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Rollencharaktere und sozialtypen

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Kontrastfiguren



Chargen und Randfiguren sind für Brecht nirgends bloß Staffage oder Stichwortgeber. Mit ihren starken negativ-positiv-Kontrasten dienen sie alle der episch-gestischen Absicht des Stückeschreibers. Sie deuten auf die Fabel in ihrer sozialen Gleichnishaftigkeit.
      Um seine materialistisch-dialektische 'Wissenschaftlichkeit" unter Beweis zu stellen, suchte Brecht gerade in der Mutter Courage sozialtypische Verhaltensmodelle zu zeichnen. Wie in seiner Theorie von den sozialen 'Feldern" entlehnte er auch hier seine Terminologie der modernen Physik.man könnte ein Schema von wirkungsquanten aufstellen, nach denen die szenen befragt werden müssen, poetische, dramaturgische, sittengeschichtliche, sozialpolitische, psychologische, über diese quanten könnten sätze gebildet werden, die in ästhetischen, sittengeschichtlichen, historischen, psychologischen büchern stehen könnten.1




   für die handlungen der personen sind motive angegeben, welche, erkannt und berücksichtigt, die behandlung von menschen erleichtern.1

   Dieser sozialpsychologischen Absicht dienen die oft karikaturistisch überzogenen Rollentypisierungen wie die des Obristen von Starhemberg, des 'Ehemanns" der Yvette. In der Inszenierung Brechts wurde er als Zerrbild seiner Impotenz gezeichnet. 'Gleichsam auf das Stichwort brach die Geilheit hervor, und der Greis schien seine Umgebung zu vergessen. Unmittelbar darauf vergaß er dann die Geilheit und stierte abwesend ins Nichts." Die Figur in ihrer negativen Schablonenhaftigkeit soll dabei gar nicht auf sich hinweisen, sondern auf die soziale Zwangslage der Yvette: Seht her, einen so hohen Preis mußte sie zahlen, um im Krieg zu Wohlstand zu gelangen. Bei ihrem nächsten Auftritt in Szene 8 ist sie Witwe, aber nicht von dem 'Uralten" in Szene 3, sondern von dessen noch älterem Bruder . Die 'Preise" sind unterdessen weiter gestiegen.
      Yvette ihrerseits dient gestisch als Negativkontrast zu Kattrin, der sie zeigen muß, welches Schicksal dem Mädchen bestimmt ist, das im Krieg seinem Traum von der Lieb nachgeht.
      Der junge Landsknecht in Szene 4, dem die Courage ihr Lied von der Kapitulation vorsingt, zeigt das Verhalten der kleinen Leute, die auf ihr Recht verzichten. Beide, der Soldat und die Courage, haben resigniert: 'Ich beschwer mich nicht" . Der Fähnrich in Szene 11 sollte, nach Brechts Modell, mit dem Landsknecht in 4 identisch sein. Durch Anpassung ist er aufgestiegen in seinem sozialen Rang, in seiner Menschlichkeit aber abgesunken - die unausweichliche Folge der Resignation. Brecht wollte, daß man auch dies der Courage anlastete. 'Die Schlechtigkeit der Courage ist in keiner Szene größer als in dieser, wo sie den jungen Menschen die Kapitulation vor den Oberen lehrt."

   Die Bauernfamilie in Szene 11 liefert mit ihren leiernden Gebets-litaneien, die das Gewissen einschläfern, den Kontrast zur Aufweckung der Schläfer durch Kattrin. Die Stumme, die nicht beten kann, zeigt, daß man etwas 'machen" kann. Die gestische Funktion der kleinen Rollen wird hierbesonders deutlich. Sie wirken wie die Randfiguren auf mittelalterlichen Altartafeln, die auf das Heilsgeschehen im Zentrum hindeuten. Jede Figur gibt einen Impuls und empfängt einen Gegenimpuls. Der junge Bauer z. B. wird durch Kattrins Tat zur aktiven Solidarität ermutigt. 'Schlag weiter! Sonst sind alle hin" - 105.) Der wiederum dient als Kontrast zu seinem Gegenspieler, dem Fähnrich, der die Solidarität mit seiner Klasse verraten hat.
      Zwischen Kontrasttypus und Charakterrolle stehen die Figuren Feldprediger, Koch und Yvette. Sie erfordern eine eingehendere Betrachtung.

