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Die Verführung zum Heldentum - Eilif



Der Feldhauptmann : 'In dir steckt ein junger Cäsar" . Salomon-Song: 'Ihr saht den kühnen Cäsar dann / Ihr wißt was aus ihm wurd" .
      Die Beziehung ist eindeutig: 'Kühnheit" gehört zu den Tugenden, 'die gefährlich sind auf dieser Welt" . 'Wann ein Feldhauptmann oder König recht dumm ist und er führt seine Leut in die Scheißgaß, dann brauchts Todesmut bei den Leuten, auch eine Tugend" . Die Beziehung der Courage zu ihrem Sohn Eilif ist zwiespältig. Sie versucht einerseits gar nicht zu verhehlen, wie sehr sie ihn bevorzugt. 'Das ist mir der Liebste von allen" . 'Er ist mein kluger und kühner Sohn" . 'Der ist klug" . 'Vom Vater hat er die Intelligenz geerbt" .



      Auch sein Vater war ihr unter ihren vielen Männern offenbar der liebste. 'Der könnt einem Bauein die Hos vom Hintern wegziehen, ohne daß der was gemerkt hat" . Der verschlagenen Intelligenz ihres 'finnischen Teufels" fühlt sie sich verwandt. Andererseits sieht sie mit ärgerlicher Besorgnis die Gefahren, denen ihr Sohn sich in seiner draufgängerischen und respektlosen Art aussetzt. 'Er ist zu kühn, nach seinem Vater" . 'Ich kenn dich, nix wie raufen" . Die Ohrfeige, mit der sie die Kriegsauszeichnung ihres Sohnes quittiert, drückt ihren Ã"rger über seine Unbelehrbarkeit aus: 'Hab ich dir nicht gelernt, daß du auf dich achtgeben sollst?" Die Instinktsicherheit des 'Muttertiers", in dem sie ein lebenssicherndes Gegengewicht zu ihrer 'Courage" besitzt, versucht sie, dem Sohn vergeblich zu vermitteln 'ein bissei Weitblick und keine Unvorsichtigkeit" . Seiner Unvorsichtigkeit gilt die Ohrfeige, nicht etwa der Hinterhältigkeit, mit der er die armen Bauern übertölpelt, nicht der Brutalität, mit der er sie erschlagen hat. Ihre Erziehung zielt auf Klugheit, nicht auf Moral. Darum wirkt es besonders anrührend, daß sich in dem jungen Eilif anfangs eine Spur von moralischem Bedenken zeigt: 'Not kenntkein Gebot, nicht?" Die Frageform drückt einen Zweifel aus. Aber die Instanz, von der eine kompetente Antwort kommen müßte, weicht aus. In einer Haltung von Feigheit und Zynismus 'belegt" der Feldprediger aus der Bibel, daß das Gebot der Nächstenliebe nicht zu gelten habe, ein Seitenhieb Brechts auf den Konformismus mancher Kirchenleute mit den Nazis.
      Von seiner Mutter hat Eilif nur die Moral des Ãoberlebens gelernt. Das Soldatenlager vermittelt ihm das Ideal brutaler männlicher Dominanz. Er will kein 'Hühnchen sein" . Der Werber hat gewonnenes Spiel, als er an seine Männlichkeit appelliert: 'Tritt einmal vor und laß dich anfühlen, ob du Muskeln hast" . 'Wir zwei gehen dort ins Feld und tragen die Sache aus unter uns Männern" . Der Appell der Mutter zählt nichts mehr: 'Wirst du klug sein?" 'Klug ist, wenn du bei deiner Mutter bleibst". 'Wenn er nicht klug ist, geht er den Weg des Fleisches" . Ihr Ratschlag, 'wenn sie dich verhöhnen und ein Hühnchen schimpfen, lachst du nur" , kann unter diesen Umständen nicht verfangen. Die Verführung zum Heldentum ist zu stark für den jungen Mann.
