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Schreiberlust und dichterfrust

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Vergnügliche Planlosigkeit und geisterhaftes Diktieren



»Es ist, lieber Leser, ein besonderes Vergnügen, sich hinzusetzen und zu schreiben - ohne überhaupt ein Thema zu haben. Da liegt vor mir nun ein Packen leeres Papier, das ich mit meiner Schrift zu bedecken gedenke, und nicht ein einziges Wort habe ich für diesen Fall vorbereitet, keine Szene, kein Ereignis - und dennoch bin ich weit davon entfernt, mich unbehaglich zu fühlen, vielmehr geht es mir wie bei vielen Gelegenheiten, wenn ich mit meiner Reisetasche und zwei Hemden, vier Taschentüchern, einem Paar Strümpfe und einem Anzug darin die Edwardston-Kutsche bestieg und mit ihr ohne Zweck und Ziel davon-rasselte, in einen aufgehenden Junimorgen hinein, nach Osten, Westen, Norden oder Süden, ganz wie das Schicksal oder der Kutscher es bestimmten.«



Das ist doch die wahre Lust des Schreibens, aufzubrechen, wohin man will, sich vom Computer oder vom Füller entführen zu lassen ins Unerwartete! Der italienische Dramatiker Luigi Pirandello sieht es ähnlich und behauptet sogar, plötzliche Ideen seien dem Nachdenken überlegen. So berichtet er über die Entstehung seines Dramas »Sechs Personen suchen einen Autor«: »Tatsache ist, dass das Stück wirklich in einer spontanen Erleuchtung der Fantasie konzipiert wurde, als alle Elemente des Geistes in einem göttlichen Einklang, wie durch ein Wunder, übereinstimmten und tätig waren. Keinem kühl berechnenden menschlichen Gehirn, und wenn es sich noch so sehr bemüht hätte, wäre es je gelungen, alles zu erkennen und zu erreichen, was die Form des Stücks erforderte.«
Das klingt nun so, als habe bewusste Planung für Autoren praktisch keine Vorteile, ja vielleicht sogar Nachteile. Soll man also auf Einfälle warten und dann unbeschwert drauflosschreiben?
Dafür spräche auch die Auffassung zweier Schriftsteller aus Russland: eines Mannes und einer Frau. Die Dichterin Anna Achmatova erklärte das Dichten mit einem fast schon unheimlichen Vorgang: »X. fragte mich, ob es schwer oder leicht sei, Gedichte zu schreiben. Ich antwortete: entweder diktiert sie einer, dann ist es ganz leicht; wenn keiner diktiert, ist es schlicht unmöglich.« Ist der Dichter also nur ein Gehilfe seltsamer, geisterhafter Stimmen, die ihm Verse eingeben, also »diktieren«? Kann er seine Kunstwerke gar nicht beeinflussen? Achmatowas Kollege Vladimir Nabokov schrieb auch Gedichte, vor allem aber Romane, die faszinierend genau gebaut sind. Wenn man sie aufmerksam liest, was viel Vergnügen bereitet, erkennt man ein Geflecht von Motiven und Ereignissen, bemerkt Querverbindungen über hunderte von Seiten hinweg, nimmt wahr, wie Wörter und Handlungen und Ereignisse exakt aufeinander bezogen werden. Für Nabokov war das Bewusstsein das Höchste, weshalb er sogar den Schlaf hasste. Eine Sache zu beurteilen vermeidet er in seinen Büchern, dafür hat er große Lust am Beschreiben und liebt die Kunst, richtige, schillernde, vieldeutige Wörter zu finden. Die Aussage eines Buches, seine Moral ist Nabokov dagegen unwichtig. Er spricht davon, dass er von Anfang an den Eindruck des fertigen Buches habe: »Ich befürchte, mit Plato verwechselt zu werden, für den ich nichts übrig habe, aber ich glaube, in meinem Fall ist das ganze Buch, bevor es geschrieben ist, tatsächlich als Idee in einer anderen, mal klaren, mal verschwommenen Dimension schon fertig, und meine Aufgabe ist es dann, so viel davon herunterzuholen, wie ich erkennen kann und so genau es mir menschenmöglich ist. Das größte Glück beim Schreiben empfinde ich, wenn ich das Gefühl habe, dass ich nicht verstehen kann, oder besser gesagt, wenn ich mich dabei ertappe, dass ich nicht verstehe, wie oder warum ein bestimmtes Bild, ein struktureller Zug oder die genau richtige Formulierung eines Satzes mir eingefallen sind. Es ist manchmal sehr amüsant, wie die Leser auf stocknüchterne Art versuchen, dieses wilde Tun meines nicht sehr tüchtigen Geistes aufzuklären.« Natürlich scherzt Nabokov hier ein wenig und untertreibt maßlos seine Fähigkei ten, aber trotzdem bleibt da die Ãoberzeugung, er müsse immer wieder etwas gleichsam nur abschreiben statt neu erschaffen.
      Fast resigniert meint der Dichter Joseph Brodsky , der

