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Rückkehr - Bertolt Brecht



Die Vaterstadt, wie find ich sie doch? Folgend den Bomberschwärmen Komm ich nach Haus. Wo denn liegt sie? Wo die ungeheueren 5 Gebirge von Rauch stehn. Das in den Feuern dort Ist sie.
      Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl? Vor mir kommen die Bomber. Tödliche Schwärme 10 Melden euch meine Rückkehr. Feuersbrünste Gehen dem Sohn voraus.



      Als nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges im Jahre 1945 emigrierte und »uniformierte« Literaten wieder in ihr Land und ihre Städte zurückkehren, wird dieser Vorgang häufig zum Thema ihrer ersten poetischen Äußerungen. Zahlreich sind die lyrischen Texte jener Tage, in deren Titel das Wort »Heimkehr«, »Rückkehr« oder »Wiederkehr« auftaucht .
      In dieser Reihe und gleichzeitig aus ihr heraustretend steht Bertolt Brechts »Rückkehr«1, das »wahrscheinlich stärkste Heimkehr-Gedicht«2. Brechts Gedicht unterscheidet sich von dieser »Heimkehrerlyrik« jedoch vor allem dadurch, daß es keine schon stattgefundene, sondern wie die vergleichbare »Elegie von Abschied und Wiederkehr« Carl Zuckmayers eine erst bevorstehende Rückkehr zum Thema hat. Reflexionen und Notizen über den Zustand deutscher Städte und die Möglichkeit der Rückkehr aus dem wenig geliebten US-Exil finden sich bei Brecht viele und eindrucksvolle.
      Brecht nimmt aus der Ferne Anteil am Schicksal deutscher Städte. Eine Eintragung im »Arbeitsjournal« vom 1. 6. 42 berichtet von der Bombardierung Kölns: »die Stadt köln ist von der RAF dem erdboden gleichgemacht worden. 1000 bomber sind einundeinhalb stunden über ihr erschienen [.. .]«4, eine Notiz vom 26. 7. 43 befaßt sich mit der Zerstörung Hamburgs: »hamburg geht unter, über ihm steht eine rauchsäule, die doppelt so hoch ist wie der höchste deutsche berg, 6000 m. die mannschaften der bomber benötigen Sauerstoffapparate, seit 72 stunden erfolgt alle 12 stunden ein angriff«5. Eine dritte, vom 29.8.43, gefühlsbetonter und von größerer Anteilnahme geprägt, beschreibt die Luftangriffe auf Berlin: »das herz bleibt einem stehen, wenn man von den luftbombardements berlins liest [.. .]«6. Auch die »Kriegsfibel« enthält zwei Gedichte, die dem Phänomen der zerstörten Stadt poetisch Rechnung tragen7:

Nr.

   Noch bin ich eine Stadt, doch nicht mehr lange.
      Fünfzig Geschlechter haben mich bewohnt.
      Wenn ich die Todesvögel jetzt empfange

In tausend Jahren erbaut, verheert in einem Mond.
      Nr.
Das sind die Städte, wo wir unser »Heil!« Den Weltzerstörern einst entgegenröhrten. Und unsre Städte sind auch nur ein Teil Von all den Städten, welche wir zerstören.
      Vokabular und Stimmungsgehalt der beiden aus dem Jahre 1943 stammenden Journal-Vermerke legen den Schluß nahe, sie seien Ausgangspunkt und Anstoß für das »Rückkehr«-Gedicht von Brecht gewesen wie auch das Gedicht Nr. 17 der Kriegsfibel im Vokabular durchaus Anklänge an das Rückkehr-Gedicht erkennen läßt.
      Fatal, daß der Zustand der Stadt Berlin, als Brecht sie 1948 betritt, genau dem Bild entspricht, das er sich im Exil von ihr gemacht hat. Die Eintragungen des »Arbeitsjournals« aus den ersten Tagen nach Brechts Rückkehr nach Berlin berichten immer wieder vom traurigen Erscheinungsbild der Stadt, persönlich gehalten wie die vom 23. 10. 489 oder distanzierter und nicht nur aufgrund der sorgfältigen Zeilung fast lyrisch anmutend wie die vom 27. 10. des gleichen Jahres10:berlin, eine radierung Churchills nach einer idee hitlers.berlin, der Schutthaufen bei potsdam.
      über den völlig verstummten ruinenstraßen dröhnen in dennachten die lastaeroplane der luftbrücke.das licht ist so schwach, daß der gestirnhimmel wieder von der

