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Friedrich schiller: der geisterseher

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Fragmentierung: Bedingung und Konsequenz des Geheimnisvollen



Die Ã"sthetisierung des Phänomens der Geheimbünde und der daraus folgenden Verschwörungstheorien erfährt ihren Höhepunkt schließlich im fragmentarischen Charakter des Geistersehers. Es fehlen nicht nur die exakte Schilderung der Ereignisse, die zur Konversion des Prinzen führen, und der Bericht über den weiteren Gang der Handlung, der dann letztendlich in der Korruption und dem großen Verbrechen des Protagonisten gipfeln sollte, von dem der Graf von O** zu Beginn schon spricht, es fehlen auch Erklärungen über Rätsel, die sich im bereits vorliegenden Teil des Romans ergeben, beispielsweise über die Rollen, die Biondello und die Griechin in der Verschwörung gegen den Prinzen tatsächlich spielen, über die Funktion des Bucentauro im Plan des Armeniers und dessen Beziehung zu diesem Geheimbund, über das Verhältnis des Armeniers zur Griechin, über den Inhalt des Briefes, von dem Civitella in seinem Bericht über das geheimnisvolle Treffen im Garten von Murano berichtet. Die Unklarheit, beziehungsweise Vieldeutigkeit, die diese Rätsel provozieren, kann als Kulminationspunkt einer narrativen Strategie gewertet werden, die zunächst die Zuverlässigkeit der verschiedenen Erzähler, schließlich auch die Schlußfolgerungen des Lesers selbst in Frage stellt.



      Den Charakter des Fragmentarischen trägt Schillers Roman nicht nur, weil er tatsächlich unvollendet blieb, sondern weil auch in den existierenden Teilen Brüche und konzeptionelle Veränderungen offensichtlich sind. Als 'ein atemloses Notieren, ein hilfloses Aneinanderreihen von Fragmenten" beschreibt Oesterle Schillers 'behelfsmäßige, den Schluß herbeisehnende Schreibweise"; die Konsequenz sei eine Textgestalt 'wie ein zertrümmerter Spiegel" , eine 'vielsagende Textruine." Die Entwicklung des Dichters selbst, der Wandel seiner ideologisch-ästhetischen Positionen lasse sich, so Mayer, an der heterogenen Form des Geistersehers ablesen. 'Drei Entwicklungsphasen werden gleichzeitig zu drei Phasen der Romangestaltung: der aufklärerische und insgeheim zornige Bericht über Jesuitismus und Dunkelmännerei; eine Schaffensepoche und Romanepisode, die weitgehend der Darstellung psychologischer Zusammenhänge gewidmet ist [...]; schließlich immer unaufhaltsamer der Ãobergang von der Psychologie zur Philosophie."â"¢ Der literarische Text spiegelt somit existentielle Erfahrungen Schillers und sein Ringen um eine adäquate Haltung gegenüber seiner Zeit und der Kunst wider. Entsprechend sieht Bauer ,,[d]as Fragmentarische des 'Geistersehers' - nicht allein des Werkes als Ganzem, sondern auch seiner Teile, Absichten und Erzählstrukturen -, die Brüche und Ãobergänge" als 'Ausdruck eines Bewußtseins und der Erfahrung des Fragmentarischen, der
Brüche und Ãobergänge." Der Roman repräsentiert somit ein anschauliches geistesgeschichtliches Porträt des Dichters in seinem kulturellen und sozialen Umfeld, er 'kann [...] den historischen Ort vermitteln, den er passiert, das Verhältnis des Literaturproduzenten Schiller zum Prozeß seiner Zeit, der sich in den ästhetischen wie in den Gesellschaftstheorien einen Begriff seiner selbst zu schaffen versucht."

