Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Ideologie und theorie
Der Werturteilsstreit, der fünfzehnte deutsche Soziologentag, der sogenannte Positivismusstreit der späten sechziger Jahre sowie die zahlreichen Auseinandersetzungen um den Szientismus haben gezeigt,
Index
» Ideologie und theorie
» Ideologie und Wertfreiheit: Von Max Weber zum Kritischen Rationalismus
» Werturteilsfreiheit bei Max Weber: Theorie und Praxis

Werturteilsfreiheit bei Max Weber: Theorie und Praxis



Das Wort "Wertfreiheit" ist, wie so mancher andere Schlüsselbegriff der Soziologie, häufig mißverstanden worden. Obwohl Max Weber selbst und Autoren wie Hans Alben, Ernst Topitsch und Wolfgang Schluchter sich in der Vergangenheit große Mühe gaben, diese Mißverständnisse, die einem fruchtbaren theoretischen Dialog im Wege stehen, auszuräumen, tauchen sie in Diskussionen und Polemiken immer wieder auf. Es mag daher nicht völlig überflüssig sein, auf die Mißdeutungen dieses strapazierten Begriffs noch einmal kurz einzugehen.



      Eines der trivialsten Mißverständnisse betrifft den Objektbereich der verstehenden Soziologie Webers: Einige Kritiker dieses Ansatzes haben das Wertfreiheitspostulat als ein Verbot interpretiert, Werte, Wertungen und Wertsysteme zum Gegenstand der soziologischen Betrachtung zu machen. Daß es ein solches Verbot bei Weber nicht gibt, geht eindeutig aus seinem bekannten Aufsatz "Der Sinn der ,Wertfreiheit' der Sozialwissenschaften" hervor, in dem u. a. gezeigt wird, daß Werte zum Gegenstand soziologischer Betrachtung werden können und daß Diskussionen über Werte und Wertsetzungen sinnvoll und notwendig sind, weil sie die Prämissen klären, von denen einzelne Wissenschaftler oder Wissenschaftlergruppen ausgehen.
      Im Zusammenhang mit dem ersten Aspekt der soziologischen Objektivierung von Werten sei hier lediglich auf Webers bekannte Untersuchung über die Rolle der protestantischen Ethik in der Entwicklung des Kapitalismus hingewiesen: Die Werturteile, die diese Ethik enthält, können nach Weber verstanden und funktional erklärt werden; eine Bewertung beinhaltet solches Vorgehen mitnichten: "Durch empirisch-psychologische und historische Untersuchung eines bestimmten Wertungsstandpunktes auf seine individuelle, soziale, historische Bedingtheit hin gelangt man nun und nimmer je zu irgend etwas anderem, als dazu: ihn verstehend zu erklären!''
Der zweite Aspekt der soziologischen Objektivierung von Werten und Werturteilen betrifft die Wertsetzungen, von denen Wissenschaftler in theoretischen Diskussionen ausgehen. Diese Wertsetzungen zu explizieren, zu definieren und gegeneinander abzugrenzen, gehört Weber zufolge durchaus in den Aufgabenbereich der Wissenschaft: "Denn dies ist der eigentliche Sinn einer Wertdiskussion: das, was der Gegner wirklich meint, d. h. den Wert, auf den es jedem der beiden Teile wirklich und nicht nur scheinbar ankommt, zu erfassen und so zu diesem Wert eine Stellungnahme überhaupt erst zu ermöglichen." Hier geht es also in erster Linie darum, die Erkenntnisinteressen der Beteiligten zu klären und die Werturteile zu erkennen, die bei der Stoffauswahl und der Definition des Objektbereichs auf die Entscheidungen des Wissenschaftlers einwirken.
