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Sachkultur und gesellschaftsstil

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Die gesellschaftliche Bedeutung der Waffen



Man wird der Bedeutung der ritterlichen Rüstung nicht gerecht, wenn man sie nur unter militärischen Gesichtspunkten betrachtet. Der gepanzerte Ritter zu Pferd schien auf den ersten Blick unverwundbar zu sein und konnte jeden, der nicht so gerüstet war, in Schrecken versetzen. Bei näherem Zusehen wird jedoch die militärische Effizienz der ritterlichen Bewaffnung eher frag-würdig. Und durch die waffentechnischen Neuerungen und Verbesserungen der höfischen Zeit ist diese Problematik noch verstärkt worden. Der vollentwickelte Kettenpanzer und die neuen Helme boten zwar einen sicheren Schutz; zugleich wurde die Rüstung aber immer schwerer und der Gebrauch der Waffen dadurch immer unbequemer und strapaziöser. Unter den modernen Topfhelmen konnte man nicht mehr gut sehen und noch schlechter hören , so daß der Ritter einen Begleiter und Aufpasser brauchte, der ihn vor unliebsamen Ãoberraschungen warnte. Außerdem machten die vielen Polster unter der Rüstung den Ritter immer unbeweglicher. Im Ernstfall gerieten die Kämpfer in ihren Ringpanzern so stark ins Schwitzen, daß selbst die größten Helden ab und zu eine Kampfpause einlegen mußten, um sich abzukühlen. Zu Fuß konnte man die schweren Rüstungen kaum noch tragen. »Ich kann meinen Harnisch zu Fuß nicht tragen, der ist zu schwer.« Man konnte die Rüstung auch nicht mehr alleine an- und ausziehen, sondern war auf fremde Hilfe angewiesen. Daß der Ritter für ein ganzes Zeitalter zu einer militärisch beherrschenden Gestalt wurde, ist geschichtlich nur daraus zu erklären, daß es dem Adel über Jahrhunderte gelang, sein Waffenmonopol aufrechtzuerhalten. Es ist auch bezeichnend, daß es im Zeitalter der Ritterheere kaum größere Schlachten gegeben hat. Als die Ritter im H.Jahrhundert zum ersten Mal auf anders ausgerüstete und anders kämpfende Truppen trafen, auf die englischen Bogenschützen und die Schweizer Bauern, wurde ihre militärische Schwäche sofort offenbar.



