Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt




Erzählungen der gegenwart

Index
» Erzählungen der gegenwart
» Heinz Küpper Sebastian oder Verführung durch Vernunft

Heinz Küpper Sebastian oder Verführung durch Vernunft



Vordergründig betrachtet, handelt es sich um eine betulich und humorig erzählte Geschichte aus dem Genre der Unterhaltungsliteratur, etwa für das Feuilleton der Lokalzeitung bestimmt: Es wird eine harmlose Beunruhigung des Lesers erzeugt, indem er einige weit weg vom eigenen Alltag spielende Ereignisse nacherlebt; schließlich führen diese zu einer beruhigenden Entspannung. Die Tiefendimension des Textes muß erst durch eine eingehendere Reflexion des Leseerlebnisses gewonnen werden. Folgende Aspekte des Textes bieten sich dazu an : die Figurenkonstellation, die Handlungsführung und die Lebensprin/ipien.



      Es wird sich dann herausstellen, daß in der scheinbaren Idylle Grunderfahrungen im Umgang mit andersgearteten Menschen und mit sich selbst erlebnishaft zugänglich gemacht werden. Ziel des Unterrichts sollte es sein, diese Erlebnisse in Erkenntnisse zu verwandeln.
      Das Erlebnis: Die Sympathie- und Identifikationsfigur Sebastian verliert ihr seelisches Gleichgewicht, indem sie mit ihrem 'Gegentyp" Cäsar kollidiert; durch vernünftiges Handeln gewinnt sie dieses wieder und wird lebenstüchtiger.
      Die Erkenntnis: Der Vorsatz, sich persönlich auf andere Menschen einzustellen — man erhält dadurch Selbstwertgefühl und positive Lebensauffassung —, sollte auch in Konfliktsituationen nicht aufgegeben werden: man darf sich nur von diesen Menschen nicht abhängig machen lassen. Nicht Warmherzigkeit allein, sondern diese gepaart mit Vernunft sollte das Leben bestimmen.
      Die Textinterpretation bietet schließlich auch Ergebnisse, die zu einer genaueren Klassifikation der Erzählung führen: die volkstümliche, geschlossene Erzählform und die belehrende Intention, die Kürze und der Humor — dies sind Merkmale der Kalendergeschichte. Die Schüler können lernen:
• die Oberflächenstruktur dieses Textes zu beschreiben,
• dessen Mehrschichtigkeit zu erschließen,
• das analysierte Erlebnis auf die eigene Situation zu übertragen und so im 'Simulationsraum Literatur" einen Lernprozeß in bezug auf den Umgang mit anderen Menschen und mit sich selbst zu vollziehen,
• die analysierte Erzählform als Kalendergeschichte zu klassifizieren und in das eigene Leserepertoire einzuordnen.
      Methodisch bietet sich das 'Durchsprechen" des Textes im gelenkten Unterrichtsgespräch mit Hilfe von Leitfragen an. Textanalytische Arbeiten könnten in Einzel- und Gruppenarbeit vorbereitet werden. Wichtige Ergebnisse müßten schriftlich fixiert werden.
      Beschreibung eines möglichen Unterrichtsganges:

1. Einführung
Jeder liest für sich die Geschichte. Erstes Gespräch: Sammeln von Eindrük-ken. Mögliche Leitfragen: Was findet ihr lustig? Was beängstigend? Wasberuhigend?
Motivation zur genaueren Beschäftigung mit dem Text: Wie erreicht es der
Autor, daß unsere Gefühle so bewegt werden?

2. Die Figurenkonstellation
2.1. Sebastian
Er ist Hauptfigur. Welche Verhaltensweisen kennzeichnen ihn anfangs in bezug auf andere Menschen, auf sich selbst, auf Tiere? Könnte man seine Lebensprinzipien formulieren?
2.2. Cäsar
Er ist Gegenfigur. Welche Verhaltensweisen kennzeichnen ihn? Der Autor tut hier so, als habe das Tier vergleichbare Lebensprinzipien wie der Mensch. Aus welchem Grund? Taucht Cäsars Prinzip oben bei Sebastian bereits auf? Wie kritisiert der Autor Cäsar?

