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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Das Grab im Busento - August von Platen



Nächtlich am Busento lispeln bei Cosenza dumpfe Lieder;
Aus den Wassern schallt es Antwort, und in Wirbeln klingt es wieder!
Und den Fluß hinauf, hinunter ziehn die Schatten tapfrer Goten, Die den Alarich beweinen, ihres Volkes besten Toten.



      5 Allzufrüh und fern der Heimat mußten hier sie ihn begraben, Während noch die Jugendlocken seine Schulter blond umgaben.
      Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette, Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette.
      In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde, 10 Senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüstung, auf dem Pferde.
      Deckten dann mit Erde wieder ihn und seine stolze Habe, Daß die hohen Stromgewächse wüchsen aus dem Heldengrabe.
      Abgelenkt zum zweiten Male, ward der Fluß herbeigezogen: Mächtig in ihr altes Bette schäumten die Busentowogen.
      15 Und es sang ein Chor von Männern: 'Schlaf in deinen Heldenehren! Keines Römers schnöde Habsucht soll dir je dein Grab versehren!"
Sangen's, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere; Wälze sie, Busentowelle, wälze sie von Meer zu Meere!
Zur Geschichte. Die Westgoten gelangen auf der Suche nach neuen Wohnsitzen auf ihrer Wanderung von Südwestrußland über die Balkanhalbinsel nach Italien. Unter ihrem jungen König Alarich nehmen sie im Jahre 410 Rom ein, das seit 800 Jahren von keinem Feind mehr betreten worden ist, und erbeuten unermeßliche Schätze. Alarich will nach Nordafrika übersetzen, dessen fester Besitz als Getreidekammer für das Mittelmeergebict den Kampf der Germanen gegen das römische Imperium wirtschaftlich entschieden hätte. Da stirbt er plötzlich in Süditalien; in dem kalabrischen Flüßchen Busento findet er seine Grabstätte. Gehall. Ein tapferes Volk beklagt den frühen Tod seines heldenhaften Königs und bereitet ihm in der Fremde in übermenschlicher Arbeit ein sicheres Grab. Aufbau. Eine Vision des Dichters: 1. Nächtlich-geisterhafte Erscheinungen am Busento — 2. Grablegung Alarichs und Totenklage: Alarichs Tod — Umleitung des Flusses — Das Begräbnis — Schließung des Grabes — Rückleitung des Flusses in sein altes Bett — Das Heldenlied — 3. Nachruhm über Raum und Zeit.

     
Zur Darstellung. Die Wirkung des Gedichts beruht wesentlich auf seiner sprachlichen Schönheit: Vokalreichtum. — Das anschauungsstarke, bildstarke Verb: »lispeln . . . Lieder«; »schallt es Antwort«; »reihten sie sich um die Wette«; »in der wogenleeren Höhlung wühlten sie« usw. — Wortwahl und Wortordnung: »Und den Fluß hinauf, hinunter .. .«: das Hin und Her der Geister am Fluß; ». .. reihten sie sich um die Wette«: Eile, Bewegung, Hast, rastlose Arbeit; »In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde«: die übermenschliche Anstrengung beim Aufwühlen des Strombettes; »Senkten tief hinein den Leichnam . ..«: der Eindruck der Tiefe wird viel stärker, wenn »tief hinein« vor »Leichnam« steht als umgekehrt! »Sangen's, und die Lobgesänge tönten fort im Gotenheere«: Zwischen »sangen's« und dem Rest der Zeile liegen Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte; das drückt der Dichter mit einer einzigen langen Pause vor »und« aus.
      Zur Metrik und Rhythmik. Je zwei Verszeilen von acht Trochäen mit stets weiblichem Reimpaar bilden eine Strophe. Im allgemeinen ist in der Mitte jedes Verses ein Einschnitt . Ganz anders ist die erste Zeile gebaut! »Nächtlich am Busento | lispeln bei Cosena | dumpfe | Lieder« | Die erste Hebung trägt den Vollton; es folgen drei Senkungen, eine Silbe mit Halbton und eine Senkung; dann dieselbe Anordnung; schließlich zwei regelmäßige Trochäen. Die ungewöhnliche Dynamik des 1.

V.

läßt aufhorchen; die Trochäen der folgenden Strophen in ihrer strengen Ordnung sind dem feierlichen Ton des Heldenliedes angemessen.
      In größerem Zusammenhang. 1. Das weitere Schicksal der Westgoten: Nach Ala-richs Tod ziehen sie nordwärts und gründen ein großes Reich in Südfrankreich und Spanien. Die heutigen Spanier sind zu einem Teil Nachkommen der Westgoten und der früheren Einwohner des Landes. 2. Der Untergang der Ostgoten am Vesuv. Bericht des Prokop. — Grabmal Theoderichs in Ravenna. — 3. Kurzer Hinweis auf germanische Heldenlieder: Das Hildebrandslied; Das Wielandslied; Das Sigurd-Lied, Das Atli-Lied usw.
     

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