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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Im Winter - Georg Trakl



Der Acker leuchtet weiß und kalt. Der Himmel ist einsam und ungeheuer. Dohlen kreisen über dem Weiher Und Jäger steigen nieder vom Wald.
      Ein Schweigen in schwarzen Wipfeln wohnt. 5 Ein Feuerschein huscht aus den Hütten. Bisweilen schellt sehr fern ein Schlitten Und langsam steigt der graue Mond.



      Ein Wild verblutet sanft am Rain Und Raben plätschern in blutigen Gossen. 10 Das Rohr bebt gelb und aufgeschossen. Frost, Rauch, ein Schritt im leeren Hain.
      Trotz der konventionellen Ãoberschrift hat das Gedicht nur wenig mit »Naturlyrik« im herkömmlichen Sinne gemein. Das Thema ist lediglich Medium zur Vergegenwärtigung einer leeren, dem Tod anheimgegebenen Welt. Verlorenheit, Bedrohung und Tod bilden den Grundakkord. Er gibt den lose aneinandergereihten Einzelbildern inneren Zusammenhalt, so wie der Strophenbau sie äußerlich zu einem Ganzen vereint.
      Elf von zwölf Versen sind einfache Aussagesätze. Dadurch entsteht der Eindruck, als würden in einem enumerativen Verfahren einzelne Bilder einer realen Landschaft sachlich beschrieben. Daß sich hinter der augenscheinlichen Bedeutungeines jeden Bildes zugleich etwas Abgründiges verbirgt, kündigt sich bereits im zweiten Vers an und offenbart sich vollends in Vers 10. Die Aura der Bilder »Der Himmel ist einsam und ungeheuer« und »Raben plätschern in blutigen Gossen« teilt sich auch den übrigen Bildern mit, verwandelt sie zu Chiffren. Aus dem Gedichtganzen herausgelöst, lassen sich beispielsweise die Verse »Dohlen kreisen über dem Weiher / Und Jäger steigen nieder vom Wald« als sachlich geschilderte Details eines winterlichen Landschaftsbildes auffassen. Im Zusammenhang des Gedichtes hingegen weisen sich diese Verse als Zeichen für den lauernden und herannahenden Tod aus.
      Die Anordnung der Bilder verrät eine geheime Symmetrie. Während in der ersten Gedichthälfte der Tod als latente Bedrohung präsent ist, wird er in der zweiten zum unausweichlichen Ereignis. Beide Gedichthälften haben ihre Achse in den Versen 6 und 7. Als einzige verweisen sie auf eine gewisse Geborgenheit. Charakteristisch für die »Hütten« scheint keineswegs der wärmende Schutz, sondern der aus ihnen

»huschende« »Feuerschein« . Der Hinweis, daß Schlittengeläut von »sehr fern« erklingt , hat nichts Tröstliches. Im Gegenteil: Er verstärkt das Gefühl der Verlorenheit und des Preisgegebenseins. Das Gedicht endet mit einer formelhaft knappen Wendung. Sie gibt dem, was die Verse aussagen, etwas hoffnungslos Endgültiges. Zwar scheint die in der Mittelstro-phe sich leise andeutende Polarität wiederzukehren. Aber die Begriffe »Rauch« und »Schritt« haben sich in einer Weise verselbständigt, daß ihr Kausalzusammenhang schon nicht mehr empfunden wird. »Rauch« erhält dadurch den gleichen Stellenwert wie »Frost«, während »Schritt«, als bloßer Widerhall zu verstehen, die Leere des Raums veranschaulicht. Das Fehlen des lyrischen Ichs erzielt die gleiche Wirkung wie die im Gedicht verwendeten direkten Aussageformen: Das subjektiv Erlebte erhält den Anschein der Verifizierbarkeit. Um so eindringlicher ist der Eindruck des Unheimlichen. Un-heimlich wirkt die beschworene Welt, weil sie keine »Heim«-statt ist, in ihr nicht Leben und Wärme, wohl aber Kälte und Tod zu Hause sind.
     

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