      Die zuletzt zitierte Textpassage bezieht sich auf das zweite Mißverständnis, das einer adäquaten Rezeption der Weberschen Methode im Wege stand: auf den Gedanken, daß Wissenschaftler grundsätzlich nicht werten dürfen. Sie müssen sogar werten, antwortet Weber, wenn sie ihre Objektwahl und die Auswahl ihres Stoffes nicht dem Zufall überlassen wollen. In diesem Kontext spricht er von der Wertbeziehung des Wissenschaftlers, die über dessen Interessen, d. h. über dessen Wahl eines bestimmten Objekts oder Objektbereichs mitentscheidet. Im Anschluß an Heinrich Rickerts Philosophie, deren Einfluß auf die verstehende Soziologie R. Prewo thematisiert7, stellt Weber in seinem Aufsatz über den Sinn der Wertfreiheit fest, "daß der Ausdruck ,Wertbe-beziehung' lediglich die philosophische Deutung desjenigen spezifisch wissenschaftlichen Interesses' meint, welches die Auslese und Formung des Objektes einer empirischen Untersuchung beherrscht." Kurz darauf ist von Wertinteressen die Rede, "welche auch der rein empirisch-wissenschaftlichen Arbeit die Richtung weisen." - Die kritische Frage, die ich später im Zusammenhang mit dieser Behauptung aufwerfen werde, bezieht sich auf das Problem der Vermittlung und lautet: Wie ist eine rigide Trennung zwischen der wertenden, von Wertinteressen geleiteten Objektkonstitution einerseits und der eigentlichen, der wertfreien, empirischen Untersuchung andererseits möglich?
Vorerst kann zusammenfassend gesagt werden, daß Weber nie vorhatte, die Wertproblematik aus der wissenschaftlichen Diskussion auszublenden. Im Gegenteil: Es war immer seine erklärte Absicht, das Wertproblem zu thematisieren, um die Werturteilsfreiheit des empirischen wissenschaftlichen Diskurses zu gewährleisten. In dieser Hinsicht hat Reinhard Bendix durchaus recht, wenn er im Hinblick auf Webers Person von einer "partisanship for impartiality"1C spricht. Diese etwas paradoxe Formulierung bezieht sich auf die weiter oben bereits erwähnte Trennung zwischen Wertbeziehung und Wertung , die auch Gregor Schöllgen hervorhebt: "Nun ist es eines der wichtigsten und wohl am häufigsten mißverstandenen Anliegen Max Webers, die deutliche Trennung von theoretischer Wertbeziehung und praktischer Wertung herauszuarbeiten und immer wieder zu betonen . Worum es hier folglich geht, ist die Verbannung wertender, nicht: Werte suchender oder Tatsachen auf Werte beziehender, Wissenschaft aus dem akademischen Lehrbetrieb."

   Mit anderen Worten: Weber möchte sowohl die in der Gesellschaft vorkommenden Werte als auch die Wertbeziehungen und Wertinteressen der Forscher zum Gegenstand soziologischer Diskussion machen; zugleich will er allerdings verhindern, daß sich Werturteile in die wissenschaftliche Untersuchung selbst, d. h. in die Objektsprache des Soziologen einschleichen. Daher erscheint es sinnvoller, wie mehrere Autoren bereits betont haben12, eher von Werturteilsfreiheit als von Wertfreiheit zu sprechen. Semiotisch ausgedrückt: Weber läßt Wertungen im Bereich der Metasprache zu , nicht jedoch im Bereich der Objektsprache, die wenurteilsfrei sein soll.
      In der Objektsprache akzeptiert er ausschließlich ein Vorgehen, dem die Zweckrationalität zugrunde liegt. Dies geht klar aus seinem bekannten Vortrag über "Wissenschaft als Beruf" hervor. Dort zeigt sich, daß der Wissenschaftler sich lediglich zu der Wechselbeziehung zwischen Mittel und Zweck äußern kann; nicht iedoch zur Annahme oder Ablehnung bestimmter Zwecke und Ziele: "Wenn man die und die Stellung einnimmt, so muß man nach den Erfahrungen der Wissenschaft die und die Mittel anwenden, um sie praktisch zur Durchführung zu bringen. Diese Mittel sind nun vielleicht schon an sich solche, die Sie ablehnen zu müssen glauben. Dann muß man zwischen dem Zweck und den unvermeidlichen Mitteln eben wählen. ,Heiligt' der Zweck diese Mittel oder nicht? Der Lehrer kann die Notwendigkeit dieser Wahl vor Sie hinstellen, mehr kann er, solange er Lehrer bleiben und nicht Demagoge werden will, nicht." Im Zusammenhang mit dieser Darstellung erscheint es legitim, mit Prewo Webers Wissenschaftslehre "als ein Programm zur Fundierung eines technischen oder instrumenteilen Erkenntnisinteressen gehorchenden Typus von Sozialwissenschaft" zu charakterisieren. Webers Wissenschaftler hat es zwar nicht ausschließlich, aber doch in erster Linie mit technischen Fragen zu tun, die sich auf das Verhältnis von Mittel und Zweck beziehen.
