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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Einsamer nie - Gottfried Benn



Einsamer nie als im August: Erfüllungsstunde - im Gelände die roten und die goldenen Brände, doch wo ist deiner Gärten Lust?
Die Seen hell, die Himmel weich, die Äcker rein und glänzen leise, doch wo sind Sieg und Siegsbeweise aus dem von dir vertretenen Reich?



Wo alles sich durch Glück beweist und tauscht den Blick und tauscht die Ringe 10 im Weingeruch, im Rausch der Dinge -: dienst du dem Gegenglück, dem Geist.
      Ein modernes Gedicht, dessen Struktur aus zwei Elementen besteht, die sich gegenseitig konstituieren, ist Gottfrieds Benns: Einsamer nie —.
      Die zwei Elemente sind das Ich und ein ihm Gegenüberstehendes, eine »Gegenwelt«, Landschaft und menschliche Umwelt. [. . .]
Diese Gegenüberstellung bestimmt die Zeichenfunktion der Landschaft. Die erste Zeile enthält den Gegensatz des einsamen geistigen Ichs gegenüber einer erfüllten Natur. Aber dieser Gegensatz konstituiert sich erst durch das Gedicht, durch das Wort »Erfüllungsstunde« und durch die letzte Zeile. »Im August« soll als »Erfüllungsstunde« gelten, als Lust, Sieg und Glück der Menschen, deren natürliches Liebebedürfnis sich im Einklang mit der Landschaft am »Glück« orientiert, mag das auch nur ein »Rausch« sein. Das einsame Ich dient dagegen einem »Gegenglück«, das »Geist« genannt wird. Ciemeint ist offenbar Abwesenheit der Naivität, die zum Genuß des »Rausches der Dinge« nötig ist. Im Hintergrund steht Nietzsches Unterscheidung des Dionysischen und Apollinischen, auf die durch »Weingeruch« und »Rausch der Dinge« hingewiesen wird. Das naturhafte Glück dürfte also wohl nicht nur als kleinbürgerliches zu verstehen sein. Freilich ist das Dionysische hier nicht realisiert, sondern bleibt ebenso im Hintergrund wie das Apollinische. Die Trennung des Ichs von der glückhaften Umwelt wird durch die beiden Fragen in Vers 4 und 8 im Bewußtsein des lyrischen Ichs gehalten. Denn das »deiner« bezieht den Leser ein, weil er dieses Gedicht nur verstehen kann, wenn er sich bewußt verhält, sich von dem Gedicht zur Einsamkeit des Gegenglücks momentweise überreden läßt.
      Freilich regen sich Zweifel. Das Ich ist in so pathetischer Weise als einsames betont, als eines, dem der Beweis durch Glück nichts gilt, das sich auch im menschlichen

Miteinanderleben, im Spiel der Liebe und im Rausch der Dinge, distanziert findet, daß die kommunikative Funktion des lyrischen Ichs gestört werden müßte. Verweist das Gedicht den Leser nicht in den Bereich des »alles«, das sich durch Glück beweist? Muß die Struktur nicht der offenen »Aussage« des Gedichtes entsprechen? Aber der Leser wird gespürt haben, daß die Aussage ihn nicht eigentlich abweist. Schon deshalb nicht, weil das Gedicht einfach zu verstehen, nicht verrätselt ist. Das Einsamkeitspathos gibt dem Leser viel eher das erhebende Gefühl, an einer Ausnahmesituation teilzunehmen. Der Grund der Unsicherheit über die Funktion des lyrischen Ichs liegt, mindestens zum Teil, in dem fast belehrenden Charakter des Gedichtes. Es gibt sich /war als Gespräch des Rollen-Ich mit sich selber , aber die Begriffe »Erfüllungsstunde« und »Gegenglück« sind deutliche, überdies abstrakte Erläuterungen der Situation, die das einsame Ich nicht brauchte, aber wohl der Leser. Wird der Leser belehrt, so ist seine Teilnahme nicht mehr voll die der Identität, er ordnet sich unter. Aber das bleibt immer noch eine Form der Kommunikation. [. . .]
Das Ich, das in Benns Gedicht spricht, fällt überdies nicht ausdrücklich in die belehrende Rolle. Vielmehr redet es sich selber in der zweiten Person an, was den Leser eher noch stärker zur Identifikation einlädt als der Gebrauch der ersten Person. Ein sehr deutliches Beispiel dafür ist die Schlußzeile »ruhest du auch« in Goethes Wanderers Nachtlied

II.


