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Schreiberlust und dichterfrust
Der Postbote muss vielleicht zweimal klingeln, bevor jemand öffnet, Regen oder Schnee versauen ihm manchmal den Tag. Aber hat er den letzten Brief in den Kasten gesteckt und die letzte Zeitung ausgetr
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Warten und Korrigieren und das »Mühlrad der Tage«



Und dann gibt es noch zwei Aufgaben, die den Alltag der Autoren bestimmen: das Korrigieren und das Warten auf Einfälle. Es gibt zwar diejenigen, die druckreif formulieren und Romane in wenigen Tagen vollenden, doch die meisten kennen das Phänomen, dass es nicht vorwärtsgeht. Und im Gegensatz zu einem Busfahrer oder einer Zahnärztin haben sie immer wieder einmal das Gefühl, so blank zu sein wie das weiße Papier vor ihnen, als hätten sie alle ihre Fähigkeiten und Erfahrungen verloren. Der amerikanische Erzähler und Lyriker Raymond Carver kennt das muntere Fortfließen der Arbeit so gut wie ihr Stocken, und er weiß, wie wichtig es ist, das Geschriebene kritisch anzusehen und immer weiter zu verbessern: »Wenn ich schreibe, schreibe ich jeden Tag. Es ist wunderbar, wenn das geschieht. Ein Tag reiht sich an den anderen. Manchmal weiß ich nicht einmal, welchen Wochentag wir haben. Das >Mühlrad der Tage< hat John Ashbery [geboren 1927] das genannt. Wenn ich nicht schreibe, wie jetzt, wenn ich - wie in letzter Zeit - ganz gefangen bin in meinen Lehrverpflichtungen, ist es so, als hätte ich noch nie ein Wort geschrieben oder irgendein Bedürfnis zu schreiben. Dann verfalle ich in schlechte Angewohnheiten. Ich stehe zu spät auf und schlafe zu lang. Aber das ist in Ordnung. Ich habe gelernt, geduldig zu sein und den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Geduld. Wenn ich an Wappentiere glaubte, denke ich, dass mein Wappentier die Schildkröte wäre. Ich schreibe in mehreren Anläufen. Aber wenn ich schreibe, verbringe ich viele Stunden am Schreibtisch, zehn oder zwölf oder fünfzehn Stunden am Stück, Tag für Tag. Ich liebe das, wenn es geschieht. Eine Menge Arbeitszeit, verstehen Sie, wende ich für Revision und Umschreiben auf. Es gibt kaum etwas, das ich mehr mag, als eine Story, die ich schon eine ganze Weile im Haus habe, mir wieder vorzunehmen und zu überarbeiten ... Es dauert nicht besonders lang, den ersten Entwurf der Story zu schreiben, das geschieht normalerweise in einem Rutsch, aber es dauert schon eine Weile, die verschiedenen Fassungen einer Story zu schreiben. Ich habe schon zwanzig oder dreißig Fassungen einer Story geschrieben. Niemals weniger als zehn oder zwölf Fassungen.«



Man kann sich diese Korrekturarbeit an den Fassungen ein wenig wie die Arbeit eines Bildhauers vorstellen, der erst die groben Umrisse in Holz oder Stein haut und dann weitere, immer feinere und immer genauere Details herausarbeitet, bis er endlich sein Werk poliert oder bemalt. Immerhin sind Carvers Geschichten nicht sehr lang, so dass er höchstens ein paar hundert Seiten an verschiedenen Fassungen für eine Geschichte von dreißig Seiten Umfang schreiben muss. Der russische Romancier Leo Tolstoi machte es sich da schon schwerer, denn er schrieb seinen mehr als tausend Seiten langen Roman »Krieg und Frieden« über die Zeit der Napoleonischen Kriege in Russland achtmal um; und alles mit der Hand, mit Schreibfeder und Tinte!
So etwas hätten sich andere Schriftsteller kaum leisten können, weil ihr Alltag von einem »normalen« Beruf und nicht von der Literatur bestimmt war. Unter ihnen gab es Ã"rzte und Juristen, aber auch Verleger oder Lektoren, die gleichsam Autoren im Nebenberuf waren. Im Kapitel »Brotlose Kunst« finden sich die Gründe für so eine Doppelexistenz, wie sie der Jurist Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, der Versicherungsbeamte Franz Kafka oder der Arzt Alfred Döblin führten.
     

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