      Während Habermas in Webers Ansatz vor allem die Einengung wissenschaftlicher Arbeit auf das technische Erkenntnisinteresse bemängelt15, möchte ich an dieser Stelle den roten Faden des vorigen Kapitels wieder aufnehmen und näher auf das Problem der Vermittlung eingehen: Um das Postulat der Werturteilsfreiheit verteidigen zu können, muß Weber von zwei komplementären Prämissen ausgehen: 1. daß es in den Sozialwissenschaften Diskurse geben kann, die zwar Sinnzusammenhänge herstellen und Wertprobleme deskriptiv behandeln, selbst aber keine Werturteile enthalten; 2. daß die Diskurse der wertenden Metasprache, die für die Objektselektion und Objektkonstitution verantwortlich sind, sauber von den wertfreien Diskursen der Objektsprache geschieden werden können. - Im folgenden möchte ich mich zunächst mit dem zweiten Problem befassen und mich anschließend, im Zusammenhang mit Webers eigener wissenschaftlicher Praxis, dem ersten Problem zuwenden.
      Den Ausgangspunkt bildet die These, daß die Metasprache, die für die Objektselektion und Objektkonstitution verantwortlich ist, von der soziologischen Objektsprache nicht zu trennen ist, erstens, weil in allen mir bekannten Fällen das lexikalische Repertoire und die semantischen Klassifikationen der Metasprache in die Objektsprache eingehen, zweitens, weil die Objektkonstitution, die ohne Selektion und Klassifikation nicht auskommt, jede auf ihr gründende und von ihr ausgehende Argumentation steuert. "Eine Realität", schreibt Luis J. Prieto, "wird nur dann zum Objekt, wenn sie als Element einer Klasse erkannt wird: und sie wird nur für das Subjekt, das sie als Element dieser Klasse erkennt, zum Objekt." Was bedeutet dies? Es bedeutet nicht nur, daß die Objektwahl vom subjektiven Interesse abhängt, sondern auch und vor allem, daß das Objekt als solches erst durch die klassifizierende Tätigkeit des Subjekts zustandekommt. Dem Gedanken, daß das Subjekt sich im Übergang von der objektkonstituierenden Metasprache zur Objektsprache von seinem ursprünglichen lexikalischen Repertoire und seinen Klassifikationen trennen könnte, haftet Widersinn an: denn diese Klassifikationen machen seine Subjektivität aus.
Ein Beispiel mag die bisher vorgebrachten Argumente verdeutlichen: Wenn Habermas von einem Gegensatz wie System/LebensweiseN) ausgeht, so legt er sich auf eine bestimmte Klassifikation fest, deren Verfahren darin besteht, einige gesellschaftliche Erscheinungen auf der Ebene des Systems und andere auf der Ebene der Lebenswelt anzusiedeln. Seine Objektkonstitution, die auf Dichotomien und Einteilungen gründet, die andere Wissenschaftler in Frage stellen, legt die Rahmenbedingungen für seine Objektsprache fest: Sooft Habermas den Gegenstand "Lebenswelt" untersucht, geht er implizit oder explizit von der wertenden und gesellschaftskritischen Dichotomie System/Lebenswelt aus. Diese steuert den von ihm neu interpretierten Gegensatz zwischen illokutiven und perlokutiven Sprechakten. Eine Trennung von wertender Metasprache und wertfreier Objektsprache ist hier kaum denkbar, und es wird sich zeigen, daß es sich bei Max Weber nicht anders verhält.
