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Schreiberlust und dichterfrust
Der Postbote muss vielleicht zweimal klingeln, bevor jemand öffnet, Regen oder Schnee versauen ihm manchmal den Tag. Aber hat er den letzten Brief in den Kasten gesteckt und die letzte Zeitung ausgetr
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Fleißige Einsiedler im Dienst der Literatur



Konsequent handelte schon im 19. Jahrhundert Gustave Flaubert, stellte er doch sein ganzes Leben unter das Gesetz der Literatur und des Schreibens. Er hatte zwar nicht wenige Freunde und Freundinnen, aber er sah sie nicht oft, weil er lieber ungestört mit seinen Büchern leben wollte. Besuche empfing er selten und selbst die Hausbewohner - seine Mutter und die Dienerschaft - mussten auf ihn Rücksicht nehmen. Trotzdem widmete er sich intensiv Freunden oder Bekannten, aber eben aus der Ferne, indem er sehr viele und sehr schöne Briefe ver-fasste. In ihnen schildert er seinen Alltag als Autor, der oft eher einer Allnacht glich.




     
Als ihn 1852 ein Freund dringend bittet, doch sein bedauernswert langweiliges und trauriges Dasein in der Provinz zu beenden und lieber ins lebendige Paris zu ziehen, antwortet Flaubert, er könne nicht anders: »So bitter mein ... Leben beklagen, heißt einem Schuster vorwerfen, dass er Stiefel macht, einem Schmied, dass er Eisen schmiedet, einem Künstler, dass er in seinem Atelier lebt. Da ich jeden Tag von ein Uhr mittags bis ein Uhr nachts arbeite, außer von 6 bis 8 Uhr, sehe ich kaum, wozu ich die mir verbleibende Zeit benutzen soll.« Seiner Geliebten Louise Colet schwärmt er 1853 von seiner Einsamkeit vor, die ihm ermöglicht, sich vollkommen auf seine Wortkunst zu konzentrieren: »Ich höre keinen Schritt und keine menschliche Stimme. Ich weiß nicht, was die Hausangestellten machen, die mich wie Schatten bedienen. Ich esse zusammen mit meinem Hund; ich rauche viel, ich heize und arbeite tüchtig. Es ist großartig.« Unverständlich findet Flaubert lediglich das fehlende Verständnis seiner Freunde für diese Lebensweise.
      In weniger glücklichen Stunden flucht Flaubert über seine Existenz als Schriftsteller: »Seit fünfzehn langen Jahren arbeite ich wie ein Pferd. Mein ganzes Leben habe ich in dieser Verbissenheit des Monomanen [jemand, der nur um eine Sache kreist] gelebt, unter Ausschluss meiner anderen Leidenschaften, die ich in Käfige sperrte und nur manchmal besuchte, um mich zu zerstreuen. Oh, wenn ich jemals ein gutes Werk schaffe, habe ich es wohl verdient.«
Neben den etwa zehn Stunden pro Tag reiner Schreibarbeit wird Flaubert nicht müde, Bücher zu lesen, Informationen zu sammeln, zusätzlich zu Latein auch noch Griechisch und Englisch zu lernen und Briefe zu schreiben. Dann kann es schon 3 Uhr oder gar 5 Uhr morgens werden, bis er ins Bett findet. Tiefes Leiden und tiefe Lust wechseln sich häufig ab, je nachdem, ob ihm etwas gelingt oder nicht: »Ich liebe meine Arbeit mit einer frenetischen, pervertierten Liebe, wie ein Asket [ein Anhänger sehr anspruchslosen Lebens] sein härenes Hemd [Büßerhemd] , das ihm den Bauch zerkratzt. Wenn ich mich manchmal ganz leer fühle, wenn der Ausdruck sich mir versagt, wenn ich, nachdem ichlange Seiten hingekritzelt habe, merke, dass ich keinen einzigen Satz zustande gebracht habe, lasse ich mich auf meinen Diwan fallen und bleibe dort stumpfsinnig in einem Sumpf der inneren Qualen liegen. Ich hasse mich und klage mich wegen dieses aberwitzigen Hochmuts an, der mich hinter dem Trugbild herkeuchen lässt. Eine Viertelstunde später hat sich alles verändert; das Herz klopft mir vor Freude. Am letzten Mittwoch musste ich aufstehen und mein Taschentuch holen, denn die Tränen liefen mir übers Gesicht. Ich war beim Schreiben selbst von Rührung ergriffen worden, ich genoss entzückt sowohl die Erregung meiner Idee als auch meines Satzes, der sie wiedergab, und die Befriedigung darüber, ihn gefunden zu haben.«
Flaubert kämpft um jeden einzelnen Klang, um jedes Wort, um jeden Satz. Die Kunst des Stils ist ihm fast alles. Misslungene Formulierungen oder vermeintliche Flüchtigkeiten, auf die er in seinen Büchern stößt, lassen ihn verzweifeln. Deshalb nimmt er genauso ernst wie das Schreiben die anschließende Korrektur, auch wenn sie ihn quält: »In allen Sätzen Wörter finden, die geändert, Gleichklänge, die beseitigt werden müssen, usw., das ist eine unfruchtbare, langwierige und im Grunde demütigende Arbeit. Dabei erlebt man die hübschen kleinen inneren Kränkungen.«
Weil er sein Schreiben so ernst nimmt, ja als Lebensaufgabe begreift, traut sich Flaubert kaum, seinen Alltag zu unterbrechen. Es kommt ihm wie Verrat vor und eine längere Abwesenheit vom Schreibtisch wie vertane Tage. Doch nach langen Monaten an seinem Roman »Madame Bovary« entschließt er sich 1853 zu einem Urlaub am Meer und ist von dessen Wirkung wirklich überrascht: »Diese Ferien sind nicht nutzlos für mich gewesen, sie haben mich aufgefrischt. Seit zwei Jahren war ich kaum an die Luft gekommen; ich hatte es nötig. Außerdem habe ich durch den Anblick des Wassers, des Grases und der Blätter wieder etwas neue Kraft gewonnen. Als Schriftsteller, die immer über die Kunst gebeugt sind, haben wir kaum mehr als eine abstrakte Beziehung zur Natur. Man muss hin und wieder dem Mond oder der Sonne ins Gesicht sehen. Der Saft der Bäume dringt einem durch die langen stumpfsinnigen Blicke, die man auf sie richtet, ins Herz. So wie das Fleisch der Schafe, die auf den Wiesen Thymian gefressen haben, saftiger ist, muss wohl etwas vom Geschmack der Natur unseren Geist durchdringen, wenn er sich in ihr gewälzt hat. Seit acht Tagen bin ich ruhig geworden und genieße einfach das sich meinen Augen bietende Schauspiel... Die Strandgräser, die meine Schuhe streifen, machen mir mehr Spaß als meine Träumereien .«
Vier Jahre später betrachtet er »Madame Bovary«, obwohl das Buch sich sehr anständig verkauft und ihn berühmt gemacht hat, als beinahe misslungen. Der Roman genügt seinen strengen Forderungen an die Qualität nicht und so beginnt die alte Existenzform wieder mit dem neuen Werk »Salammbo«, was Flaubert mit den Worten beschreibt: »Ich werde also mein armseliges, so plattes und ruhiges Leben wieder aufnehmen, in dem die Sätze Abenteuer sind und in dem ich keine anderen Blüten pflücke als Metaphern. Ich werde wie in der Vergangenheit schreiben, einzig um des Vergnügens willen zu schreiben, für mich allein, ohne einen Hintergedanken an Geld oder Aufsehen.«

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