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Ideologie und theorie
Im Anschluß an die beiden vorangehenden Kapitel, in denen ideologische Diskurse im Gegensatz zur marktbedingten Indifferenz dargestellt wurden, wird im folgenden die Theorie im Spannungsfeld zwischen
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Hermann Broch



Der Romancier Hermann Broch fügt sich nicht nur deshalb in den hier konstruierten Kontext ein, weil in seinem Werk ideologischer Manichäismus, Ambivalenz und Indifferenz zu Schlüsselbegriffen werden, sondern auch deshalb, weil er vor allem in seiner Tri-logie Die Schlafwandler den 'Zerfall der Werte" reflektiert. Parallel zu diesem Zerfallsprozeß wächst die Wertindifferenz, die im dritten Roman der SchlafwandlerTrogz der Protagonist Huguenau, ein skrupelloser Geschäftemacher, verkörpert.



      Huguenaus wertfreie und wertindifferente Welt ist die radikal säkularisierte Welt des Rationalisten und Positivisten, der meint, sich endgültig aller metaphysischer Fragen entledigt zu haben. Sein Rationalismus wird jedoch von Broch als 'irrational" bezeichnet: 'Das Rationale des Irrationalen: ein anscheinend absolut rationaler Mensch wie Huguenau vermag Gut und Böse nicht zu unterscheiden. In einer absolut rationalen Welt gibt es kein absolutes Wertsystem, gibt es keine Sünder, höchstens Schädlinge." Diesen Zweck-Mittel-Rationalismus, den er für eine moderne Variante des Irrationalismus hält, setzt Broch über Begriffe wie 'Wertfreiheit" und 'Sachlichkeit" mit der Marktgesellschaft, mit dem kommerziellen System als 'Partialsystem", in Beziehung: 'Huguenau, ein wertfreier Mensch, gehörte allerdings auch dem kommerziellen System an ." Freilich kann Brochs Begriff der 'Wertfreiheit" nicht mit dem Max Webers identifiziert werden; es kann aber auch nicht behauptet werden, er habe mit ihm nichts zu tun. Vielmehr ist Brochs Roman im Zusammenhang mit dem vorigen Kapitel zu lesen, in dem im Anschluß an Soziologen wie Alfred Weber und Georg Simmel eine Beziehung zwischen 'Sachlichkeit", 'Charakterlosigkeit", 'Wertindifferenz" und dem Geld als Tauschwerthergestellt wurde.
      Ihm opponiert sowohl in den Schlafwandlern als auch in den Schuldlosen der Ideologe, der die Welt im Rahmen eines manichäischen Diskurses in Gut und Böse, Schwarz und Weiß einteilt. Stärker noch als die Ideologen Musils, Sartres oder Moravias werden die Ideologen Brochs durch einen starren Dualismus gekennzeichnet, der schwer aufzubrechen ist. Dieser Dualismus wird immer wieder von der kritischen Ambivalenz oder der Indifferenz in Frage gestellt.
Im ersten Roman der Trilogie, Pasenow oder die Romantik, erscheint der Junker von Pasenow, Offizier der preußischen Armee, als eine Inkarnation der Ideologie: Das Ideal,auf das er all sein Denken und Handeln ausrichtet, ist eine von der Dichotomie strukturierte heile Welt. Sooft er mit einer ambivalenten, 'karnevalistischen" Situation konfrontiert wird, gerät er in Panikstimmung und flüchtet ins Offizierskasino, wo alles scheinbar eindeutig ist: 'Denn im Kasino war alles eindeutig und es galt ja, ja und nein, nein
Trotz seiner politischen Position, die der Pasenows diametral entgegengesetzt ist, erinnert der Protagonist des zweiten Romans, der Anarchist August Esch, an den stockkonservativen preußischen Junker. Auch er, der einfache Buchhalter einer großen Kölner Firma, träumt von einer Weltordnung, in der Ambivalenzen, Paradoxien und Widersprüche nicht vorkommen. Auch er verlangt nach Eindeutigkeit, nach einfachen Gegensätzen: 'Nichts ist eindeutig, dachte Esch voll Zorn, nicht einmal an solch schönem Frühlingstag ." In den Schuldlosen attackiert der Lehrer Zacharias, ein Vorbote der Nationalsozialisten, die politische Neutralität, die er mit 'Krämergeist" und Geld in Beziehung setzt: ' Der Mensch muß wissen, wo er hingehört, rechts oder links."

