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Beredsamkeit und Sinnlichkeit: phallus impudicus



Bleiben wir zunÄfchst einmal bei der auffÄflligsten Form der Beredsamkeit des Romans, bei den Dialogen zwischen Settembrini und NaphtanÄfmlich, die fortwÄfhrend um Hans Castorp herumzureden haben, wobei dieser wiederum als Stichwortgeber und Repetitor fungiert.



      Settembrini war zuerst da. Er war auch in der Romankonzeption zuerst da. In Settembrini nÄfmlich wollte Thomas Mann seinen Bruder Heinrich, den zeitweilig geradezu miK HaK bedachten 'Zivilisations-literaten" mehr oder weniger boshaft karikieren.
      Diese Konzeption stammt aus der Zeit, wahrend der er in seinen langwierigen ,Betrachtungen eines Unpolitischen' den Pazifismus, Kosmopolitismus, die ausgeprÄfgte Neigung des Bruders zur mediter-ranen, besonders franzosischen Kultur aus einem strikt konservativ-romantizistischen, fast chauvinistischen Geist heraus attackierte. Und so hat Settembrini eingangs denn auch einen eher bemitleidenswert-lÄfcherlichen Eindruck zu machen, gerade in seiner Gelehrtheit, die als Suada erscheint, und in seinem Humanismus und AufklÄfrertum, die das Odium von NaivitÄft und Weltfremdheit haben. Doch allmÄfh-lich - sei es, weil das VerhÄfltnis zum Bruder sich nach Kriegsende neutralisierte, sei es aus immanenter Dynamik des Fortschreibens, gewiB eher deshalb, weil Thomas Mann unter dem Eindruck des Kriegsausgangs und der unmittelbaren Nachkriegsphase seine Posi-tionen zu revidieren beginnt - nach und nach wird Settembrini vom skurrilen Kauz zum mit immer grofierer Sympathie gezeichneten, ernsthaften ,Seelenfuhrer' des durch ihn zu prÄfziserer Selbstbestim-mung angeleiteten Hans Castorp. Noch interessanter aber ist unter diesem Aspekt der historisch-politischen VerÄfnderungen und ihrer Auswirkungen auf Thomas Manns Entwicklung und die seines Romans die Figur Leo Naphtas.
      Urspriinglich, wie aus Notizen hervorgeht, solite als Gegenspieler Settembrinis ein protestantischer Pastor namens Bunge fungieren. Unter dem Druck der historischen Ereignisse, des in die Revolutions-versuche iibergehenden Kriegsendes, erscheint ihm aber die prote-stantische Verantwortungsethik nicht mehr als adÄfquate Kontraposi-tion eines pazifistisch-demokratischen, humanistischen AufklÄfrer-tums. Und so konstruiert Thomas Mann aus den Ziigen der Zeit die Figur des Leo Naphta, zu der physiognomisch Georg Lukâcs Pate stand:
'Er war ein kleiner, magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man mochte sagen: Äftzender HÄfftlichkeit . Alles war scharf an ihm: die gebogene NaÅYe, die sein Gesicht beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, die dickgeschliffenen GlÄfser der Briile".
Er muB folglich eine sehr merkwurdige Mixtur von Positionen vertreten. Er ist, wie Inge Diersen zusammenfaBt, 'Irrationalist, Antikapitalist, Terrorist, Anarchist, Jesuit, Fortschrittsfeind, RevoluÅ£ionar; er bekennt sich zu Volksfeindlichkeit und autoritÄfrer Elitever-herrlichung, zu Kommunismus, Mystizismus, Wissenschaftsfeind-lichkeit usw." Und auch wenn man die terroristisch-menschenfeindli-chen, autoritÄfr-rigiden Ziige des Staatskommunismus nicht ignoriert, wie Inge Diersen das aus einer - im iibrigen moderaten - DDR-Posi-tion tut, auch dann wird man ihr zustimmen miissen, daJ der Gottes-staat-Kommunismus Naphtas eher faschistische, denn kommunisti-sche Ziige trÄfgt.'
Man mag also im Blick auf die Weimarer Republik und das dama-lige Europa Thomas Mann hier eine Verzeichnung der RealitÄft vorwerfen, dennoch wÄfre auch in der Verzeichnung noch deutlich, wie sehr der Krieg und seine Folgen den Roman im Innersten bestimmen: Der Roman endet mit einem literarischen Bild dieses Krieges, aber ohne das Ende des Krieges wÄfre der Roman so nicht beendbar gewesen.
      Wichtiger als der Inhalt ist die Funktion der Rede der beiden Figuren. Die Funktion besteht eben im Reden, in der unausgesetzten Beredsamkeit. Settembrini und Naphta sind deshalb weniger Vertreter bestimmter ideologischer Positionen, als ReprÄfsentanten burgerlicher Ideologieproduktion uberhaupt. Sie fesseln das Objekt ihrer Beeinflussungsversuche, indem sie in verbalem Kampf der Positionen stÄfndig die GegensÄftze offenhalten. Und dabei kommt es weniger auf den Inhalt als auf das Faktum der GegensÄftzlichkeit an.
      Nur solange sie reden, konnen sie hoffen, Castorp gefangen zu halten. Als Settembrini anfÄfnglich Hans Castorp noch fur sich allein hat, kann er nicht verhindern, dai? dessen Blicke begehrlich auf Clawdia Chauchat sich richten. Und in der Walpurgisnachtszene hilft weder, dafi Settembrini durch Zitate aus dem ,Faust' einschlÄfgige Interpretationen liefert, noch seine direkte Mahnung, den Verstand zu gebrauchen: Castorp beginnt eine andere Sprache zu sprechen, die der Liebe. Und als spÄfter dann Mijnheer Peeperkorn auftaucht, die -wie es im Text mehrfach heifk - 'Personlichkeit", da wendet sich Castorp, sowie die Wechselrede der beiden Opponenten aussetzt, diesem Vertreter des Dionysischen zu, der, obwohl impotent, von grofier Sinnlichkeit und dessen Rede Begeisterung ist, und der - wie in der Szene am alles iibertosenden Wasserfall - es gar nicht notig hat, am Inhalt seiner Rede verstanden zu werden. Als Peeperkorn, der Castorp zu seinem 'Bruder" und 'Sohn" erklÄfrt und der mit ihm die Frâu geteilt hat, angesichts des nahenden Todes Selbstmord begeht, und Clawdia, die andere Figur des sinnlichen Begehrens, die Geliebte, abreist, da fehlt dem ideologischen Kampf das Widerlager.