Wir haben also tatsächlich eine nur leicht und andeutungsweise gestörte Struktur vor uns. Das lyrische Ich konstituiert sich, indem es sich von einer Gegenwelt absetzt. Die Gegenüberstellung ist beim näheren Hinsehen freilich nicht so eindeutig. Denn die Gegenwelt ist außerordentlich reizend. Momentweise wird die Landschaft beschworen wie in einem Goethegedicht. Sieht man das Gedicht aus diesem Gesichtswinkel, dann erscheint das Einsamkeitspathos wie eine Entschuldigung, um die Äcker glänzen und die farbigen Blumen brennen zu lassen. Und dies ist sicher ein besonderer, verborgener Reiz. Man kann sagen, daß das Gedicht die Distanzierung als ambivalent enthüllt. Gegen die belehrende Aussage vom »Gegenglück« nimmt der sich Distanzierende, gewissermaßen verbotenerweise, an der Erfüllungsstunde teil. Gerade in diesen Reiz wird der Leser hineingezogen, wenn er einerseits am »Geist«, am »Gegenglück«. an der Ausnahmesituation teilnehmen will, sich jedoch andererseits willig von dem Landschaftsreiz verzaubern läßt. Das Blicke-und Ringetauschen, von dem das lyrische Ich sich distanzieren will, wird strukturell dem Landschaftsbild gleichgestellt, es erscheint in der dritten Strophe an der Stelle, wo die Naturbilder in den beiden ersten Strophen erschienen waren, und das Wort »alles« in Vers 9 schließt Natur und menschliche Umwelt ein. Diese Einordnung der Distanzierungs-Aussage reduziert sie. Radikal will das Ich sich gar nicht distanzieren. Vielmehr darf es an dem Reiz teilnehmen, der darin liegt, das Glück zu haben, als hätte man es nicht. Daß Benn eine solche Ambivalenz gemeint haben könnte, wäre selbst dann klar genug, wenn nicht feststünde, daß er selbst mehrmals die Ringe getauscht hat. also dem »Gegenglück« so ausschließlich nicht diente. Die strukturellen Verhältnisse verraten, daß das Gedicht mit Traditionen unserer Lyrik spielt, sie aber gerade dadurch anerkennt. [. . . Im Falle Benns behauptet das

