Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Literarische Ästhetik - aufläse
Wie im vorigen Kapitel sollen auch hier heterogene Standpunkte zusammengeführt, dialogisch aufeinander bezogen werden. Denn ich meine, daß die ästhetischen Theorien Bachtins, Benjamins und Adornos, di
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Lucien Goldmanns genetischer Strukturalismus



In zwei wesentlichen Punkten bricht Lucien Goldmanns Theorie, die ich schon vor Jahren als "hegelianische Ã"sthetik" kritisiert habe7', mit Hegel und Lukäcs: Sie lehnt es einerseits ab, klassizistische Kriterien zur Grundlage ihrer Kritik zu machen, und akzeptiert uneingeschränkt die literarische Avantgarde: Gcnct, Gombrowicz, Robbc-Grillet; sie will andererseits keine präskriptive Ã"sthetik sein und wird von Goldmann in Ãobereinstimmung mit dem arbeitsteiligen Trend als Litcratursoziologie/socio-logic de la littcralure und als genetischer Strukturalismus definiert.



      Auch diese komplementären Definitionen zeugen von der in der Einleitung thematisierten Krise der Ã"sthetik. Stärker als Lukäcs war sich Goldmann der Tatsache bewußt, daß der von ihm und Lukäcs anvisierte Objektbercich auf Literatur und Philosophie zusammengeschrumpft war, so daß die Bezeichnung "Ã"sthetik" nicht mehr gerechtfertigt werden konnte. Die Auseinandersetzungen mit den Sozialwis-senschaflen der 50er und 60er Jahre, mit der Soziologie, der genetischen Psychologie Jean Piagcts und der französischen Scmiotik74, trugen entscheidend dazu bei, daß dieser geschrumpfte Objektbereich nicht nur mit den Mitteln der spekulativen Philosophie, sondern auch mit dem damals zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Instrumentarium angegangen wurde.
      Für den Ãobergang von Lukäcs zu Goldmann scheint im Rückblick nicht so sehr die von Goldmann und seinen Schülern immer wiederbetonte Wiederentdeckung des "jungen Lukäcs" wesentlich zu sein75, sondern der Umstand, daß Gegenstand und Methode nicht mehr auf ästhetischer, sondern auf sozial wissenschaftlicher Ebene definiert wurden. Daß Goldmanns Entwicklung keine Zufallserscheinung ist, sondern im Zusammenhang mit dem arbeitsteiligen Zerfall der Ã"sthetik verslanden werden sollte, zeigen Jan MukaFovskys semiotisch fundierte Ã"sthetik der Zwischenkriegszeit , Max Benses "numerische Ã"sthetik", die sich an der amerikanischen Scmiotik und der Mathematik orientiert, sowie die literarische Ã"sthetik Wolfgang Isers, der ein phä-nomenologisch-semiolischcs Konzept zugrunde liegt. Charakteristisch für den gesamten Trend ist Benses Absage an die philosophisch-metaphysische Ã"sthetik der Vergangenheit in Aesthetka : "Wir haben also nicht nur eine moderne Kunst, sondern auch eine moderne Ã"sthetik, und der Ausdruck 'modern' soll bedeuten, daß es sich um eine fachwissenschaflliche, nicht nur philosophisch fundierte Ã"sthetik handelt ."7'' - "Aber wie die Physik so stellt auch die Ã"sthetik eine technische Wissenschaft dar"77, heißt es an anderer Stelle in Benses Buch, das mit Hegel bricht und der Hegelschcn Ã"sthetik eine Galilci-sche gegenüberstellt.7* Bei Bcnse entspricht zwar noch der Gegenstand dem der traditionellen Ã"sthetik , die Methode hingegen nicht mehr: In diesem Punkt überschneidet sie sich trotz ihrer analytischen und szientislischen Ausrichtung mit der marxistischen Theorie Goldmanns.
      Letztere ist freilich - und dies ist das scheinbar paradoxe Hauptargument dieses Buches - nicht unabhängig von ihren ästhetischen Grundlagen, Werturteilen und Kriterien zu verstehen: ebensowenig wie die Scmiologic Jan MukaFovskys oder die Scmiotik eines Grcimas, dessen Leser spontan annehmen könnten, es handle sich tatsächlich um eine rein technische Wissenschaft... Denn schon die Bezeichnung "genetischer Strukturalismus" drückt aus, worum es im wesentlichen geht: um eine Produktionsästhetik, die primär der hegelianisch-marxistischen Frage nachgehl, warum, unter welchen historischen Bedingungen ein literarischer Text entstanden ist und was er ausdrückt.
     
