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Erläuterung des vierfachen Schriftsinns



Einen literarischen Text nach dem vierfachen Schriftsinn deuten heißt, ihn in vier Durchgängen erfassen:
1. Der Literalsinn. Zunächst kommt es darauf an, den buchstäblichen Sinn zu verstehen, den Literalsinn - also das, was >dastehtgeistiger< Schriftsinn: allegorisch, tropologisch und anagogisch.
      2. Der allegorische Sinn. Auf der ersten Stufe dieses Ãoberbaus wird die buchstäbliche Bedeutung auf ihre Exemplarik für die Heilsgeschichte angesehen. Das heißt: Der Text wird auf seine Bedeutung für die Zukunft, für die Wendung zum Besseren befragt. Die im buchstäblichen Sinn vorliegende Handlung, die von den Charakteren getragen wird, erscheint jetzt im Licht eines Ziels. Präfiguration und Erfüllung sind hier die Leitbegriffe. Ihr Verhältnis zueinander hat im Verhältnis des Alten Testaments zum Neuen Testament das Muster. Man könnte auch sagen: Der literarische Text wird jetzt auf die Vernunft in der Geschichte angesehen, auf das Prinzip Hoffnung oder, weniger pathetisch ausgedrückt, auf die Anzeichen dafür, dass sich die bestehenden Verhältnisse ändern und verbessern lassen. Wenn dieser Schriftsinn allegorisch genannt wird, so hat das seinen Grund darin, dass alle Geschichte als Allegorese des ursprünglichen, in der Bibel hinterlegten Heilsgeschehens zu verstehen ist. Der allegorische Schriftsinn bestimmt den Ort der geistigen, d. h. exemplarischen Bedeutung eines Textes innerhalb der Vernunft in der Geschichte. Der Ausdruck allegorisch ist also hier in einem ganz speziellen Sinne zu verstehen, nämlich als andere Veranschaulichung, bezogen auf das Evangelium, d. h. auf die Leidensgeschichte Christi. Aber dieser ursprüngliche Bezug muss nicht mitgedacht werden, sobald man den vierfachen Schriftsinn zur Grundlage einer allgemeinen Theorie der Auslegung literarischer Texte erhebt. Das Allgemeine jener Allegorese, die der allegorische Schriftsinn ursprünglich impliziert, ist jetzt nichts anderes als eine Eschatologie unter anderen. So demonstrieren etwa Dostojewskijs Brüder Karamasow eine sub-stanziell andere Eschatologie als Gorkijs Nachtasyl oder Ernst Jüngers He-liopolis. Jeder der drei Autoren hat eine andere Vorstellung vom Ziel der Geschichte.



      Das Allgemeine des allegorischen Schriftsinns ist also die Vorstellung von einer Vernunft in der Geschichte. An dieser Vernunft misst sich der Geschehnisverlauf eines literarischen Textes. Der allegorische Schriftsinn hat mithin die anthropologische Prämisse eines literarischen Textes zur Grundlage: die Exemplarik des Ausgangs der Geschichte. Zwei Grundtypen solchen Ausgangs sind zu unterscheiden: Verheißung und Katastrophe. Die Katastrophe ist als defizienter Modus des Heilsgeschehens zu bestimmen. Das heißt: Das Heilsgeschehen als Erfüllung der Verheißung ist der Selbstvollzug der Schöpfung. Anders gesagt: Das Heilsgeschehen gibt das Maß ab, an dem sich alles andere in seiner Nähe oder Ferne zu ihm messen lassen muss. Alles andere ist Un-Fall, d. h. ein Fall, der nicht vorkommen sollte. Aber so ist es nun einmal: dass die Wirklichkeit aus beidem besteht, aus angestrebter Utopie und erfahrener AntiUtopie .
