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Sichtweisen der moderne ii: phantastik und schrecken

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The Good, the Bad and the Ugly': Ã"sthetik des Häßlichen



Die Verwandlung, die das schöne Antlitz zerstört und zur häßlichen Fratze werden läßt, die eine verborgene Wahrheit zutage fordert und eine harmonische Existenzform als reine Fassade entlarvt, die den gepflegten Schein demontiert und mit dem verrotteten Sein konfrontiert, tritt im phantastischen Genre in verschiedenen Variationen und mit jeweils verschiedenen Konnotationen auf, wobei Verwandlungen von Menschen in Tiere oder tierähnliche Kreaturen dabei besonders häufig sind. Seeßlen und Weil bezeichnen die Verwandlung daher als 'die formale Primärstruktur des Horror-Films." Soziale, historische, philosophische, anthropologische und tiefenpsychologische Deutungen lassen sich auf die Erscheinungsformen dieses zentralen Motivs applizieren, und dessen Vielschichtigkeit und Polyvalenz soll an dieser Stelle nicht reduziert oder verleugnet werden. Unter Rücksichtnahme auf die Ãobersichtlichkeit der Darstellung empfiehlt es sich jedoch, hier hauptsächlich auf die Polarität zwischen Schönheit und Häßlichkeit, die all diese Verwandlungen auszeichnet, und auf die daraus abzuleitenden Implikationen hinsichtlich der Rationalismus-Irrationalismus-Problematik der Moderne einzugehen.



      Das Häßliche erscheint zunächst als eine Abweichung von der Norm, als das Andere, das Fremde, das sich den Sehgewohnheiten und den kulturell und traditionell verankerten Vorstellungen von Ebenmaß, Normalität, Schönheit widersetzt. Es beruht auf einer ästhetischen Wertung, die immer schon eine Schönheitsnorm voraussetzt, denn ,,[d]aß das Häßliche ein Begriff sei, der als ein relativer nur in Verhältnis zu einem andern Begriff gefaßt werden könne, ist unschwer einzusehen. Dieser andere Begriff ist der des Schönen, denn das Häßliche ist nur, sofern das Schöne ist, das seine positive Voraussetzung ausmacht. Wäre das Schöne nicht, so wäre das Häßliche gar nicht, denn es existiert nur als die Negation desselben."1

   In einer Epoche der Aufklärung, in der Rationalismus zur Norm erhoben wird, muß sich alles Abweichende den Vorwurf des Irrationalen gefallen lassen. In der Tat entsteht hier eine Korrespondenz zwischen dem ästhetischen Begriffspaar Schön-Häßlich und der philosophisch-anthropologischen Dichotomie Rational-Irrational. Ebenso wie das Häßliche nur als Negation des Schönen vorstellbar und erklärbar wird, gibt sich das Irrationale als Negation des Rationalen und als Abweichung von den Normen der Vernunft zu erkennen. In diesem Funktionszusammenhang symbolisieren die Phänomene des Häßlichen in der Phantastik vorderhand auch das Prinzip des Irrationalismus. Triebhaftigkeit und niedere Instinkte nehmen die Gestalt häßlicher, unmenschlicher Wesen an und repräsentieren in dieser Form eben auchdie entfesselten Kräfte irrationaler Impulse, Gegenkräfte und Negationen der aufgeklärten Vernunft. Die Ã"sthetik des Häßlichen, die das Genre des Phantastischen und des Horrors allgegenwärtig durchzieht und prägt, geht auf in einer Ã"sthetik des Irrationalen und einer Ã"sthetik unterdrückter und aus dem rationalen Bewußtsein verdrängter Triebe. Freud charakterisiert das Unheimliche als das durchaus Bekannte, das jedoch verdrängt wurde und plötzlich mit erschütternder Gewalt ins Bewußtsein zurückkehrt, 'verdrängte infantile Komplexe" und 'überwundene primitive Ãoberzeugungen"116, verbotene Wünsche und triebgesteuerte Bedürfnisse, die sich der zivilisierte und sozialisierte Mensch versagen muß, die ihn gleichwohl in Augenblicken des Kontroll-verlusts überkommen und bedrängen - sei es in seinen Gedanken und Träumen oder aber in der symbolischen Form unheimlicher Phantome und furchterregender Monster, die literarische und filmische Welten bevölkern; 'dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist. [...] etwas, was im Verborgenen hätte bleiben sollen und hervorgetreten ist."1

