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Geschäftsfrau oder 'Muttertier? - Die Courage



Auch gegen den Willen des Autors: Die Courage erweckt Sympathie. Ihre charakterliche Ambivalenz, die Brecht als dialektischen Ausdruck gesellschaftlicher Widersprüche gewertet wissen will, mindert nicht den Eindruck ihrer kräftig ausgeprägten, lebensvollen und wirklichkeitsgetreuen Individualität. Wir sollen auf sie 'mit Zorn" reagieren127, aber 'es ist kaum möglich, die Haltung dieser Figur eindeutig zu verdammen."1




   Unbekümmert, mit einem überwältigenden Selbstbewußtsein tritt sie in die Szene, die von einer kriegerischen Männerwelt kleiner und großer Befehlshaber regiert wird. Man spürt ihr 'einen unbotmäßigen Geist" an, aber man kann ihn nicht fassen. Mit ihren schwer nachweisbaren Hintersinnigkeiten und respektlosen Wortwitzen hält sie die Gewaltigen des Feldlagers zum Narren. Der Ãoberlebenskampf hat sie zu Härte, Illusionslosigkeit, Nüchternheit und rascher Wahrnehmung ihres kommerziellen Vorteils erzogen und ihr den Namen 'Courage" verschafft. Sie ist rastlos aktiv, 'sie wird kaum je gesehen, ohne daß sie arbeitet." Ihre Wendigkeit in der Anpassung an den wechselnden Kriegslauf erweist sie im bedenkenlosen 'Umtauschen" von Flaggen und Religionsbekenntnissen. Wenn es die Kriegslage verlangt, wird für sie der 'Heldenkönig" Gustav Adolf zum 'Antichrist, wo Hörner aufhat" . Den 'Glaubenskrieg" hält sie für einen Geschäftskrieg, 'anders würde sie auch nicht mitmachen" .
      Scharfsichtig erspäht sie die Schwächen ihrer Gegenspieler. Der Feldwebel, der ihr den Sohn Eilif für den Kriegsdienst abwerben will, ist abergläubisch, und da Wahrsagerei zu den Geschäften einer Landfahrerin gehört, versetzt sie ihn mit ihrem gezinkten Losorakel in Todesfurcht.
      Ihre verworrenen Familienverhältnisse kommentiert sie mit herausfordernder Frechheit. 'Ich will Sie nicht beleidigen, aber Phantasie haben Sie nicht viel" . Die Ordnungsvorstellungen der Kriegsbürokratie, gleichnishaft für alle bürgerlichen Ordnungsnormen, verhöhnt sie in der Attitüde der Ahnungslosen, indem sie statt des verlangten Passes ein Sammelsurium von Altpapier aus einer Zinnbüchse herauskramt. 'Ist das genug Papier?" . Gegenüber der stumpfsinnigen Soldatengesellschaft zeigt sie ein ge-sundes Selbstbewußtsein. Ihr Geschäft ist schließlich kriegswichtig. 'Ihr Hauptleut, eure Leut marschieren / Euch ohne Wurst nicht in den Tod" . Die Frage nach ihrem Stand beantwortet sie mit Stolz: 'Geschäftsleut" .
      Weniger selbstgewiß, eher voll instinktiv witternder Unruhe tritt ihr zweiter Wesenszug in Erscheinung: ihre Mütterlichkeit. Brecht bemühte sich, durch verfremdende Inszenierungspraxis den Eindruck 'von der Dauerhaftigkeit und Tragfähigkeit der gequälten Kreatur, des ewigen Muttertiers" aufzuheben. Ihre herausfordernde Sicherheit, mit der sie als Geschäftsfrau auftritt, schlägt um in aufgeregte Gereiztheit, als sich der Werber an Eilif heranmacht. 'Ihr wollt ihn mir zur Schlachtbank führen, ich kenn euch" . Schnell wiederholt sie ihr Losorakel und spielt auch ihren drei Kindern die Todeskreuze in die Hände, als Warnung. Die Glucke sieht den Schatten des Raubvogels. Als aber ihr Beschützerinstinkt während des Schnallenhandels aussetzt, ist es die Tochter Kattrin, die den Warnruf abgibt: 'Sie stößt rauhe Laute aus", aber sie wird nicht verstanden. Sie ist die bessere Mutter.
      Für den Namen 'Courage" liefert die Fierling zwei Selbstdeutungen: l.Sie habe 'den Ruin gefürchtet", als sie 'mit fünfzig Brotlaib im Wagen" durch das Geschützfeuer von Riga gefahren sei . 2. 'Die armen Leut brauchen Courage [.. .] Schon daß sie Kinder in die Welt setzen, zeigt, daß sie Courage haben" . Ihr Wesen ist so doppeldeutig wie ihr Name. Sie ist couragiert, weil sie aus dem Volk kommt, aus der Masse der kleinen Leute, die ihren ganzen Lebensmut aufbieten müssen, um zu überleben. Aber auch für ihre Handelsspekulationen braucht sie Wagemut. Beide Teile ihrer Natur sind vom Dichter so überzeugend in Szene gesetzt, die fürsorgliche Mutter genau so wie die 'Hyäne des Schlachtfelds", daß ein Bruch in ihrer Person nicht erkennbar ist, kaum die dialektische Spannung, auf die Brecht so viel Wert legte. 'Der Krämergeist ist ihr zur zweiten Natur geworden." Sie bringt sich selbst auf die Formel: 'Meine Kinder durchbringen mit meinem Wagen" . Daß sie beides zusammen nicht durchbringen kann, erschien den Zuschauern immer wieder als tragische Unausweichlichkeit. Sie hat einen Teufelspakt geschlossen. 'Wer mit dem Teufel frühstücken will, muß einen langen Löffel haben", warnt sie der Feldprediger . Daß sie bei ihrem Paktieren mit dem Krieg ihre Kinder als Pfand gesetzt hat, wird ihr nicht bewußt.