      I - Der Feldprediger
Ich geh jetzt mit dem Feldprediger eine katholische Fahn einkaufen und Fleisch. So wie der kann keiner Fleisch aussuchen, wie im Schlafwandel, so sicher.
Der Geistliche als Connaisseur des 'Fleischlichen", der evangelische Pfarrer, der eine katholische Fahne 'einkaufen" geht - der sublime Wortwitz will den Glaubenskrieg als Heuchelei entlarven.
      Brecht verfährt hier nicht grob karikierend wie beim Obristen. Die ideologische Entschleierung der Figur erfolgt mit Ironie und eher mildem Spott. Brecht billigt ihr sogar einmal eine 'ungemein zart, betretene Geste" zu. Er zeigt durchaus Sympathie für die Figur. 'Man sah gleichsam wieder einen jüngeren Geistlichen in der Universitätsstadt Upsala vor sich." Auf seine Herabsetzungen durch den Feldhauptmann reagiert der Geistliche mit 'humorvollem Lächeln". Bei der Hilfeleistung für die Verletzten in Szene 5 erhebt er sich sogar gegen seine Arbeitgeberin Courage. 'Wenn er den Beschädigten hilft, wird es offenbar, daß es schade auch um ihn ist."1

   Der Feldprediger in seiner neuen Rolle als Schankknecht der Courage zeigt die sozialtypischen Irritationen des 'Studierten", der in 'ungeistige" Verhältnisse geraten ist. 'Ich hab Seelsorgerei studiert. Hier werden meine Gaben und Fähigkeiten mißbraucht zu körperlicher Arbeit" . Er gibt sich unwillig, wenn er so 'mißbraucht" wird, z. B. zum Holzhacken. Er zieht widerwillig die Jacke aus und stellt sich bewußt unpraktisch an. 'Ich bin ei-gentlich Seelsorger und nicht Holzhacker" . Auf was er eigentlich aus ist, enthüllt er einige Zeilen darauf: 'Im Ernst, Courage, ich frag mich mitunter, wie es war, wenn wir unsere Beziehung etwas enger gestalten würden [.. .] keine Beziehung mit Essen und Holzhacken und solche niedrigen Bedürfnisse [. . .] Lassen sie Ihr Herz sprechen" . 'Herz" heißt in diesem Fall Aufstieg vom Arbeitnehmer zum ehelichen Geschäftspartner. Die Sprache der Liebe dient verfremdend der Verschleierung grob materialistischer Interessen.
      Brecht gibt hier seiner Verachtung der 'gebildeten" kleinbürgerlichen Schicht zwischen Ausbeutern und Proletariat Ausdruck. Der Feldprediger dient den Mächtigen und hält es sich auch noch zugute. 'Ich kann ein Regiment nur mit einer Ansprach so in Stimmung versetzen, daß es den Feind wie eine Hammelherd ansieht. Ihr Leben ist ihnen wie ein alter verstunkener Fußlappen, den sie wegwerfen in Gedanken an den Endsieg" . Der bewußte Anachronismus im Goebbels-Ausdruck 'Endsieg" will, politisch aktualisierend, die Rolle der Kirchen im Hitlerkrieg anprangern, wie Brecht sie sah. Der Prediger enthüllt sich als Gehilfe der Kriegstreiber: Der Hirt treibt mit seiner Rede die Herde zur Schlachtbank. Sein Abstieg zum 'Arbeiter" aber verhilft ihm zur Einsicht in die Schandbarkeit seiner Rolle. 'Seit ich verlumpt bin, bin ich ein besserer Mensch geworden. Ich könnt ihnen nicht mehr predigen" .
      Als er aber noch in Amt und Würden war, verhielt er sich unwürdig. Seinen soldatischen Vorgesetzten, die ihn beleidigen, zeigt er sich gefällig, auch wenn er seine christliche Verkündigung dabei verraten muß. Er rechtfertigt Eilifs hinterhältigen Bauernmord aus der Bibel. Von seinen Oberen erntet er für seine Dienstleistung nur Verachtung. 'Der Feldprediger kriegt einen Dreck, der ist fromm" . Nach dem Modellbuch soll der Feldhauptmann dem Geistlichen bei diesen Worten verächtlich einen Schwupp Wein über den Talar gießen. Sein Amt garantiert ihm eine Versorgung, denn 'geglaubt wird immer noch" (;, und 'Bettler wird man immer brauchen" . Der pfäffische Charakter erweist sich an der Verschleierung egoistischer Motive durch altruistische Rede. Als die Courage mit der Yvette um den Marketenderwagen und damit um das Leben ihres Sohnes handelt, mischt er sich in den Handel ein, besorgt um die Erhaltung seines Arbeitsplatzes, nicht so sehr eines Menschen-lebens: 'Ich wollt Ihnen nix dreinreden, aber wovon wolln wir leben? Sie haben eine erwerbsunfähige Tochter aufm Hals" .
