Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Höfische feste - das protokoll der umgangsformen

Index
» Höfische feste - das protokoll der umgangsformen
» Die militärische, gesellschaftliche, materielle und politische Bedeutung der Turniere

Die militärische, gesellschaftliche, materielle und politische Bedeutung der Turniere



Die Motive, die einen Ritter veranlaßten, an Turnieren teilzunehmen, konnten sehr verschieden sein. »Die einen beteiligten sich am Stechen aus hohem Sinn; den anderen ging es nur umden Gewinn; da tjostierten auch viele Ritter aus keinem anderen Grund, als um der Frauen willen; andere nahmen teil, um zu lernen; wieder andere, um Ruhm zu gewinnen.« Ursprünglich haben sicherlich militärische Aspekte eine große Rolle gespielt. Seitdem bekannt ist, vor allem durch die Forschungen von Jan F. Verbruggen, daß die feudale Kriegstechnik des hohen Mittelalters nicht - wie man früher geglaubt hatte - hauptsächlich auf den ritterlichen Einzelkämpfer abgestellt war, sondern daß das Reiten in geschlossenen Verbänden die militärische Taktik in hohem Maß bestimmt hat, erscheint der militärische Sinn und Nutzen der älteren Turniere in einem neuen Licht. Sie dienten der Ãobung im Formationsreiten und in der Technik des geschlossenen Angriffs. Die Begeisterung, mit der sich die adlige Jugend, trotz vieler Verbote, an diesen gefährlichen Spielen beteiligte, zeigt jedoch, daß es von Anfang an auch eine starke persönliche Motivierung gegeben haben muß. Die harten Kampfspiele boten den jungen Rittern Gelegenheit, sich vor anderen auszuzeichnen und auf diese Weise Ruhm und Anerkennung in der adligen Gesellschaft zu gewinnen. In dem Lehrgedicht >Tirol und Fridebrant« hieß es: »Turnieren erhöht den Wert eines Mannes, und wegen seines Wertes wird er von den Frauen gepriesen. Turnieren, das ist ritterlich.«




   Der höfische Charakter der Turniere trat besonders hervor, wenn Frauen daran Anteil nahmen. Das geschah in der Weise, daß der Ritter zum Ruhm seiner Dame im Turnier kämpfte; zum Beispiel im >Moriz von CraünMoriz von Craün< hat deswegen den eigentlichen Turniervorgang im Hintergrund gelassen und nur diejenigen Einzelheiten herausgehoben, die seinen Helden in Aktion zeigten.
      Eine noch engere Beziehung des Turniergeschehens zu den Damen ergab sich, wenn diese als Zuschauerinnen anwesend waren. Davon berichtete schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts Geoffrey von Monmouth, als er das große Pfingstfest beschrieb, das König Arthur in Carleon feierte. Nach dem Festmahl veranstalteten die Ritter außerhalb der Stadt ein Reiterspiel, »während die Frauen von der Höhe der Mauern herab zuschauten«78. Auch in der deutschen Literatur begegnet dieses Motiv überraschend früh, in der >Kaiserchro-nikKrone< von Heinrich von dem Türlin wurden den turnierenden Rittern von den Damen, die vom Palas aus zuschauten, Schmuckstücke zugesandt mit der Aufforderung, »daß sie ihre Ritter hießen und daß sie um ihrer Damen willen Schläge einsteckten«80. Dort wurde es auch als ein besonderer Brauch des Artushofs geschildert, daß die im Turnier gefangenen Ritter den Damen überantwortet wurden . Die aus den Fenstern oder von den Zinnen aus den turnierenden Rittern zuschauenden Damen sind auf verschiedenen Miniaturen der