Selbstverständlich hatte Goldmann, als er diese Bezeichnung prägte, in erster Linie eine Abgrenzung gegen die von Saussures synchroner Linguistik beeinflußten strukturalen Ansätze der 60er Jahre im Sinn. Im Gegensatz zu ihnen wollte er zeigen, daß Struktur und Prozeß nicht zu trennen sind und daß für die Entstehung neuer Strukturen soziale Gruppen oder Kollektivsubjekte verantwortlich sind, deren Existenz von Foucault und vor allem Althusser in den Bereich der metaphysischen und ideologischen Spekulation relegiert wurde. Im Gegensatz zu diesen Autoren hält Goldmann unbeirrt am Begriff des Kattektivsubjekts fest: "Der genetische Strukturalismus geht von der Hypothese aus, daß jedes menschliche Verhalten ein Versuch ist, auf eine besondere Situation eine sinnvolle Antwort zu geben, und daß dieses Verhalten dem Gleichgewicht zwischen dem Subjekt der Handlung und dem Objekt, auf das sie sich bezieht, d.h. der umgebenden Welt, zustrebt."

   Diese Passage, die an Goldmanns Kommentare zu Jean Piaget erinnert, könnte die Vermutung aufkommen lassen, daß wir es hier lediglich mit einer Anwendung moderner sozialwissenschaftlicher Methoden in der Literaturwissenschaft zu tun haben. Wer sich allerdings die Mühe macht, Goldmanns Arbeiten systematisch zu lesen, der entdeckt bald, daß sein Sinnbegriff eng mit Hegels und Lukäcs' Kategorie der Totalität zusammenhängt. Die historische, der gesellschaftlichen Entwicklung immanente Totalität verteidigt er bereits in seiner Dissertation gegen die "abstrakte Allgemeinheit" Immanuel Kants. Seine Kant-Kritik erinnert an die Georg Lukäcs' in Der junge Hegel.
      Obwohl Kant versucht, die konkrete Totalität zu denken, scheitert er an seinem Dualismus, an dem von ihm nie überwundenen Gegensatz zwischen Wirklichkeit und Begriff. Die historische Totalität als Immanenz des Gedankens hat seit Heraklit kein Philosoph ins Auge gefaßt. "Erst Hegel wird es von neuem tun und damit den entscheidenden Schritt zur dialektischen Methode vollführen. - Kant aber schrak noch davor zurück. Er erkannte, daß eine konsequente Totalitätsbetrachtung zur Immanenz und diese vom Pantheismus Spinozas zum veränderlichen Gott, zur Dialektik führt, und eben darum lehnte er sie ab."

