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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Der Literaturbegriff als Bindeglied



In den obigen Abschnitten wurde eine Differenzierung vorgeschlagen, mit der Handlungen im Literalursyslem auf drei verschiedene Handlungsebenen verteilt werden. Dieser Lösungsweg ermöglicht, in einer sinnvollen Weise von literarischen und nicht-literarischen Handlungen innerhalb des Literatursystems als eines sozialen Systems sprechen zu können. Erreicht wurde dieses Resultat durch die Beschränkung literarischer Konventionen auf die Ebene literarischer Handlung. Da aber in der bisherigen ETL-Konzeption nur literarische Handlungen im Literatursystem zugelassen sind und durch diese Konventionen zusammengehalten werden, muß mit dem vorgeschlagenen Ebenenmodell nach einer anderen Lösung gesucht werden. In den Charakterisierungen der Handlungsebenen wurden deshalb die Unterscheidung von Literatur und Nicht-Literatur und die zu dieser Unterscheidung führenden Voraussetzungen und Implikationen mit dem Konzept des Literaturbegriffs eingeführt. Das entscheidende und verbindene Kriterium für alle Handlungen im Literatursystem ist darin zu sehen, daß Vorstellungen von Literatur und damit die Dichotomie von Literatur und Nicht-Literatur von den Teilnehmern des Literatursystems in ihrer jeweiligen Handlungsrolle auf allen Handlungsebenen prozessiert werden. Es werden also nicht nur Handlungen in bezug auf für literarisch gehaltene Texte durchgeführt.



      Das Literalursystem ist sicher nicht das ein/ige soziale System, in dem Handlungen in bezug auf für literarisch gehaltene Texte erfolgen. Im Erziehungssystem z.B. geht es um die Auswahl von Texten für den Unterricht und damit auch um Fragen, die die Kanonisierung von Literatur betreffen. Im Justizsystem ist manchmal die Frage zu lösen, ob ein literarischer Text die Rechte anderer tangiert oder nicht. Der entscheidende Unterschied besteht darin, daß Handlungen im Literatursystem ausschließlich die Voraussetzungen der Unterscheidung von Lileratur/Nicht-Literatur und deren Begründung betreffen. Im Erziehungs- und im Justizsystem dagegen werden Vorstellungen von Bildung bzw. von Recht und Gerechtigkeit prozessiert, es werden jedoch als Handlungsergebnis nicht Definitionen von Literatur angestrebt . Daraus darf man wiederum nicht schließen, daß das Literatursyslem völlig autonom ist. Die graduelle Autonomie bzw. Autonomisierung des Literatursyslcms kann systemtheoretisch nun daran festgemacht werden, inwieweit diese Vorstellungen im Lile-ralursystem selbst festgelegt bzw. durch andere soziale Systeme vorgegeben und unter Machtausübung durchgesetzt werden.
      Die Fokussierung auf den Literaturbegriff bildet somit das literaturwissenschaftliche Abgrenzungskriterium für Handlungen im Literatursystem von Handlungen in anderen sozialen Systemen. Eine weitere, aus systemtheoreti-scher Perspektive entscheidende Konsequenz dieser Lösung ist darin zu sehen, daß nicht literarische Handlungen die Komponenten des Literatursystems bilden, da sie über die literarischen Konventionen an literarische Kommunikate gebunden sind und daher nur einen Teil des Phänomenbereichs abdecken. Auch nicht-literarische Handlungen gehören aber zum Literatursystem. Als Komponenten des Litcratursystems werden deshalb aufgrund systemtheoretischer Vorentscheidungen Vorstellungen von Individuen bezeichnet, die zunächst zu einer Trennung von Literatur und Nicht-Literatur führen und in weiteren Handlungen damit verbunden sind.
      Von "dem" Literaturbegriff zu sprechen, ist eine Generalisierung und erfolgt hier nur im Rahmen einer grundsätzlichen Charakterisierung des Literatursy-stems. Ein Vergleich von Literaturgeschichten aus verschiedenen Zeiten würde zeigen, daß Literatur immer wieder anders definiert worden ist. Dasselbe Ergebnis würde auch die Gegenüberstellung verschiedener heutiger literaturwis-senschaftlicher Richtungen bringen. Als Arbeilshypothcse kann deshalb davon ausgegangen werden, daß in unserem Literatursystem unterschiedliche Literaturbegriffe anzutreffen sind. Grabes 1977 hat ein Schema entwickelt, mit dem sich Literaturbegriffc unter verschiedenen Aspekten miteinander vergleichen lassen und das über die notwendige begriflliche Klarheit verfügt. Ich werde mit diesem Schema arbeiten und Bezüge zum Konzept der ETL herstellen.
      Grabes begreift die Vielfalt der Lileraturbcgriffe als ein Ergebnis bestimmter Vorentscheidungen. Jeder Lileraturbegriff läßt sich nach der Art jeweils getroffener Vorentscheidungen bestimmen, wobei für das Schema die Unterscheidung von drei Aspekten ausreicht: die Behauptung der ontologi-schen Valenz, die Beurteilung der epistemologischen Valenz und die Behauptung der onlischen Differenz.

     
  

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