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Die Verführung zur Güte - Kattrin



Die Gestalt des mütterlichen Mädchens, der niederen kinderliebenden Dienstmagd, die, ohne biologisch Mutter zu sein, die Mutterrolle aus Mitleid und fürsorglicher Gesinnung ergreift, hat Brecht mehrmals gestaltet. Im Kaukasischen Kreidekreis ist es die grusinische Magd Grusche, die eine Nacht bei einem verlassenen Kind ausharrte, 'bis die Verführung zu stark wurde gegen Morgen zu / Und sie aufstand, sie bückte und seufzend das Kind nahm." Ganz ähnlich erkennt in der Erzählung Der Augsburger Kreidekreis die Magd Anna, daß sie 'zu lange gesessen und zuviel gesehen hatte, um noch ohne das Kind weggehen zu können."1




   Die stumme Kattrin ist diesen beiden Gestalten in der Macht ihres mütterlichen Sozialtriebs geschwisterlich verwandt. Auch sie 'hebt ein Kind auf", unter Lebensgefahr. 'Schrecklich ist die Verführung zur Güte", sagt der grusinische Sänger mit dem Blick auf die Grusche. Für eine existenzgefährdende Leidenschaft hält auch die Courage die Kinderliebe ihrer Tochter: 'Hast du glücklich wieder einen Säugling gefunden zum Herumschleppen? Auf der Stelle gibst ihn der Mutter" .
      Kattrin ist die eigentliche, die nicht durch 'Geschäftsrücksichten" getrübte Mutterfigur des Stückes. Kritiker des epischen Stils haben Brecht vorgehalten, es gebe keine Gegenfigur zur Courage, der Ideenkonflikt artikuliere sich nicht im Dialog, sondern in den Handlungskommentaren der Songs und Szenentitel. Man hat dabei übersehen, daß der dramatische Konflikt des Stückes sich im 'Dialog" mit der Stummen abspielt. Die Mutter unterdrückt den Muttertrieb ihrer Tochter. Elementare Glückserfüllung durch Liebe und Mutterschaft ist unter den Umständen des Krieges eine Gefahr. Das Lied vom 'Fraternisieren" soll abschrecken: 'Die Liebe ist eine Himmelsmacht, ich warn dich" . Ihre Tochter gegen die Liebe 'abzuhärten", ist eines der Erziehungsziele der Courage. In der mangelnden Attraktivität Kattrins sieht sie mehr einen Schutz als einen Nachteil: 'Sie ist nicht so hübsch, daß sieeiner ruinieren möcht" . '[. . .] sodaß die Leut sagen: den Krüppel sieht man gar nicht, ist sie mir am liebsten. Solang passiert ihr nix" . Ihr Stummsein sei ein 'Gottesgeschenk" .
      Am Anfang des Stückes ist Kattrin zwanzig, am Ende zweiunddreißig Jahre alt . 'Einmal ist sie eine Nacht ausgeblieben, nur einmal in all die Jahr" .
      Die Selbstdarstellung der Stummen vollzieht sich in der Pantomime. Die Szene, in der Kattrin sich mit dem Hut und den Stöckelstiefeln der Yvette schmückt, wird im Couragemodell von 1949 ausführlich erläutert. Eine Fotosequenz in 'Theaterarbeit" belegt die Darstellung durch Angelika Hurwicz: Sie 'produziert" sich, lüpft Rock und Schürze, dreht selbstgefällig den bestiefelten Fuß, trippelt tänzerisch und schreitet aus mit einer resoluten Miene von herausfordernder Eitelkeit. In der Nachahmung einer Lagerhure empfindet das glücklose Mädchen Selbstgenuß. Der wird ihr verwehrt. Die Mutter reißt ihr den Putz herunter: 'Wart du auf den Frieden mit der Hoffart" . Sie verschmiert ihrer Tochter das Gesicht mit Asche: 'Jetzt, wo der Feind kommt" . So verkehrt sich die Normalität menschlicher Verhaltensregeln im Krieg auch darin, daß ein Mädchen sich häßlich machen muß, nicht hübsch. Liebe ist nur noch als Prostitution denkbar. Der Liebende kommt als Feind. Die Yvette 'rieht sich zugrund fürs Geld, das versteh ich. Aber du möchtest es umsonst, zum Vergnügen. Ich hab dirs gesagt, du mußt warten, bis Frieden ist" .