     
Um ihre Gewinnsucht den Zuschauern abstoßend zu machen, hat Brecht auch die 5. Szene gegenüber der Urfassung geändert. In der Züricher Uraufführung rückte die Courage, der Fischersfrau Teresa Carrar ähnlich, freiwillig ihr Hemdenleinen als Verbandsstoff heraus: 'Sei ruhig, ich zerreiß schon alles." In der 'Versu-che"-Fassung von 1949 heißt es nun: 'Ich gib nix, ich mag nicht, ich muß an mich selber denken" .
      Die innere Einheit der Couragefigur kommt am lebendigsten in Szene 2 zum Ausdruck, nämlich in humorvoller Form. Bei der witzigen, launigen Feilscherei mit dem Feldkoch um einen mageren Kapaun hatte die Courage sich schon von ' Hellerchen" auf 50, dann auf 40 Heller herunterhandeln lassen, als der Feldhauptmann mit ihrem Sohn Eilif erscheint und zu essen verlangt. Sie erkennt sofort ihren Marktvorteil, und in einem doppelten Triumph als Mutter und Händlerin läßt sie den Preis wieder unerbittlich emporschnellen auf einen Gulden: Ihren Kommentar, 'für meinen Ã"ltesten ist mir nichts zu teuer" , setzt sie als Frechheit obendrauf. Die Freude über die Wiederbegegnung mit ihrem Sohn setzt ihre Rechenkunst nicht außer Kraft. Erst im glücklichen Zusammenklang ihrer beiden Naturen ist sie mit sich selbst ganz eins und zufrieden. Trotzdem bleibt sie nüchtern und kritisch. Statt der erwarteten Anerkennung bekommt der Sohn für seine Tapferkeit von ihr eine Ohrfeige: 'Weil du dich nicht ergeben hast" . Mut und Kriegesmut sind für sie zweierlei. Ihr Begriff von Courage ist ein nüchtern kalkulierender Ãoberlebensinstinkt, den sie ihren Kindern vererben will.
      Als ersten Adressaten des Stückes hat man die skandinavischen Länder ausgemacht, Brechts Gastländer in der Emigration von 1933 bis 1940. Ã"hnlich wie mit den politischen Parabelstücken 'Dansen" und 'Was kostet das Eisen?" wollte Brecht mit der 'Courage" die Dänen und Schweden vor einer begünstigenden Neutralitätspolitik gegenüber Nazideutschland warnen. Seine Hoffnung auf eine schwedische Aufführung erfüllte sich aber nicht. Die Vermutung Jan Esper Olssons abei, Brecht habe die Fierling darum ursprünglich als Schwedin konzipiert, ist irrig. Die Courage gibt sich nicht nur gleich in der ersten Szene als Bamber-gerin zu erkennen, ihr ganzes volkstümliches Gepräge ist oberdeutsch wie ihre alemannisch-bayrische Sprachtönung, die von Helene Weigel durch eine leicht wienerische Idiomatik angerei-chert wurde. Brecht schöpfte hier offenbar aus seinen Jugenderinnerungen an Begegnungen mit bäuerlichen Volkstypen des Donaurieds. Die Courage bezeichnet sich selbst als Häuslerstochter mit einem 'Drang nach Höherem" . Bauernschlauheit, derber Mutterwitz, Durchsetzungskraft, Lebensklugheit und ein immer waches Mißtrauen kommen in ihrer volkstümlich bildhaften, sentenzenreichen Sprache zum Ausdruck. Die Quintessenz ihrer mütterlichen und händlerischen Weisheit heißt: 'Seid alle vorsichtig, ihr habts nötig" und 'Wir möchten alle zerrissen werden, wenn wir uns in'n Krieg zu tief einlassen täten" . Aber entgegen ihrer eigenen Weisheit drängt sie mit ihrer händlerischen Unrast immer tiefer in diesen Krieg hinein: 'Und jetzt fahrn wir weiter, es ist nicht alle Tage Krieg, ich muß mich tummeln" . Der innere Widerstreit ihres Wesens läßt diese lebenskluge, gewitzte und nüchterne Frau so merkwürdig gefahrenblind werden.
      Sie legt dabei ungeheure Wege zurück, ähnlich der Witwe Beg-bick in 'Mann ist Mann", die mit ihrem Bier-Waggon von Haide-rabad bis Rangoon unterwegs ist: vom schwedischen Dalarne über Livland und Polen nach Böhmen, Oberitalien, Bayern und Sachsen, manchmal der besseren Einsicht nahe - 'Der Krieg soll verflucht sein" -, immer wieder uneinsichtig getrieben - 'Ich laß mir den Krieg von euch nicht madig machen" . Sie kann vom Handel nicht lassen, auch nicht, als sie eingestehen muß: 'Mir scheint, ich hab zu lang gehandelt" . In einem verzweifelten Wettlauf mit der Zeit hat sie versucht, ihren Sohn Schweizerkas vor dem Tode und gleichzeitig ihren Marketenderwagen vor der Verpfändung zu retten. Der trickreiche hinhaltende Handel mit der Yvette, der verfehlte Versuch, die Handelspartnerin mit der Spekulation auf die verschwundene schwedische Regimentskasse zu überlisten, die Preisfeilscherei, bis es zu spät ist - alles das ist das todernste Gegenthema zu dem heiteren Kapaunenhandel in Szene 2, ein Spiel auf Leben und Tod, an dessen Ende sich die Courage selbst schuldig spricht. Den Tod ihres Lieblingssohnes Eilif nimmt sie nicht einmal wahr. In ihrer neu erwachten Kriegseuphorie mißdeutet sie die betretenen Mienen ihrer Umgebung als Angst vor dem Aufbruch. 'Sie erzählens mir später, wir müssen fort" . Die Getriebenheit des 'weiter", 'schon gehts weiter" , die Sucht nach dem 'in-den-Handel-Kommen" macht sie blind. Von

