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Schrift, Stratifikaüon und symbolische Generalisierung



Evolutionstheoretisch gilt die Sprache als Variationsinstanz. Daß die in ihr vollzogenen Kommunikationsofferten auch Folgen haben, setzt weiteres voraus:



"Kommunikation, und erst recht sprachliche Kommunikation, bewirkt zunächst nur das Ankommen einer Information, das Verstehen ihres Sinns, nicht aber damit zugleich auch eine Ãobernahme der Selektion als Prämisse weiteren Erlebens und Handelns. Durch Kommunikation erreicht man daher zunächst nur eine Ãobertragung von Selektionsq^erren. Die Sicherstellung des kommunikativen Erfolgs, die wirksame Ãobertragung der Selektion selbst in an-schließendes Lrleben und Handeln hängt von weiteren Voraussetzungen ab." IHervorh.: Plumpe/Werber]

   Die Erfindung von Schrift liefert der Gesellschaft tragfähige Speicher. Dies ermöglicht einerseits eine Akkumulation von ständig abrufbaren Daten, andererseits wird eine stärkere Differenzierung von Gesellschaft und Interaktion bewirkt. Schriftliche Kommunikationsofferten können sich auch an Unbekannte oder Abwesende richten und zwingen mithin zu stärkerer Abstraktion. Die Erfindung der Schrift läuft koevolutiv zur Entstehung von Stadtkulturen mit ihren Hierarchien, ihrer wirtschaftlichen, religiösen und politischen Komplexität.
      "Das ein/ige Phänomen, das immer und überall mit dem Erscheinen der Schrift verknüpft ist [...], ist die Bildung hierarchischer Gesellschaften [...]. lind wenn wir überprüfen, wofür die Schrift zuerst verwendet wurde, dann scheint es, daß sie vor allem im Dienste der Macht stand."'
Schrift speichert. Was aber rechtfertigt das Vertrauen, daß nicht nur die Schrift überdauert, sondern auch die Selektionsofferte die Zeit übersteht und ankommt? Diese Problemlage
"ist der historische Ausgangspunkt für die Ausdifferenzierung besonderer symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien." "Wenn das Gesellschaftssystem und die für es mögliche Umwelt komplexer werden, nimmt auch die Selektivität aller Tesüegungen zu. Was immer mitgeteilt werden muß, wird zur Auswahl aus mehr anderen Möglichkeiten. Dadurch wird die Motivaüon zur Ãobertragung und Annahme von Seleklionsleistungen unwahrscheinlicher."1^
Hier setzen Kommunikationsmedien ein, die zu solchen Mitteilungen motivieren und ihre Selektion sicherstellen. Sie schieben die Schwelle der Unwahr-schcinlichkeit von Anschlußsclektionen hinaus. Dies wird ermöglicht durch die symbolische Generalisierung in Hinsicht auf bestimmte Medien wie Wahrheit, Geld, Schönheit oder Recht und mittels einer binären Schematisierung des Mediums durch einen Code wie wahr/falsch, haben/nicht-haben, schön/häßlich oder recht/unrecht. Die Generalisicrung erleichtert es, die eigenen Selektionen in einer "Kommunikationsbeziehung" auf den Partner "kommunikationslos"einzustellen, d.h. bestimmte Selektionen erwartbar zu machen14. Wir reden über Wahrheit, nicht über Recht, oder über den Preis und nicht über die Schönheit. Die binäre Codierung stellt für alle "Vorkommnisse oder Zustände, die an sich nur einmal vorhanden sind, zwei mögliche Ausprägungen bereit." Dies ermöglicht die Zumutung einer harten Disjunktion und damit höhere Spezifikation:
"Jedenfalls wird durch codespezifische Strukturierung erreicht, daß die Kommunikation unter dem Gesichtspunkt zum Beispiel von Haben/Nichthaben gebraucht wird, wenn man Tauschprozesse ansehließen will, und nicht zugleich unter dem Gesichtspunkt von gut/schlecht oder wahr/unwahr."

