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Konflikte durcharbeiten



Eissler geht nun in vielen Details dieser Arbeitsstörung und ihren Ursachen nach, die vor allem darin ihre Wurzeln hatte, dass Goethe den ungeliebten Beruf des Rechtsanwalts noch nicht recht loslassen und zum anderen sich weder seiner neuen Tätigkeit als Hofbeamter noch seiner eigentlichen Berufung, nämlich dem Schreiben, ganz überlassen konnte. Eissler macht drei verschiedene Ebenen aus, in denen intensive Konflikte die Arbeitsstörung Goethes nährten: »Der juristische Beruf entsprach den Wünschen des Vaters; die künstlerische Kreativität der Sturm-und-Drang-Zeit entstammte hauptsächlich der Beziehung zu seiner Mutter. In der neuen Situation war es eine Frau, der er gefallen konnte, indem er Verwaltungsfachmann wurde, einer Frau obendrein, welche die höchste Achtung für seine Kunst hatte. Allmählich spürt man aber auch den Kindheitskonflikt, wenn man die Tatsache berücksichtigt, daß der Ehemann der Charlotte von Stein zur Gruppe der Traditionalisten und Konservativen gehörte



. So bewegte sich Goethes hervorragende Arbeit als Regierungsbeamter, übersetzt in die Begriffe der Persönlichkeitsstruktur, auf drei Ebenen:
A) Aktueller Konflikt: Goethe gegen den Ehemann von Charlotte von Stein und seine Liebe zu Charlotte.
      B) Konflikt der jüngsten Vergangenheit: Goethe gegen seinen Schwager Schlosser und seine verblassende Liebe zur verehrten Schwester< Cornelia.
      C) Kindheitskonflikt: Goethe gegen seinen Vater und die verdrängte Liebe zur Mutter« .
      In Weimar gelang Goethe also - und zwar ohne Hilfe eines Psychotherapeuten im heutigen Sinne - die Lösung massiver seelischer Probleme. Eissler vermutet, dass Charlotte von Stein eine therapeutenähnliche Rolle spielte. Liest man jedoch die Schriften nach, welche Goethe in jener Zeit verfasste, so wird rasch deutlich, dass er seine Konflikte nicht zuletzt schreibend meisterte. Im November 1775 kam er in Weimar an und lernte auch Frau von Stein kennen. Ein Jahr zuvor hatte er den - für die damalige Zeit sensationell erfolgreichen - Roman »Werthers Leiden« geschrieben, mit deutlich autobiographischen Inhalten. Neben Gedichten, unter anderem an Frau von Stein, und dramatischen Versuchen war es dann vor allem der neue Roman »Wilhelm Meisters theatralische Sendung«, der einen völlig neuen Lebensabschnitt signalisierte. Aus dem »Stürmer und Dränger«, der nicht ans romantische Ziel gelangte und dies im Selbstmord seines Alter Ego Werther deutlich auch zum Ausdruck brachte, war der ruhigere, besonnenere Klassiker geworden.
      Worauf es mir ankommt, ist, dass dies nicht auf Kosten der literarischen Qualität gelang - oder gar durch Verstummen , sondern gerade durch das Aufnehmen neuer Themen oder das erneute Aufnehmen alter Themen auf einem reiferen Niveau.
      Auch in einer Psychotherapie wird ja, im Verlauf des Dialogs zwischen Patient und Therapeut, altes Erlebnismaterial aus den Tiefen des - von Marcel Proust so genannten - »artesischen Brun-nens« gefördert. Aber die »Enge des Bewusstseins« verhindert, dass eine bestimmte Weite des Ãoberblicks überschritten beziehungsweise überhaupt erst erreicht wird. Das zeitliche Nacheinander vieler Therapiesitzungen muss manchmal ersetzen, was einem auf der Fläche eines Blatt Papiers viel rascher zusammenwachsen kann - kann, möchte ich betonen, nicht muss!
Hier kommt hilfreich ins Spiel, was insbesondere bei Träumen so unmittelbar sichtbar wird: dass nämlich Symbole und Bilder sonst zunächst unvereinbare Elemente aus unserem Leben zusammenfügen und dadurch völlig neue Einsichten zu vermitteln vermögen. Ganz sicher haben aus ebendiesem Grund die Dichter und Schriftsteller den Träumen schon immer ihre besondere Wertschätzung gezollt.
     

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