Eilif sagt sie: 'Den hat mir der Krieg nicht wegnehmen können" , eine unbewußte tragische Ironie; nicht der Krieg, von dem sie Lebensgefahr, der Friede, von dem sie Geschäftsnachteile befürchtet, hat ihr den Sohn genommen.
      Die Handelssucht der Courage, die gegen Schluß schon manische Züge annimmt, wird neutralisiert durch ihre Fähigkeit zu unbefangener, sinnlich-diesseitiger Lebensfreude. Sie versteht es auch im Alter noch, Männer an sich zu binden, sie 'spannt sie ein" buchstäblich. Der Feldprediger mußte erst 'ziehn helfen" , dann mußte der Koch 'an die Deichsel" . Dieser Pieter Lamb, der seit dem anzüglichen Kapaunenhandel von der Courage träumt und dessen Stummelpfeife sie als Liebespfand drei Jahre lang aufbewahrt hat, wird von ihr am Ende 'angeworben", als Mitarbeiter wie als Geliebter, nachdem sie den Feldprediger mit seinen moralischen Lamentationen hat abblitzen lassen. Die anrüchtige, amou-röse Vergangenheit des Feldkochs stört sie nicht, im Gegenteil: 'wo raucht, ist Feuer" . Sie hält nichts von 'soliden Männern" . Ihre pralle Sinnlichkeit und ihr derber Humor haben den Bühnenerfolg des Stückes entscheidend mitbestimmt.
      Trotzdem glaubte Brecht nicht, daß das deutsche Publikum von 1949 seine 'Mutter Courage richtig begriffen hätte". Es ging ihm mit der Figur der Courage wie mit anderen seiner Negativliguren zuvor, mit dem Gangster Macheath, dem Holzhändler Shlink, ja sogar dem mächtigen Schlachthofkönig Pierpoint Mauler: Das Publikum amüsierte sich über ihr dominantes Gebaren, statt es zu verurteilen.
      'Kräftig und verschlagen" wünschte sich Brecht seine Courage dargestellt. Die 'Kräftigkeit" dieser Figur, ihre Unbeirrbarkeit und ihr zäher Heroismus überlagern die in ihr angelegten negativen Züge. Sie bleibt sich treu, auch in der äußersten Erschöpfung, als sie schließlich 'des umherziehens müd" ist und einsieht: 'Auf der Straße ist kein Leben auf die Dauer" . Als ihr gerade in diesem Augenblick der Erschöpfung der Koch eine Bleibe und eine sichere Existenz in seiner Gastwirtschaft in Utrecht anbietet, schlägt sie sie aus und entscheidet sich für die Unbehaustheit, um ihre Tochter nicht allein zu lassen. 'Wie könnt sie allein mitn Wagen ziehn?" Aber dessen nicht genug; in einer ebenso entschiedenen wie zartfühlenden Abwehrgeste weist sie jede Dankbarkeit für das Opfer zurück, bevor sie ausgedrückt werden kann: 'Wegendir ists gar nicht, es ist wegen dem Wagen" . Brecht hätte sich eigentlich nicht darüber wundern dürfen, daß seine Courage Sympathie erweckt.
     

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Geschäftsfrau  oder  'Muttertier?  -  Die  Courage    





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