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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Augen in der Großstadt - Kurt Tucholsky



Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen:da zeigt die Stadt dir asphaltglattim Menschentrichter
Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, , die Braue, Pupillen, die Lider -




   Was war das? vielleicht dein Lebensglück ... vorbei, verweht, nie wieder.
      Du gehst dein Leben langauf tausend Straßen;du siehst auf deinem Gang,

   die dich vergaßen.
      Ein Auge winkt,die Seele klingt;du hasts gefunden,nur für Sekunden ...

   Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider -Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück .. . vorbei, verweht, nie wieder.
      Du mußt auf deinem Gang

   durch Städte wandern; siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern.
      Es kann ein Feind sein,es kann ein Freund sein,

   es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
      Es sieht hinüberund zieht vorüber ... Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

   die Braue, Pupillen, die Lider -Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück! Vorbei, verweht, nie wieder.

     
1. Zum Gedicht: Bereits die Ãœberschrift weist durch das Pars pro toto auf die Thematik dieses Chansons hin: die Verlorenheit und Einsamkeit des einzelnen in der Anonymität der Massengesellschaft, die in der Großstadt ihre symbolische Verdichtung erfährt. Durch eine Reihe signifikanter Elemente macht Tucholsky diese Wirklichkeit transparent. Die entscheidende Wirkung wird dadurch erreicht, daß der Sprecher des Gedichts die gleiche Grunderfahrung dreimal ausspricht, daß diese jedoch jeweils auf der Ebene der Bildlichkeit und Motivik , des Strophenauf-baus, des Rhythmus und der Syntax gerade durch geringfügige Variationen bestätigt wird. Die Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit der mitgeteilten Erfahrung wird durch die um zwei Verse erweiterte Schlußstrophe noch unterstrichen. Der Grundstruktur der Variation der gleichen Ausgangssituation und ihrer Ausdeutung entspricht im Kehrreimteil, der diesem Chanson die eindringliche Musikalität verleiht, die jeweilige Auswechslung des Antwortteils auf die Frage »Was war das?«. Dadurch wird dieses Kehrreimquartett zum lyrischen Kommentar, der die zunehmende Generalisierung der mitgeteilten Erfahrung bewirkt. Hinzuweisen ist schließlich noch auf die unterschiedlichen Versfüllungen in den einzelnen Strophenteilen. Dies hat zur Folge, daß der Mittelteil stakkatohaft kurz und feststellend hart, der Schlußteil mit seiner vier- bzw. fünf-hebigen Füllung, den z. T. daktylischen Partien und dem Wechsel von männlicher und weiblicher Kadenz rhythmisch-bewegt zu sprechen ist. Der zusammenfassende Leitvers »Vorbei, verweht, nie wieder« weicht zwar formal von den drei übrigen Kehrreimzeilen ab, er erhöht aber gerade dadurch den elegisch-lyrischen Grundton. Im Gegensatz dazu stehen die zwei- bzw. dreihebig jambisch gefüllten Eingangsverse, die mit ihrem nachdenklich-besinnlichen Ton die Aufmerksamkeit des Zuhörers für die vergegenwärtigte Situation wecken wollen.
      Wie die meisten Chansons, so ist auch dieses im Grunde darauf aus, den Zuhörer auf dem Wege der appellati ven Ansprache zu verändern. Die Bewußtseinsänderung, die bezweckt wird, zielt darauf ab, die verlorengegangene Menschlichkeit, für die die Anonymität der Großstadt ein Symbol ist, zurückzugewinnen.
      2. Didaktische und methodische Ãœberlegungen: Einsamkeit, Anonymität und sinnentleerte zwischenmenschliche Beziehungen sind für Schüler dieser Altersstufe noch keine Daseinskategorien, die sie auf Grund persönlicher Erfahrungen mit Inhalt füllen könnten. Diese aber am Beispiel einer dichterischen Darstellung zu antizipieren, erscheint im Hinblick auf die im Vergleich zur Entstehungszeit des Gedichts im wesentlichen unverändert gebliebenen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht unwichtig. Dazu ist dieses Chanson, das zwar die persönliche Resignation des Dichters durchscheinen läßt , im Grund aber ein Zeitgedicht ist, in dem der Dichter seinen Zeitgenossen die zunehmende Unmenschlichkeit und die Verarmung der zwischenmenschlichen Beziehungen vorhält, in besonderer Weise geeignet. Zudem ließe sich eine Beziehung herstellen zu den Großstadtgedichten des Expressionismus , in denen die
Großstadt dämonisiert gesehen wird, während sie hier trotz der in der Eingangsstrophe dem Expressionismus verwandten Ausdrucksweise und Bildlichkeit über sich hinausweist und für die insgesamt unmenschlich gewordenen Daseinsbedingungen steht. »Die Augen in der Großstadt.. . Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick .. .« verdichten sich aus der Darstellungsperspektive des lyrischen Sprechers zum Bild einer durch die zunehmende Industrialisierung, die Konzentration der Arbeitsplätze in Großbetrieben und die Hektik der mobilen Gesellschaft bestimmten Lebenserfahrung: Die Entindividualisierung vieler Lebensvorgänge und Bezüge ist zugleich verbunden mit dem Bewußtsein einer sich anbahnenden universellen Zusammengehörigkeit und Verantwortlichkeit . Aus diesen Ãœberlegungen ergeben sich folgende Lernziele:
1. Die Schüler bestimmen die Bewußtseinslage des Dichters, indem sie Bilder, metaphorische Wendungen und andere poetische Mittel zusammenstellen, in denen Trauer, enttäuschte Rückschau oder Hoffnung, Bewußtsein einer neuen Welt zum Ausdruck kommt.
      2. Sie erklären, warum der Dichter dreimal mit gewissen Variationen die gleiche Ausgangssituation darstellt:
— zunehmende Transparenz im Vergleich zur ersten Strophe
— generalisierte Erfahrung — Ablösung vom persönlichen Ich des Dichters.
      3. Sie bestimmen die Wirkung, die mit der unterschiedlichen Bauform der Strophenteile verbunden ist und welchen Zweck der Dichter damit verfolgt:
— Das Chanson ist ein Sprechgedicht, das Appellation verfolgt. Die Variabilität der Strophenteile erhöht die Aufmerksamkeit, sie sind bewußt eingesetzte Mittel der Strategie des Sprechers.
      — Die vier einleitenden Verse vergegenwärtigen die Situation, aus der heraus der Sprecher zu seiner Erfahrung kommt.
      — Die Mittelverse erstreben mit ihrem eindringlich-stakkatoartigen Sprechton die Identifikation bzw. die Reflexion des Zuhörers auf die Assoziationen des Sprechers.
      — Die Schlußverse enthalten den lyrischen Kommentar.
      4. Sie erstellen ein Diagramm mit den drei Bauteilen der Strophen, wobei die Erweiterung der Schlußstrophe und der M ontageteil im Kehrreim auf ihre Funktion innerhalb des Gedichts bestimmt werden.
      5. Die Sprechgestaltung der Schüler wird zum Anlaß, verschiedene Schallplatten miteinander zu vergleichen, wobei vor allem festgestellt wird, inwieweit die drei Sprechweisen innerhalb der Strophen getroffen wurden und welche Deutung dem Text gegeben wird.
      6. Expressionistische Großstadtgedichte werden zum Vergleich herangezogen, [.. .]

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Augen  der  Großstadt  -  Kurt  Tucholsky    





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