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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Vorfrühling - Hugo von Hofmannsthal



Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
      5 Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar.
      Er schüttelte nieder 10 Akazienblüten




Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten.
      Lippen im Lachen Hat er berührt, 15 Die weichen und wachen Fluren durchspürt.
      Er glitt durch die Flöte Als schluchzender Schrei, An dämmernder Röte 20 Flog er vorbei.
      Er flog mit Schweigen Durch flüsternde Zimmer Und löschte im Neigen Der Ampel Schimmer.
      25 Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
      Durch die glatten 30 Kahlen Alleen Treibt sein Wehn Blasse Schatten.
      Und den Duft, Den er gebracht, 35 Von wo er gekommen Seit gestern Nacht.
     
1. Zum Text: Der Aufbau des Gedichts scheint sehr einfach zu sein: auf seinem Weg durch das Land durchläuft der Wind mehrere Stationen, die Welt und Menschenleben in vielfältigen Brechungen spiegeln. Dieser Weg bestimmt die Abfolge der Bilder. Warum zeigt diese Bilderfolge aber so wenig Kontinuität, warum wechseln die Zeiten von Strophe I zu Strophe II —VI und in Strophe VII —IX ? Und warum endet das Gedicht nicht mit der Wiederholung der Eingangsstrophe?
Das Präsens in Strophe I zeigt eine Lösungsmöglichkeit. Hofmannsthal geht, wie auch in anderen Gedichten , von einem atmosphärisch dichten Eindruck, von einem Augenblicksbild aus . Dieser Augenblick ist Gegenwart. Die sinnlichen Eindrücke, die er vermittelt, erregen die Phantasie, die ihrerseis eine von der Realität affizierte Bilderreihe aufsteigen läßt. Diese Bilder beziehen sich auf den Weg, den der Wind bereits hinter sich hat; deshalb stehen sie im Perfekt, bzw. Imperfekt.
      Interessant ist der Charakter dieser Bilder . Es sind weder reine Erinnerungsbilder noch bloße Phantasieprodukte oder bloßer Stimmungsausdruck. Vielmehr handelt es sich um Bruchstücke, impressionistisch aufgefangene Teileindrücke von Landschaften , Räumlichkeiten , Dingen oder des menschlichen Körpers , die merkwürdig vage und atmosphärisch aufgeladen zu sein scheinen. Sie werden alle mit dem Wind auf eine unrealistische und doch geradezu sinnliche Weise in Verbindung gebracht. Untersucht man das Wortmaterial genauer, entdeckt man, daß mit dem Wind und seinen Bewegungen Adjektive und Verben verbunden werden, die sonst dem menschlichen Bereich vorbehalten sind. Deutlichstes Beispiel: »die weichen und wachen Fluren« oder: der Wind fliegt »mit Schweigen I Durch flüsternde Zimmer«. Den Naturerscheinungen werden menschliche Empfindungen verliehen. Die Bilder können also nicht eine realistische Wiedergabe eines Natureindrucks bezwecken, sie sind auch keine bloßen Impressionen , sondern es handelt sich um ichhaltige, erinnerte Weltbilder. Damit ist gemeint: ihre Substanz an Realität, die unzweifelhaft vorhanden ist, wird durchtränkt mit subjektivem Empfinden. Dieses Empfinden bezieht sich aber nicht auf den Gegenstand, der es auslöste ; es ist vielmehr das Empfinden eines jungen, erwachenden Menschen, der sich der Welt und seiner selbst bewußt wird, der aus dem Zustand eines halbbewußten Daseins herauszutreten im Begriffe ist und sich dabei dem Leben, der Welt und ihrer Fülle gegenübersieht. Seine Befindlichkeit erfährt er in den Eindrücken, die er von der Welt empfängt, in ihnen wird er sich seiner selbst bewußt. Das Ich begegnet sich also in der Welt; Treffpunkt ist der erfahrene Eindruck, die aufgenommene Realität. Die Wiedergabe der Wirklichkeit, die nur bruchstückhaft erscheint, ist also nicht Selbstzweck, in ihr, an ihr vollzieht sich der Prozeß, in dem das lyrische Ich zu sich selbst kommt. geht mit den Realitätsausschnitten noch souveräner um als Hofmannsthal. Um Wiedergabe der Realität geht es weder hier noch dort, das zeigt schon das Bruchstückhafte im Verhältnis zur Realität. Einzelne Teile genügen , um in ihnen, an ihnen eine Daseinserfahrung, ein