  
Diese dialektische Kritik an Kant läßt nicht nur den Hegeischen Ursprung von Goldmanns Totalitätsbegriff erkennen, der durch die Ausrichtung des genetischen Strukturalismus auf Lukäcs' Geschichte und Klassenbewußtsein in einem materialistischen Kontext weiter he-gclianisiert wird*1, sondern läßt auch vermuten, daß in Goldmanns Literaturtheorie dieser Schlüssclbcgriff der Monosemierung der Texte dienen wird. Tatsächlich stellt sich heraus, daß die beiden anderen Begriffe, Bedeutungsstruktur und Weltanschauung , die in Goldmanns Theorie von der Kategorie der Totalität abzuleiten sind, die begriffliche Definition der Texte ermöglichen sollen.
      Wie schon bei Hegel und Lukäcs unterscheiden sich literarische von theoretischen Texten nicht durch die Verlagerung der Produktion in den Ausdrucksbereich, sondern durch die sinnliche und anlhropomorphe Darstellungsweise. Daher wird kein unüberbrückbarer Hiatus zwischen begrifflichen und fiktionalen Texten sichtbar; daher kann auch jedem literarischen Text ein begriffliches Ã"quivalent zugeordnet werden: "Sowohl ein begriffliches System als auch ein literarisches Werk, welches eine Welt von Menschen und Dingen darstellt, besitzt eine innere Kohärenz und bildet daher eine Totalität, deren Einzelteile sich gegenseitig erklären und nur von der Gesamtstruktur her verstehen lassen."* Am Ende dieser Darstellung will ich zeigen, daß Goldmann im Ernst glaubt, solche Aussagen seien auch auf avantgardistische Texte anwendbar.
      Seine Interpretationsmethode, die er optimal in seinem Buch über die tragische Weltanschauung bei Pascal und Racine exemplifiziert , ist eine recht einfache Hermeneutik, in der es primär darum geht, einzelne Textelemcnte zunächst immanent zu verstehen, um sie dann in immer größeren Zusammenhängen erklären zu können: "Der Sinn eines Elements hängt vom kohärenten Ganzen des gesamten Werkes ab." Die einzelnen Schritte seiner Analyse stellt Goldmann anschaulich in einem Kommentar zu Le Dieu cache dar: "Es gibt auch einen grundlegenden Unterschied zwischen Verstehen und Erklären. Wenn ich eine Pensee von Pascal erklären will, muß ich sämtliche andere Pensees mit einbeziehen. Wenn ich alle Pensees untersuche,verstehe ich sie auch. Es gilt jedoch, ihr Entstehen zu erklären, und dazu muß ich den Jansenismus mit einbeziehen; und den Jansenismus wiederum kann ich nur verstehen, wenn ich den Amtsadel mit einbeziehe, usf.""
Diese Passage führt mitten in die Problematik von Goldmanns Hauptwerk Le Dieu cache. In dieser Arbeit geht es - wie von Goldmann selbst bereits angedeutet - darum, die tragische Bedeutungsstruktur von Pascals Pensees und Racines Tragödien verstehend zu beschreiben und in einem zugleich gesellschaftlichen und historischen Kontext zu erklären. Den gesellschaftlichen Kontext bildet die jansenistische Weltanschauung des Beamtenaclels , den historischen die absolutistische Monarchie Ludwigs XIV, in der der Beamtenadel seiner politischen Funktion in den Provinzparlamenten beraubt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird. Er reagiert - als Kollcktivsubjekt - auf diese Niederlage, indem er das gesamte politische Geschehen im Zeichen der Sünde interpretiert und sich extremen Formen der jansenistischen Theologie zuwendet.
      Goldmann geht nun von der Annahme aus, daß sich wesentliche Elemente dieser Theologie, die von den Jansenisten im Kloster von Port Royal weiterentwickelt wird, in Pascals Pensees und Racines Tragödien niederschlagen, und er versucht, die Peripetien des Jansenismus in diesen Texten nachzuzeichnen. Dabei fällt dem Homologie-Bcgrü! eine zentrale Rolle zu: Insofern als der Jansenismus für den Beamten-adcl als Kollektivsubjekt eine wichtige Funktion erfüllt und der gesellschaftlichen Lage dieser Gruppe homolog ist, kann auch von einer funktionalen Homologie - also keiner einfachen Analogie, wie Charles Bouazis meint - zwischen Racines Tragödien und dem Jansenismus die Rede sein.
      Um den Rahmen dieses Kapitels nicht zu sprengen, will ich hier nicht auf Einzelheiten dieser Homologie, die ich an anderer Stelle ausführlich besprochen habe86, eingehen. Entscheidend ist, daß Goldmann meint, die Wendepunkte des Jansenismus, der sich zwischen zwei Extremen, zwischen dem politischen Kompromiß und der radikalen Ablehnungder absolutistischen Institutionen bewegt, in Racines Tragödien wiederfinden zu können: Während Tragödien wie Andromaque, Britannicus und Ber&nice die radikale Ablehnung ausdrücken, spricht aus Bajazet, Mithridate und Iphigenie die Kompromißbereitschaft. In Esther und Athalie vollzieht sich schließlich ein Ãobergang zum immanenten Bewußtsein, das die Tragik, die "innerweltliche Ablehnung", wie Goldmann sagt, der diese beiden Stücke als "drames sacres" bezeichnet, überwindet.
      Auch die beiden "drames sacres" meint er eindeutig auf eine theologische Position festlegen zu können: "Insofern sie sich dennoch, wie wir annehmen, der jansenistischen Bewegung anschließen, drücken sie die Ideologie und die Hoffnung der arnaldischcn Zentristen aus ." Hier zeigt sich, daß die Ãoberwindung des dualistischen, des tragischen Bewußtseins durch Dialektik und Immanenz, die schon in Goldinanns Deutung der Kanlschen Philosophie wichtig war, auch das telos seiner Racine-Interpretation ist.
      Im Hinblick auf diese diskursive Teleologie sind auch seine Mal-raux- und Goethe-Interpretationen zu lesen, die immer wieder der Frage nachgehen, ob es dem Autor gelingt, die individualistische Vereinsamung oder die tragische Zerrissenheit, die Gold
mann als "vordialektisch" bezeichnet, zu überwinden und sich der historischen Immanenz, der Dialektik, der Revolution und dem Ziel der menschlichen Gemeinschaft zuzuwenden. Während die Werke Pascals
und Racines die tragische Weltanschauung, den Bruch zwischen
Mensch und Welt, artikulieren, wird Goethes Faust als Buch der Tat, der Praxis, auf die dialektische Weltanschauung festgelegt: "Das Thema des Dramas ist der Ãobergang Fausts vom mutigen und kritischen
Wissenschaftler zum Menschen, der den wahren Sinn des Lebens entdeckt, und diesen Sinn verknüpfte Goethe, der Dichter der dialektischen Weltanschauung, mit der Tat."