      Ganz unverhüllt zeigt sich sein materielles Interesse und seine Versorgungsangst in seinem 'Hahnenkampf" mit dem wieder aufgetauchten Koch um den Besitz der Courage. Dabei wird er ganz unfromm: 'Wenn Sie nicht das Maul halten, ermord ich Sie, ob sich das paßt oder nicht" . Seine Wut wirkt besonders komisch, wenn man sich erinnert, wie er kurz zuvor den Koch als rücksichtslosen Gewaltmenschen bezeichnet hat, weil der seinen Pfeifenstiel durchgebissen hat.
      Der Feldprediger in seiner bürgerlichen Existenzangst ist zweifellos ein schwächlicher Mensch. Wenn es ums Ãoberleben geht, zieht er auch die Fahne des eben noch geschmähten Feindes auf: 'Hie gut katholisch allewege" . Aber in seinem Zorn ist er der einzige, der seiner Brotgeberin die Wahrheit zu sagen wagt: '[...] Courage! Sie sind eine Hyäne des Schlachtfelds [...] wenn ich Sie den Frieden entgegennehmen seh wie ein altes verrotztes Sacktuch, mit Daumen und Zeigefinger, dann empör ich mich menschlich; denn dann seh ich, Sie wollen keinen Frieden, sondern Krieg, weil Sie Gewinne machen" . Es ist zwar nur ein Eifersuchtsausbruch, aber der Feldprediger ist ehrlich in einer Situation, in der der Koch nur liebedienerisch taktiert.
      Der Feldprediger muß das Feld räumen, um dem Robusteren, auch erotisch Ãoberlegenen das Feld zu räumen. Er geht und leistet Eilif Beistand im Sterben. Als er gerade seinen seelsorgerischen Beruf aufgekündigt hat , wird er zum wirklichen Seelsorger.
      II - Der Koch Pieter Lamb
In der Urfassung war er ein Schwede. 'Ein Schwed und mager", sagte Yvette. 146Die Textänderung ist nicht ohne Witz: 'Ein Holländer, aber mager" . Als die Yvette ihrem einst Geliebten nach Jahren wiederbegegnet, lautet ihr verächtliches Urteil: 'Fett!"
Seine Herkunft hat etwas zu bedeuten. 'Er ist aus Flandern" heißt als Redensart: Er ist ein treuloser Liebhaber.
      Pieter Lamb ist der Pfeifenpieter, 'Wo die Weiber verrückt gemacht hat [. . .] an der ganzen flandrischen Küste [. ..] an jedem Finger eine, die er ins Unglück gebracht hat" . Seine Rolle als Weiberheld soll auf einen Mißstand hinweisen, den der Krieg verschuldet hat, nicht der 'gewissenlose Liebhaber". Der Soldat isttreulos, weil er sich nicht binden darf. Noch im kalifornischen Exil las Brecht den 'Non-Fratemization"-Befehl der alliierten Militärregierung in Deutschland, durch den auch Liebesbeziehungen zwischen alliierten Soldaten und deutschen Mädchen verboten werden sollten. Die Ersetzung des Surabaja-Songs in Szene 3 durch das Lied vom 'Fraternisieren" ironisiert diese weltfremde Maßnahme.
      Das Lied spielt mit dem Widerspruch des geliebten Feindes. 'Dann nimmt der Feind uns hintern Strauch / Und's wird fraternisiert". - 'Dann ist der Feind, mein Liebster auch / Aus unsrer Stadt marschiert" . Die Veranstaltung einer 'Maiandacht" mit militärischem Gepränge dient dabei ganz offensichtlich der Inszenierung einer Liebesfeier. Yvette Pottier, die das Zeremoniell ernstgenommen hat und ihrem 'Feind" nachgezogen ist, büßt ihre Liebe als syphilitisch infizierte Lagerhure.
      Das treulose Verhalten des Pieter Lamb wird ihm dabei moralisch, nicht persönlich zugerechnet. Es dient der sozialtypischen Demonstrationsabsicht des Stückes: Der Krieg pervertiert die Liebe zur Prostitution. Bevor er von der Yvette unter Anklage gesetzt wurde, begegnete uns der Koch bereits in einer sympathischeren Rolle. Er ist als Offizierskoch eine renommierte Person im Feldlager. Sein Handelsgespräch mit der Courage um den Kapaun 'hatte unter anderem den Beginn einer zarten Beziehung zu etablieren." Es enthält in verfremdeter Form eine Reihe erotischer Anspielungen. Allein, daß die Courage einem so gockelhaften Mann ausgerechnet einen Kapaun aufschwatzt, bringt Ironie ins Spiel. In der Inszenierung von 1951 zog der Darsteller des Lamb die Courage unter dem Handel auf sein Knie und flüsterte ihr 'ein lyrisches ,dreißig' ins Ohr." Als er nach ihrer Brust griff, schob ihm die Courage den Kapaun unter die Hand. Daß die Courage ihn schließlich beim Handel ausgetrickst, hat, tut der Liebe keinen Abbruch; im Gegenteil, Pieter Lamb spürt Seelenverwandtschaft und hat Respekt vor so viel Geschäftstüchtigkeit. Fortan träumt er von ihr . Die Courage wiederum amüsiert sich über die Art, 'wie der Koch mit der Spitze eines langen Fleischmessers die verfaulte Rinderbrust aus der Kehrichttonne fischte."1

