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Alle Tage - Ingeborg Bachmann



Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden. Der Held bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache 5 ist in die Feuerzonen gerückt.
      Die Uniform des Tages ist die Geduld, die Auszeichnung der armselige Stern der Hoffnung über dem Herzen.



      Er wird verliehen, 10 wenn nichts mehr geschieht,wenn das Trommelfeuer verstummt, wenn der Feind unsichtbar geworden ist und der Schatten ewiger Rüstung den Himmel bedeckt.
      15 Er wird verliehenfür die Flucht vor den Fahnen,für die Tapferkeit vor dem Freund,für den Verrat unwürdiger Geheimnisseund die Nichtachtung 20 jeglichen Befehls.
      Nach biblischer Lehre werden in der Endzeit die gewohnten irdischen Verhältnisse verdreht sein. Das Unterste wird sich zuoberst kehren. Ingeborg Bachmanns Gedicht charakterisiert die gegenwärtige als eine verkehrte Welt. Zeitgeschichtliches klingt an: der politische Zustand, der weder Krieg noch Frieden ist , die Gewöhnung des Jahrhunderts an das Gräßliche als an etwas Selbstverständliches . Die lakonischen, paradox pointierten Formulierungen meinen jedoch nicht einzelne Verkehrtheiten, von denen sich vorstellen ließe, daß sie wieder zurechtgerückt werden könnten, sondern die heillose Verfassung des Ganzen. Wenn die Welt verkehrt ist, wird eine Revision alter Wertvorstellungen nötig, die von der Voraussetzung ausgegangen sind, daß es sinnvoll sei, im Dienste von Mächten dieser Welt zu kämpfen und in den Augen dieser Mächte Anerkennung zu finden. Heldentum bewährt sich nicht mehr im Kampf , sondern in der Geduld , d. h. im Standhalten gegen den Lauf der Welt und im Warten auf Gericht und Wende. Soldaten werden mit Orden ausgezeichnet, die oft in ihrer Form einem Stern ähneln. Der Held der Gegenwart trägt als Auszeichnung nicht den Ordensstern am Kleid, sondern den Stern der Hoffnung in seinem Innern . Jener wird von den Mächtigen der Welt verliehen, dieser erinnert an den Stern von Bethlehem, der eine Weltwende markiert. Er erinnert an ihn, ist jedochnicht mit ihm identisch, denn er ist nicht über uns am Himmel, sondern »über dem Herzen«, nicht strahlend, sondern »armselig«. Hinter der Hoffnung steht keine göttliche Verheißung.
      Trotzdem ist die Hoffnung eine Realität. Die Tatsache, daß ihr ein Stern verliehen wird, betont das Gedicht durch anaphorische Wiederholung . Es nennt zwar nicht die verleihende Instanz, wohl aber den Zeitpunkt und den Grund der Verleihung. Das dreifache anaphorische »wenn« weist auf keine künftige, sondern auf die gegenwärtige Zeit. Der Stern der Hoffnung wird verliehen in unserer alltäglichen Welt, auf die der Titel anspielt. Es ist eine Welt, deren Verkehrtheit längst als Normalität akzeptiert ist, so daß »nichts mehr geschieht« . Eine Welt des trügerischen Friedens , in der diejenigen, die uns bedrohen, unsichtbar werden , weil sie allgegenwärtig sind. Jedermann kann zu ihnen gehören, jeder hat teil an der Inhumanität des Gesamtzustandes. Unerkennbar wie die Gewalttätigen wird die Gewalt selber, wenn sie universal und latent geworden ist. Da sie den Himmel bedeckt, gibt es kein Licht mehr, von dem sie sich in ihrer Finsternis abhöbe . Die Menschen haben sich in ihrem Schatten eingerichtet. In einer solchen Situation braucht man die Tugenden, für die der Stern der Hoffnung verliehen wird: den Verzicht auf Gewalt ; den Mut, Außenseiter zu sein, auch wenn es die Freunde kostet, die nur mit dem umgehen wollen, der sich wie jedermann verhält ; die moralische Unbestechlichkeit, die sich nicht aus falsch verstandener Loyalität zum Komplizen des Bösen machen läßt ; die Weigerung, den Mächtigen der Welt zu dienen . Zur Beschreibung der neuen Tugenden dienen Formeln aus dem Vokabular der alten Moral. Fahnenflucht, Geheimnisverrat und Befehlsverweigerung sind militärische und strafrechtliche Begriffe. Sie bezeichnen Taten, die als schimpfliche Verbrechen gelten. »Tapferkeit vor dem Feind« ist eine militärische Redewendung, mit der die Verleihung von Auszeichnungen begründet wird. Die provozierende Umwertung der drei ersten Formeln und die verwirrende Abänderung der dritten, erwecken, isoliert genommen, den Eindruck, als solle die Welt auf den Kopf gestellt werden. Wenn aber das Gedicht recht hat und unsere Welt selber verkehrt ist, so geht es in Wahrheit darum, sie wieder auf die Beine zu stellen.

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