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Schreiberlust und dichterfrust

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Mit Plan und Lust am Drauflosschreiben



Man sieht es dem Plan zur »Rättin« von Grass jedenfalls an, dass ihm das Strukturieren eine Freude und ein Bedürfnis ist. Sein Kollege Heinrich Böll setzte zusätzlich noch Farben ein, wenn er seine Romane plante. Sein Kombinationsverfahren aus Planung und Drauflosschreiben erklärte er in einem Interview so: »Ich habe meistens nur ein paar Zettel mit Stichworten, und hinter diesem Stichwort steht jeweils ein ganzes Romankapitel, das ich im Kopf habe. Ich fange an, den Roman niederzuschreiben, wenn er sozusagen überzulaufen droht, und dann schreibe ich zunächst einmal drauflos. Sehr lange Zeit, ohne zur Besinnung zu kommen. Das ist ein Zustand hoher Gereiztheit, weil ich immer das Ganze vor mir haben muss und einfach die Quantität mich erschreckt. Es ist sehr schön und sehr erschöpfend. Wenn ich dann das Ganze des Romans in der ersten Fassung fertig habe, fange ich an, richtig zu arbeiten, und dabei bediene ich mich eines einfachen Hilfsmittels, einer farbigen Tabelle, die drei Schichten hat. Die reale, das heißt die Gegenwart; die zweite ist die Reflcktiv- oder Erinnerungsebene, die dritte die der Motive. Für die Motive habe ich Farbzeichen, auch für die Personen, die ja nur in der ersten und zweiten Schicht auftreten. Ich kann es schwer erklären, ich stelle nur fest, dass diese Farbskalen, deren erste ich schon bei meinem ersten Roman entwickelt habe, immer komplizierter werden. Sie sind eigentlich nur Erinnerungsstützen und Kompositionshilfen, mit denen man nachher, wenn die erste Fassung fertig ist, die Struktur bestimmen, korrigieren, in der man vieles ändern kann. Es sind oft Winzigkeiten, die durch die Kontrollzeichnung korrigiert werden können, und während der erste Arbeitsgang sehr hitzig, sehr engagiert verlief und unbewusst, verlaufen die letzten verhältnismäßig kühl und sehr bewusst.«



Die Pläne von Böll klären und versinnbildlichen also, was er unbewusst niedergeschrieben hat, sie zeigen ihm in Farbe, Form und Verbindung, wie was zusammenhängt, wann etwas auftaucht, welche Figur welche Bedeutung hat. Für den Roman »Billard um halb zehn« entstanden drei Pläne, von denen der größte etwa 50 Zentimeter hoch und 200 Zentimeter breit ist. So gut gefielen Böll manche seiner Pläne, dass er sie wie Gemälde rahmte und in seiner Wohnung aufhängte.
      Das lebendige Ineinander von Planen und freiem Schreiben, von bewussten und unbewussten Phasen kennzeichnet die Arbeitsweise vieler Autoren, wobei oft plötzliche Einfälle am Anfang stehen, die schon das gesamte Buch erkennen lassen. Spät fing Theodor Fontane an, Romane zu verfassen, obwohl er immer geschrieben hatte: Gedichte, Reiseplaudereien, Zeitungsartikel, historisch unterhaltsame Bücher. Als der erste Roman erschien, war er 59 Jahre alt. Von da an folgten fast Jahr für Jahr neue, obwohl Fontane immer darüber klagte, dass er ein langsamer Schreiber sei. Aber er plante genial. So berichtet er in einem Brief, wie ihm bei einer Wanderung im Harz, wo sein neuer Roman »Cecile« spielen sollte, der Gesamtplan einfiel: »Das beste war, dass ich mit meiner Arbeit plötzlich von der Stelle kam; bis dahin hatte ich nur die Tendenz und ein paar Einzelszenen, mit einem Male aber ging die ganze Geschichte klar vor mir auf, namentlich auch in ihren schwierigen Partien, und heute früh hab ich denn auch alles in 14 Kapiteln niedergeschrieben, das heißt, ganz kurz, jedes Kapitel ein Blatt. Aber es lebt doch nun und strampelt.« Nach dieser schönen raschen »Geburt« muss der Plan nun aber ausgeführt werden und dasbringt Schwierigkeiten mit sich, die Fontane sehr schön erklärt, weshalb ich ihn gleich etwas länger zitieren will.
      Einem Besucher, der auch Romane schrieb und darunter litt, dass er mit Texten manchmal zehn Jahre kaum vorankomme, sagte Fontane, ihm sei »ein solches Stocken fremd«, dabei sei er der »langsamste Arbeiter von der Welt«. »Aber diese Langsamkeit resultiert nur aus Stilgefühl, aus >Feiledies ist ein Stoff

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