      Kattrin hat noch nach drei Jahren das Wort sorgfältig in sich aufbewahrt. Als der Feldprediger seine törichte Predigt von der Unaufhörlichkeit des Krieges hält , starrt sie ihn an, schmeißt in stummer Panik 'einen Korb mit Flaschen auf den Boden und läuft hinaus" . 'Jesses, die wart doch auf den Frieden" . Aber 'auf den Frieden muß die nimmer warten" heißt es noch am selben Tag, als die Stumme nach einem Ãoberfall durch eine häßliche Gesichtsnarbe für ihr Leben entstellt ist. 'Einen Mann kriegt die nicht mehr, und dabei so ein Kindernarr" . Die Courage will ihr jetzt die Schuhe der Yvette Pottiei zum Trost schenken. 'Kattrin läßt die Schuhe stehen und kriecht in den Wagen" . Die Geschichte der Kattrin ist in dem Stück eine Fabel für sich.
      Die Idee, die Figur als stumme Person zu gestalten, hatte zunächst einen rein praktischen Grund. Bei der erhofften Inszenie-rung des Stückes in Schweden 1940 sollte Helene Weigel die Rolle auch ohne schwedische Sprachkenntnisse spielen können. Das Motiv verselbständigte sich poetisch zu einem tragenden Charakterzug der Figur. Kattrin ist 'der Stein in Dalarne" , aber 'der Stein beginnt zu reden" . Sie ist nicht von Geburt stumm, sondern 'wegen dem Krieg, ein Soldat hat ihr als klein was in den Mund geschoppt" . Sie ist ein 'armes Tier" , sie jault wie ein Hund, wenn sie eine dringende Botschaft verkünden will. Aber 'es ist notwendig, die stumme Kattrin von Anfang an als intelligent zu zeigen", schreibt Brecht im Modellbuch. Sie versteht die frechen Spaße der Mutter über die Geschichte ihrer Familie, sie lacht darüber . Sie nimmt alles auf, was geredet wird, und verarbeitet es, sie wittert Gefahren, ist hellsichtig und ahnungsvoll und verzweifelt darüber, daß ihre Warnungen nicht verstanden werden, eine stumme Kassandra. Ihr Hör- und Sehsinn ist besonders geschärft, sie nimmt manches eher wahr als die Redenden. Sie hat genau registriert, daß der katholische Spion, der ihrem Bruder Schweizerkas nachstellt, eine Augenbinde trägt; sie sieht die tödliche Bedrohung, sie will sie mitteilen, sie 'läuft hin und her, kleine Laute ausstoßend" . Der Bruder hält ihre verzweifelte Gebärdensprache für 'Faxen" , die Mutter war gerade wieder in Geschäften unterwegs.
      Den Tod des Schweizerkas nimmt Kattrin in geradezu visionärer Weise wahr. Noch bevor die Exekutionstrommeln erschallen, läuft sie plötzlich schluchzend hinter den Wagen . Als Eilif zur Hinrichtung abgeführt ist, liegt sie im Wagen, 'hat die Decke überm Kopf" . Sie verkriecht sich in ihre Einsamkeit. 'Was die für Träume haben muß", sagt ihre Mutter, 'ich hör sie stöhnen nachts [. ..] Die leidet am Mitleid" .