      Die jugendliche Unbesonnenheit und der Ungestüm des Eilif sind für Brecht an sich keine negativen Züge. In seinen frühen Werken hat er kämpferische Instinkte geradezu in nietzscheani-scher Weise stilisiert. Eines seiner ersten veröffentlichten Gedichte, das 'Lied von der Eisenbahntruppe von Fort Donald", hat einen Klang von nihilistischem Heroismus. Der Zweikampf zwischen Garga und Shhnk {Im Dickicht der StädtE) huldigt dem Chaos und der existentiellen Einsamkeit, wie schon die frühe Erzählung Bargan läßt es sein. Auch Brechts Faible für Boxer und Boxkämpfe und seine intellektuelle Rauflust in den zwanziger Jahren lassen seine Sympathie für alle Kampf- und Streitlustigen vom Typus Eilif erkennen.
      Aber auch der dialektische Widerspruch zum Kampfgeist ist frühen Ursprungs. Das Tanzlied des Eilif, unter dem Titel 'Die Ballade von dem Soldaten" zuerst in der 'Hauspostille" erschienen, ist ein Stück bänkelsängerischer Jugendlyrik Brechts. In der Mutter Courage findet es eine neue dramaturgische Funktion im Wechselgesang von Mutter und Sohn. In seiner lapidaren Antithetik bringt es den Widerspruch zum jugendlichen Heroismus, zur 'Kühnheit" des Eilif zum Ausdruck: die Beschwörungbehütender Mütterlichkeit. Im lyrischen Wechsel der Motive 'Wärme" und 'Rauch" symbolisiert sich der Gegensatz von Leben und Vergänglichkeit: 'Ihr vergeht wie der Rauch! Und die Wärme geht auch." Das Lied ist mit dem Dialogtext verklammert durch das Wort 'Lachen". Das 'Ich hab gelacht" in Eilifs Bericht an den Feldhauptmann findet sein Echo in den Liedzeilen 'Doch der Soldat mit der Kugel im Lauf / Hörte die Trommel und lachte darauf."
- 'Doch der Soldat mit dem Messer im Gurt / Lacht ihr kalt ins Gesicht [. ..]". Das Wort 'Trommel" ist ein Leitmotiv des Stücks: Sie erschallt als Exekutionstrommel für den Schweizerkas und am Schluß als Rettungssignal der Kattrin.
      Zu seinem Gesang vollführt Eilif einen wilden Säbeltanz, der nach Brechts Regieanweisung 'sowohl mit Feuer als auch mit Lässigkeit" ausgeführt werden soll. Der kriegerische Heroismus erhält durch das verfremdende Ritual den Charakter des Primitiven, Atavistischen. Eilifs 'Kühnheit" drückt sich am Ende, als er zur Exekution abgeführt wird, noch einmal in todesverachtenden jugendlichen Trotzgebärden aus: 'Halt das Maul"-'Klugscheißer"
- 'Gib mir lieber einen Schluck Schnaps" - 'Ich brauch keinen Pfaffen" . Aber Brecht hat dazu sein Gesicht kalkweiß schminken lassen; eine Reminiszenz an seine Marlowe-Inszenierung von 1924, bei der die Soldaten in der Schlachtszene auf Karl Valentins Rat in weißen Masken auftraten. Der Bauernschinder Eilif ist nicht Täter, sondern Opfer. Der Feldprediger, der die gleiche Tat noch vor drei Jahren beschönigt hatte, gibt sich jetzt fassungslos: 'Wie hast du das machen können?" . Der als Kriegsheld Mißbrauchte hätte, das ist Brechts Lehre, in anderen sozialen und historischen Verhältnissen ein sympathischer Sportchampion werden können, ein Fighter, ein Boxstar in seiner 'lässigen" Wildheit. Seine Morde und Plünderungen liegen nicht in seinem Interesse, sondern in dem seiner Befehlshaber, obwohl sie auch ihn ein wenig reich gemacht haben, wie seine Kleidung verrät. Wegen derselben Heldentat wird er einmal hoch dekoriert, ein andermal zum Tode verurteilt, je nach politischer und kommerzieller Interessenlage der Mächtigen.
      'Er hat was Lichtes", sagte Eilif vom 'Heldenkönig" Gustav Adolf, 'ihn möcht ich mir zum Vorbild nehmen" . Die Vorbildrolle der Großen bekommt den kleinen Leuten schlecht.
     

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Die  Verführung  zum  Heldentum  -  Eilif    





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