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Zum Geleit: Die wichtigste aller Kulturtechniken



Für alle, die gerne mehr schreiben würden, weil sie ahnen oder aufgrund guter Erfahrungen längst wissen, dass im Schreiben sehr viel mehr steckt, als unsere oft schlechten Schulerfahrungen uns träumen lassen, nämlich ein gewaltiges Potenzial an Lebenshilfe und Lebenskunst, an Denk-Werkzeug und Mittel zur zwischenmenschlichen Verständigung.



      Was ist das »Kreative« am Kreativen Schreiben, wie ich es in diesem Buch vorstelle?
Es ist der Aspekt der kontinuierlichen Selbsterfahrung. Diese ist etwas völlig anderes als die sterile »Selbstreflexion« und grübelnde Selbstbeobachtung, die viele Menschen in der Einsamkeit betreiben. Wirkliche Selbsterfahrung setzt die Reaktion anderer Menschen voraus. Deshalb messe ich dem Vorlesen von Texten eine große Rolle bei. In dieser »Rückmeldung« der Umwelt, wie man auch sagt, liegt der große Unterschied zur einsamen Schreiberfahrung, wie sie Ernest Pickworth Farrow in seinem »Bericht einer Selbstanalyse« vorgestellt hat und wie sie viele, auch und gerade arrivierte Schriftsteller pflegen, ja idealisieren und zur einzig wahren Schreib-Philosophie hochstilisieren.
      Ich meine hingegen, dass das Verfassen von Texten den Schreibenden gerade aus seiner Einsamkeit erlösen sollte. Ich verkenne dabei nicht, dass wichtige Phasen des kreativen Prozesses allein durchgestanden werden müssen , aber ebenso wichtig wie die »Kreativität allein« ist die »Kreativität in der Gruppe«. Doch davon später noch mehr.
      Was würde geschehen, wenn über Nacht die Kunst des Schreibens verloren ginge? Wenn auf der ganzen Welt niemand mehr wüsste, wie man ein Protokoll oder eine simple Aktennotiz verfertigt, wie man einen Brief, ein Telegramm, ein Memorandumverfasst, geschweige denn einen Zeitungsartikel - oder ein ganzes Buch?
Keine Strafzettel mehr, keine Verträge, keine Schuldverschreibungen, keine Unterschrift mehr unter einen Scheck oder ein Gerichtsurteil ...
      Wer weiß, vielleicht ist dies gar keine so verrückte Idee aus der Welt der Science-Fiction, vielleicht basteln in irgendeinem obskuren Gen-Laboratorium die mad scientists längst an einem Virus, der gezielt bestimmte Areale in der linken Hirnhälfte von Menschen attackiert - und der damit in der Tat das Schreibvermögen zerstören könnte ...
      Jedenfalls gäbe es, wenn diese Virus-Attacke weltweit gelänge, sehr rasch keine Kultur im heutigen Sinne mehr. Die Zivilisation würde für geraume Zeit zerfallen wie nach einem alles vernichtenden Atomkrieg - nur vielleicht etwas weniger spektakulär. Nun, dies ist kein Science-Fiction-Roman. Worauf ich mit diesem - hoffentlich - absurden Beispiel hinweisen möchte ist die Tatsache, dass das Schreiben die Kulturtechnik schlechthin ist.
      Feuer machen und aus Rohem das Gekochte herstellen, das ist vermutlich die erste kulturelle Leistung des Menschen gewesen, seine erste Kulturtechnik. Oder war vorher das Sprechen da und mit ihm erste Rudimente eines erweiterten und selbständigen Be-wusstseins, entsprechend dem Beginn des Johannes-Evangeliums, in dem es heißt: »Im Anfang war das Wort...«?
Irgendwann später wurde von einem klugen Kopf erkannt, dass man schwere Gegenstände besser bewegen konnte, wenn man bearbeitete Baumstämme als Rollen darunter schob; nur wenige Jahrtausende später hat ein anderes Genie aus diesen Rollen dann das Rad erfunden. Etwa um diese Zeit müssen die ersten Schriftzeichen entwickelt worden sein. Die Historiker verlegen die Entstehung dieser Kulturtechnik, dieser geistigen, seelischen und sozialen Großtat, in das dritte vorchristliche Jahrtausend.
      Schreiben heißt: Gesprochenes übermitteln an die Zeitgenossen und es bewahren für die Nachwelt. Ist es übertrieben zu sagen, dass mit Hilfe der Schrift dem primitiven Denken gewissermaßen »Rollen« und »Räder« untergelegt wurden? Die Beschleunigungder kulturellen Entwicklung überall auf der Welt, die aus der Einführung der Schriftsysteme resultierte, spricht sehr für diesen Vergleich.
      Schreiben ist aber noch sehr viel mehr als nur Datenspeicher und Kommunikations-Instrument:
- Es ist zusätzlich noch Denk-Werkzeug; auch hierbei wird gewissermaßen aus »Rohem« das »Gekochte« hergestellt;
- und es ist das ideale Medium für die Selbsterkenntnis, Meditation und Psychotherapie,
- von seiner Potenz als kreativem Gestaltungsmittel, wie es der Dichter und der Journalist einsetzen, einmal ganz abgesehen.
      Welche Fülle von Möglichkeiten sind in dieser allumfassenden Kulturtechnik verborgen! Auch der schnellste Computer und das Internet, jene allerneueste Kulturtechnik, sind, ihren supermodernen Eigenschaften zum Trotz, nur Haufen teuren Schrotts, wenn niemand die einzelnen Schritte zu ihrer Bedienung und für ihre inneren Programm-Abläufe vorschreibt.
      Übertreibe ich also, wenn ich das Schreiben als die wichtigste Kulturtechnik bezeichne? Ich denke nicht. Über das genaue Wie und Warum später noch mehr. Ein Beispiel soll jedoch schon an dieser Stelle zeigen, was im Schreiben tatsächlich steckt, weit über das Aneinanderreihen von Buchstaben und - mehr oder minder sinnvollen - Sätzen hinaus.
     

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