   Wichtig ist, daß hier - wie schon bei Hegel und Lukäcs - die literarischen Texte ohne Rücksicht auf ihre Mehrdeutigkeit einem historischen Diskurs einverleibt werden. Ihre Bedeutung entsteht in einem begrifflichen Drei-Phasen-Schema, in dem das individualistische und rationalistische Bewußtsein durch das tragische Bewußtsein und diesesdurch das dialektische Bewußtsein überwunden, aufgehoben wird. Auch die Romane Malraux' und die Dramen Sartres werden im Rahmen dieses Schemas gedeutet und - wie schon bei Hegel - der Herrschaft des monosemierenden Begriffs unterworfen.
      Zwei Fragen bleiben unbeantwortet: Weshalb Goethe nicht statt des Faust eine Abhandlung über Dialektik schrieb, und weshalb Racines Dramen immer von neuem inszeniert werden und auch Individuen und ganze Gruppen ansprechen, die von der jansenisti-schen Theologie noch nie etwas gehört haben. Sicherlich ist der Pro-duktionszusammenhang von Literatur ebenso wichtig wie der Kontext der Rezeption; seine Analyse darf jedoch nicht dazu führen, daß polyseme Texte auf eindeutige Aussagen festgelegt werden und daß der Hegelianer über einen avantgardistischen Autor wie Bcckett, der sich bewußt allen Monosemierungsversu-chen entzieht, sagt: " Voraussichtlich wird es mir gelingen nachzuweisen, daß dieses Werk, wenn es ein großes Werk ist, die Widersprüche, Schwierigkeiten und Brüche dennoch in eine globale Weltanschauung integriert, die auf ein System reduziert werden kann ."*'
Der Hegelianismus dieser Passage liegt offen zutage: Das große ist das klassischeWerk , das alle Brüche in eine harmonische Totalität integriert, die ein begriffliches Ã"quivalent kennt, welches der hegelianische Diskurs bereithält. Es zeigt sich auch, daß Goldmanns ästhetische Kriterien sich nicht so radikal von denen des alten Lukäcs unterscheiden, wie von manchen Goldmann-Schülern angenommen wird90: Wie, wenn sich herausstellt, daß Becketts Texte beim besten Willen nicht in Begriffe zu übertragen sind? Sind sie dann minderwertig, unrealistisch oder gar dekadent? Lukäcs' Begriff des Typischen und Goldmanns Begriffe der Weltanschauung und der Bedeutungsstruktur sind nur verschiedene Aspekte einer und derselben hegelianischen Kategorie: der Totalität.
     

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