   Eschs Suche nach Eindeutigkeit ist von seinem ideologischen Dualismus, der existentielle und metaphysische Komponenten aufweist, nicht zu trennen. Unablässig versucht er, seine Umwelt in Ãœbereinstimmung mit den dualistischen Schemata zu ordnen, deren positive Terme und Aktanten er maßlos idealisiert. Ilona, eine Zirkusartistin, Mutter Hentjen, Wirtshausbesitzerin und Eschs künftige Frau, der Gewerkschaftler Martin Geyring: Sie alle verwandeln sich in der Schwarz-Weiß-Ideologie des Buchhalters in Helden, die ebenso unwirklich sind wie die des sozialistischen Realismus/
Wie Zacharias und Pasenow erblickt auch der Anarchist Esch im Kommerziellen den Ursprung allen Unglücks auf Erden: 'Zorn gegen das Geschäftswesen erwachte wieder in ihm, Zorn gegen eine Organisation, die unter dem Schein schöner Ordnung, glatter Gänge, schöner glatter Buchungen alle Infamien verbirgt. Und das nennt sich Solidität. Ob es nun Prokurist oder Präsident heißt, es gibt keinen Unterschied zwischen Kaufmann und Kaufmann."4' Hier wird deutlich, daß der Gegensatz zwischen Ideologie und Markt nicht nur im journalistischen, politischen und soziologischen Bereich eine wichtige Rolle spielt, sondern auch in der Romanliteratur der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.'
Im Rahmen dieses Gegensatzes nimmt der Geschäftsmann Eduard von Benrand, ehemaliger Offizier und Präsident der Mittelrheinischen Reederei, eine zentrale Stellung ein: die der kritischen Ambivalenz. Im ersten Roman bringt er die dualistischen Schemata Pasenows durcheinander, indem er die Einheit der Gegensätze thematisiert. Aus ihr geht ein ironischer Diskurs hervor, der an den des Musilschen Erzählers erinnen: 'Dann aberklopfte Bertrand ans Glas und hielt einen kleinen Toast, und man wußte wieder nicht. ob er es ernst meinte oder ob er spaßte oder ob die wenigen Glas Sekt für ihn schon zuviel gewesen waren, so außerordentlich schwer verständlich war seine Rede, da er von der deutschen Hausfrau sprach, die am reizendsten als Imitation sei, weil ja das Spiel doch die einzige Realität dieses Lebens bleibe, weshalb auch die Kunst stets schöner sei als die Landschaft, ein Kostümfest netter als echte Trachten und das Heim eines deutschen Kriegers erst dann vollkommen werde, wenn es, gewöhnlicher Eindeutigkeit entrückt, durch einen traditionslosen Kaufmann zwar entweiht, durch das lieblichste Böhmermädchen hingegen geweiht worden ist, und darum bitte er die Anwesenden, mit ihm auf das Wohl der schönsten Hausfrau anzustoßen." Der Ideologe Pasenow fühlt sich durch dieses Ineinandergreifen von Ernst und Lachen, Realität und Illusion, Profanem und Heiligem herausgefordert und verwirrt.
      Ähnlich verwirrt zeigt sich Esch im Gespräch mit Eduard von Bertrand, den er für das Unglück des Strichjungen Harry Köhler verantwortlich macht. Denn Bertrands Ironie durchdringt den ideologischen Panzer und läßt schließlich Zweifel im Moralisten Esch aufkommen. Was Bertrand gleichsam zu seiner Verteidigung an Erklärungen vorbringt, ist so einleuchtend, 'daß das Wagnis, seine ironische Miene nachzuahmen, fast zur Verpflichtung, fast zum Einverständnis werden wollte ." Trotzdem zeigt ihn der Ideologe bei der Polizei an, damit Ordnung herrsche, damit der Gegensatz zwischen Gut und Böse und das Verhältnis von Schuld und Sühne erhalten bleiben, denn: 'Man weiß ohnehin nicht mehr, was schwarz und was weiß ist. Alles geht durcheinander." Der Ideologe hat dafür zu sorgen, daß das anders wird: daß der kritische und ironische Bertrand sich im Freitod selbst richtet.
      Der dritte Roman Huguenau und die Sachlichkeit ist in dem hier entworfenen Zusammenhang deshalb bedeutsam, weil er den Gegensatz zwischen Ideologie und Ambivalenz durch den zwischen Ideologie und Indifferenz ersetzt. Dadurch wird er für eine Entwicklung symptomatisch, die auch in der Politik und in der Soziologie zu beobachten ist: für den Trend, alle sozialen Probleme wertfrei, über die Medien Geld, Macht und Technik zu lösen. Huguenau ist nicht nur ein 'wertfreier" Mensch — wie Broch selbst bemerkt —, sondern ein Technokrat avant la lettre. Nicht zufällig geht er aus dem dritten Roman als der eigentliche Sieger hervor; nicht zufällig wird er dem Ideologen Esch, den er inmitten der Kriegswirren kaltblütig mit einem Bajonett niederstreckt, zum Verhängnis: Er 'klopfte der Leiche wohlwollend, fast zärtlich auf die Schulter. Es war alles gut." Nicht zu Unrecht betrachtet Broch in seinem Kommentar zu der Schlaf-wandlerTrilogie Huguenau als den 'wahrhaft ,wertfreie' Mensch und damit das adäquate Kind seiner Zeit." — Der Ideologe und der Kritiker gehen unter: Sie überlassen dem Wertindifferenten, dem Geschäftemacher, das Feld.
     

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Hermann  Broch    





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