   Die erotische Beziehung der Courage zu Pieter Lamb kommt durch die Geschäftsbeziehung in Gang. Kommerz und Liebe er-ganzen sich. Beide sind sich in ihren materiellen Interessen einig. Verwandt zeigen sie sich aber auch in ihrer Respektlosigkeit vor den Mächtigen. Sie beherrschen die verdeckte Subversivität der 'Schwejk"-Rede perfekt und spielen einander, die Phrasen von Glauben und Freiheit hintersinnig verspottend, dabei verschmitzt die Bälle zu .
      Der Koch läßt bei seiner Flucht aus dem Feldlager der Courage seine Pfeife zurück, ein Liebespfand. 'Heben Sie sie mir auf! Ich brauch sie" . Diese Pfeife holt sie ostentativ hervor und zündet sie an, als sie den Feldprediger mit seinem Liebeswerben abblitzen läßt . Als der Koch nach drei Jahren wieder auftaucht, macht er sich bei ihr durch geschäftliche Ratschläge beliebt . Sie nimmt seinen Rat an. Er ist ihr als Geschäftspartner genau so willkommen wie als Liebhaber. Sie behandelt die Liebe wie alle ihre sozialen Beziehungen mit geschäftsmäßiger Nüchternheit.
      Auch darin ist ihr der Koch verwandt: 'Ich sag nicht nein" . Ebenso nüchtern und unsentimental vollzieht sich die Trennung. 'Wir gehen die andere Richtung, und dem Koch sein Zeug legen wir hier heraus" . Von einer moralischen Verurteilung des Kochs wegen seiner Ablehnung, die stumme Kattrin in seinen Haushalt aufzunehmen, ist keine Rede. 'Ich sag nicht, was du sagst ist unvernünftig" . Die Ehe ist ein Geschäftsvertrag zur gegenseitigen Sicherung des Unterhalts; wenn der nicht mehr gewährleistet ist, muß der Vertrag gekündigt werden. Brecht plädierte dafür, auch diese Trennungsszene nüchtern und verhalten darzustellen. Die Courage versteht als Geschäftsfrau die Geschäftsrücksichten ihres Partners; seine Gastwirtschaft in Utrecht ist nur klein. Der Koch macht 'vernünftigerweise" von der 'Moral" gebraucht, die er eben in seinem Bettellied besungen hat: Die Selbstlosigkeit des Heiligen Martin, der seinen Mantel teilt und selbst erfriert, ist schädlich. Zu verurteilen sind aber nur die sozialen Verhältnisse, die solch ein Verhalten unausweichlich machen.
      III - Die Lagerhure Yvette Pottier
Sie tritt dreimal auf, immer in verschiedener Gestalt. In Szene 3 ist sie noch eine 'hübsche Person" , voller Reue über eine erotische Jugendverirrung: 'Ich hätt zu Haus bleiben sollen, wie mein Erster mich verraten hat" . Ihre 'geschäftliche" Situation ist verzweifelt; man redet im Lager über ihre venerische Krankheit.
      Sie trinkt. Sie wirft ihren bunten Hurenhut weg: 'Den kann haben, wer will" .
      Kurz darauf braucht sie ihn wieder; die 'Katholischen" haben das Lager überrannt; eine neue Kundschaft, die noch nichts von ihrem Zustand weiß, bietet neue Chancen.
