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Else Lasker-Schüler - EIN LIED



Hinter meinen Augen stehen Wasser, Die muß ich alle weinen.
      Immer macht ich auffliegen, Mit den Zugvögeln fort;
Buntatmen mit den Winden In der großen Luft.
      O ich bin so traurig — — — — Das Gesicht im Mond weiß es.
      Drum ist viel samtne Andachtund nahender Frühmorgen um mich.



      Als an deinem steinernen Herzen Meine Flügel brachen,
Fielen die Amseln wie Trauerrosen Hoch vom blauen Gebüsch.
      Alles verhaltene Gezwitscher Will wieder jubeln,
Und ich möchte auffliegen Mit den Zugvögeln fort.
      Else Lasker-Schiiler gehört zu den bedeutendsten Erneuerern des deutschen Gedichts in unserem Jahrhundert. Neben Benn und Trakl ist sie eines der großen lyrischen Talente, die der Expressionismus hervorgebracht hat. Sie verkehrte seit Jahrhundertbeginn in der Berliner Boheme und gehörte seit 1910 der literarischen Bewegung an, die sich um Herwarth Waiden und die Zeitschrift Sturm konstituierte. Ergriffenheit macht das Wesen ihrer Lyrik aus, sie findet dafür eine eigenartige Bildersprache, die ihren Gedichten bis an ihr Lebensende einen besonderen, den Expressionismus überragenden Wert verleihen.
      Ein Lied stammt aus der mittleren Schaffensperiode der Dichterin . Das lyrische Universum von Else Lasker-Schiiler, die phantastische Welt ihrer Bilder entspringt dem intensiven Empfinden, das oft ein Leiden an der Welt ist.
      Die Zweizeilenstrophen verleihen diesem Gedicht eine eigenartige Ruhelosigkeit und Zurückhaltung zugleich.
      Der Einsatz mutet sehr bekannt an. Das kommt daher, daß Else Lasker-Schüler hier, wie in sehr vielen ihrer Gedichte, vorgeformtes Bildgut in ihr Werk einwebt. Oft stammt es aus der orientalischen oder jüdischen Glaubenswelt, häufig auch, so wie in diesem Falle, erkennt man Anklänge an Märchen oder Volkslieder.
      Mit den schlichtesten sprachlichen Mitteln wird von vorneherein die Tiefe Gefühlserschütterung angeklungen: Hinter meinen Augen stehen Wasser, I die muß ich alle weinen. Ein großer, verhaltener Schmerz drängt zum Ausbruch. Es ist eine Trauer, von der sich das lyrische Ich befreien möchte. Die Paraphrasierung des Volksliedes Wenn ich ein Vöglein war läßt diesen Wunsch in der zweiten Strophe Bild werden. Dabei erhält auffliegen die Bedeutung des Sich-Erhebens über den Schmerz, die Zugvögel hingegen werden zum Sehnsuchtsbild der Freiheit, der inneren Distanzierung. Der Gedanke an dieses Berfreitsein führt dann in der dritten Strophe zu übermütigen Phantasierspielereien. Die schlichte Sprachgebung des Volksliedes wird aufgegeben und dabei neuartige Vorstellungen geprägt. Das Verb buntatmen schafft eine solche, und auch das Beiwort groß zu Luft wirkt überraschend.
      Mit der sprachlichen Zurückhaltung gibt das lyrische Ich zugleich auch die gefühlsmäßige preis, und so kommt es am Beginn der vierten Strophe unvermittelt zu einer bildlos offenen Aussage: O ich bin sotraurig-----------------. Nach diesem Durchbruch der Trauer setzt atemlose
Stille ein, graphisch durch die vier Gedankenstriche gekennzeichnet. Es scheint, als ob das Ich selbst vor dieser Aussage erschrickt, selbst nicht mehr weiter wüßte in der Erkenntnis seiner Seelenlage.
     