      Die gesellschaftliche Bedeutung der Waffen ging über die militärischen Funktionen hinaus. Den Dichtern war es weniger um die furchterregende Wirkung der Waffen zu tun als um ihren herrlichen Glanz. »Glänzend wie ein Spiegel war der Helm.« »Da sah man an ihnen leuchten Harnische weiß wie Zinn.« »Sie sahen im Dunkeln den Glanz der hellen Schil-de.« Es war dieser Glanz des weißlich schimmernden Metalls, der den Dichtern den Gedanken eingegeben hat, die Ritter mit Engeln zu vergleichen. »Wie ein Engel stand der Ritter in seiner ritterlichen Rüstung.« »Er schien ein Engel, nicht ein Mensch.« Dazu trug auch das Glitzern des Goldes und der Edelsteine bei, die nach den Schilderungen der Dichter die Waffen der großen Herren zierten. Ebenso wie der Kleiderprunk der höfischen Dichtung hatte auch der Waffenprunk seine Basis in der Wirklichkeit. Reich verzierte Waffen von großem Wert wurden von den zeitgenössischen Geschichtsschreibern verschiedentlich erwähnt.
      Im Verlauf des 13. Jahrhunderts wurde das Erscheinungsbild des gewappneten Ritters mehr und mehr durch die Teile seiner Ausrüstung geprägt, die keine militärische Funktion hatten, sondern dem Schmuck dienten. Bis um 1200 waren nur erst zwei Teile aus Stoff: die Satteldecke und das Lanzenfähnlein, die baniere. Viel bunter wurde das Aussehen, als man anfing, die Schilde mit Wappen zu bemalen und die Helme mit bunten Zimierden zu schmücken. Dazu kamen zwei neue Kleidungsstücke: der Waffenrock und die Pferdedecke . Der Waffenrock war ein ärmelloses Gewand, oft aus buntem Seidenstoff, das über dem Harnisch getragen wurde. Englische und französische Siegel bezeugen es bereits vor 1150. Es muß sehr schnell in Deutschland bekannt geworden sein. Erzbischof Ghristian von Mainz trug in der Schlacht bei Tus-culanum im Jahr 1167 »ein blaues Kleid« über seinem Panzer und dazu »einen goldverzierten Helm«19. Der erste literarische Beleg steht im >König Rother< . Seit Veldekes >Eneit< gehörte der Waffenrock zu jeder Rüstungsbeschreibung. In der waffenkundlichen Forschung findet man den Gedanken, daß die Waffenröcke die Panzer der Ritter vor Regen schützen oder die Ritter vor der Sonnenhitze beschirmen sollten. Ebenso wichtig war sicherlich die repräsentative Funktion dieses Kleidungsstücks. Dasselbe gilt für die bunten Pferdedecken, die in Deutschland zuerst bei Ilartmann von Aue und im Nibelungenlied vorkamen, während die bildlichen Zeugnisse jünger sind. Die Bekleidung der Pferde hatte aller-dings auch einen militärischen Zweck: sie diente dem Schutz der Reittiere, zumal wenn sich unter dem Ãoberwurf noch eine Decke aus Eisengeflecht befand . Wenn jedoch die Schmuckdecken bis auf die Erde herunterhingen , konnte sich das im Kampf als hinderlich erweisen.
      Auf den Ritterbildern vom Ende des 13. Jahrhunderts ist das Metall der Rüstung fast ganz hinter den bunten Stoffen und Zierraten verschwunden. Einen gesuchten Effekt machte es, wenn die verschiedenen Teile der Ausrüstung farblich und im Bildschmuck aufeinander abgestimmt waren. Das geschah entweder in der Weise, daß alle textilen Teile gleichfarbig waren oder das Wappenzeichen des Schildes auf dem Waffenrock und auf der Kovertiure, später auch auf der Baniere und manchmal sogar auf der Zimierde wiederholt wurde . So haben die Dichter seit Veldeke und Hartmann von Aue ihre Helden geschildert.
      Waffen waren im hohen Mittelalter Standesabzeichen. In dem allgemeinen Landfrieden , den Kaiser Friedrich I. im Jahr 1152 erließ, wurde ein generelles Waffenverbot für Bauern ausgesprochen und insbesondere das Tragen von Schwertern und Lanzen untersagt: »Wenn ein Bauer Waffen trägt, sei es Lanze oder Schwert, so soll ihm der Richter, in dessen Amtsbereich er sich befindet, die Waffen fortnehmen oder dafür von dem Bauern 20 Solidi erhalten.« In der gleichzeitig entstandenen >Kaiserchronik< ist die Bestimmung, daß Bauern keine Waffen tragen durften, als ein Gesetz Kaiser Karls des Großen ausgegeben, und die Strafandrohung ist viel schärfer gefaßt: »Am Sonntag soll er in die Kirche gehen; den Stecken soll er in der Hand tragen. Wird da ein Schwert bei ihm gefunden, soll man ihn gefesselt zum Kirchenzaun führen. Dort soll man den Bauern festhalten und ihn an Haut und Haaren strafen.« Wie die Wirklichkeit aussah, ist schwer zu beurteilen. Auch im 12. und 13. Jahrhundert sind Bauern gelegentlich zum Heeresdienst aufgeboten worden,und die späteren Landfrieden haben ein so striktes Waffenverbot nicht wiederholt. Der Bayerische Landfriede von 1244 erlaubte den Bauern, auf dem Kirchgang »Rüstungen und Helme, Halspolster und Leibpolster aus Buckram und lateinische Messer« zu tragen; den »Hauswirten« war auch das Schwert erlaubt. Daher werden die satirisch verzerrten Neid-hartschen Bauern, die mit ihren langen Schwertern zum Dorftanz erschienen , nicht gänzlich ohne Bezug auf die Realität entworfen worden sein. Grundsätzlich galt jedoch die ritterliche Bewaffnung als ein Ausweis adliger Standeszugehörigkeit.
      Schwert und Lanze haben als Insignien der Herrschaft eine große Rolle gespielt. Seit der Karolingerzeit gab es Kaiserbilder, die den Herrscher auf dem Thron sitzend zeigten, flankiert von zwei Waffenträgern mit Schwert und Lanze. Das Reichsschwert und die Reichslanze, die mit der im Jahr 1098 in Antiochia aufgefundenen Heiligen Lanze identifiziert wurde, gehörten zu den ehrwürdigsten Zeichen der Kaiserherrschaft. Das Schwert war auch ein Symbol der Gerichtshoheit. Bei feierlichen Anlässen wurde dem Herrscher, als Zeichen seiner Macht, sein Schwert vorangetragen. Das Amt des zeremoniellen Waffenträgers galt als eine hohe Auszeichnung und wurde meistens einem Fürsten verliehen, der gerade in seinem Rang bestätigt oder erhöht worden war. So huldigte König Magnus von Dänemark Kaiser Lothar I

II.

zu Ostern 1134 auf dem Reichstag in Halberstadt »und als der Kaiser feierlich zur Kirche ging, trug er ihm, geschmückt mit der Krone seines Landes, auf ehrenvolle Weise das Reichsschwert voraus«26. Von der Festkrönung Kaiser Friedrichs I. auf dem Hoftag von Mainz zu Pfingsten 1184 berichtete Gislebert von Mons, daß dort »die mächtigsten Fürsten das Vorrecht, bei dieser Krönung das kaiserliche Schwert zu tragen, für sich in Anspruch nahmen«27, daß aber der Kaiser dieses Amt dem Grafen von Hennegau übertrug, dessen Erhe-bung in den Reichsfürstenstand damals beschlossen worden war. Bei der Krönung Philipps von Schwaben im September 1198 in Mainz trug Ottokar I. von Böhmen , nach seiner Erhebung zum König, dem Stauferherrscher das Schwert voraus. Diese Form des Herrschaftsprotokolls haben auch die Fürsten für sich in Anspruch genommen. Im >Willehalm< ließ sich der Graf von Narbonne bei seinem feierlichen Einzug am Königshof sein Schwert voraustragen. »Nun kam auch Heim-rich in seiner fürstlichen Macht: ein Baron trug ihm sein Schwert voraus. Ihm folgten viele adlige Ritter.«

  

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