo von Seckendorff die erste Strophe unter dem Titel Die Nacht gesondert in sei^ nem Musenalmanach ab; Cl. Brentano bezeichnete sie als das liebste Gedicht, das ich kenne. Die vollständige Fassung, für die es drei besonders gegen Ende divergierende Lesarten gibt, druckten erst die späteren, zuverlässigen Ausgaben ab.

     
In höchster dichterischer Vollendung hebt die erste Strophe mit einem Bild des Abends und der anbrechenden Nacht an: die Gassen werden still, die Wagen rauschen hinweg, der geschäftige Markt steht leer, satt von Freuden des Tages gehen die Menschen heim, um zu ruhen, und Gewinn und Verlust des Tages wägt jeder wohlzufrieden zu Haus. Das dreimal wiederholte ruhen prägt sich ein und beherrscht Stimmung und Geschehen. Auch die wenigen Geräusche, die noch hörbar sind, unterstreichen nur die Stille: still ertönen die geläuteten Glocken; das Rauschen der Brunnen wird erst hörbar, wo der stärkere Laut des Tages verstummt, desgleichen das Saitenspiel — vielleicht daß / Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann I Ferner Freuden gedenkt und der Jugendzeit. Der abendlichen Heimkehr von der Geschäftigkeit des Tages entspricht die Einkehr des Menschen in sein Inneres, in die Erinnerung.
      Beherrschte das ruhen den ersten Teil der Strophe, so wiederholt sich in ihrem zweiten Teil ebenso eindringlich dreimal das Wort kommen. Mit dem Abklingen des Tages erscheint demnach zugleich ein anderes, noch Geheimes und Fremdes, noch ganz und gar Unbestimmtes: Jetzt auch kommet ein Wehn; der Mond, I Kommet geheim nun auch; dann erst wird es deutlicher: die Nacht kommt voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns. Hier schon, gegen Ende der ersten Strophe wird deutlich, daß es sich nicht um bloße Wahrnehmungen sinnlicher Art und demnach auch nicht um Stimmungslyrik handelt. Tag, Abend und Nacht werden hier zu Größen von geistiger Bedeutung. Der Mond wird als Schattenbild unserer Erde bestimmt, die Nacht als Fremdlingin unter den Menschen. Mit dem Verklingen des Tages und dem Anbruch der Nacht kommt zugleich etwas Fremdes, Menschlichem Unvertrautes heran. Die diesbezüglichen Beiwörter mehren sich dann in der zweiten Strophe: niemand I Weiß, von wannen und was einem geschiehet von ihr. Selbst kein Weiser versteht, was sie bereitet. Schließlich stellen sich Begriffe wie Schatten und Finsternis für die Nacht ein. Sie kommt als unbekannter Teil des Seins, zieht den Menschen in ein ihm unbekanntes Geschehen, das der Klarheit und Sicherheit des Taees, die wohlzufrieden wägbar war, entgegengesetzt ist. Ist demnach der Tag Sinnbild für gesichertes menschliches Leben, so wird die Nacht Symbol für einen Seins- und Lebenszustand der Unsicherheit.
      Doch damit ist nur die halbe Wahrheit gesagt. Denn auch gegensätzliche Bestimmungen gesellen sich zur Nacht. Das Ungewisse der Nacht kann eine Gunst sein, kann dem hoffenden Menschen Verheißung sein: Aber zuweilen liebt auch klares Auge den Schatten I Und versuchet zur Lust, eh es die Not ist, den Schlaf. Es kann geschehen, daß man gern zur Nacht hinblickt, ja, es ziemet sich, ihr Kränze zu weihn und Gesang. Wesha'b aber das? Woher dieses Wohlgefallen an der Nacht?