     
Er wird zum gehÄfssigen GezÄfnk, das katastrophisch endet. Schon das zeigt, dafi intellektuelle Beredsamkeit und korperliche Sinnlichkeit nicht als Dualismus aufgefafk, sondern in ihrem WechselverhÄfltnis vorgestellt werden.
      Ja, sie zeigen sich in der Anlage des Romans als zwei Seiten derselben Sache, zeigen, dai? - zugespitzt - Sinnlichkeit gar nicht anders als durch Sprache um- und verstellt zu haben ist. Das kann man an den ReprÄfsentanzen des Phallischen im Roman verfolgen.
      Ein Tuberkulose-Lehrbuch formuliert:
'Das Zusammenleben in Sanatoricn, die Uberernahrung und die korperliche UntÄftigkeit darf man fur beide Geschlechter als die Libido begiinstigende Elemente ansehen." M
Was hier jedoch gemeint ist, ist von anderer QualitÄft. Walter Jens hat auf die Vielzahl hingebungsvoll beschriebener phallischer Symbole im Roman hingewiesen: Zigarren, Spritzen, Thermometer und Bleistifte
'Phalloi, die im Sinne der unbestimmten Assoziationen auch als femini generis zu verstehen sind: Im Zauberreich, wo jedes Ding neben der eigentlichen noch eine zweite Bedeutung hat, wo Ironie und Metaphorik sich an die Stelle des schlichten ,so und nicht anders' gesetzt haben".
      Das erfafk ein wesentliches Moment des Romans, nÄfmlich die nahezu unendliche Vielfalt der Beziehungen in Motivgeflechten, Anspielungen, Zitaten, Verweisen, Wiederholungen, Variationen. Walter Jens:
'Der .Zauberberg' ist ein Buch von wahrhaft verwegener Zwei-Deutigkeit. Kein Absatz, der nicht einen doppelten Boden, kein Motiv, das nicht eine lange Geschichte, keine Figur, die nicht ihren Schatten im Sinne vielfacher lite-rarischer Mitgift hatte." "
Beginnend bei der stattlichen Zahl realer Vorlagen zu den einzelnen Figuren des Romanpersonals - man denke nur an Settembrini-Heinrich Mann, Naphta-Lukâcs, Peeperkorn-Gerhart Hauptmann, fortgesetzt bei den fast direkt umgesetzten Ideen der Zeit, von Spenglers ,Untergang des Abend-landes' bis Freuds Jenseits des Lustprinzips', ganz zu schweigen gar von den literarischen Beziigen auf Stifter, Novalis, Holderlin, Goethe und so fort, zeigt alles das einen Kosmos der Vermitteltheit, Indirekt-heit, Bedeutungsvielfalt, ohne dai? die Beziige darin doch beliebig wÄfren. So ist der Text an keiner Stelle einfach unmittelbar bezogen auf irgendeine vorgÄfngige RealitÄft - was um so mehr ins Auge fÄflit, als Thomas Mann die AnlÄfsse aus privatesten Erlebnissen nahm und gar kein Hehl daraus machte. Der Text deutet in fast jeder seiner Einzel-heiten iiber sich hinaus und bildet mit der Vielfalt der Verknup-fungen ein fast unauflosbares Gewebe. Gerade in der Vielfalt und in den Wiederholungen sind andererseits aber Strukturen erkennbar, unter denen zur ,Zwei-Deutigkeit' des Textes der genuine Bereich von Zweideutigkeiten die eindeutigsten Beweise liefert, eben der Bereich des Phallischen.
      Da gibt es z. B. den Assistenten von Hofrat Behrens, Dr. Krokowski, der sich sehr fur Seelenzergliederung interessiert und VortrÄfge iiber Krankheit und Liebe zu halten pflegt:
'Drei Viertcljahre hattc der Analytiker iiber Licbe und Krankheit gesprochen, - nie viei auf einmal, in kleinen Portionen, in halb- bis dreiviertelstundigen Plaudereien, breitete er seine Wissens- und GedankenschÄftze aus, und jeder-mann hatte den Eindruck, daS er nie werde aufzuhoren brauchen, daK es immer und ewig so weitergehen konne. Das war eine Art von halbmonatlicher .Tausendundeine Nacht' Ubrigens hatte er den Gegenstand vielleicht ein wenig gewechselt; es war jetzt die Rede von Liebe und Tod."
Dieser Dr. Krokowski fiihrt nun ein sinnfÄflliges Beispiel fiir die NÄfhe von Liebe und Tod an. Er erzÄfhlt von 'einer Morchel, in deren lateinischem Namen des Beiwort impudicus vorkam, und dessen Gestalt an die Liebe, dessen Geruch jedoch an den Tod erinnert. Na, etwas stark", setzt der ErzÄfhler fort, 'war das ja gewesen fiir die Damen, hatte Staatsanwalt Paravant gefunden" ...
So, die mogliche Emporung dariiber gleich mit hineingenommen-und deren Distanzierung, indem sie dem Staatsanwalt in den Mund gelegt wird -, fiihrt der ErzÄfhler den Phallus ein: Denn der Pilz, von dem die gleichnishafte Rede ist, heifit bei uns ,Stinkmorchel' und tra'gt den lateinischen Namen ,Phallus impudicus". Durch Verhullung wird aufdeckend von dem gesprochen, wovon direkt und unmittelbar nicht gesprochen werden kann. Und derart zeigt diese Stelle die doppelte Leistung der Sprache: einmal begrifflich zu fixieren und zu werten, die Morchel als schamlosen Phallus zu definieren und gleich-zeitig metaphorisch zu verschleiern, im Kern bei Thomas Mann wiederum nur angedeutet, und die Benutzung des angespielten Objekts als Sinnbild des Themas, von dem die Rede ist, Liebe und Tod, - Phallus mit dem Aasgeruch.
      Selbst noch die Rede von der Rede spiegelt das Thema: In ,Tau-sendundeiner Nacht', man erinnert sich, erzÄfhlt Scheherezade um ihr Leben und erlangt so die Liebe des 'neugierigen Fiirsten".
      Liebe und Tod werden zusammengebracht und zugleich mit dem, was sie zusammenbringt: die Rede. Das aber spricht aus, soweit essich aussprechen lÄffit, woher die unablÄfssige Rede, die 'Beredsam-keit" des Romans kommt: aus dem libidinosen Begehren und der Angst vorm Tode. Es zeigt zugleich, dafi diese aber gar nicht anders als durch Sprache vorkommen konnen. Sie sind, wie alles andere im Roman, hergestellte Bedeutungen. Nicht von sich aus sind all die Zigarren, Spritzen, Thermometer und Stinkmorchel phallische Objekte, sondern durch ein Bewufttsein , das ihnen, vergleichend, diese Bedeutungen beimiftt. Diese Welt steht unter sprachvermitteltem Bedeutungszwang.
      Nehmen wir zur Illustration noch ein weiteres, die eben vorge-stellte Struktur wiederholendes und zugleich subtilisierendes Beispiel.
     

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Beredsamkeit  Sinnlichkeit:  phallus  impudicus    





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