Großen Heidelberger Liederhandschrift abgebildet. Nach der Schilderung der Dichter ist manchmal der Turnierplatz so gewählt worden, »daß die Damen vom Palas aus die Anstrengungen der Ritter sehen konnten«81. Einmal hat König Artus sogar extra einen Palas in der Nähe des Turnierfelds errichten lassen, um der Königin und ihren Damen das Zuschauen zu ermöglichen . Der Anwesenheit der Damen wurde ein mildernder und zivilisierender Einfluß auf die Turnierpraxis zugeschrieben. »Man gab bekannt, daß sehr viele Damen aus allen Ländern dem Turnier zuschauen würden. Deswegen wurde das Turnier auf würdige Weise eingerichtet: man wollte sich nicht gegenseitig mit Knüppeln schlagen, sondern einander in ritterlicher Tjost aus dem Sattel stechen.«
Ob ein solcher Einfluß auch in der Realität von den Frauen ausgegangen ist, läßt sich schwer beurteilen. Solange die Turniere in der alten Weise, ohne fest begrenzten Kampfplatz, ausgetragen wurden, konnten Zuschauer kaum auf ihre Kosten kommen. In der >Histoire de Guillaume le Marechah wurde einmal die Anwesenheit von Damen bei einem Turnier erwähnt, das um 1180 in der Nähe von Sens stattfand. Als William Marshall am Tag vor dem Turnier dort ankam, traf er die Gräfin von Joigni mit ihren Damen, die gekommen waren, um dem Turnier beizuwohnen. Am Abend vergnügte man sich in höfischem Stil mit Gesang und Tanz, und der Marshall selber trug zur Unterhaltung bei, indem er »mit sanfter Stimme« ein Lied vorsang, das allen gut gefiel. Nach ihm trat »ein Berufssänger« auf, der eine eigene Komposition vortrug, und zwar ein Preislied auf William Marshall mit dem Refrain: »Marshall, gebt mir ein gutes Pferd!« Daraufhin entfernte sich der Marshall heimlich von der Gesellschaft, bestieg sein Pferd, stach einen anderen Turniergast ab und machte dessen Pferd vor der staunenden Versammlung dem jungen Sänger zum Geschenk. Sein Verhalten in dieser Szene unterschied sich sehr auffällig von seiner sonstigen Handlungsweise; und man muß annehmen,daß es die Gegenwart der Damen war, die diese Ã"nderung bewirkte. In den historischen Quellen des D.Jahrhunderts war häufiger davon die Rede, daß die Turnierveranstaltungen auch von Damen besucht wurden. Offenbar hat vor allem die moderne Form des Tafelrundenturniers mit seinen literarischen Motiven und seinem höfischen Rahmen die Damen angezogen.
      Die Turniere boten dem Ritter Gelegenheit, öffentlich darzutun, daß nicht Gewinnsucht, sondern höfische Gesinnung und Ruhmverlangen sein Handeln bestimmten. Als ein solcher Musterritter erwies sich Erec auf seinem ersten Turnier. Er stach seine Gegner ab, aber »um ihre Pferde kümmerte er sich nicht«86, so daß die übrigen Teilnehmer beim Anblick der ledigen Pferde über seine Selbstlosigkeit staunten: »da wurde er hoch gepriesen«87. Der Dichter hat besonders betont, »daß er keins der Pferde nahm, weil er nicht um materieller Bereicherung willen dorthin gekommen war; er war vielmehr ganz darauf aus, dort den Sieg zu erringen«88. Erecs vorbildliche Freigebigkeit ging so weit, daß er sogar seine eigenen Pferde und Waffen wegschenkte, wenn er sie während des Turniers auswechselte . Auf diese Weise verbrauchte er auf dem Turnier, ohne selbst ein einziges Mal abgestochen worden zu sein, fünf wertvolle spanische Streitrosse und drei vollständige Ausrüstungen. Nutznießer dieser höfischen Verschwendungssucht waren vor allem die Knappen, die sich auf den Turnieren als »Ausrufer« betätigten. Später hat sich daraus das Amt des Herolds entwickelt. Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts wurden sie die »Knappen von den Wappen« genannt, weil es zu ihren Aufgaben gehörte, die Wappen der adligen Turnierteilnehmer anzusagen. Diese Knappen standen meistens im Dienst der turnierenden Herren und kamen in deren Gefolge auf den Kampfplatz. Es hat aber auch berufsmäßige Ausschreier gegeben, die zu den fahrenden Leuten gehörten und die überall zusammenströmten, wo ein Turnier veranstaltet wurde. »Man sah da viele fahrende Leute. Manch einer ^sprach von den Wappens was man >kroijieren< nennt; denen steht es zu, daß sie die