      Nun könnten Anhänger der verstehenden Soziologie und der Werturteilsfreiheit allerdings einwenden, daß ein bestimmter Standpunkt oder Gesichtspunkt noch keine Wertung beinhaltet, ebensowenig wie die Konstruktion eines Objektbereichs oder Sinnzusammenhangs. Weber und ihm wohlgesinnte Wissenschaftler haben jedoch nie versucht, mit solchen Argumenten das Wertfreiheitspostulat zu retten. Im Gegenteil; sie neigen eher dazu, Webers Theorie dahingehend zu deuten, daß Gesichtspunkte, von denen aus Objekte konstruiert werden, von Werten abhängig und die Begriffe "Sinn" und "Wert" bei Weber als Synonyme zu lesen sind. Zum ersten Punkt schreibt Dieter Henrich: "Max Weber unterscheidet deutlich zwischen Gesichtspunkten und Werten. Gesichtspunkte sind Werten untergeordnet, sie leiten sich aus jenen her." Weit davon entfernt also, Gesichtspunkt und Wertung auseinanderzuhalten, wird jener von dieser abhängig gemacht. Johannes Weiß ist sich mit Dieter Henrich darin einig, daß Weber die Begriffe "Sinn" und "Wert" als Synonyme behandelt: "Weber setzt, wie Henrich bemerkt, die Termini Sinn, Bedeutung und Wert durchgehend ineins - und zwar unter eindeutiger Dominanz des Wertbegriffs, jedenfalls in den methodologischen Schriften." '
Die Einschränkung am Satzende zeigt bereits, daß nur eine gründliche semantische Analyse einschlägiger Weberscher Texte nachweisen könnte, daß in der verstehenden Soziologie die Begriffe "Sinn", "Bedeutung" und "Wert" Synonyme sind. Eine solche Analyse kann im Rahmen dieses Kapitels natürlich nicht geleistet werden. Mir ging es hier vor allem darum zu zeigen, daß der Standpunkt des Wissenschaftlers von Werturteilen abhängt und daß diese Werturteile, die die Metasprache eines Autors beherrschen, auch in die Objektsprache eingehen .
      Deshalb bin ich weitgehend mit Pietro Rossi einverstanden, wenn er in der Werturteilsdiskussion, die anläßlich des 15. deutschen Soziologentages stattfand, bemerkt: "Die Wertbeziehung kann nicht nur die Vorstufe wissenschaftlichen Verfahrens sein und sich in der Abgrenzung des Forschungsgebietes erschöpfen. Im Gegenteil, der Bezug auf die Wertvoraussetzungen findet sich in allen nachfolgenden Stufen der Untersuchung. Die Wertvoraussetzungen bestimmten sowohl die allgemeine Richtung wie die methodischen Entscheidungen, die sich daraus ergeben; und in der Gestalt von Erklärungshypothesen beeinflussen sie auch den Erklärungsvorgang." Es gehört zu einer der wichtigsten Aufgaben der Textsoziologie zu zeigen, wie dieser Prozeß konkret aussieht.

     
Bevor ich auf das Problem, wie sich in den Sozialwissenschaften ideologische Werturteile im Diskurs niederschlagen, eingehe, möchte ich mich kurz einer Frage zuwenden, die sich an dieser Stelle so manchem Leser aufdrängen wird: Haben alle Werturteile ideologischen Charakter? Die komplementäre Frage lautet: Sind alle Ideologien Werturteile? - Hier scheint eine klare Unterscheidung vonnöten zu sein: Es gibt zahlreiche Werturteile , die einerseits psychisch , andererseits kulturell motivien sind und mit Ideologien meistens nichts zu tun haben. Zusammenfassend ließe sich daher sagen: Nicht alle Werturteile sind ideologisch, aber alle Ideologien gründen auf Werturteilen.
      Auch nichtideologische Werturteile gehen in den Diskurs des Wissenschaftlers ein und können dazu führen, daß er sich von persönlichen Vorurteilen leiten läßt oder Maßstäbe der eigenen Kultur bewußt oder unbewußt auf andere Kulturen überträgt. Die Debatte über den Eurozentrismus veranschaulicht nicht nur, was hier gemeint ist, sondern zeigt auch, daß bestimmte Ideologien wie Individualismus und Rationalismus kulturelle Wert- und Vorurteile verstärken können. Deshalb erscheint es angebracht, in konkreten Fällen psychisch und kulturell bedingte Werturteile auch auf ihre ideologischen Komponenten hin zu untersuchen: Freuds These über den "Penisneid", die von feministischen Autoren wie Juliet Mitchell kritisiert wurde, vereinigt neben psychischen und kulturellen Motivationen wahrscheinlich auch ideologische Elemente, die aus der paternalistischen Struktur des damaligen Wiener Bürgertums ableitbar sind.
      Bei näherer Betrachtung zeigt sich nun, daß auch Webers vermeintlich werturteilsfreie Soziologie zahlreiche Werturteile enthält, von denen ich hier nur die ideologischen erwähnen möchte. Schon Adorno wußte, daß bei Weber Postulat und Praxis nicht nahtlos ineinander übergehen: "Kunstsoziologie, welche von dem Max We-berschen Postulat sich gängeln ließe, das jener, sobald er Soziologe und nicht Methodologe war, sehr qualifizierte, würde bei allem Pragmatismus unfruchtbar." Die Frage ist, wie sich Max Webers theoretische, diskursive Praxis zu seiner methodologischen Forderung verhält.
