Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Literarische Ästhetik - aufläse
Ähnlich wie der russische Formalismus, dessen Bemühungen um eine wissenschaftlich fundierte Literatur- und Kunstthcoric er fortsetzt, ist der Präger Strukturalismus nicht unabhängig von der Entwicklun
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Evolution und Rezeption: Von Mukarovsky zu Vodiöka



Als Schüler Mukafovskys und spätes Mitglied des Prager linguistischen Zirkels richtet Felix Vodicka sein Augenmerk vor allem auf die literarische Evolution und versucht, Produktion und Rezeption literarischer Werke im Rahmen eines historisch-evolutionären Entwurfs zu erklären. Den Objcktbercich des Litcraturwisscnschaftlers teilt er folgerichtig in drei Abschnitte ein, die vom Evolutionsbegriff eingefaßt und zusammengehalten werden: A) das Studium literarischer Werke im Rahmen der liierarischen Entwicklung;'B) die Entstehung eines oder mehrerer Werke innerhalb der literarischen Evolution und der "Eingriff außerliterarischcr Tendenzen in die literarische Entwicklung"; C) Bedcutungs- und Funktionswandel literarischer Werke beim Publikum und die zeitlich und örtlich bedingte Konstitution ästhetischer Objekte."




In seinen Analysen der literarischen Evolution knüpft Vodicka bei den russischen Formalisten und vor allem bei Jurij Tynjanov an, der den Terminus "litcraturnaja evolueija" geprägt hat . Mit Tynja-nov erklärt sich Vodicka weitgehend einverstanden, wenn es darum geht, eine Litcraturauffassung zu verabschieden, die isolierte Werke entweder aus sich selbst verstehen oder aus heteronomen Faktoren ableiten möchte. Er stimmt in jeder Hinsicht mit Tynjanov übercin, wenn dieser bemerkt: "Untersuchen wir ein Werk isoliert, so können wir nicht sicher sein, daß wir in der richtigen Weise von seiner Konstruktion, der Konstruktion gerade dieses Werks sprechen."''* Es ist nicht möglich, die Konstruktion und Intention von Cervantes' Don Quijate zu verstehen, solange dieser Text nicht in den Prozeß der literarischen Evolution eingegliedert und als Parodie des damaligen Ritterromans erkannt wird.
      Zugleich distanzier! sich Vodicka vom formalistischen Erbe und vor allem vom frühen Formalismus, wenn er zustimmend Mukarovskys Kritik an Sklovskij zitiert: "Der Irrtum der traditionellen Literaturgeschichte lag darin, daß sie nur mit äußeren Eingriffen rechnete und der Literatur die autonome Entwicklung absprach, die Einseitigkeit des Formalismus wiederum darin, daß er das literarische Geschehen in einen luftleeren Raum versetzte."''', Diese Kritik trifft den Formalismus der "dritten Phase" , die von Tynjanovs soziologischem Konzept geprägt wurde, keineswegs; sie zeigt aber, welche Position der Präger Strukturalismus zwischen soziologischer und psychologischer Hctcronomic einerseits und einer autonomistischen, litcraturimmancn-ten Position andererseits einnahm.
      VodiCkas eigenes Problem scheint mir vor allem in seinem von den Formalisten geerbten Unvermögen zu liegen, die literarische Entwicklung als gesellschaftlichen Prozeß zu denken und die Tcxtstrukturierung selbst als einen gesellschaftlichen Vorgang aufzufassen. Wie bei Tynjanov bleibt auch bei Vodicka die Gesellschaft der literarischen Evolution und der Struktur des Einzelwcrks äußerlich. Davon zeugt eine besonders aufschlußreiche Passage aus Die Struktur der literarischen Entwicklung , in der sich außer einer berechtigten Abneigung gegen heteronome Reduktionen die Unfähigkeit zu einer dialektischen Ver-mittlung von fiktionalem Text und Gesellschaft bemerkbar macht. Das Verhältnis von Text und Kontext wird lediglich mechanisch als "Einfluß", "Einwirkung" oder "Eingriff" von außen aufgefaßt: "Die Erkenntnis, daß ein 'äußerer Eingriff zugestanden werden muß, sollte jedoch auf keinen Fall die Ergebnisse entwerten, zu welchen man durch die Rekonstruktion der Evolution der dichterischen Struktur gelangt war." Die Ausdrücke "äußerer Eingriff und "zugestanden werden muß" haben symptomatischen Wert und zeigen, daß auch bei Vodicka die kantiani-schc Trennung, die ich im 2. Kapitel den Formalisten vorgeworfen habe, der dialektischen, hegelianischen Vermittlung vorgezogen wird. Insofern hatte der Marxist Kurt Konrad recht, als er sowohl den Formalisten als auch den Prager Strukluralistcn vorwarf, sie könnten sich die Beziehung zwischen Literatur und Gesellschaft nur als "Einwirkung von außen" vorstellen.