   Einen 'Ermöglichungsgrund der Verbindung zwischen dem Triebhaften und dem Gespenstischen" sieht Begemann 'in einer strukturellen Ã"hnlichkeit": 'Das Gespenst, das ja ein schuldbeladenes Wesen ist, das nicht sterben kann, aber auch kein richtiges Leben führt, teilt diese Eigenschaft mit den moralisch verurteilten Trieben und Leidenschaften, die das bürgerliche Subjekt in sich abzutöten strebt, um dann mit Schrecken festzustellen, daß sich das Totgeglaubte 'in der zwölften Stunde des Träumens' regt und als Wiedergänger aus dem Grabe erhebt." Mary Shelleys Roman Frankenstein konnte bereits auf diese Weise gedeutet werden, als die Geschichte einer Abspaltung triebhafter und destruktiver Persönlichkeitseigenschaften, die sich in personifizierter Form gegen das Subjekt selbst und dessen unmittelbare Mitmenschen stellen. Aber nicht nur individuelle, auch kollektive Ã"ngste dringen so an die Oberfläche des Bewußtseins. Aus den gattungsspezifischen Verwandlungen und Normabweichungen entsteht das furchteinflößende Andere, das die Gesellschaft insgesamt unterläuft, das nicht nur einzelne Subjekte, sondern die Gemeinschaft des sozialen Verbundes und die Ausprägungen des geistesgeschichtlichen und kulturellen Status quo in umfassender Weise betrifft und in Frage stellt. Elementare seelische Erfahrungen und emotionale Zustände, verdrängte Bilder und Vorstellungen von universeller Geltung, Archetypen des kollektiven Unbewußten im Sinne Jungs, nehmen in Motiven und Stoffen der Phantastik Gestalt an. Diese archetypische Fundierung verleiht dem Genre durch wiederkehrende, geradezu leitmotivische Handlungsmuster, Personenkonstellationen und Situationen einerseits den Charakter anspruchs-loser, trivialer Unterhaltung, die von Klischees und schablonenhafter Massenproduktion lebt, andererseits seine wirkungsvolle Popularität und hermeneutische Bedeutsamkeit. Im Häßlichen und im Erschreckenden begegnen dem Menschen das Abgründige seiner individuellen Persönlichkeit wie auch die Untiefen seiner anthropologischen Bedingtheit und der Gesellschaftsform, in der er lebt; mit anderen Worten: Der einzelne wird in der Konfrontation mit dem vermeintlich Abseitigen und Widernatürlichen zum exemplarischen Vertreter seiner biologisch und sozial determinierten Art. Der Horror des Irrationalen ist nicht begrenzt auf subjektive Erfahrungen, sondern gewinnt durch seine archetypischen Dimensionen universelle Ausmaße und dadurch auch den Anspruch, Aussagen über allgemeingültige philosophischethische Probleme machen zu können.
      Eine einfache und griffige Formel scheint sich aus all dem abzuleiten: Die Verwandlungen des Schönen in das Häßliche, des Menschen in ein Tier oder ein tierähnliches Wesen spiegeln den Einbruch irrationaler Kräfte in eine rationale Welt wider. In der aufgeklärten Moderne vertritt das ästhetisch Schöne sowohl das ethisch Gute als auch das rational Vernünftige, das Häßliche hingegen verkörpert auf allen Ebenen das Schlechte, Abnorme und Widersinnige - eine saubere, dichotomische Trennung und Zuordnung, die dem klassischen Prinzip der Kalokagathie entspricht, in dieser simplifizierten Form allerdings nicht aufrechterhalten werden kann, sondern im Hinblick auf die dialektische Abhängigkeit rationalistischer und irrationalistischer Prinzipien präzisiert und modifiziert werden muß.
     

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