      Einer aufmerksamen Lektüre von Wirtschaft und Gesellschaft wird nicht entgehen, daß dort Begriffe verwendet werden, die in einer durkheimianischen oder marxistischen Untersuchung nicht vorkommen dürften; daß dort Objekte mit Hilfe von bestimmten Klassifikationen konstruiert werden, die ideologische Werturteile beinhalten und anderen soziologischen Klassifikationen von Durkheim bis Marx widersprechen; daß dort schließlich die soziale und historische Entwicklung auf eine Art erzählt wird, mit der sich Vertreter anderer soziologischer Wissenschaftlergruppen nicht einverstanden erklären könnten. Im folgenden möchte ich nur einen Satz aus Wirtschaft und Gesellschaft ausführlicher untersuchen, um zu zeigen, daß vom lexikalischen Repertoire bis zur narrativen Struktur der Diskurs von ideologischen Interessen gesteuert wird.

     
Viele Sätze sind mehrdeutig, fungibel und können in verschiedenen einander widersprechenden Diskursen vorkommen ; nicht jedoch der folgende Satz aus Wirtschaft und Gesellschaft, wo es vom charismatischen Prinzip heißt: "Es ist in diesem rein empirischen und wertfreien Sinn allerdings die spezifisch ,schöpferische', revolutionäre Macht der Geschichte." (An anderer Stelle wird in diesem Werk der Charisma-Begriff definiert: "Charisma soll eine als außeralltäglich geltende Qualität einer Persönlichkeit heißen

Es ist immer prekär, stellvertretend für einen ganzen Diskurs, gleichsam als pars pro toto, einen einzigen Satz zu analysieren. Denn die meisten Sätze eines Diskurses enthalten nur wenige typische Elemente, so daß ein längerer Text herangezogen werden muß, wenn eine Diskursanalyse auch nur ansatzweise durchgeführt werden soll.
Bei dem hier zitierten Satz verhält es sich anders. Wird er im Zusammenhang mit der Definition des Charismas gelesen, dann ergibt sich folgendes Bild: 1. Weber prägt den Begriff "Charisma", der eine individuelle Eigenschaft bezeichnet; 2. dieser Begriff funktioniert in einem bestimmten semantischen Feld, das von den Gegensätzen alltäglich/außeralltäglich, alltäglich/schöpferisch, alltäglich /revolutionär strukturiert wird ; 3. ausgehend von diesem semantischen Feld, erzählt Weber die historische Entwicklung und macht einen individuellen Subjekt-Aktanten als ^schöpferische', revolutionäre Macht" für die großen historischen Umwälzungen verantwortlich.
      Entscheidend ist nun, daß Weber diese Darstellung für werturteilsfrei hält. Sie soll in der Gemeinschaft der Wissenschaftler intersubjektive Geltung beanspruchen dürfen. Dazu heißt es in seinem Aufsatz über die Objektivität: "Daraus folgt nun aber selbstverständlich nicht, daß auch die kulturwissenschaftliche Forschung nur Ergehnisse haben könne, die ,subjektiv' in dem Sinne seien, daß sie für den einen gelten und für den anderen nicht. Was wechselt, ist vielmehr der Grad, in dem sie den einen interessieren und den anderen nicht."

   Werden nun diese Überlegungen im Zusammenhang mit dem Text aus Wirtschaft und Gesellschaft gelesen, so tritt die Diskrepanz mit aller Deutlichkeit zutage: Der Charisma-Begriff ist als eine aus dem Genie-Ideologem ableitbare Vokabel sicherlich nicht für alle Gruppen von Soziologen akzeptabel; noch weniger sind es die semantischen Gegensätze, aus denen eine historische Erzählung hervorgeht, in der wesentliche Veränderungen und Einschnitte mit Hilfe von individuellen Subjekt-Aktanten erklärt werden.