Ich sich trotzig gegen die Landschaft, von der es sich im Einsamkeitspathos distanziert. Aber es tut es innerhalb der von Goethe gewohnten, aber noch weiter herkommenden Struktur, in der lyrisches Ich und Landschaft sich gegenseitig konstituieren. Diese Struktur wird nur leicht, durch abstrakt-belehrende Wörter gestört. Die Landschaft hat als Erfüllungsstundc ihren Reiz. Sie übt diesen Reiz aus, weil sie zur Bewunderung verlockt, immer bereit, das lyrische Ich in den religiösen Bereich der Hingabe zu ziehen. Der Ausdruck des Landschaftsreizes gelingt Benn sogar ohne mythische Belebung, weil er im Leser auf die Vorbereitung durch die Goethesche Tradition rechnen kann. Der Zauber der Landschaft reduziert das ihm entgegengesetzte Einsamkeitspathos so stark, daß es erträglich wird. Man kann sich leicht klarmachen, wie übermächtig das Einsamkeitspathos würde, wären die Landschaftszüge etwa karikiert gegeben. Mit anderen Worten: Die Struktur reduziert heimlich die »offene« Aussage des Gedichtes, und darin liegt ihr Reiz. Diese Beobachtung wird unterstützt durch eine kurze Betrachtung der metrischen, rhythmischen und klanglichen Verhältnisse. Das Gedicht ist gereimt, und zwar kehrt das Reimschema a b b a in jeder Strophe wieder. Alle Verse haben ein vierhebiges Metrum. Im Druck sehen die Verse etwa gleichlang aus. Unter den Vokalklängen haben ei , lang- und kurz-i eine integrative Funktion, ein o-Thema findet sich in Vers 3 und 4, eindrucksvoll die Blumenfarben zusammenbindend mit dem Fragewort »wo«. Alle diese Vokalthemen binden beide strukturelle Hälften, Einsamkeitspathos und Landschaftsreiz zusammen, beispielsweise das lange i von »Sieg« und »Siegsbeweise« und »dir« in Vers 7 und 8 und die oben erwähnte Bindung von »roten«, »goldenen« an »wo«. Die Regelmäßigkeit und Integration des Gedichtes wird jedoch gestört durch eine leichte metrische Unruhe und durch rhythmische Stauungen.
      Die metrische Unruhe liegt an dem metrischen Unterschied zwischen dem ersten Vers — von dem wir die Anweisung erwarten, wie das Gedicht zu lesen ist — zum übrigen Gedicht. Bezeichnen wir Hebungen und Senkungen auf traditionelle Weise, so ist die Zeile zu lesen:
Eine leichte rhythmische Variante ist ein Nebenton auf jeder der beiden ersten Senkungen. Es handelt sich um die antike Versform des choriambischen Dimeter, die Goethe in Pandora verwendete, als Epimetheus sich vergeblich bemüht, seiner Phantasie die verlorene Pandora hervorzurufen. Die Figur des Epimetheus spricht die Verse mit dem Bewußtsein der Vergeblichkeit dieses Versuches. Man kann eine gewisse Verwandtschaft der Situation feststellen. Ob Benn diese freilich bewußt anwendete, bleibt fraglich. Daß aber ein Anklang an Klassisches beabsichtigt ist, halte ich für sicher.
      Die metrisch-rhythmische Gestalt des ersten Verses suggeriert das Thema der Entgegensetzung von »einsam« und »August«. Der Monatsname wird ja gleich darauf semantisch an »Erfüllungsstunde« und die so gedeuteten Landschaftsmotivegeknüpft. Der zweite Vers ist metrisch dagegen jambisch, rhythmisch hat er zwei Hauptbetonungen, auf der ersten und der letzten Hebung. Das ist ein Anklang an die Parallelität des ersten Verses. Auch ein Schnitt ist da, im Druck durch den Gedankenstrich angedeutet. Die Tendenz der Zweigliedrigkeit zeigt sich auch in Vers 5; dort ist kein Gegensatz. Das jambische Metrum kommt besonders durch Vers 3 und 6 zur Geltung. Vers 3 hat freilich eine zweisilbige Senkung . Diese und eine andere in Vers 8 erhält die Erinnerung an den klassischen Anklang des ersten Verses aufrecht, denn an die Volksliedzeile wird kaum jemand denken wollen. Der Zusammenstoß der zwei Hebungen im ersten Vers an der Stelle des Schnittes , eine rhythmische Stauung, findet später ein Echo in Nebentönen, die Senkungen fast auf die Stufe von Hebungen bringen und so eine Stauung des sonst fließenden Rhythmus erzeugen. Diese Stellen sind am Beginn von Vers 4, »doch wo«, die Wiederholung in Vers 7, am Beginn auch des folgenden Verses »aus dem« und der Eckverse der dritten Strophe, 9 und 12: »wo alles« und »dienst du«. Es sind also sämtliche Verse gestaut, die das reflektierte Einsamkeitspathos zum Thema haben. Aber vergessen wir nicht, daß das jambische Metrum, von Vers 2 an, durch alle rhythmischen Variationen herrschend bleibt. Wir haben also ein Gedicht, das im Anfangsvers eine metrische Anspielung an einen klassischen, im Deutschen ungebräuchlichen Vers enthält, vielleicht auch eine Anspielung auf die Epimetheusgestalt in Goethes Pandora. Der Vers unterstrich die in der Struktur enthaltene Entgegensetzung. Das antike Metrum wird nicht beibehalten. Die Stauung des Schnittes wird am Anfang der reflektierenden Verse wiederholt, während zwei der Landschaftsverse Andeutungen von Schnitten ohne Stauungen zeigen, allerdings nur als leichte Störung ihres jambischen Metrums. Zwei zweisilbige Senkungen tragen die Erinnerung an die klassische Anspielung weiter, da sie aber ganz unregelmäßig eingesetzt sind, wirken sie eher als leichte Störung des Metrums, das sich aber dennoch durchsetzt. Die integrativen Kräfte des Gedichtes überwiegen, sie löschen die Störungen freilich keineswegs aus.
     

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Einsamer  nie  -  Gottfried  Benn    





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