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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Aspekte einer systemtheorelischen Literaturwissenschaft



1974 stellte der bisher vor allem aus der Verwaltungsorganisalion und RechLs-soziologie bekannte Niklas Luhmann einem Publikum von Künstlern, Linguisten, Literaturwissenschaftlern und philosophischen Experten für Ästhetik eine verblüffende Frage: "Ist Kunst codierbar?"1. Die Literaturwissenschaft hat gut ein Jahrzehnt gebraucht, um diese Frage aufzugreifen. Das überrascht nicht, denn in einer nahezu einmaligen Traditionslosigkeit werden Kunst, Literatur und Ästhetik in eine völlig neue Perspektive gestellt.



      Das alte Problem lautete bislang, was denn Kunst und was Schönheit sei. Nachdenken über die schöne Kunst fand seine Orientierung an Denkmodellen ontologischer, theologischer oder teleologischer Natur, deren Maximen die Kunst zu vollstrecken hatte, oder aber an paradigmatischen Werken, aus denen eine ästhetische Programmatik abgeleitet werden konnte. Es sind dann immer nur sehr wenige Werke, welche die*Kriterien der Theorie stützen oder erfüllen. Diese Festlegung auf Werke und Werte machte die Theorie der Kunst äußerst anfällig gegen Zeit. Denn die Dynamik kultureller Evolution entzieht der Autorität der großen Namen und Normen fortlaufend ihre theoriestabilisierende Kraft und läßt Ästhetiken hinter sich, welche die historische Relativität ihrer Refercntialisierungen nicht mitreflektiert haben. Dem mag man eine Zeitlang entgehen können, indem man sich wie die traditionelle, philosophisch geprägte Hermeneutik der Analyse der Klassiker widmet, deren Kanonisierung den Texten eine derartige Zeitlosigkeit beschert hat, daß sich die Frage nach der Aktualität der Werke und ihrer Reflexionstheorie erst gar nicht stellt. Den Kontrapunkt dazu setzt eine sozialphilosophische und ideologiekritische Literaturwissenschaft, die sich nicht im Hinweis auf bestimmte Werke rechtfertigt, sondern ihre Legitimation von kunstexternen Wertsystemen bezieht. Politisch und moralisch interessiert, erklärt sie Werke dann für 'gute' Kunst, wenn bestimmte erwünschte emanzipatorische Gehalte oder gesellschaftliche Prozesse zum Ausdruck kommen. Diese Verwechslung von Ideologiekritik mit Literaturtheorie führte zu Analysen, in denen Literatur als spezifische Form der Textstrukturierung, die sich von anderen Formen und Diskursen unterscheidet,keine wesentliche Rolle mehr spielte. Untersucht wurden statt dessen die von der Literatur abgebildeten sozialen oder psychischen Prozesse, die dann je nach Vorliebe als affirmativ oder kritisch, als exakt oder ungenau, als gesund oder pathologisch, bewußt oder unbewußt bezeichnet werden konnten. Die Frage, ob denn systemkonforme - oder abweichende -Literatur etwa auch deshalb gefalle, schön oder interessant sei, wurde nicht gestellt. In der jüngsten Diskussion wurde diese Art der politischen und moralischen Codierung von Reflexionstheorien der Kunst als "Gesinnungsästhetik" kritisiert.
      Lehnt man diese Beobachtung der Kunst und Literatur mit politischen, moralischen oder auch psychoanalytischen Kategorien als Literaturtheorie ab, hält man zudem eine Kanonbildung, über der sich dann eine elitäre Reflexionstheorie stabilisiert, für bedenklich, dann stellt man am besten die Frage neu: "Ist Kunst codierbar?" Den Voraussetzungen und Implikationen dieser Frage soll hier im Anschluß an und in kritischer Auseinandersetzung mit Luhmann nachgegangen werden, bevor dann versucht wird, daraus Konsequenzen für eine Theorie literarischer Kommunikation und eine literaturhislorische Theorie der Epochen zu ziehen.
     

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