Weltgefühl zum Ausdruck zu bringen. Die bekannte Fähigkeit des jungen Hofmannsthal, sich in Erscheinungen einzufühlen, ihre feinsten Schwingungen zu registrieren und mit ihnen in Kommunikation zu treten, sieht ihr Ziel darin, sich selbst an den Dingen zu empfinden, das eigene Eingeordnet-Scin in das Leben zu erfahren, nicht in der Wiedergabe eines Frühlingstages und seiner Atmosphäre. Deren scheinbar realistische Darstellung ist aber notwendig ; denn in der Welt, nicht in der Versenkung in sich selbst findet sich das Bewußtsein. Weil die Realität diese Funktion hat, müssen ihre Elemente aus dem natürlichen Zusammenhang herausgenommen und in das Bezugssystem des Gedichts eingebaut werden. Hier stehen sie in gedichtimmanenter Ordnung, etwa in der des Gegensatzes, der wohlgemcrkt dem menschlichen Dasein, nicht der Dingwelt entnommen ist. Durch die Bruchstückhaftigkeit der Bilder werden sie unbestimmt-offen; die dadurch angeregten Assoziationen tragen das Gedicht.
      Vom Augenblick ging die Bewegung aus, die empfangenen Eindrücke lösten eine Folge von Bildern aus, in denen sich Weltbegegnung und Selbsterfahrung des Ich fassen läßt. Zu diesem Augenblick als seinem Ausgangspunkt kehrt das Gedicht zurück: Strophe VII wiederholt die erste, das Präsens erscheint wieder. Kompositorisch schließt Strophe VII die Bilderkette ab, inhaltlich zeigt sie die Rückkehr des Bewußtseins zur Gegenwart und ihren Wahrnehmungsgehalten. Die beiden letzten Strophen bleiben auf dieser Ebene; die Realität tritt stärker in Erscheinung , ohne aber den Bezug zum Ich zu verlieren. Die .
      Ãœber die Musikalität dieser Zeilen ist viel gesagt worden. Einige Hinweise dürfen genügen. Die Kürze der Zeilen läßt die Reime rasch aufeinanderfolgen, so daß eine Reimhäufung erzielt wird. Der Zeilensprung betont das Gleitende und Fließende, dem zur Abwechslung Zeilen ohne Enjambement folgen, so wie weibliche und männliche Versschlüsse und weiche und harte Konsonanten einen raffiniert abgestimmten Wechsel von Gleiten und Stocken erzeugen. Das Spiel der Vokale und Konsonantenist so auffällig , daß selbst der Schüler darauf aufmerksam werden wird.
      2. Didaktische Hinweise: Es ist gerade der Klangzauber dieses Gedichts, der in einem 8. oder 9. Schuljahr — bei einiger Empfänglichkeit — Eindruck machen wird. Die Mitwirkung, die alle impressioni-stisch-andeutende Literatur vom Leser erfordert, macht den Text trotz sonstiger Schwierigkeiten didaktisch griffig. Die Anregung der Phantasie, die von den schon deutlich verrätselten Bildern ausgeht, gilt es auszunützen.
      Daß die Ausführungen zum Charakter der Bilder, zum Verhältnis von lyrischem Ich und Welt, wie sie hier gemacht werden, im Unterricht nicht zur Debatte stehen, braucht nicht ausdrücklich hervorgehoben zu werden. Man wird sich darauf beschränken, den Weg des Windes zu verfolgen und seine »Stationen« sich ausmalend zu vergegenwärtigen. Dabei sollte deutlich werden, daß Welt und Leben in ihrer Totalität durchlaufen werden, jedes Bild also für einen größeren Komplex steht. — Die Klangwirkung der Vokale und Konsonanten aufzuzeigen, sollte man sich hier nicht entgehen lassen. Strophe III und IV eignen sich dafür besonders gut.
      3. Methodische Hinweise:
1. Der Schüler muß zunächst erkennen, daß der Wind eine »Landschaft« durchläuft und dabei auf verschiedenen »Stationen« dem Menschen begegnet. — Die Frage nach einer Handlung, einem Geschehen aufwerfen!
2. Wir verfolgen den »Reiseweg« des Windes und stellen fest, daß über seine einzelnen Stationen nur Andeutungen gemacht werden.
3. Der Dichter zwingt uns, die Begegnungen des Windes mit dem Menschen selbst auszumalen. Einige Strophen herausgreifen. Wir notieren uns, was uns dazu einfallt.
4. Der Schüler muß erkennen, daß die Stadien auf dem Wege des Windes das Leben des Menschen mit seinen Erscheinungsformen meinen.
      5. Wir untersuchen nach mehrmaligem Lesen Strophe III und IV auf ihren Klang.

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