      Dieser Dualismus macht sich auch in dem von Vodicka abgesteckten zweiten Aufgabenbereich der Literaturwissenschaft, in der Analyse der Genese literarischer Werke und der "Eingriffe außerliterarischcr Tendenzen in die literarische Entwicklung", bemerkbar. Solche "Eingriffe" werden zwar zugestanden und auch untersucht, aber letztlich erscheint das einzelne Werk doch als ein Produkt der literarischen Entwicklung oder Struktur, deren Gesetzmäßigkeiten der Autor gehorcht. In formalistischer Tradition verharrend, behauptet VodiCka: "Die Ursachen von Wandel und Bewegung werden wir also nicht außerhalb der literarischen Struktur suchen, sondern vor allem in ihrer immanenten Entwicklung." Externe Faktoren können der Eigengcsctzlichkcit der Evolutionsstruktur untergeordnet werden, weil "äußere Eingriffe bei der Realisierung neuer literarischer Formen immer einen Ausgleich mit den Möglichkeiten suchen müssen, welche der jeweilige Strukturzustand bietet".
      Mit diesen Aussagen fällt Vodicka hinter die Erkenntnisse des späteren Mukarovsky zurück, der, wie Hans Günther bemerkt74, im Laufe der Auseinandersetzung mit Marxisten wie Kalandra und Konrad um eine dialektische Vermittlung zwischen Literatur und Gesellschaft bemüht war. In seinem Aufsatz "Individuum und literarische Entwicklung" wird klar, daß die literarische Entwicklung ihre Veränderungen und ihren Identitätswandel gesellschaftlichen Faktoren verdankt: "Die Tendenz zur Identitätserhaltung ist in der sich entwickelnden Sache selbst angelegt; der Bereich, von dem Impulse ausgehen, die die Identität stören, muß also außerhalb der sich entwickelnden Sache liegen." Obwohl auch hier nicht deutlich wird, daß die literarische Entwicklung selbst ein gesellschaftlicher Prozeß ist, dessen Widersprüche gesellschaftlichen Ursprungs sind, wird jedenfalls der Gedanke an eine rein literaturimmanente Darstellung aufgegeben.
      Komplementär dazu haben Literatursoziologen wie Erich Köhler, die vom Primat der gesellschaftlichen Entwicklung ausgehen, ohne die Autonomie des Literarischen preiszugeben, gezeigt, wie das literarische Subsystem dem "Anpassungsdruck" anderer Subsysteme und des Gesellschaftssystems insgesamt ausgesetzt ist. Das feudale Epos verschwindet mit der Klasse, deren Heldentaten es zelebriert: "Jedoch vermag die nationalistische Ideologie eine Gattung nicht zu retten, die nicht darauf verzichten kann, Krieg und heroische Existenz einer Klasse zu feiern, deren parasitäre Existenz und Funktionslo-sigkeit trotz ihres gesellschaftlichen Prestiges allzu offenkundig war."7'' Köhler zeigt, daß nicht nur einzelne Gattungen wie Epos oder Tragödie, sondern ganze Gattungssysteme durch gesellschaftliche Umwälzungen hinweggefegt werden können.