Decken herunterreißen: das ist ihr Anteil am Gewinn.« Die Kroijiraere mußten ihre Herren lauthals ankündigen, wenn die auf dem Turnierplatz erschienen, und ihnen Platz verschaffen. Wo ihre Rufe wörtlich zitiert wurden, begegnen auffallend häufig französische Wörter: »Za, tschavd-liers, wikeli wa! Wicha wich! sie kument hie! . Jü, vassel, schevalier za! . »zay, tschdvalier! avoy diu wip!« . Vielleicht ist daraus zu entnehmen, daß im 13. Jahrhundert die Turniersprache in Deutschland weitgehend französisch war.
      Wenn die Knappen sich während des Kampfes dicht hinter ihrem Herrn hielten, konnten sie leichte Beute machen. »Der Gewinn war nicht gering, den seine Knappen machten, wenn die Ritter niederstürzten, die ihr Herr von ihren Pferden stach.« Zum Schluß erhielten sie alles, was auf dem Turnierplatz liegenblieb. »Da wurden die Kroijiraere erfreut, denn auf dem Feld lag Seide, Edelsteine und gutes Gold verstreut.« Als ein Vorbild an Freigebigkeit erwies sich Moriz von Craün, der am Ende des Turmers das ganze Turnierschiff an seine Knappen verschenkte . Besonders begehrt waren die Segel, denn aus dem kostbaren Tuch konnte man Kleider machen. »Da bekam der eine zwei Ellen davon, der zweite und der dritte bekam drei Ellen und der vierte so viel, wie man zu einem Rock brauchte.«" Als schon alles verschenkt war, kam noch einer der gefangenen Ritter und bat Moriz um ein Geschenk. Da dieser gerade beim Ablegen seiner Rüstung war, schenkte er ihm seinen Halsberg, und dann »wartete er, ob jemand auch noch die Hosen haben wollte; aber dafür fand sich keiner mehr«95. Ein solches Verhalten mehrte das gesellschaftliche Ansehen und erhöhte den Glanz des eigenen Namens. Dazu trugen manchmal auch die Kroijiraere bei, indem sie die Geschenke, die sie emp-fingen, mit öffentlichem Lobpreis vergalten. Von einem vorbildlichen Turnierritter wurde erzählt: »Selten versäumte er ein Turnier; er nahm häufig an Tjosten und Foreisspielen teil, und wo er gewesen war, da sprach man sein Lob. Denn er beschenkte Spielleute und Freie so reichlich, daß sie überall mit lauter Stimme sein Lob öffentlich verkünden mußten.« Von König Richard von England berichtete man: »Was er sich erkämpfte an Pferden und kostbarem Gut, das verteilte er auf dem Turnierplatz gleichmäßig an die Knappen, deren Amt es war, von den prächtigen Schilden und Helmen zu sprechen. Daher verbreiteten sie sein Lob und seinen Ruhm. Voll Eifer kroijierten sie ihm und riefen laut im Chor: >Der tugendhafte Herr von England ist ein wahrer Fürst. Hurta, hurt, wie gut er es versteht, hohen Ruhm zu erlangen!Engelhard< wurde von einem starken Turnierkämpfer erzählt, dem es fast gelungen wäre, den Anführer der einen Partei zu zäumen. Engelhard kam jedoch dazwischen und nahm den Fremden gefangen. »Dieser erfahrene Ritter war ein richtiger Landfahrer, der nichts weiter besaß als was er sich, wie man sagt, mit seinem Schild erkämpfte.«'"' Als Engelhard dies erfuhr, gab er ihm sein Pferd und seine Waffen zurück und ließ ihn frei. Dieses Verhalten scheint von dem Gedanken bestimmt gewesen zu sein, daß nur die reichen Herren es sich leisten konnten, um Ruhm zu kämpfen, während die ärmeren Ritter darauf angewiesen waren, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. »Manch ein edler Ritter, den die Not dazu zwang, war dort nur auf Gewinn aus, während die hohen Herren nach Ruhm strebten. «