Der Autor will, daß seine Darstellung des Konflikts Mensch—Tier auch gelesen wird als Darstellung des Konflikts Mensch—Mensch . 2.3. Die übrigen Figuren
Sie haben 'Statisten"-Funktion.

      3. Die Handlungsführung
3.1. Vorstellung der Hauptperson
3.2. Konflikt und dabei Vorstellung des Widersachers. Wer ist von Cäsars Verhalten betroffen? Wie steht er selbst zu sich? In welche Rolle drängt er Sebastian?
3.3. Krise
Wie läßt sich das Bewußtsein Sebastians in der Krise beschreiben? Wut: gelähmte Aggression, Ohnmacht Leid: Rückzug auf sich selbst Angst: Verinnerlichung des Gefühls der Bedrohung
Analyse der Angstträume: Er richtet sich gegen sich selbst, setzt also die Arbeit Cäsars innerlich fort: vgl. das Verhalten der Dorfbewohner! Was ist also Angst? Der durch Ãœbermacht in die Enge Getriebene treibt sich innerlich weiter in die Enge . Er verliert dadurch sein Selbstwertgefühl. Rückwirkung auf das äußere Verhalten: Verwahrlosung und Flucht in die Droge!

3.4. Wende
Wer erreicht die Wende? Der Bedrohte selbst! Wodurch? Durch kritische Reflexion und Aktivität .
      Es wäre angebracht, an dieser Stelle mit anderen Lese- und Fernseh-Erleb-nissen zu vergleichen und zu fragen, wodurch dort die Wende erzeugt wurde. Oft waltet der Zufall , der Konflikt wird innerlich nicht ausgetragen, der Leser bleibt passiv. Hier aber wird das Modell einer
3.5. Konfliktlösungvorgeführt. In welchen Phasen vollzieht sie sich?

• Selbstanalyse, Rückgewinnung des Selbstwertgefühls
• Analyse des Gegners: er wird in seiner 'Beschränktheit" sichtbar und zeigt seine Angriffsfläche

• Finden einer Strategie
• Schritte der Annäherung: der zunächst Passive übernimmt die Rolle des Aktiven

• Aussprache
3.6. Neuer dauerhafter Zustand
Wird der alte Zustand wiederhergestellt? Wer hat sich verändert?
• Cäsar und die übrigen Personen haben sich nur angepaßt .
      • Sebastian als einziger hat einen Lernprozeß durchgemacht. Sein Lebensprinzip der Zuwendung zu anderen Menschen ist jetzt bewußter. Herzensgüte und taktisch geschicktes Verhalten schließen sich keineswegs aus.
      • Die Dummen können weder lernen noch sich anpassen. Die Hühner stellen das dar, was Sebastian geworden wäre, wenn er nicht 'Vernunft angenommen" hätte.

      4. Die Erzählform
Wegen ihres bedeutsamen Stellenwertes innerhalb des Genres läßt sich diese Erzählung als Ausgangspunkt einer Unterrichtseinheit 'Kalendergeschichte" benutzen: In der Weltsicht und im Erzählstil ist diese Geschichte der Tradition verpflichtet, in der Wahl des Weltausschnittes 'modern", d. h. dem Schüler unmittelbar zugänglich.
      4.1. Motiviert durch das Erfolgserlebnis einer gelungenen Texterschließung, ließe sich eine lebendige Rezeption der traditionellen Kalendergeschichte, z. B. Johann Peter Hebels, erreichen . Mögliche Leitfragen: Wie erzählte man früher Geschichten über den Umgang mit Fremden und mit sich selbst? Was hat sich bis heute verändert?
4.2. Weiterführend könnte man nun die eigentlich moderne Kalendergeschichte behandeln, die kein letztlich harmonisches Weltverständnis mehr akzeptiert, z. B. Brechts 'Augsburger Kreidekreis" oder Brechts 'Der Mantel des Ketzers"2.
     

 Tags:
Heinz  Küpper      Sebastian  oder  Verführung  durch  Vernunft    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com