   Diese Spezialisierung ermöglicht den Aufbau und die Bearbeitung einer komplexeren Umwelt.
      Kommunikationsmedien wirken evolutionär als Selektion. Vor dem unendlichen und indifferenten Gemurmel gewinnen auf Medien zugeschnittene Kommunikationen eine spezifische Kontur. Die Codierung provoziert zudem Dissens, da keine Aussage selbstverständlich ist, und hält so die Kommunikation in Gang. Da Gespräche abreißen, halten sich derartige Prozesse nur durch Slrukturbildung in der Zeil. Die Philosophen können nicht endlos diskutieren. Wer garantiert, daß man noch über wahr und falsch debattieren kann, wenn man vom Essen wieder zum Forum kommt? Diese Erwartung auf Dauer in der Zeit wird durch Mediencodes bedient. Sie schaffen Vertrauen darein, daß Selektionen übernommen werden.
      In archaischen Kulturen lassen sich Funktionssyslem, Kommunikationssystem und Interaktionssystem kaum unterscheiden. Die einzelnen Stämme sind Segmente, die alle gleich organisiert sind und die gleichen Funktionen abdek-ken. Die Existenz des einen Stammes ist auf die des anderen in keiner Weise angewiesen. Jedes Segment ist für sich überlebensfähig. Dies hat sich im Zusammenhang mit der Entstehung von Schrift und Mediencodes, einer komplexeren Gesellschaft in einer komplexeren Umwelt erheblich geändert. Die Ge-sellschaftsstruktur ist nun primär stratifikatorisch strukturiert. Die einzelnen Sozialsysteme stehen nicht mehr nebeneinander, sondern in Schichten übereinander. Der segmentären und der stratifikatorischen Differenzierung ist gleichermaßen zu eigen, daß Personen in den Einheiten, die sie differenzieren, problemlos Platz finden; durch Geburt ist man Mitglied eines Clans oder Stammes oder einer Schicht. Während jedoch die Clans Rangfolgen internfestlegen, in jedem Segment aufs Neue, bilden stratifiziertc Gesellschaften Ränge zwischen sozialen Einheiten, indessen in diesen Einheilen Gleichheit gilt. Herren und Sklaven, später Adel, Klerus und Bauern sind durch Funktionen klar unterschieden. Die Rangfolgenbildung in einer Schicht bleibt jedoch in anderen Schichten folgenlos. Ein neuer Kaiser, ein anderer Papst ändern nichts daran, daß die Bauern Kirche und Adel zu ernähren haben. Dieser Gesellschaftsstruktur korreliert eine Semantik, welche die Anschlußfähigkeit von Kommunikationen schichtspezifisch differenziert und Beiträge unter Vorgabe der Differenz 'oben vs. unten' sortiert. Ihre bekannteste Figur ist die Hierarchie, die ontologisch und theologisch abgesichert die oberste Schicht prämiert. Die Leitdifferenzen der Mediencodes folgen der soziostruklurellen Stratifikation. Die Präferenzwerte der meisten Mediencodes sind auf den König und seinen Stand fokussiert. Macht, Schönheit, Geschmack, Recht, Gottes Gnade und Wahrheit sind des Königs qua Geburt. Ohnmacht, Geschmacklosigkeit, Unrecht etc. werden den unteren Ständen zugesprochen. In der Rechtsprechung, der Poetik, der Theologie, der Wirtschaft - überall ist der Stand ausschlaggebend für die Ãobernahme von Selektionsofferlen und die Codierung von Informationen. Die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien sorgen zwar für ein gewisses Maß an funktionsbezogener Spezialisierung und differenzierter Bearbeitung sozialer Problemlagen. Jedes Mitglied aller Stände kann daher wissen, wann über Recht, Geld, Gott oder Macht gesprochen wird, und eigene Beiträge dazu leisten. Seine Standeszugehörigkeit aber enlscheidet darüber, wie folgenreich sein Beitrag sein wird, wenn er überhaupt zugelassen wird. Ein Ausdruck wie "artes liberales" weist z.B. darauf hin, daß nur "Freie" nicht aber "Unfreie" sie erlernen und ausüben durften. Umgekehrt galt ein Handwerk für einen "Freien" als unwürdig, die Bildhauerei genoß in der Antike bekanntlich kein hohes Ansehen. Die Tradition dieser antiken Differenzierung der Künste erlischt erst im 18. Jahrhundert, in dem etwa die Enzyklopädisten die Künste nach der Unterscheidung "mechanisch" vs. "schön" neu gliedern, die Differenz zur Unterscheidung von Funktionstypen verwenden und sie damit enthierarchisieren.
      In der stratifizierten Gesellschaft sind die Differenzen zwischen den Sozialsystemen der Stände gleichsam semantisch "härter" als die Differenzen zwischen den einzelnen Binärcodes. Das Schöne, Gute und Wahre sind sich näher als Bauer und Edelmann. In der Poetik einer stratifizierten Gesellschaft fallen daher letztlich der höchste Stand und die "höchsten Werte" zusammen. Dies wird wesentlich erleichtert durch die theologische Auffassung von dem ordo rerum, welche in Gottes Schöpfung und ihrem weltlichen Repräsentanten, dem König von Gottes Gnaden, alle positiv konnotierten Codewerte kulminierenläßt. Von Leibniz' Theodicee oder Shaftesbury's Werk konnten die wirkungsmächtigsten Poetiken der frühen Neuzeit diese Lehre von der schönen und hierarchischen Ordnung der Dinge übernehmen. Batteux und Gottsched, Boi-leau und Bodmer identifizieren weitgehend das Schöne, Wahre und Gute und weisen der Kunst die Aufgabe zu, im Schönen das Gute zu befördern, das Wahre zu verbreiten und die Christenheit zu erbauen. Die Gattungen werden nach Strata geschichtet: die Tragödie ist die höchste der Galtungen, in ihr treten daher Könige und Prinzen auf, sie sind im hohen Stil geschrieben; die Komödie ist eine niedrigere Gattung, ihre Protagonisten sind Bürger, die Sprache ist gewöhnlich. Selbstverständlich sind Könige auch schöner als Bürger, die tragischen Konflikte des Adels edler Herkunft, die des Bürgertums aber von niederen Trieben motiviert. Man denke nur an Racine und Moliere. Anders formuliert: die poetische Semantik entspricht der stratifizierten Differenzierung der Gesellschaft. Die binären Schematismen sind kaum gegeneinander differenziert: das Schöne ist auch edel und gut, wie das Böse gemein und häßlich ist. Auf dieser Abslraktionslage betrachtet ist die Poetik des 17. und frühen 18. Jahrhunderts vom Denken Augustinus' oder Plolins nicht sehr weit entfernt.
     

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Schrift,  Stratifikaüon  symbolische  Generalisierung    





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