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Gedichte aus sieben jahrhunderten interpretationen

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Abendständchen - Clemens Brentano



Hör', es klagt die Flöte wieder, Und die kühlen Brunnen rauschen. Golden wehn die Töne nieder, Stille, stille, laß uns lauschen!

Holdes Bitten, mild Verlangen,
Wie es süß zum Herzen spricht! Durch die Nacht, die mich umfangen, Blickt zu mir der Töne Licht.



      Von Anbeginn — Hör! — finden wir uns mit einbezogen in den wunderbaren Raum, in welchen hier ein Ich und ein unbekanntes Du hineinlauschen. Wir hören mit, aber wir hören nicht nur. Innigkeit und Bewegtheit ergreifen uns mit der ersten Strophe, welche Klänge und Bilder vorbringt. Sie erscheinen als bloße Impressionen, Eindrücke von Tönen, die wiederkehren, aus dem Unendlichen kommend und ins Unendliche gehend. Es klagt die Flöte wieder: In der dichtesten Abbreviatur sind Wiederholung des allzu leicht schwindenden Klanges und Gestimmtheit des Gemütes zusammengefaßt. Es ist nicht ein Sinn, der wahrnimmt, wie bei Goethe vorzüglich der des Auges. Alle Sinne sind offen, im Rauschen der Brunnen ist ihre Kühle enthalten. Jeder wahrnehmende Sinn kann für einen anderen stehen. Die Intensität der Verse entspringt nicht zuletzt der Intensität der Synästhesie: Die kühlen Brunnen rauschen; die Töne wehen golden, ja das Licht der Töne blickt durch die Nacht.
      Vollkommen umfangen von dieser zauberischen Nacht ist der Mensch nur noch Organ der Apperzeption. Indem er Sinnliches aufnimmt, erfährt er Seelisches, Bitten und Verlangen, hold und mild, werden süß empfunden. Es ist, als ob die Begrenzung der Person aufgelöst und nur noch Offenheit da sei für die Welt und was an geheimnisvoller Empfindung aus ihr herbeiströmt. Zwischen Gemüt und Natur, zwischen Seelenraum und nächtlichem Raum ist keine Scheidewand mehr. Kein nach Gestalt verlangendes Auge sucht das bestimmte Bild und mit ihm den ordnenden Sinn, sondern ein bloßes Lauschen, ein bloßes Sehen waltet vor. Dabei stürzt gleichsam alles, was erlauscht und alles, was ersehen wird, in einem Vorgang von vollkommener Simultaneität in die Tiefe des Gemütes hinein. In der ersten Strophe weht es von »draußen«, aber Flöte, Brunnen und goldene Töne sind magisch der Innerlichkeit anverwandelt. In der zweiten Strophe ist zuerst von Seelischem die Rede, von Wunsch und Verlangen; aber es findet sich sogleich wieder in der Unendlichkeit der Nacht:

Durch die Nacht, die mich umfangen,
Blickt zu mir der Töne Licht.

     
Ãœber keinen Dichter ist so schwer zu reden, keiner nötigt so zu ungenügender Umschreibung. Das liegt nicht nur an der unbegreiflichen Süße seiner Worte und auch nicht allein an der zauberhaften Allgemeinheit seiner Bilder, von der noch die Rede sein wird. Zunächst entspringt die Schwierigkeit jener gänzlichen Vermischung der Bereiche und Vermögen, die in einem so reinen Akkord aufgehen. Innen und Außen sind ungeschieden, Innen ist Außen und Außen ist Innen. Man hat es geradezu zum Kennzeichen der lyrischen Dichtung gemacht, daß sie weder Außenwelt noch Innenwelt darstelle, daß vielmehr in ihr »innen« und »außen«, »subjektiv« und »objektiv« unscheidbar seien. Wenn irgendwo, so gilt diese Bestimmung von Brentano, von dem sie auch am überzeugendsten zu gewinnen ist; wenn irgendeiner, so hebt Brentano die alte Guckkastenvorstellung vom menschlichen Gemüt auf. Es ist nicht so, daß durch die Öffnungen von Auge und Ohr ein Ausschnitt der Welt auf die empfangende Seele projiziert wird — je differenzierter der Mensch ist, um so mehr wird er die Welt mit seinem ganzen Dasein aufnehmen. Aber dabei erfährt er dann auch seine Grenzen und findet seine Sehnsucht gefangen in den Bedingungen nicht nur der physischen Existenz. Er muß spüren, wie das, was er bemerkt und denkt, eben von dieser Begrenzung bestimmt wird. Die Magie Brentanoscher Verse beruht auf dem Anschein, daß solche Grenzen aufgehoben seien — der schönste Zauber.
      Man könnte sich hier nun Goethes erinnern, wenn er etwa vom Menschen als Natur von innen spricht und immer wieder Inneres durch Äußeres zur Sprache bringt. Es gibt jene Formulierung, was Plato von Anbeginn gewußt:
... das ist der Natur Gehalt, Daß außen gilt was innen galt.
      Aber alle solche Äußerungen Goethes gelten von der gewachsenen, gestalteten Natur. Das Außen, das er meint, ist ein bestimmtes, anschauliches und im weiteren Sinne geschichtliches Außen, so wie das mit ihm zu Worte kommende Innere oder Höhere bestimmt ist, auch wenn es nicht auf den Begriff geht. Das zu ermöglichen, war eben die Leistung des Goetheschen Bildes. Das erste jedoch, was uns in Brentanos Versen entgegenkommt, ist die schwebende Unbestimmtheit. Unablässig webt nicht nur der Klang; unablässig fließt es von Innen nach Außen, gehen Sinnliches und Geistiges ineinander über, wechselt es zwischen Nähe und Ferne, Bewegung und Ruhe. Auch sind die Worte nicht an sich bedeutend oder die Dinge an sich erkennbar. Figur auf Figur, Bild auf Bild schwebt an uns vorüber, ehe wir begriffen haben, ob der Gehalt des Wortes und der Schimmer des Bildes überhaupt bedeutsam seien; ob wir nicht vielmehr die Figurationen bloßer Musik wahrnehmen. Golden wehn die Töne nieder. . . Wie es süß zum Herzen spricht... Blickt zu mir der Töne Licht. ..; manchmal glauben wir, dumpf Bedeutung zu ahnen, aber erkennbar wird sie nicht, es gehört zur totalen Fühlbarkeit eben auch ein Sinngefühl. Auch in diesen Versen ist kein Verweilen in dem geschlossenen Bild, das sich in Raum und Zeit expliziert. Kaum erkennen wir das bestimmte Individuum in seiner Zeitlichkeit, so umfangen ist es von dieser Zaubernacht.
     

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