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Gedichte aus unserer zeit - interpretationen

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Die Aufstellung des I. FC Nürnberg vom 27. I. I968 Peter Handke



Diesen Text Peter Handkes halte ich für einen seiner gelungensten; gleichwohl ist er falsch. Umgetrieben von wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit und mehr noch von meiner jahrzehntelangen Vorliebe für den 1. FC Nürnberg — als vorwissenschaftlichem Erkenntnisinteresse — habe ich dieses Gedicht auf seine Richtigkeit geprüft und stieß dabei sowohl auf Fehler als auch auf Un Vollständigkeit. So spielte den rechten Verteidiger keineswegs, wie uns der Dichter glauben machen will, Leupold, sondern der Helmut Hilpert. Der linke Läufer Blankenburg wiederum wurde in der 76. Minute durch eben diesen fälschlich ins Gedicht geratenen Leupold ersetzt. Das Dokument also ist falsch und unvollständig, doch was verschlägt's für die Kunst? Deutlich wird daran, daß das Dokument im Gedicht viel läßlicher behandelt werden kann als im Dokumentar-Theater oder im erzählenden Protokoll. Was die erkenntniskritische und moralistische Absicht eines Enzensberger, Kipphardt, Wallraff, Weiss, einer Runge ruinieren würde — der Nachweis, daß ihre ausgebreiteten Dokumente falsch sind —, beeinträchtigt das Dokumentar-Gedicht in seiner Wirkung keineswegs. Denn das Dokument im/als Gedicht will keine allgemeingültigen Strukturen aufdecken und verschüttete Wahrheit freilegen, es will nicht vorrangig beweisen. Es will nur einen historischen Moment aufleuchten lassen, mit Hilfe einer kleinen nebensächlichen Alltags-Partikel. Es will diese Unscheinbarkeit, die in keine Chronik Eingang findet, vor dem Vergessen retten, und damit genau jener zeitindifferenten Routine entgegenarbeiten, die einer der Mitwirkenden, der Mittelstürmer Franz Brungs, nach eben diesem Spiel des 1. FC Nürnberg am 27. 1. 1968 zum Ausdruck brachte: »Es ist egal, wie man solche Spiele gewinnt. Nach drei Tagen ist das sowieso wieder alles vergessen.« In dieser Aussage entblößt sich die nur auf den Nutzen reduzierte, in ihrer Funktionalität auf- und untergehende Eindimensionalität im alltäglichen Vollzug. Während der Betroffene in dem Fußballspiel vom 27. 1. 1968 lediglich erfolgreich verrichtete Routine-Arbeit sieht, die man »nach drei Tagen sowieso wieder« vergißt, ist für Peter Handke als Betrachter der »Spielbeginn: 15 Uhr« an diesem Tag ein unwiederholbarer, feierlicher




Augenblick. Er hält ihn fest als den »schönsten Augenblick«, »in dem der Ball noch im Mittelpunkt des Spielfeldes liegt, einen Augenblick, bevor die Spieler sich bewegen und bevor der Ball von den Spielern bewegt wird. Alle halten den Atem an und schauen«2. Daher auch die Läßlichkeit gegenüber den Mitwirkenden bei dem Spektakel, dessen Bann mit der ersten Bewegung der Spieler nach dem Anpfiff oft schon gebrochen ist.
      Das ist auch der Grund, warum Handke den tatsächlichen Zusammenhang des Spiels außer Betracht läßt. Er nennt weder den Ort des Spiels noch den Gegner, ohne den die Spielkunst selbst des 1. FC Nürnberg immerhin unmöglich ist, noch interessiert ihn das Ergebnis des Spiels. Für Handke ist das Ergebnis das Spiel selbst. Er reißt den bedeutenden Augenblick aus seiner Tatsächlichkeit und staut damit die Zeit: »und in dieser zitternden Minute knisterte der Monatszeiger meiner Uhr [...]« zitiert Handke Jean Paul als Motto des Bandes »Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt«. Vergegenwärtigt man sich, welche Rolle der Fußball für einen großen Teil der Bevölkerung hat, als Wirklichkeit am Samstag und als Mythos für den Rest der Woche, trifft die Wertung Karl Heinz Bohrers zu, der »Die Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg« als ein »Soziogramm« betrachtet3, ganz im Sinn von Walter Benjamin, der die gesellschaftliche Bedeutung des Sports darin sah, »daß jeder den Leistungen«, die er ausstellt, »als halber Fachmann beiwohnt«, und, wie hinzuzufügen ist, mit großer innerer Teilnahme und identifikatorischer Leidenschaft, die zu dem nüchternen Professionalismus eines Franz Brungs kontrastiert: erst beide Einstellungen zusammengenommen machen das Phänomen Fußball aus. Der kühle, prämiensensible Kicker auf dem Rasen und der heiße Fan auf dem Rang sind aufeinander angewiesen. Benjamin noch einmal:
»Man braucht nur einmal eine Gruppe von Zeitungsjungen, auf ihre Fahrräder gestützt, die Ergebnisse eines Radrennens diskutieren gehört zu haben, um sich das Verständnis dieses Tatbestandes zu eröffnen.«
Ein Letztes, Irrationales kommt hinzu, das diesen Handke-Text so perfekt macht, über das Vermögen des Autors hinaus, eine Leistung, die sich vielmehr der Spontaneität dieser Literaturart verdankt. Handke hat mit der Wahl dieser Mannschaft zu diesem Zeitpunkt einen Glücksgriff getan und Kairos am Schöpfe gepackt: wenige Monate nach diesem Spiel wurde der 1. FC Nürnberg Deutscher Fußballmeister. Dieser Mannschaft, die jahrelang, in Durchschnittlichkeit versunken, nur noch ein Mythos ihrer eigenen rühm überhäuften Vergangenheit gewesen war, gelang damit unter unwiederholbaren psychologischen Bedingungen der bis heute letzte sportliche Höhepunkt; im nächsten Jahr fiel der Verein so tief wie noch nie in seiner Geschichte: der »Club« stieg aus der Bundesliga ab. In diesem harten Nebeneinander von Glanz und Niedergang einer Fußballmannschaft in einer einmaligen historischen Konzentration lebt dieser Text; das macht ihn bedeutsam über seinen eigentlichen Anlaß hinaus und stellt Handkes Instinkt für kollektive Zeitphänomene eindrucksvoll unter Beweis wie die Zukünftiges antizipierende Erkenntniskraft von Dichtung. Die Zukunft ist »kein Gegenstand der Wissenschaft. Sie ist etwas, das nur im Medium der gesellschaftlichen Phantasie existiert, und das Organ, mit dem sie hauptsächlich erfahren wird, ist das Unbewußte. Daher rührt die Mächtigkeit der Bilder, die wir alle miteinander Tag und Nacht hervorbringen: nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper.«

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