Denn hier geht es nicht um reine Methodenfragen: Die Behauptung, daß nicht Klassen oder Nationen, sondern charismatische Individuen für historische Veränderungen verantwortlich sind, ist ein ideologisches Werturteil, das Vertreter einer durkheimianischen oder marxistischen Soziologie sich sicherlich nicht zu eigen machen möchten. Wie sehr die drei Ansätze sowohl methodologisch als auch ideologisch voneinander abweichen, hat Antonius Cornelis Zijderveld in seiner Dissertation über den Prozeß der Institutionalisierung anschaulich dargetan. Es geht hier also nicht ausschließlich, wie Weber meint, um den individuell, psychisch bedingten Gegensatz interessant /uninteressant, sondern auch und vor allem um den Gegensatz ideologisch annehmbar/ideologisch unannehmbar.
      Wichtig ist, daß die ideologische Ausrichtung eines Diskurses nicht erst in der Anwendung auf einen konkreten Gegenstand, sondern schon im Stadium der Objektkonstitution festgelegt wird. Im Hinblick auf diese These erscheint auch Webers Behauptung fragwürdig, Tatsachengliederung gehöre dem Bereich wertfreier Wissenschaft an. In einem Brief an Ferdinand Tönnies schreibt er: "Das Denken ist nicht an die Grenzen der Wissenschaft gebunden, aber es soll sich nicht für Wissenschaft ausgeben, wo es nicht entweder 1. Tatsachengliederung oder 2. Begriffsethik ist." Nun ist aber die Gliederung mit Begriffen wie charismatisch, traditionell und legal keineswegs dem Gegenstand immanent; sie ist vielmehr als eine mögliche Gegenstandskonstitution aufzufassen, die nach bestimmten partikularen Relevanzkriterien erfolgt, die in den Werturteilen einer Ideologie verankert sind. Die Objektsprache, die von dieser Objektkonstitution als semantischer Klassifikation ausgeht, ist selbst ideologiebedingt. Ein marxistischer Diskurs würde den Gegenstand "Herrschaft" bekanntlich anders konstituieren und in einigen Fällen die Begriffe charismatisch, traditionell, legal durch proletarisch, feudal, bürgerlich ersetzen. Seine Objektsprache würde dann als historische "Erzählung" ganz andere Perspektiven öffnen.
      An entscheidenden Stellen von Webers Werk zeigt sich, daß er die Werturteile, die aus der Objektkonstitution in den wissenschaftlichen Diskurs eingehen, nicht berücksichtigt. In "Wissenschaft als Beruf" hält er eine ideologiefreie Konstitution des Gegenstandes "Demokratie" für unproblematisch: "In einer Vorlesung oder im Hörsaal dagegen wäre es Frevel, das Wort in dieser An zu gebrauchen. Da wird man, wenn etwa von Demokratie' die Rede ist, deren verschiedene Formen vornehmen, sie analysieren in der Art, wie sie funktionieren, feststellen, welche einzelnen Folgen für die Lebensverhältnisse die eine oder andere hat, dann die anderen nicht demokratischen Formen der politischen Ordnung ihnen gegenüberstellen ." Der Hörer mag diese Formen dann selbst bewerten; der Wissenschaftler aber möge es unterlassen. Wie soll er aber "demokratisch" von "nichtdemokratisch" unterscheiden, ohne zu werten? Ebenso könnte er sich eine Quadratur des Zirkels vornehmen: Wie soll er dem "Marxisten-Leninisten" plausibel machen, daß die "sozialistischen" Staaten, objektiv, wertfrei betrachtet, wirklich keine Demokratien sind? Wie soll er wertfrei entscheiden, ob Jugoslawien oder das Nicaragua der Sandinisten Demokratien oder Diktaturen sind? Er wird der einzige sein, der seinen Diskurs für werturteilsfrei hält; die anderen werden nur Ideologien sehen. In diesem einen Punkt trifft sich die verstehende Soziologie mit dem "Marxismus-Leninismus", mit dem sie sonst nichts gemein hat: Auch er behauptet, die wissenschaftliche, proletarische Objektivität, die allerdings nicht wertfrei ist, gepachtet zu haben . . .
      Befürworter einer wertfreien Wissenschaft könnten an dieser Stelle polemisch fragen, ob denn - nach der Zurückweisung der "freischwebenden Intelligenz", der "idealen Sprechsituation" und der "Werturteilsfreiheit" - wirklich nichts anderes übrigbleibt als der "Kampf der ideologischen Götter", die keinen Kompromiß kennen. Es gibt, meine ich, sehr wohl einen Ausweg, der nicht - wie der Webers - an der Ideologie vorbeiführt, sondern gleichsam durch sie hindurch. Da ich mich im dritten Teil des Buches ausführlich mit ihm befassen will, mögen hier einige Andeutungen im Zusammenhang mit der Weberschen Problematik genügen.