      Der allegorische Sinn erfasst also den Geschehnisverlauf eines literarischen Textes in seiner Exemplarik für ein vorausgesetztes Heilsgeschehen oder, weniger theologisch ausgedrückt, für eine »irrationale Erfahrungsgewiss-heit« , - noch anders: für eine »Salutogenese« . Das Erfassen des allegorischen Sinns ist ein Abstraktionsvorgang, dessen Woraufhin die anthropologische Prämisse der Welt des Textes ist. Die maßgebende Ãoberzeugung hinter dem allegorischen Sinn besteht darin, dass sich >alles zum Guten wendete Erst auf solcher Grundlage wird alles, was geschieht, zu einer nahen oder fernen Allegorie, nämlich anderen Lesart des ursprünglichen Heilsgeschehens . Dies ist die Folie auch für die Darstellung eines nihilistischen, auf Leugnung allen Heilsgeschehens angelegten Geschehens. Dem Leben Jesu als der tatsächlichen und vollkommenen Anschauung des Heilsgeschehens liegt allerdings die Bedingung der Möglichkeit von Heilsgeschehen überhaupt voraus. Die christliche Eschatologie macht nur Gebrauch von etwas, das in der Natur der Dinge als mögliche Ãobereinstimmung von Heilserwartung und geschichtlichem Verlauf bereits angelegt ist: als Wünschbarkeit, die jedes zielgerichtete, auf Herstellung des Zuträglichen ausgerichtete Handeln trägt. Mit dem Leben Jesu als beglaubigtem und einzigem Heilsgeschehen wird das Universum verchristlicht. »Mond und Licht ist vor Schmerzen untergangen« . 3. Der tropologische Sinn. Wir kommen zum zweiten geistigen Schriftsinn, der sich über dem buchstäblichen Sinn erhebt: dem tropologischen Sinn. Es geht jetzt darum, das Designatum als bildlichen Ausdruck, Trope, fürmeine eigene Situation zu sehen. Tua res agitur, oder: »da ist keine Stel-le,/die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern« . Der Text weist mit dem, was er bildlich, d. h. tropologisch sagt, auf mich, appelliert an mich, an mein Gewissen, an mich als moralische Person: fixiert mich in der Situation, in der ich persönlich geschichtlich stecke. Der tropologische Sinn ist das, was unter der Anwendung des Verstandenen auf mich selbst zu verstehen ist. Die Herauslegung des tropologischen Sinns impliziert meine Stellungnahme zur dargestellten Wirklichkeit des Textes, ist »kritische Historie« im Sinne Nietzsches und lebt vom Hinterfragen. Der tropologische Sinn aktualisiert den allegorischen Sinn, ist Anweisung zur Lebensführung. Die Sache der Dichtung als verstandene Welt wird hier auf das »frische Leben der Gegenwart« bezogen. Der tropologische Sinn bringt die Position des Lesers mit ein und ist deshalb variabel je nach dem psychologischen und historischen Standort des Interpreten. 4. Der anagogische Sinn. Diesem Standort völlig enthoben ist der vierte und letzte, d. h. höchste Schriftsinn: der anagogische, in den Himmel hinaufführende, eschatologische Sinn - die im Jenseits sich erfüllende Verheißung .
      Was aber bedeutet das, wenn der vierfache Schriftsinn aus seiner mittelalterlichen Einbettung losgelöst und in seiner Universalität betrachtet wird? Sein ursprüngliches und zunächst ausschließliches Anwendungsgebiet war das Leben Jesu, d. h. das Neue Testament als Erfüllung der Verheißung des Alten Testaments. Friedrich Ohly liefert in seiner inzwischen klassischen Abhandlung Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter folgende Erläuterung:
Ein im Mittelalter immer wieder angeführtes Musterbeispiel ist das Wort Jerusalem: geschichtlich eine Stadt auf Erden, allegorisch die Kirche, tropologisch die Seele des Gläubigen, anagogisch die himmlische Gottesstadt.
Und ein spätmittelalterliches Distichon hat den vierfachen Schriftsinn auf folgende Weise einschlägig zusammengefasst:
Littera gesta docet, quid credas allegoria, Moralis quid agas, quo tendas anagogia.
      Auf deutsch: »Der Buchstabe lehrt das Geschehene; was zu glauben ist, die Allegorie; was zu tun der moralische Sinn; wohin zu streben die Anagogie.«
Es kommt nun darauf an, den Nutzen, ja die exemplarische Bedeutung der Lehre vom vierfachen Schriftsinn für die Interpretation literarischer Texte zu sehen.
      Warum alle literarischen Texte nach dem vierfachen Schriftsinn zu lesen sind
Der vierfache Schriftsinn war ursprünglich, d. h. bis ins späte Mittelalter, der Heiligen Schrift vorbehalten. Alle profane Literatur hatte nur einen historischen, d. h. buchstäblichen Sinn. Einen höheren, nämlich geistigen Sinn hatte nur die Bibel: das Neue Testament als die erfüllte Verheißung des Alten Testaments.