     

  
Auch die Entstehung von Einzelwerken ist literalurimmanent kaum zu erklären: Cervantes' Don Quijote ist zwar als Parodie des Ritterromans zu lesen. Aber weshalb parodiert Cervantes den Ritterroman? Weshalb kann er ihn in einer bestimmten gesellschaftlichen und sprachlichen Situation parodieren? Doch nur deshalb, weil die fahrenden Ritter im zentralisierten Spanien der Reyes Catölicos zu einem sozialen Anachronismus verkommen sind. Hätten die caballeros andantes in Cervantes' Spanien nicht ihre politische und moralische Autorität eingebüßt, wäre die Parodie der Gattung "Ritterroman" gar nicht möglich gewesen.
      Marcel Prousts Roman sollte sicherlich nicht unabhängig von Prousts Kommentaren zu Balzacs Comedie humaine und Flauberts Education .sentimentale gelesen werden; er ist jedoch nicht konkret zu verstehen, solange er nicht auf die Pariser Salongcscllschaft der Jahrhundertwende und deren kollektiven Sprachgebrauch, die mondäne Konversation, bezogen wird. In der Vergangenheit versuchte ich zu zeigen, daß sowohl Prousts Schreibweise als auch seine Kritik an Balzac im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit der Konversation als Soziolckt der mondänen Gesellschaft zu verstehen sind.7* Als zugleich sprachliches und gesellschaftliches Faktum ist die Konversation unzertrennlich mit Prousts Schreibweise verwachsen, die als Kritik am mondänen Sprachgebrauch entstanden ist. Es wäre unsinnig, in diesem Fall von einer "äußeren Einwirkung" zu sprechen. Sinnvoller ist es, eine innerlitcrarische von einer außcrliterarischen Intertextualität zu unterscheiden, um das Zusammenspiel fiktionalcr und nicht-fiktionalcr Texte im Roman oder Drama zu beschreiben.7''
Vodickas größtes Verdienst ist, meine ich, nicht die Erklärung der literarischen Produktion, sondern seine historische Darstellung der Rezeptionsprozesse - also des dritten Aufgabenbereichs - im Zusammenhang mit Mukarovskys Begriff des ästhetischen Objekts. An entscheidenden Stellen seines Werkes wird klar, daß sowohl er als auch Mukafovsky vor allem in ihren empirischen Untersuchungen implizit vom Primat der Rezeption ausgehen und sich dadurch Kants Betrachtungsweise zu eigen machen, die schon Zieh von Herbart erbte. Im Zusammenhang mit Croces Ausdrucksästhetik, die eine Darstellung der Literatur im historischen Prozeß nicht gestattet , bemerkt Vodiöka zu Mukafovskys theoretischem Standort: "Daher erschien das Studium der Kunst vom Standpunkt des Rezipienten als tragfähiger. Mukarovsky konnte hier an Zieh anknüpfen."

   Anregend ist VodiCkas "Kantianismus" deshalb, weil er den Rezeptionsvorgang als zugleich historisches und soziales Geschehen auffaßt. VodiCka übernimmt zwar den Konkretisationsbegriff des polnischen Phänomenologen Roman Ingarden , kritisiert jedoch dessen abstrakte und statische Auffassung der Konkretisation literarischer Werke. Als Alternative schlägt er einen Konkretisationsbegriff vor, der den historischen Kontexten der literarischen Evolution und der sich wandelnden ästhetischen Norm Rechnung trägt: "Gerade deshalb ist es Aufgabe der Literaturgeschichte, jene Veränderungen der Konkrctisationen in der Rezeption literarischer Werke und die Beziehungen zwischen der Struktur des Werkes und der sich entwickelnden literarischen Norm zu untersuchen, weil wir so unsere Aufmerksamkeit immer dem Werk als ästhetischem Objekt widmen und die gesellschaftliche Tragweite seiner ästhetischen Funktion verfolgen."*
In seinen Studien befaßt sich Vodiöka sowohl mit dem Funktionswandel literarischer Werke als auch mit der Konkretisation im ästhetischen Objekt. Wie Mukarovsky faßt er literarische Texte als Konstellationen von ästhetischen und außerästhetischen Normen auf, die immer wieder miteinander in Konflikt um die herrschende Position, die Dominante, geraten können. Ein literarisches Werk wird nicht von allen sozialen Gruppen und zu jedem Zeitpunkt als "poetische Nachricht" im Sinne von Jakobson wahrgenommen: In vielen Fällen können im Rezeptionsprozeß philosophische, moralische, religiöse oder politische Normen dominieren, so daß Goethes Werther nicht so sehr als Briefroman, sondern als eine "Apologie des Selbstmordes" rezipiert wird und die Gedichte Rilkes, Georges und Werfeis von Bertolt Brecht als "Manifeste des Klassenkampfes" gelesen werden.