Nicht nur daher, daß sie der dauernde Seinszustand der Irrenden und der Toten ist, sondern weil auch sie Gaben zu verteilen hat: Vergessenheit, heilige Trunkenheit, wachen Geist. So haben wir hier das typische späthölderlinische Paradox vor uns, daß nicht nur im sicheren Tag sondern auch in der finsteren Nacht, in der zaudernden Weile für den Menschen einiges Haltbare, d.h. also Werthaftes vorhanden ist. Diesem Gedanken gehört die dritte Strophe: in Tag und in Nacht lebt göttliches Feuer, bestehet ein Maß. Diese Feststellung nimmt der Nacht das Schreckliche. Sie heißt folglich nun auch heilige Nacht, und darum spotte man auch nicht, wenn frohlockender Wahnsinn, wenn Begeisterung den Dichter selbst in der Nacht des Lebens ergreift. In dieser Gewißheit, daß auch die dunkle Erfahrung dem Menschen willkommen sein kann, fordert der Dichter auf: So kommt! Daß wir das Offene schauen, I Daß ein Eigenes wir suchen so weit es auch ist. Es ist die Aufforderung, sich unbekümmert um Wohl und Wehe, um Gut und Böse, die wahre, unerschütterliche Freiheit, die stabile Mitte des Maßes zu erringen, die nur jenseits davon möglich wird.
      Damit hat eine Bilderreihe und ein Gedankengang seinen vorläufigen Abschluß erreicht. Das Gedicht wendet sich nun der Erinnerung an Griechenland zu. Dieses wird durch einige Namen vergegenwärtigt, dann wird metaphorisch gekonnt seine Natur gepriesen. Aber da erhebt sich die Frage nach dem Verbleib jenes Glanzes, der Griechenland ehemals überstrahlte und nun verschwunden ist. Wie die vierte Strophe beim Verfall griechischer Herrlichkeit verweilte, so spricht die fünfte von dem überwältigenden Anbruch einer gott- und glückerfüllten Zeit. Ihr Anbruch gleicht im Gedicht einem blendenden Sonnenaufgang, der fasziniert, in dem der Mensch zwischen heilig und unheilig nicht zu unterscheiden vermag und an den er sich erst gewöhnen muß. Dann aber, wenn er die helle Zeit erkannt hat, müssen dafür Worte, wie Blumen, entstehn. Nach dieser Vision einer rauschhaft-glücklichen Zeit wendet sich die sechste Strophe wieder zurück zu dem Verfall griechischer Herrlichkeit.
      Diese historische Inkursion der Strophen 4—6 hat mehrere Bedeutungen. Zunächst erhärtet auch sie, was im ersten Teil bewiesen wurde: daß auch die negative Seinserfahrung sinnvoll ist, da sie erst den Blick für das Glück schärft: Wenn da ist das Gut, und es sorget mit Gaben I Selber ein Gott für ihn , kennet und sieht er es nicht. / Tragen muß er, zuvor. Dann aber hat dieser Einblick in die Geschichte vor allem den Sinn, das zu beweisen und zu erhärten, was in der dritten Strophe noch recht undeutlich gesagt wurde: Dorther kommt und zurück deutet der kommende Gott. Das wird nun verständlich. Auch Götter kommen und gehen. Wie es Tag und Nacht gibt, so gibt es gottnahe und gottferne, d. h. erfüllte und dürftige Zeit. Den ursprünglichen