Straße aus sichtbar geworden ist.
      Zu seiner Geburtsstadt Augsburg, von der er sich bereits vor dem Krieg mehr und mehr distanziert hatte und an deren Stelle als Vaterstadt quasi Berlin getreten war, hat er nur noch wenig Beziehung, wie eine anläßlich einer Reise nach Salzburg entstandene Aufzeichnung im »Arbeitsjournal« beweist: »augsburg etwas zertrümmert, fremd, läßt mich ziemlich kalt«11.
      Alles andere als kalt und distanziert »nähert« sich Brecht der Vaterstadt seines Rückkehr-Gedichts. »Klage, Ungewißheit, Betroffenheit, Gefühl schamhaft im Understatement« vermittelt, prägen die beiden Strophen des 1943 in Los Angeles, der »andern Stadt«13, entstandenen Gedichts.
      Fast familiär ist das Verhältnis Brechts zur »Vaterstadt« zu nennen, das eines »verlorenen Sohnes« zu seinem Vater. Wie ein sinnierendes Selbstgespräch, ein internes Frage- und Antwortspiel liest sich das Gedicht, »anteilnehmende Nähe«,

»der Wunsch nach Zwiesprache mit der Stadt« wird spürbar14. Die Sorge, in welchem Zustand und ob er sie überhaupt findet, kennzeichnet die Eröffnungszeile:

Die Vaterstadt, wie find ich sie doch?
Die Gewißheit, daß sich seine Ankunft im »Zeichen des Todes« vollziehen wird, verdeutlicht der folgende Satz:

Folgend den Bomberschwärmen Komm ich nach Haus.
      Die Angst, sie nicht mehr wiederzufinden, beherrscht die nächste Zeile. »Wo denn liegt sie?« fragt Brecht und gibt sich gleichsam visionär, selbst die Antwort:
Wo die ungeheuren Gebirge von Rauch stehn. Das in den Feuern dort Ist sie.
      Die zerstörten Häuser und Straßen lassen die Stadt als apokalyptische Landschaft erscheinen. Aus dem Bereich der Natur entlehnt Brecht die Begriffe »Schwärme« und »Gebirge«, verleiht diesen Wörtern jedoch neuen Sinn- und Stimmungsgehalt. Die Schwärme, die dem RUckkehrenden den Weg zur heimatlichen Stadt weisen, sind nicht die von Vögeln, es sind »Bomberschwärme«, die Berge stellen sich als »ungeheuere« — im doppelten Sinne des Wortes — »Gebirge von Rauch« dar. Der Rauch, in anderen Brechtgedichten, wie z. B. »Der Rauch«16, das Zeichen des Bewohnbaren, der Geborgenheit, wird hier zur Metapher für das Zerstörte, nicht mehr Bestehende.
      Der Rauch als »Wiedererkennungszeichen«, den der in seine Heimat Zurückkehrende zu schauen wünscht, begegnet uns schon in Andreas Gryphius' Epigramm Nr. 89 »Auff Ulyssem«17, in dem der schlesische Dichter auf den von Odysseus im ersten Gesang von Homers »Odyssee« Kalypso gegenüber geäußerten Wunsch, daß er nur noch den Rauch zu sehen begehre, der von seinem Land aufsteigt, Bezug nimmt. Diese Tradition, die sich ebenfalls in Brechts Vierzeiler »Heimkehr des Odysseus«

   Dies ist das Dach. Die erste Sorge weicht. Denn aus dem Haus steigt Rauch: es ist bewohnt. Sie dachten auf dem Schiffe schon: vielleicht Ist unverändert hier nur mehr der Mond.wiederfindet, führt sein »Rückkehr«-Gedicht eindrucksvoll fort. Die zweite Strophe zeigt die Stadt nicht mehr aus der Sicht des Sohnes, sondern »den Sohn aus der Perspektive der Stadt und — darauf kommt es an — ihrer Menschen«19. Beinahe ängstlich stellt der die Rückkehr Vorbereitende die Frage nach der Art des Empfangs, den ihm seine Vaterstadt bereiten wird:
Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl?

Die bange Frage, ob sie, resp. ihre Bewohnerschaft, die Gründe seiner langen Abwesenheit akzeptiert, schwingt in dieser Zeile mit. Daß die Boten seiner Rückkehr alles andere als »Friedenstauben« sind, spricht Brecht klar und deutlich aus:
Vor mir kommen die Bomber. Tödliche Schwärme Melden euch meine Rückkehr. Feuersbrünste Gehen dem Sohn voraus.
      Die Sorge, von der Vaterstadt nicht »akzeptiert« zu werden, signalisiert bereits der Titel, den Brecht diesem Gedicht gibt. Obwohl ihm seine Rückkehr als Heimkehr erscheint , vermeidet er in der Ãœberschrift dieses Wort, schafft sich eine Distanz, die ihm eine eventuelle Enttäuschung ersparen helfen soll, wie auch das Wort »Heimkehr« in seinem lyrischen Schaffen immer wieder durch »Rückkehr« wie hier oder »Wiederkehr« umschrieben wird20, was nicht zuletzt in der Ungewißheit und Skepsis über den gesellschaftspolitischen Zustand, in dem sich seine Vaterstadt und sein Vaterland zum Zeitpunkt seiner Rückkehr befindet, begründet zu liegen scheint.

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