  

Wo reicher Gewinn winkte, drohte auch großer Verlust. Um standesgemäß an einem Turnier teilnehmen zu können, waren Aufwendungen erforderlich, die die Mittel mancher adliger Familien überstiegen. Von dem jungen Grafen Willekin von Mun-taburg hieß es: »Er interessierte sich nur für Ritterschaft, bis er zwei Drittel seines väterlichen Besitzes vertan hatte. Mit materiellen Gütern hatte er kein Glück. Er trieb es so lange, bis ihm sein Vater nichts mehr von seinem Besitz geben wollte. Daran waren die Turniere schuld.« In einem anderen Fall geriet ein Herr in vollständigen wirtschaftlichen Ruin, »weil er sich nur mit Turnieren abgab, wie er es schon lange getan hatte. Er verkaufte heute einen Hof, um Ruhm zu erlangen, bis der Aufrechte zuletzt sein ganzes Erbe verkauft hatte«104. Ulrich von Liechtenstein erzählte, daß am Tag nach dem Turnier von Friesach, wo 150 Ritter ihre Pferde verloren hatten , viele den Weg zu den Geldleihern antreten mußten. »Alle, die gefangen worden waren, mußten zu den Juden gehen. Da sah man, wie sie kostbaren Besitz verschiedener Art verpfändeten. Diejenigen, die Gewinn gemacht hatten, waren froh und hochgemut.«'^ Aus dem >Guillaume de Dole« von Jean Renart ist zu erfahren, daß die großen Herren für die Beschaffung ihrer teuren Turnierausrüstung manchmal die finanzielle Hilfe von vermögenden Bürgern in Anspruch nahmen. Vor dem großen Turnier bei St. Trond schickte der Held der Erzählung »schleunigst einen Brief nach Lüttich zu einem Bürger, der ihm sehr verbunden war und der ihm gewöhnlich Kredit gab. Er trug ihm auf, 120 Lanzen mit seinen Wappen bemalen zu lassen und drei Schilde, deren Riemen aus Seide und Goldbrokat sein sollten. Und er legte es dem Bürger sehr ans Herz, daß jede Lanze ein Fähnlein haben sollte.« Offenbar wurden die Auslagen des

Lütticher Geschäftsfreundes später durch die Turniergewinne des Helden beglichen; jedenfalls ließ Guillaume ein erbeutetes Streitroß dem Lütticher Bürger übergeben .
      Die Turniere hatten auch eine politische Bedeutung. Das ist ganz deutlich in England, wo die Könige bis ins spätere 13.Jahrhundert hinein die Selbständigkeitsbestrebungen der Barone durch Turnierverbote zu blockieren versuchten. In Frankreich, wo es keine staatlichen Verbote gab - Philipp IL August hat nur seinen Söhnen das Turnieren verboten, weil er Angst um ihr Leben hatte -, wurde in der landsmannschaftlichen Gliederung der Turnierparteien die Konkurrenz und Rivalität der großen Herrschaften sichtbar. In Deutschland scheinen die meisten Turniere von den Reichsfürsten und Landesherren veranstaltet worden zu sein. Auch das Turnier in Ingelheim, das 1184 im Anschluß an den Hoftag in Mainz stattfinden sollte, war »auf Beschluß der Fürsten angesetzt worden«107. Von einem Interessenkonflikt hören wir in Liechtensteins >FrauendienstMein Herr von Ã-sterreich hat uns befohlen, daß wir hier nicht turnieren. Das tut uns herzlich leid. Junker, ihr müßt wissen: wir müssen ihm untenan sein und müssen es tun oder lassen, wie er es wünscht.

 Tags:
Die  militärische,  gesellschaftliche,  materielle  politische  Bedeutung  der  Turniere    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com