Symbolgegensätzen werden zwei neue Paare an die Seite gestellt: blühendes und verfallenes Griechenland, Gegenwart und Abwesenheit der Götter. Als Götter bezeichnet Hölderlin, wie im ganzen Spätwerk so auch hier, jene letzten Tiefen der natürlichen, persönlichen und historischen Erscheinungen, die diese Erscheinungen als sinnvoll ligitimieren. Sie sind die tiefste Substanz des zu bejahenden Werthaften in allen Dingen, die sichtbar wird, wenn alles Zufällige und Gegensätzliche von den Erscheinungen abgestrichen wird. Wie es Tag und Nacht gibt, so gibt es tiefe und flächenhafte, gottnahe und gottferne, erfüllte und dürftige Zeit, auch das Menschen-und Menschheitsschicksal hat Tagesund Nachtperioden, hat helle und dunkle Seiten. Wie aber die Nacht zugleich heilig ist, erquickend sein kann, so ist auch diese Erkenntnis vom tages- oder jahreszeitmäßigen Wandel des Weltschicksals eher tröstend als bedrückend. Tröstend, weil sie überwölbt wird von der aus der historischen Betrachtung gewonnenen Ãœberzeugung, daß alles dem Wandel unterworfen ist; tröstend, weil das lyrische Ich selbst im Dunkel tastet und aus diesem Wissen um den ewigen Wandel Hoffnung schöpft. Auf diese eigene Situation des lyrischen Ich lenkt die siebente Strophe den Blick. Es kommt spät, es hat dürftige Zeit: Zwar leben die Götter, I Aber über dem Haupte droben in anderer Welt. Sie sind fern, sie achten wenig des Menschen. Wörter wie Irrsal, Schlummer, Not, Nacht stellen sich zur Kennzeichnung der Lebenssituation des lyrischen Ich ein. Es dünkt ihm oft, es wäre besser zu schlafen wie so ohne Genossen zu sein. Zwei Dinge bleiben ihm indessen als Trost: 1. das heroische Bekenntnis zum Recht und Sinn des Schmerzes: Aber das Irrsal I Hilft, wie Schlummer, und stark machet die Not und die Nacht. Und 2. die Ãœberzeugung von der Wiederkehr der Götter in richtiger Zeit:
Nämlich, als vor einiger Zeit, uns dünket sie lange, Aufwärts stiegen sie all, welche das Leben beglückt,
Ließ zum Zeichen, daß einst er da gewesen und wieder Käme der himmlische Chor einige Gaben zurück.
      Diese Gaben, die Zeichen und Gewähr für die Wiederkehr der Götter, der Lebenserfülltheit, darstellen, sind Brot und Wein. Brot und Wein sind im christlichen Glauben und Kult symbolhafte Dinge, die die Vergebung der Schuld verkörpern. Da auch im Gedicht auf Christus angespielt wird, könnte man versucht sein, eine Deutung in dieser Richtung zu versuchen. Doch wird man damit nicht weit kommen, da der ganze Kontext einer christlichen Ausdeutung von
Brot und Wein widerspricht: Brot ist der Erde Frucht, doch ist's vom Lichte gesegnet, I Und vom donnernden Gott kommet die Freude des Weins. Dieser donnernde Gott wird anschließend als Weingott, als Dionysos bezeichnet. So hat man auch Brot und Wein nicht als christlich-religiöse Symbole zu nehmen sondern als dichterische, die nicht mit überlieferter sondern mit dichtereigener Substanz gefüllt worden sind. So wenig die im Gedicht angerufenen Götter weder die antiken griechischen noch die christlichen sind , so wenig ist bei Brot und Wein an die Tradition des Abendmahles zu denken. Die Wörter des Titels sind — wie auch der Weingott, der dem Gedicht ursprünglich als Titel vorstehen sollte und wie Christus — für Hölderlin Zeichen für die Wiederkehr einer reichen, erfüllten Zeit, zugleich Zeichen für den Allzusammenhang, in dem der Mensch solch günstiger Zeiten steht. Deshalb kann es in der letzten Strophe, wo Christus mit dem Weingott identisch wird, heißen, dieser söhne den Tag mit der Nacht aus; und deshalb kann auch der Dichter, trotz der dürftigen Zeit, in der er lebt, jubeln und den Weingott feiern: Weil er bleibet und selbst die Spur der entflohenen Götter I Götterlosen hinab unter das Finstere bringt.
