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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Mailied - Johann Wolfgang von Goethe



Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur!
5 Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch
Und Freud und Wonne 10 Aus jeder Brust. O Erd', o Sonne O Glück, o Lust,

O Lieb', o Liebe,



So golden schön

15 Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,
Du segnest herrlich Das frische Feld, Im Blütendampfe 20 Die volle Welt!
O Mädchen, Mädchen, Wie lieb' ich dich! Wie blinkt dein Auge, Wie liebst du mich!
25 So liebt die Lerche Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft,
Wie ich dich liebe 30 Mit warmem Blut, Die du mir Jugend Und Freud' und Mut
Zu neuen Liedern Und Tänzen gibst. 35 Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst.
      Im Mailied ist Natur nicht mehr zu überwindendes, kämpferisch zu durchdringendes Gegenüber, sondern in einem — historisch gesehen — unerhörten Glücksgefühl bilden Natur, Ich und Geliebte eine selig erfüllte Einheit.
      Hier wird Natur nicht zu erkennen gesucht, hier muß auch nicht Widerstand geleistet werden , sondern der in jubelnden Ausrufen sich Äußernde gibt sich hin und läßt sich anrühren. Und Liebe erscheint nicht als eine nur private Eigenschaft des Menschen, vielleicht noch eingelassen in gesellschaftliche Konvention, sondern als kosmische, elementare Kraft der Natur selbst, die den ganzen Menschen fordert und ergreift.
      Hinweisend auf das wiederum auftauchende Begriffspaar »Freude« und »Mut«, sucht Rolf Christian Zimmermann das Gedicht in die von ihm erschlossenen Zusammenhänge einzuordnen: Auch diese Verse folgten »den hermetischen Begriffen , der hermetischen Deutung des Lebens«. Keineswegs seien die Verse nur als ganz spontane und unreflektierte Äußerung zu lesen. Denn was sage »das Gedicht in seinem ekstatischen Jubel ganz präzise aus? Daß alles Lebendige von einem belebenden Göttlichen lebt, heiße dieses Luft, Himmelsduft oder Geliebte. Und daß alles Lebendige sein Leben wirkend manifestiert: in der Frühlingsblüte, im Gesang, im Lied, im Tanz, in der Liebe.«

Nun ist mit dem Aufweis übernommener und verinnerlichter Vorstellungen über die Bedeutung noch nichts gesagt, die sie an ihrem historischen Ort gewinnen, an dem sie zur Geltung gebracht werden. So scheint mir im Blick auf den historischen Ort dieser und anderer Texte Goethes zwischen 1770 und 1775 über philologische Einzelheiten hinaus auch folgendes notiert werden zu dürfen. Der Entwurf- und Experimentiercharakter dieser Lyrik, auf den schon hingewiesen wurde, beläßt das Ausgesagte in einem Raum, der deutlich genug die Zeichen des Fiktiven trägt. Ich meine nicht die selbstverständliche Tatsache, daß es sich um Dichtung handelt, daß die Sprache den Besonderheiten und Möglichkeiten fiktionalen Sprechens folgt und daß es natürlich abwegig wäre, in den Texten nach lokalisierbaren Landschaftsvorbildern oder datierbaren Liebeserlebnissen zu fahnden. Mein Hinweis auf das Fiktive will besagen, daß jener »ideologische Ãœberschuß«, von dem die Rede war: die Betonung selbstgewisser eigener Kraft, das neue Erleben der Liebe, die neue Erfahrung der Natur — daß das alles artikuliert wird in fiktiver Ausstaffierung, in fiktivem Ãœberschwang, in fiktivem »Dreingrcifen« , in fiktiver Höhe, und es steht dahin, ob das fiktiv Gewonnene auch hinübergeführt werden kann in die konkrete Realität, ob es, um ein Wort Max Frischs zu variieren, der Welt standzuhalten vermag, in die es gesprochen ist. Die Zitate aus der antiken Welt in den Künstlergedichten, die Herbeirufung des Prometheus, Ganymed, Mahomet bezeugen den fiktiven Charakter dieser neu gewonnenen Erlebnissphäre ebenso, wie die drängende, syntaktische Gewohnheit sprengende Sprache der Hymnen das Ungewöhnliche beweist. Das fiktiv Gewonnene kann nicht gehalten werden, kann nicht standhalten. Damit wird Widersprüchliches sichtbar, das nur vorsichtig zu umschreiben ist, weil es die Verse selbst natürlich nicht direkt zu erkennen geben. Der Gewinn des neuen Selbstverständnisses in der Lyrik des jungen Goethe steht außer Frage. Der hier sich ausdrückt, will volle Selbstverwirklichung, sucht Selbstidentität. Die Chance der dem Bürger gegebenen Möglichkeiten spürend, zielt er — im Fiktiven — ganz weit, das eine Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft, individuelle Selbstbestimmung, so sehr ausdichtend und sich ihm, in arbeitsfreiem Einsgefühl mit der Natur, so sehr hingebend, daß es zum Fiktiven wird. Das ist großer Entwurf, immer unter Zaudern und Zagen gewagt, wie die Briefe zeigen, begehrte Erfüllung menschlichen Lebens: So als gebe es autonome Schöpferkraft , unabhängiges Handeln und Selbstverwirklichung im Schaffen und Geschaffenen — und als gebe es nicht im Tausch der Ware die Fremdheit zwischen Arbeitendem und Produkt, nicht die anarchische, atomisierende Konkurrenzsituation, nicht die Trennung zwischen abstumpfender Arbeit und den kärglichen Augenblicken geglückter Ãœbereinstimmung mit sich selbst; so als ließe sich jenes selige Gefühl des Einsseins von Ich und Natur durchhalten — und unser Verhältnis zur Natur sei nicht vielmehr grundsätzlich gezeichnet durch die immer neue arbeitende Auseinandersetzung mit ihr; so als könnte jene Liebe im Verbünde mit der Naturseligkeit nicht nur Fiktives, sondern Reales sein — und als stoße nicht auch die Liebe sich oft genug an den gesellschaftlichen Schranken der Klassen und Schichten wund. Karl Otto Conrady

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