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Perspektiven in Literaturwissenschaft und Rezeptionsforschung



Zahlreiche Untersuchungen literarischer Typen und Motive berücksichtigen zwar die sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekte der jeweiligen Themenstellung, geben sich aber kaum Rechenschaft über die literarischen Kriterien und methodischen Grundlagen. So liefern sie Materialien und Bausteine zur historischen Soziologie und zur Kulturgeschichtsschreibung, eröffnen auch interessante Perspektiven der literarischen Interpretation; ihr spezifisch literaturwissenschaftlicher Erkenntniswert, etwa im Sinne von Goethes poetologischer Trias «Form, Stoff und Gehalt», ist jedoch gering. Diese Grundfragen behandelt die Kommission für literaturwissenschaftliche Motiv- und Themenforschung der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, deren Kolloquien inzwischen vier Bände füllen: « Motive und Themen in Erzählungen des späten 19. Jahrhunderts» , «Motive und Themen romantischer Naturdichtung. Textanalysen und Traditionszusammenhänge im Bereich der skandinavischen, englischen, deutschen, nordamerikanischen und russischen Literatur» , «Gelebte Literatur in der Literatur. Studien zu Erscheinungsformen und Geschichte eines literarischen Motivs» , «Gattungsinnovation und Motivstruktur» . Die Mitarbeiter legen zunächst Studien zu Einzelwerken, einzelnen Autoren oder nationalliterarischen Epochenausschnitten vor. Erst aus dem Zusammenspiel durchaus verschiedener methodischer Ansätze entsteht ein übergreifendes literaturgeschichtliches Mosaik von Motiven und Themen. Der Koordinator der Kommission, Theodor Wolpers, hat als Endziel eine «allgemeine Typologie und Poetik der literarischen Motive» in Aussicht gestellt: «Vor allem käme es darauf an, Motive und Themen nicht nur als Inhalte und Bedeutungen zu verstehen, sondern als strukturierte und strukturgebende Einheiten, die, in vielfältigen kulturgeschichtlichen Verflechtungen stehend, den Kunstcharakter der Literatur wesentlich bestimmen.»




   Es hat den Anschein, als erlebte die Erforschung der Inhalte von Literatur, die einst als Aschenputtel von der Märchenforschung abgezweigt worden war und nur im Zeichen der Geistesgeschichte gewisse

Nebenrechte hatte wahrnehmen dürfen, nach den Verdikten seitens des ästhetischen Idealismus und des New Criticism nunmehr eine Renaissance. Inzwischen stapeln sich die Dissertationen der Magister und Doktoren, die das Instrumentarium verfeinerter Begriffe und interdisziplinärer Perspektiven auf die literarischen Gegenstände wie Stoffe, Motive und Themen sowie auf deren formale Implikationen anwenden. Einen indirekten, zunächst wohl nicht beabsichtigten Anstoß dazu leistet die Rezeptionsforschung. Denn sie legitimiert den historischen Zugriff auf Stoffe und Motive bei den literarischen Vorbildern, die zur Wiederaufnahme, Anverwandlung und Umgestaltung anregen. Beispiele geben die inzwischen drei Bände füllenden Vorträge der Salzburger Symposien zur «Mittelalter-Rezeption» und das gleichlautende, von Peter Wapnewski betreute DFG-Symposium sowie zwei Untersuchungen über Konstellationen der Liebe: Denis de Rougemont gibt in «L'amour et l'occident» seine abendländische Deutung des Gegensatzes zwischen Liebe und Ehe, und Peter von Matt untersucht den nicht nur gefühlsmäßigen, sondern auch ökonomisch und politisch bestimmten Antagonismus zwischen den Geschlechtern.2' Der Titel seiner Studie, «Liebesverrat», vereint in einem Doppelwort das konkreteste Abstraktum, «Liebe» als Thema, mit der die Situation auslösenden Handlung, «Verrat» als Motiv.
     

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