      Die Tatsache, daß im literarischen Text die Spannungen zwischen ästhetischen und nicht-ästhetischen Normen in immer neuen Konstella-tionen erhalten bleiben, so daß, wie Peter Steiner bemerkt, "die außerästhetischen Funktionen aus dem ästhetischen Zeichen nicht verschwinden, sondern an seiner Bedeutung teilhaben"81, erklärt, weshalb ein Text im Laufe der Rezeption immer anders konkretisiert werden kann und immer neue ästhetische Objekte zeitigt. Insofern ist Germinal Civikov recht zu geben, wenn er von den Prager Strukturalisten sagt, sie hätten "die Suche nach der Quelle des Werks durch die Beobachtung des Werkes als Quelle" ersetzt.
      Vodiöka zeigt, wie fruchtbar der Begriff des ästhetischen Objekts in der empirischen Literaturforschung sein kann, wo er dazu beiträgt, die Funktion des Literaturkritikers zu erklären und zu veranschaulichen. Als Wortführer bestimmter Institutionen und Gruppen fällt dem Kritiker eine besondere Verantwortung für die Objektkonstitution zu: "Seine Pflicht ist es, sich über ein Werk als ästhetisches Objekt auszusprechen, die Konkretisation des Werks, d.h. seine Gestalt vom Standpunkt des ästhetischen und literarischen Empfindens seiner Zeit festzuhalten und sich über dessen Wert im System der gültigen literarischen Werte zu äußern, wobei er durch sein kritisches Urteil bestimmt, in welchem Maße das Werk die Forderungen der literarischen Entwicklung erfüllt."
Obwohl ich mir einen weniger konformistischen Literaturkritiker wünsche, der mehr Verständnis für die "Normverletzung" und weniger Verständnis für das "Empfinden seiner Zeit" aufbringt, meine ich, daß Mukarovsky und Vodiöka durch die Historisierung von Begriffen wie Struktur, Norm und Konkretisation und durch die Einführung von soziologischen Begriffen wie Funktion und ästhetisches Objekt einen wesentlichen Beitrag zur Literatursoziologie und Literaturgeschichte geleistet haben. Daß sich dieser Beitrag nicht nur auf den Rezeptions-, sondern auch auf den Produktionsbereich erstreckt, zeigt Mukafovskys Aufsatz "Bemerkungen zur Soziologie der Dichtersprache" , den ich für den Entwurf einer Textsoziologie verwendet habe.

     
Obwohl gerade in diesem Aufsatz nichtliterarische Sprachformen bei den tschechischen Schriftstellern Erben und Neruda als Vermittlungsinstanzen zwischen fiktionalem Text und gesellschaftlichem Kontext aufgefaßt werden, meine ich, daß der dialektische Begriff der Vermittlung im Strukturalismus Vodickas, Mukarovskys und Jakobsons nicht gebührend berücksichtigt wurde. Dies ist einer der Gründe, weshalb in diesen Ansätzen die Frage, wie sich gesellschaftliche Positionen und Interessen in den semantischen, syntaktischen und narrativen Strukturen der Texte niederschlagen, offen bleibt. Diese Frage muß offen bleiben, solange nicht die komplementäre Frage beantwortet wird, "ob und in welcher Weise bereits der Artefakt über eine Strukturiertheit verfügt, die er als 'Vorstrukturicrtheit' in den Konkrcti-sationsakt einbringt und die in diesem Akt Slcuerungsfunktioncn übernimmt"." Anders ausgedrückt: Die Frage nach der Vermittlung von Text und sozialem Kontext ist von der Frage der Textsemantik nicht zu trennen. Mit beiden Fragen befassen sich jüngere Vertreter des tschechoslowakischen Strukturalismus.
     

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