      Die Mißhandelte, Verunstaltete, die am Schluß als letztes der Kinder mit ihrer Mutter über die Landstraßen zieht, unbehaust, hungrig, verdreckt und verlaust, wird zur wahren Heldin des Stücks durch einen Akt heroischer Mütterlichkeit. Die Trommelszene , immer wieder als eine ganz unprogrammgemäße, dramatische Aufgipfelung im epischen Fluß der Handlung empfunden, ist motivisch in Szene 5 angebahnt. Dort ist es eine 'schmerzliche Kinderstimme" , die reflexhaft Kattrins Rettungsinstinkt auslöst: Sie rennt in das brennende Haus, als das Dach schon einzustürzen droht, und selbst der hilfsbereite Feldpre-diger sagt: 'Ich geh nicht mehr hinein" , und birgt das Kind aus den Trümmern. In Szene 11 ist die betende Bäuerin die Stichwort-geberin: 'Unserm Schwager steh auch bei, er ist drin mit seine vier Kinder" . Kattrin 'stöhnt" wie in ihren Alpträumen, sie 'steht verstört auf" . Ihre Reaktion hat etwas Besinnungsloses, traumwandlerisch Intuitives. Daß sie die Trommel ergreift, die sie unter Einsatz ihres Lebens aus dem Ãoberfall gerettet hat, erweckt fast den Anschein, als hätte sie ihre Tat seit langem unbewußt vorbereitet; sie ist ein Stück von ihr selbst. Bei aller traumwandlerischen Sicherheit ist ihr Handeln von höchster Intelligenz. Sie weiß, daß sie sich für einen entscheidenden Augenblick unangreifbar macht, indem sie die Leiter hinter sich auf das Strohdach zieht. Sie hat genau verstanden, daß der geringste Lärm die Belagerer verraten muß, also macht sie den größten Lärm, der ihr, der Stummen, möglich ist. Die Besessenheit ihres Handelns ist begleitet von höchster Bewußtheit, und sie ist noch imstande, über die Vergeblichkeit der soldatischen Gegenmaßnahmen zu lachen. 'Sie lacht uns aus, schau" . Unruhig wird sie erst, als Axtschläge gegen den Marketenderwagen geführt werden; die Angst um die wirtschaftliche Existenz ist ihr von der Mutter zu tief eingepflanzt worden, als daß sie darüber hinwegspringen könnte wie über ihr Leben. Sie denkt auch jetzt noch an die Fortexistenz ihrer Mutter durch den Wagen. Sie nimmt aber auch wahr, daß sie einen Bundesgenossen gefunden hat. Der junge Bauer ergreift ihre Partei, ihre Tat wirkt als Fanal: 'Schlag weiter, sonst sind alle hin" . Sie weint, als man ihn niederschlägt. Sie bleibt bis zuletzt die Verstehende, alles Wahrnehmende, Wache und Mitleidige.
      Dabei ist ihre Tat ein Ereignis voller Paradoxien. Eine Stumme weckt die Schlafenden; die nicht Mutter werden kann, wird die Retterin der Kinder; das 'arme Tier" handelt menschlich; die Ohnmächtige wird zur Rebellin. Im Sterben gewinnt die nie Geliebte noch die Liebe und Verehrung eines Mannes. 'Sie hätten ihr nix von die Kinder von ihrem Schwager sagen sollen", beklagt sich die Courage . Sie wußte von der Verführbarkcit ihrer Tochter zur Güte.
      Es gibt im Stück zwei Wiegenlieder. Das der Courage für ihre tote Tochter enthüllt die Widersprüchlichkeit ihres ganzen Leben s-plans: Sie konnte ihre Kinder nicht durchbringen 'mitm Wagen". Das Wiegenlied der Kattrin für den geretteten Säugling ist nut gellallt . Es ist ohne Widersprüchlichkeit, weil es ohne Sprache ist. Für Brecht, den ewig gegen die Sprache Mißtrauischen, ist die Sprachlose die einzige, die kein Mißtrauen erweckt.
     

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Die  Verführung  zur  Güte  -  Kattrin    





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