Autor sei doch bloß ein »Papagei«, Paul Valery behauptet, er sei nur »ein Ãobersetzer«, und Osip Mandelstam fügt an, er sei praktisch »ein Sekretär«. Dabei heißt das Wort »Autor« auf Deutsch »Urheber, Schöpfer«, was doch eher an einen Gott als an einen Papagei oder Sekretär denken lässt. Wie kommen dann alle darauf, ihnen werde lediglich diktiert, sie plapperten nur nach, sie übersetzten bloß?
Es liegt daran, dass vor allem Schreiben und Planen die Sprache immer schon existiert. Sie ist selbst schon geformt und strukturiert durch die Grammatik. Von der kann ein Autor zwar abweichen, aber nicht beliebig, will er noch verstanden werden. Des Weiteren existieren bereits Millionen Bücher, von denen Autoren eine Menge gelesen haben. Sie beeinflussen die Schriftsteller, regen sie an zum Weiterspinnen oder zum Widerspruch, wie du im Kapitel »Fortsetzung folgt« lesen kannst. Schließlich bestehen, wie im vorigen Kapitel erwähnt, für bestimmte Gattungen und Bücher Regeln, und es gibt Meisterwerke, die als Muster dieser Art von Literatur gelten. Wer einen Horror-Thriller schreibt, wird wohl an Stephen Kings Werken gemessen, wer Krimis verfasst, wird mit Agatha Christie oder Raymond Chandler verglichen. Insofern fängt niemand bei Null an, immer gibt es Voraussetzungen, Regeln, Traditionen, Vorläufer und geformtes Material mit eigenen Gesetzen. Das nimmt Freiheiten, erleichtert aber doch das Schreiben, weil man viele Dinge sich nicht selbst ausdenken muss. Der Autor wird also nur innerhalb der Vorgaben und Grenzen seine Originalität entwickeln und seine Freiheit nutzen.
      Warum planen Autoren dann aber trotzdem so oft, so viel und so gern? Zuerst einmal macht Planen Spaß und ist häufig ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg von der Idee im Kopf zum fertigen Buch. Die Idee konkretisiert sich, gewinnt an Gewicht und es stellt sich für den Autor meist eine größere Sicherheit für das weitere Vorgehen ein. Das spielerische oder quälende Herumdenken bekommt Struktur, Bahn und Ziel.
      Viele Schriftsteller können sich so stark konzentrieren, dass sie im Kopf planen. Zu ihnen gehören Vladimir Nabokov, der ganze Romanabschnitte im Geist strukturiert und schreibt, oder Adolf Muschg , der sagt: »Ja, der Roman ist ein Spezialfall; man kommt ohne einen Bauplan im Kopf nicht aus.« Doch selbst Muschg schreibt sich einige Grundsätze seines entstehenden Buches auf. Er kann auf diese Weise besser den Ãoberblick behalten und vergisst nicht so leicht etwas.
     

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