      Es ist nun folgende Ãoberlegung durchzuführen. Die Abwertung aller profanen Texte gegenüber der Heiligen Schrift hat, poetologisch gesehen, zur Grundlage, dass profane Texte eine Einrede aus einem anderen Sachverständnis zulassen, während die Heilige Schrift, indem sie ein festes Textkorpus bildet, aus dem alles Apokryphe ausgeschlossen bleibt, ein für allemal festhält, was beispielsweise die Evangelisten als »Sekretäre Gottes« als wahr bezeugen. Nur die Heilige Schrift ist Gottes Wort und bezeugt sich deshalb selbst. Und der Glaube daran, der das Apokryphe als später hinzugefügt ausschaltet, ist nicht nur der Glaube an die Wahrheit des Wortes in einem formellen Sinne, der von der ehrlichen Berichterstattung ausgeht, sondern auch der substanzielle Glaube an die Wirklichkeit des Heilsgeschehens. Das heißt: die Wirklichkeit ist von Gott darauf angelegt, dass er sich in ihr offenbart. Der sensus mysticus wird durch die Heilige Schrift zum sensus spiritualis. Das Verborgene tritt zutage. Das ist aber nur möglich, weil die Wirklichkeit selber, d. h. der Verlauf der Geschichte, von Gott als Heilsgeschehen angelegt ist. Mit einem Wort: Die bereitliegende Wirklichkeit, über die die Evangelisten als die berufenen Sekretäre Gottes berichten, ist bereits selbst ein ens creatum, dessen Autor Gott ist. Unter dieser Voraussetzung wird der Tatsachenbericht der Evangelisten zum Protokoll einer Schöpfung und ist damit unun-terscheidbar von einem literarischen Gebilde, dessen Wort sich selbst beglaubigt. Das bedeutet wiederum nichts anderes, als dass wir die Leidensgeschichte Christi wie einen literarischen Text lesen müssen. Konkret gesprochen: wir haben das Evangelium des Matthäus durch Denken der poetologischen Differenz so aufzuschließen wie einen literarischen Text. Die causae finales sind dann die Gedanken Gottes vor der Schöpfung.
      Aus diesem Gedanken ergibt sich, dass der nichtliterarische Text sein Ana-logon im profanen Text findet, wenn wir den literarischen Text als endlichen Text, der sich seiner Natur nach selbst beglaubigt, mit der Heiligen Schrift gleichsetzen, die das Apokryphe aussondert. Die Grundlage solcher Gleichsetzung ist die Selbstbeglaubigung des dichterischen Wortes, wobei dichterisch nichts anderes meint, als den literarischen Text als seiner Natur nach endlichen Text wahrzunehmen, der alles später Hinzugefügte ausschließt, weil er, sobald er zu Ende ist, ein für allemal festgelegt hat, was als >Datum< zu gelten hat. Eine Kritik an den Daten aus einem anderen Sachverständnis lässt der literarische Text ebenso wenig zu wie die Heilige Schrift. Die Formel »Es steht geschrieben« grenzt den literarischen Text ebenso von allen nichtliterarischen Texten ab, wie sie die Heilige Schrift von aller Historie abgrenzt.
      Der profane Text unterscheidet sich mithin von der Heiligen Schrift so, wie sich der nichtliterarische Text von einem literarischen Text unterscheidet. Anders ausgedrückt: Die Heilige Schrift lässt Geschichte so sinnvoll erscheinen, als sei sie von einem Dichter erdichtet worden. So leistet die Heilige Schrift, von einem gläubigen Christen verstanden, die Identität von Wirklichkeit und Heilsgeschehen; und der literarische Text nimmt als das Werk der künstlerischen Intelligenz, die ihn aus der poetologischen Differenz denkt, die Wirklichkeit so in ihren Dienst, dass sie ganz der causa finalis gehorcht. Die causa finalis wird derart ins Werk gesetzt, dass dieses und nur dieses ihre Wirklichkeit ist. Die Wirklichkeit der Dichtung gibt genau das her, was der Dichter von ihr verlangt, indem er sie >setztmultiple Wirklichkeiten denkbar sind, von denen der einzelne literarische Text jeweils eine realisiert. Mit solcher Realisierung ist er zu absoluter Verständlichkeit fähig.
     

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Erläuterung  vierfachen  Schriftsinns    





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