      Brot und Wein, dieses sprachlich-künstlerische Meisterwerk, ist vielleicht das charakteristischste Stück der hölderlinischen Alterslyrik. Es macht deutlich, wie der Dichter in der Lyrik nun von aller subjektiven Problematik absieht und um eine Weltanschauungsdichtung großen Stiles bemüht ist. Weil das so ist, so beschreibt man schon einen wesentlichen Teil dieser Dichtungen, wenn man die darin ausgesprochene Welthaltung charakterisiert.
      Voraussetzung auch für diese späten Gedichte im Elegienmaß ist das Bewußtsein von der Nothaftigkeit des momentanen Seinszustandes. Begründet erscheint diese Nothaftigkeit aus dem persönlichen Erleben und aus dem vaterländischen Schicksal. Sowohl das Ich als auch seine Zeitgenossen haben dürftige Zeit. Doch wirksamer und wichtiger als dieses primäre Bewußtsein ist die gewollte und gekonnte Distanznahme von der Leidtatsache. Der Dichter stellt sich in ein Offenes, jenseits der harten Wirklichkeit und findet von der Klage zum Rühmen. Er kann das, indem er der dunkeln Erfahrung selbst positive Funktion erteilt, in dem Sinne wie er sagt Aber das Irrsal I Hilft wie Schlummer, und stark machet die Not und die Nacht, aber auch indem er von einer freien Position her beide, Not und Glück, als ewig wechselnde Jahreszeiten der Menschheit und des Seins hinstellt, die immer wieder kehren in richtiger Zeit. Nicht Klage steht deshalb dem darum Wissenden, dem Dichter, in dunkler Zeit zu sondern wachend zu bleiben bei Nacht, aufnahmebereit zu sein für alles Dasein, das rühmend ins Herz geschlossen werden will, weil es in seinem tieferen Wesen dennoch gut ist.

     
Was die dichterische Vorgangsweise anbelangt, ist dies Gedicht durchaus typisch für Hölderlins Alterslyrik. Als Weltanschauungsgesänge monumentaler Anlage gehen diese Gedichte immer vom Konkreten, von der Lebenserscheinung und den Lebenselementen aus, verallgemeinern diese jedoch so weit, bis im Einzelnen allgemeine Lebensgesetze sichtbar werden. So haben diese Gedichte immer einen dopptelten Boden: einen Vordergrund und eine ganz andere Tiefe, ein Vorläufiges weist auf ein Endgültiges, Hintergründiges hin. Das ist der Grund, weshalb diese Spätgedichte sich als schwierig und oft als mehrdeutig darstellen. Zwar sind die Elegien im Gegensatz zu den späten Hymnen im Sprachlichen noch durchaus eindeutig, doch da das Konkret-Vordergründige nur in den allerweitesten Zusammenhang mit dem Eigentlichen der Tiefe verknüpft ist, wirken sie zunächst unzusammenhängend, alogisch, unverständlich. Die Logik ordnet nur die Tiefe, die bildhafte Oberfläche bleibt auf sie bezogen und gehorcht nur den Anforderungen der Tiefe; in sich ist die vordergründige Bildfügung oft inkohärent. Nicht mehr ein in sich logisches Bildganzes steht für eine geistige Ganzheit, sondern letztere wird durch Bildfragmente verwirklicht. Das Wort wird zu unzusammenhängender Fassade, erst hinter ihr lebt die Schicht des Gesagten, die allerdings immer eine wohlgerundete, in sich klar gegliederte Ganzheit ist.
      Diese lockere Bindung an das Greifbare ermöglicht auch, daß Nebenthemen und -motive sich so leicht verselbständigen, daß es zu einer gleitenden Komposition kommt, in der nicht ohne weiteres das vorhandene vorbedachte Strukturschema erkennbar wird. Es ist deshalb nicht nur von der Monumentalität des Einzelgedichtes sondern auch von seiner Fügung her berechtigt und anschaulich, daß H. A. Korff diese Großgedichte als lyrische Symphonien bezeichnet.

     

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Friedrich  Hölderlin  -  BROT  UND  WEIN    





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