      In "Wissenschaft als Beruf" zeigt sich auch, daß Weber den wissenschaftlichen Diskurs als Monolog auffaßt: "Aber es ist doch etwas allzu bequem, seinen Bekennermut da zu zeigen, wo die Anwesenden und vielleicht Andersdenkenden zum Schweigen verurteilt sind." Das Problem ist, daß die Andersdenkenden auch dann zum Schweigen verurteilt sind, wenn jemand meint, wissenschaftlich und wertfrei zu dozieren, zugleich aber Wörter wie "Demokratie" und "Charisma" so verwendet, daß Durkheimianer, Tho-misten und Marxisten sie nicht akzeptieren können. Dort, wo Weber "Wertfreiheit" postuliert, werden sie nur ideologische Vorurteile vorfinden. Dies zeigen nicht nur die bekannten marxistischen Kritiken an der verstehenden Soziologie, sondern auch E. B. F. Midgleys The Ideology of Max Weber. A Thomist Critique. Dort heißt es: "Nun ist Webers ideologischer Individualismus mit einem ihm entsprechenden methodologischen Individualismus in der Soziologie verquickt." Wäre Midgley unter Webers Hörern gewesen, hätte er wahrscheinlich das Gefühl gehabt, einem ideologischen Monolog ausgeliefert zu sein.
Hier zeigt sich, daß das Wertfreiheitspostulat eher dazu angetan ist, Ideologien zu tarnen, als Ideologiekritik zu fördern. Die Alternative zu Webers wertfreiem Monolog, der sich u. a. am Modell der Naturwissenschaften orientiert, wäre daher ein ideologiekritischer Dialog, in dem die ideologischen Prämissen der Theorien bloßgelegt und im theoretischen Diskurs selbst aufgezeigt werden. Ideologisch im negativen Sinn, im Sinne des falschen Bewußtseins, handelt ein Wissenschaftler, der sich auf diesen offenen Dialog nicht einläßt oder gar behauptet, seine Theorie sei "objektiv": wertfrei, proletarisch, thomistisch - oder schlicht göttlich.
      Was kann sich der Theoretiker von einem solchen Dialog versprechen? Zunächst eine bessere, vielleicht selbstironische Kenntnis der eigenen Position; außerdem eine genauere Kenntnis der fremden Position, die dadurch weniger fremd wird; schließlich einen Überblick über das Verhältnis heterogener Theorien: über Konsensmöglichkeiten, Komplementarität und die unvermeidlichen, ideologisch bedingten Kollisionen, die jedoch alles andere als sterile Konflikte sind. Denn das Andersartige und Fremde macht nicht nur aggressiv, sondern auch nachdenklich und reflexiv.
      Als Alternative zur Wertfreiheit erscheint hier neben dem Dialog die ihn ergänzende Reflexivität oder Distanz zum eigenen Diskurs. Auf sie weist auch Norbert Elias in Engagement und Distanzierung hin, wo er von der für mich äußerst anregenden Hypothese ausgeht, daß Distanzierung, Selbstkritik und Selbsterkenntnis von einer Gesellschaftsordnung ermöglicht werden, in der Gruppen einander nicht mehr bedrohen, in der das Engagement für den eigenen Standpunkt nicht mehr mit dem Überleben verknüpft ist. Er spricht in diesem Zusammenhang von einer "zunehmenden Erleichterung", die die Distanz zu sich selbst begünstigt: "Wieweit es unter gegenwärtigen Bedingungen für Gruppen wissenschaftlicher Spezialisten möglich ist, die Standards der Autonomie und Adäquatheit im Nachdenken über soziale Ereignisse zu heben und sich selbst die Disziplin größerer Distanzierung aufzuerlegen, kann nur die Erfahrung zeigen. Ebenso wenig kann man im voraus wissen, ob die Bedrohung, die Menschengruppen auf vielen Ebenen füreinander darstellen, noch immer zu groß ist, als daß sie in der Lage wären, ein umfassenderes Bild ihrer selbst zu ertragen und danach zu handeln !'x - Nirgendwo ist dieses Selbstbild leichter zu haben als beim Gegner, der womöglich ein verkappter Freund ist.
     

 Tags:
Werturteilsfreiheit  bei  Max  Weber:  Theorie  Praxis    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com