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Zum Beispiel: Wut abreagieren



In einem köstlichen Abenteuer-Film mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle hat Philippe de Broca 1978 ins Bild gesetzt, wie die Psyche eines Romanautors funktioniert. Der Klempner kommt und soll die Wasserleitung richten - aber weil der Elektromonteur noch nicht da war, zieht er unverrichteter Dinge ab und lässt einen wütenden Autor zurück.



      Doch Belmondo bzw. der Filmheld bleibt nicht lange wütend und hilflos. Er schwingt sich auf seinen Stuhl und hämmert seine Wut in die Tasten der Schreibmaschine - verwandelt sich in »Le Magnifique« und lebt seine Frustration und Aggression aus, indem er den Klempner in einen seiner Gegner verwandelt, die er -im Text - genüsslich mit einer Maschinenpistole niedermäht.
      Zu de Brocas Film »Le Magnifique« ist mir leider kein veröffentlichter Text bekannt. Der Science-Fiction-Autor Barry Malzberg hat jedoch eine ähnliche Idee zu einer sehr guten Story umgesetzt, die höchst vergnüglich und spannend zu lesen ist und im speziellen Milieu der Science-Fiction-Autoren und -Verleger spielt. Sein Roman durchleuchtet zum einen mit großem Scharfblick, voller ausgesprochener Hassliebe, diese spezielle literarische Subkultur und entlarvt viele ihrer kleinen und großen Schwächen; zum anderen durchleuchtet er - und dies ist speziell für unser Thema interessant - die Mechanismen einer wahren Schreiberseele; darüber hinaus ist »Herovits Welt« aber auch noch eine sehr spannende Abenteuergeschichte. Unterhaltung mit »dreifachem Boden« also.
      Christopher Priest hat mit »Der weiße Raum« ebenfalls eine spannende Science-Fiction ersonnen; dieser hintergründige Roman gräbt jedoch um einiges tiefer in der Autorenseele. Während der Held in einem weiß gestrichenen Zimmer einen Roman schreibt, in dem er eine beendete Liebesaffäre zu verarbeiten sucht, entwickelt sich in einem zweiten Handlungs
Strang halluzinatorisch eine parallele Welt, die den Autor immer tiefer in sein - ursprüngliches - Phantasieprodukt hineinzieht... Ein literarisches und psychologisches Lesevergnügen zugleich -wenn man eine solche im Grunde tragische Geschichte einmal als »Vergnügen« bezeichnen darf.
      Noch weit problematischer geht der Versuch des Schriftstellers Jeantome aus, der nach seinem Erstlingserfolg so blockiert ist, dass er keine Zeile mehr schreiben kann. Bis ihm ein Arzt rät, sich seinen Frust in einer Art Tagebuch von der Seele zu schreiben. Da es sich bei dem schon erwähnten Roman »Mr. Hyde« von Boi-leau und Narcejac um einen Thriller handelt, wird aus diesem Ratschlag weit mehr als nur ein Experiment in kreativem Schreiben.
      Und noch anders bringt Sigrid Heuck die Geheimnisse des Erzählens in »Saids Geschichte« dem Leser näher, denn sie versteht es auf spannende und kunstvolle Weise, die Entstehung dieser Geschichte von Said zum eigentlichen Thema zu machen: Der Märchenerzähler Suleiman, der mitten in der Wüste zu einer Karawane gestoßen ist, bezieht die kleinen Erlebnisse und Funde während des Kamelritts und vor allem die Erinnerungen, Phantasien und Sehnsüchte der Reiter in sein Fabuliergespinst mit ein. Ein zauberhaftes Buch, aus dem man vieles über den kreativen Prozess beim Schreiben erfahren kann. Wie die Autorin mir erzählte, entstand das Buch als Antwort auf die Fragen von jugendlichen Lesern, wie sie, die Autorin, denn ihre Geschichten »erfinde«.
      Schreiben als Abreaktion, als Triebabfuhr, als Ersatzhandlung ... Nur das?
Wenn es nicht nur Katharsis bleiben, wenn es therapeutisch wirken soll, so muss noch etwas Wesentliches hinzukommen: Im Prozess des Schreibens sollte anhand eines gegenwärtigen Auslösers Unangenehmes dem Bewusstsein zugänglich werden. Das eben Erlebte verbindet sich mit dem Erinnerten in der Wiederholung und kann dann -z. B. im Prozess des Niederschreibens oder Aussprechens - weitergestaltet und damit verarbeitet werden. Sigmund Freud hat diesen Ablauf in seinem Aufsatz aus dem Jahr 1914, den wir bereits ken-nen , detailliert beschrieben.
      An einem Beispiel, das ich selbst erlebt und - schreibend -verarbeitet habe, möchte ich einen ähnlichen Vorgang skizzieren.
     

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