  
   Abgesehen davon erzielt die fragmentarische Gestalt des Geistersehers eine enorme Wirkung hinsichtlich der literarische Ãoberhöhung des Geheimnisses. Das Rätselhafte der geschilderten Ereignisse findet in der bruchstückhaften Ausführung des Textes - wenn man den beobachteten Sachverhalt dermaßen pointiert umschreiben darf - eine frappante Entsprechung. Die mysteriösen Umstände der Verschwörung gegen den Prinzen gewinnen an Potentialität zum Geheimnisvollen und an spekulativer Vieldeutigkeit durch das Ausbleiben von Erklärungen und definitiven Antworten. Das Fragmentarische des Romans kann somit als letzte Steigerungsform der Ã"sthetisie-rung der Geheimbund- und Verschwörungsthematik betrachtet werden, als ultimative Zuspitzung der literarisch gestalteten Verunsicherung; gleichwohl scheint es nicht nur ein Mittel, sondern auch eine Konsequenz dieser künstlerischen Absicht und Erzählstrategie zu sein. Denn die zunehmende Ã"stheti-sierung des Geheimnisses gipfelt in der grundsätzlichen Unauflösbarkeit der thematisierten Rätsel; die höchste Stufe der Mystifikation im Kunstwerk ist ihre Beförderung zum absoluten Prinzip mit totalitärem Geltungsanspruch. Soll also die literarisch-ästhetische Struktur nicht gefährdet werden, muß das Sinnzentrum unentdeckt und unerreicht bleiben. Die künstlerische Ãoberhöhung des Geheimnisvollen negiert gleichsam dessen Profanierung, die eine Aufklärung erst möglich macht. Bevor die Verschwörung restlos aufgedeckt und somit rational erklärbar werden konnte, sah sich Schiller genötigt - so könnte man sagen -, die Arbeit am Roman abzubrechen. Um die Effektivität des bisher Erreichten rückblickend nicht zu relativieren und die strukturell konstituierte Atmosphäre der latenten Bedrohung und unsichtbaren Gefahr nicht zu zerstören, mußte der Text Fragment bleiben. Mit der fortschreitenden Arbeit am Geisterseher begab sich Schiller, so Voges, auf eine 'Gratwanderung zwischen der ursprünglichen Anlage seines Romans als pragmatisch-fiktionaler Gestaltung aufklärerischer Sachprosaformen und der zunehmend sich verselbständigenden Ã"sthetisierung seines geheimnisvollen Vorwurfs"312. Ursprünglich als Aufsatz mit didaktischen Zielen, 'das heißt als literarische Zweckform der Aufklärung"313, geplant und begonnen, entwickelte sich der Geisterseher - vor allem im zweiten Teil - zu einem Roman, der seinen thematischen Elementen und Bausteinen neue, erweiterte Bedeutungspotentiale hinzufügt; 'sie erfahren eine sekundäre Semantisierung, diesie zu komplexen Zeichen eines ästhetischen Sinngefüges werden läßt." Diese Ausweitung aber nahm dem Werk unwiderruflich die Option auf eine einheitliche Textgestaltung. Der Zwiespalt zwischen den literarischen Formen und Anforderungen des Aufsatzes einerseits und des Romans andererseits, den Voges als zentralen Befund seiner Interpretation betont, führte zu 'einer in sich widersprüchlichen Textstruktur." Während der als Aufsatz angelegte erste Teil des Geistersehers nach einer Aufklärung der rätselhaften Vorkommnisse verlangte, verweigerte der zweite Teil durch seine romanhafte Ã"sthetisierung des Geheimnisses nachgerade diese Aufklärung. 'Die Geheimbundelemente emanzipierten sich allmählich von dem pragmatischen Darstellungsrahmen des Aufsatzes und entfernten sich damit von ihrem realen Ursprung. Sie wurden Teile einer vielschichtigen ästhetischen Romanstruktur, in der für eine 'Aufklärung' im Sinne des Aufsatzes kein Platz war." Die aufklärerische Intention des Aufsatzes und die ästhetisierende Wirkungsabsicht des Roman waren, so konstatiert Voges, nicht miteinander vereinbar. Konzeptuelle Brüche und Interferenzen machten eine kohärente Struktur und einen Abschluß, der beiden narrativen Entwürfen gerecht geworden wäre, unmöglich. 'Die aporetische Doppelstruktur des Textes als Aufsatz und Roman ließ allein das Fragment als ästhetisch vertretbaren Abschluß zu." '
Die Fragmentierung des Geistersehers ist also nicht nur Höhepunkt, sondern auch paradoxer £>z

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Fragmentierung:  Bedingung  Konsequenz  Geheimnisvollen    





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