Zögernd kommt der Neueinsatz. Er klammert sich wieder an überkommene Vorstellungen. Der kindliche Glaube an den Mann im Mond klingt in der Zeile Das Gesicht im Mond weiß es auf. Else Lasker-Schüler übernimmt bewußt jene vermenschlichende Sicht von der Natur, die es dem Menschen seit je erleichtern sollte, vor ihr zu bestehen. Sie wird näher gerückt, sie wird dadurch zum verstehenden Vertrauten.
      Die nächste Strophe erweckt uralte Vorstellungen von der Natur als Trösterin, wie sie immer schon in der Dichtung ausgesprochen wurden. Doch findet die Lyrikerin neuartige Bilder dafür; denn die heilende Wirkung ist in dem Beiwort samtne verborgen, die keimende Hoffnung hingegen in dem nahenden Frühmorgen. Die Steigerung, die in diesem Wort enthalten ist, bewirkt die Potenzierung einer in der Dichtung festgefügten Konzeption, wonach der Morgen, der neue Tag, Erlösung und Neubeginn bedeutet.
      So wie am Ende der zweiten Strophe führt auch hier die Suche nach der Geborgenheit in althergebrachten Bildvorstellungen zum unvermittelten Ausbrechen des eigenen Schmerzes. Die sechste und siebente Strophe enthüllt dessen Wurzeln. Sie liegen in der Vergangenheit; deutlich wird das durch die Konjunktion als und den Wechsel zum Imperfekt: Als an deinem steinernen Herzen I meine Flügel brachen, II Fielen die Amseln wie Trauerrosen I hoch vom blauen Gebüsch. Fünf Stufen, die relativ selbstständigen Strophen führten allmählich zu diesem Liedkern, der aus der Verbindung zweier Strophen entsteht. Durch ihre Verflechtung in einen Satz erhalten sie das notwendige Gewicht, um die dunklen Töne des Leides zum Ausschwingen zu bringen. Das Leid bricht mit ganzer Kraft hervor.
      Auch diesmal beginnt die Dichterin mit bekannten lyrischen Vokabeln. Das steinerne Herz gehört zum Grundbestand poetischer Äußerungen und erinnert darüber hinaus an ein bekanntes Märchen. Von dorther aber entwickelt Else Lasker-Schüler die eigene Ausdrueksweise. Ihre Metaphern bilden dabei eine Welt, in der ein Bild aus dem anderen wächst, ohne den Wirklichkeitsbezug jedesmal erkennen zu lassen.
      Das durch Liebe beflügelte Ich zerbrach an der steinernen Gefühllosigkeit des Du; die Flügel des Ich, selbst nicht mehr vollkommen ins Begriffliche übertragbar, stellen die Verbindung zu den Amseln her, und diese wiederum werden mit Trauerrosen verglichen, die vom Gebüsch fielen. Das Vermischen von Naturelementen verschiedener Sphären bewirkt ein Verdichten der symbolischen Ausdruckskraft dieser Zeilen. Die Amsel als Symbol des Todes, und die Rose als Zeichen der Liebe sind schon an sich reich an ipoetischen Bezügen. Die Neuprägung Trauerrosen verknüpft die beiden Erlebnispole, denn die Liebe steht hier im Zeichen der Trauer, des Verlustes, also auch in dem des Todes.
      Amseln und Trauerrosen fielen hoch vom blauen Gebüsch; der dem Ich zugefügte Schmerz muß also sehr groß sein. Das Beiwort blau zu Gebüsch wird von jeder ausmalenden Funktion befreit und zum poetischen Symbol gesteigert. So wie auch bei dem ihr wesensverwandten Generationsgenossen Georg Trakl bezeichnet die blaue Farbe in vielen Gedichten von Else Lasker-Schüler einen 'paradiesischen Glückszustand. Von dort ist also das Ich herausgefallen in den schmerzlichen Zustand des Jetzt.
      Nachdem dieses Erlebnis ausgesprochen ist, finden die letzten beiden Strophen wieder zur Tonart des Anfangs zurück: Alles verhaltene Gezwitscher I will wieder jubeln. Diese Zeilen drücken eine Lebensfreude aus, die in der Natur niemals eingedämmt werden kann. Doch scheint das lyrische Ich von dieser Bereitschaft und Kraft zu überwinden nicht ganz erfaßt zu sein. Die gewandelte Form, in welcher die zweite Strophe am Schluß wieder aufgenommen wird, deutet darauf hin: Und ich möchte auffliegen I mit den Zugvögeln fort. Nachdenklich wirkt dieser mit und eingeleitete Satz; er erzeugt eine Distanz zu dem verhaltenen Gezwitscher der immer lebendigen Natur: die Bereitschaft, den Schmerz zu überwinden, hat das lyrische Ich sich erkämpft, das Gedicht selbst ist der erschütterndste Beweis dafür, es trägt aber noch sehr deutlich die Spuren des Erlittenen.
      Bau und innere Bewegung dieses Gedichtes fließen aus dem Erleben des lyrischen Ichs. Die eigenartige Welt, die Else Lasker-Schüler aus Teilen der Wirklichkeit zusammenfügt, spricht durch ihre Unmittelbarkeit an. Wie Trakl und Benn führt auch sie die Lyrik auf eines ihrer Grundelemente zurück und bereichert sie dadurch. Während Trakl die Metapher erneuerte, Benn die Sprache in Rhythmus verwandelte, fand Else Lasker-Schüler zurück zum Gedicht als schlichter Gefühlsausdruck.
     

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