      Nach drei Tagen hat sie sich bereits völlig verwandelt. Aus der hübschen Dirne, der noch in ihrer Verzweiflung eine gewisse Grazie anhaftete, ist eine bourgeoise Megäre geworden, keifig und krank vor Besitzgier. Die psychologische Wahrscheinlichkeit hat bei Brecht zurückzutreten hinter den sozial bedeutsamen Gestus. Der heißt in diesem Fall: Der soziale Aufstieg hat den Charakter der Hure deformiert. Sie hat den Obristen, einen österreichischen Aristokraten, zum Freund gewonnen. Im Kauf des Marketenderwagens wittert sie die Chance, auf der Leiter bürgerlicher Reputation eine Sprosse höher zu steigen. Gewissenlos nutzt sie die Zwangslage ihrer einstigen Vertrauten aus: 'Ich weiß, sie muß verkaufen" . Gerissen spielt sie einen 'blonden Fähnrich" gegen ihren senilen Verehrer und Geldgeber aus, um ihn spendabel zu stimmen. Kalt wirft sie ihren Trumpf hin: 'Machen Sie sich keine Hoffnung, wenn Sie Ihren Schweizerkas wiederhaben wolln" . Sie schlägt die Händlerin mit ihren eigenen Waffen. Gierig wühlt sie in ihrem angemaßten Besitz herum, zählt Strümpfe und Hemden. 'Ich muß alles durchgehen, damit nix wegkommt aus meinem Wagen" . Als die Courage sie zur Eile drängt, da es um Leben und Tod geht, entgegnet sie, haltlos vor Habgier: 'Nur noch die Leinenhemden möcht ich nachzählen" . Die Courage nennt hier die Yvette so, wie sie selbst später genannt werden wird: eine Hyäne.
Als aber der Schweizerkas erschossen ist, bricht bei der Yvette trotz ihres Ã"rgers über das entgangene Geschäft doch wieder die Solidarität der kleinen Leute durch. Sie warnt die Courage vor den inquisitorischen Fragen der kaiserlich-katholischen Fahnder, jetzt ohne Eigennutz und Berechnung. Es zeigt sich, daß die Hure nicht von so niedriger Gesinnung sein kann wie die 'Höheren".
      In ihrem dritten Auftritt erscheint die Yvette verunstaltet von Häßlichkeit. Nach den Regievorstellungen Brechts ist sie über ihre Jahre gealtert, dick, kurzatmig, ganz entstellt von Puder und Schminke, aber kostbar gekleidet. Sie ist 'in die Höhe gekommen"

, also menschlich deklassiert. 'Mit der Rachsucht alter unglücklicher Leute bellt sie auf den Feldkoch ein"151, ihren Jugendgeliebten.
      Die Verwandlung soll sich, laut den Jahresangaben in den Szenentiteln, in nur drei Jahren vollzogen haben. Wieder zeigt sich die Variabilität des Figuren. Sie ist für Brecht kein psychologisches, sondern ein dialektisches Gestaltungsmittel. 'Jede Rolle hat über ihren privaten Charakter hinaus eine genaue Definition ihres sozialen Ortes zu enthalten."152Der soziale Ort der Yvette ist am Schluß der einer Obristenwitwe. Ihr höherer Stand bedingt ihre niedrigere Gesinnung.
     

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